Warum die Kirche lügen muss: Lüdemanns Vortrag und die Kirchenkritik
„Warum die Kirche lügen muss” – dieser scharf formulierte Satz ist der Titel eines vielbeachteten Vortrags des Göttinger Neutestamentlers Gerd Lüdemann, gehalten für den Bund für Geistesfreiheit in Bayern. Die These klingt provokant, ist im Kern aber ein bibelkritisches Argument: Die Kirche kenne die Ergebnisse von rund 250 Jahren historischer Bibelkritik sehr genau, halte im öffentlichen Reden aber an Behauptungen fest, die diese Forschung längst widerlegt habe. Lügen meint hier kein einzelnes Fehlverhalten, sondern ein strukturelles Verschweigen der Wahrheit.
Der folgende Beitrag stellt den Gedankengang des Vortrags „Warum die Kirche lügen muss” neutral dar. Er richtet sich nicht gegen einzelne Gläubige oder Geistliche, sondern referiert eine institutionenkritische Argumentation und ordnet sie in die weitere Debatte der Bibelkritik und Religionskritik ein.
Was Lüdemann unter „Lüge” versteht
Bevor die eigentliche Kirchenkritik beginnt, grenzt der Vortrag den Begriff der Lüge ein. Gemeint ist das bewusste Unterdrücken von Wahrheit oder das bewusste Aufstellen von Falschaussagen. Lüdemann räumt ausdrücklich ein, dass solche Vorgänge oft ins Unbewusste verschoben, also verdrängt werden. Er verweist dazu auf ein bekanntes Wort von Friedrich Nietzsche: Das Gedächtnis sage, man habe etwas getan; der Stolz sage, man könne es nicht getan haben – am Ende gebe das Gedächtnis nach.
Diese Vorbemerkung ist wichtig, weil sie den Vorwurf von der moralischen auf die strukturelle Ebene hebt. Es geht nicht um die persönliche Unehrlichkeit einzelner Pfarrer, sondern um eine lange bestehende Praxis, die Züge eines kollektiven Verdrängungsprozesses trägt. Genau diese Unterscheidung macht die Argumentation für die Bibelkritik anschlussfähig: Kritisiert werden Aussagen und Institutionen, nicht Personen.
Erstes Feld: der Umgang der Kirche mit der Heiligen Schrift
Der erste und ausführlichste Teil des Vortrags behandelt, wie die Kirche mit der Bibel umgeht. Der Ausgangspunkt ist eine historische Tatsache: Zwei Milliarden Christinnen und Christen lesen die Bibel überwiegend als vom Heiligen Geist eingegebenes Wort Gottes. Die historisch-kritische Forschung hat jedoch seit rund zweieinhalb Jahrhunderten jeden einzelnen Vers als Menschenwort verständlich gemacht. Vom heiligen Sonderstatus der Schrift, so das Argument, bleibt damit wenig übrig.
Das Beispiel der Lutherbibel von 1984
Als Beleg für den doppelbödigen Umgang wählt Lüdemann das Vorwort der revidierten Lutherbibel von 1984. Dieses Vorwort verbinde Ergebnisse der Bibelwissenschaft mit theologischen Spitzenformulierungen. Einerseits weise die Ausgabe den textkritischen Befund aus – etwa dass die berühmte Perikope von der Ehebrecherin („Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein”) eine spätere Zutat sei und die Auferstehungserzählung dem Markusevangelium erst im zweiten Jahrhundert hinzugefügt wurde. Andererseits halte dieselbe Ausgabe an der Rede vom verlässlichen „Wort Gottes” fest.
Prophezeiungen, die keine sind
Ein zweiter Punkt betrifft die alttestamentlichen Stellen, die traditionell als Voraussagen auf Jesus gelten und in Weihnachts- oder Karfreitagsgottesdiensten verlesen werden. Der oft zitierte Vers Jesaja 7,14 etwa spreche im hebräischen Urtext von einer „jungen Frau”, nicht von einer „Jungfrau”; erst die griechische Übersetzung habe die Deutung ermöglicht, auf die sich die spätere Weihnachtsbotschaft stützt. Für die Bibelkritik ist das ein Musterfall: Ein Übersetzungsdetail wird zur tragenden Säule einer Glaubensaussage, obwohl der historische Befund dagegen spricht.
Der Vorwurf lautet hier nicht, die Kirche wisse davon nichts. Im Gegenteil: Sie kenne diese Befunde, lasse sie aber im Gottesdienst und in der Verkündigung unerwähnt.
Zweites Feld: Theologie als kirchliche Wissenschaft
Der zweite Teil richtet sich auf das Selbstverständnis der akademischen Theologie. Lüdemann, selbst jahrzehntelang Hochschullehrer, beschreibt einen Grundkonflikt: Die historische Methode könne die religiöse Wahrheitsfrage gar nicht beantworten. Sie vergleiche nur verschiedene Wahrheitsansprüche miteinander und sei darin ideologiekritisch. Ihre Voraussetzungen müssten stets revidierbar bleiben und dürften nicht durch kirchliche Macht in Geltung gehalten werden.
Dem stellt er die dogmatische Theologie gegenüber, die den Wahrheitsanspruch der christlichen Rede von Gott bereits voraussetze. Schon der bloße Befund der Bibel – ihre vielen unterschiedlichen Gottesbezeichnungen und Gottesbilder – mache es schwer, überhaupt zu sagen, auf welchen Gott man sich denn wissenschaftlich einigen wolle. Dass Judentum und Christentum dieselbe hebräische Bibel und denselben Gott beanspruchen, dass der Islam denselben Gottesgedanken teilt und doch zu anderen Schlüssen kommt, sei ein starkes Argument gegen einen exklusiven Wahrheitsanspruch.
Lüdemann führt diese Spannung an einer konkreten Position vor. Wenn ein Systematiker wie Ingolf Dalferth den Wahrheitsanspruch der christlichen Gottesrede zur unabdingbaren Voraussetzung aller theologischen Reflexion erkläre, dann setze er genau das voraus, was zu prüfen wäre. Die historische Methode verweigere bewusst eine Antwort auf die religiöse Wahrheitsfrage; sie könne nur verschiedene Wahrheitsansprüche miteinander vergleichen und sei darin ideologiekritisch. Als geschichtswissenschaftliches und philologisches Instrument bleibe sie den Standards der Geisteswissenschaften verpflichtet – ihre Voraussetzungen müssten revidierbar sein und dürften nicht durch kirchlichen Machtwillen in Geltung gehalten werden. Wer beides vermenge, betreibe unter dem Namen Wissenschaft in Wahrheit Verkündigung.
Der Religionsunterricht und die gebundene Wissenschaft
Ein zweiter Punkt betrifft die Institution selbst. Wer in Deutschland Religion an Schulen unterrichten will, braucht die kirchliche Berufung, die Vocatio; der konfessionelle Religionsunterricht ist im Grundgesetz verankert und soll nach den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft erteilt werden. Lüdemann hält diesen Befund für doppeldeutig: In der Praxis unterrichteten die wenigsten Lehrkräfte streng nach den Bekenntnisschriften, blieben aber formal an sie gebunden. Auch hier klaffe zwischen dem offiziellen Anspruch und der gelebten Wirklichkeit eine Lücke, die niemand offen ausspreche.
Was Pfarrer wirklich glauben
An dieser Stelle stützt sich der Vortrag auf eine empirische Untersuchung. Der praktische Theologe Klaus-Peter Jörns befragte Mitte der 1990er Jahre Gemeindepfarrer nach ihren tatsächlichen Überzeugungen. Die Ergebnisse zeigen eine erhebliche Distanz zwischen offiziellem Bekenntnis und persönlichem Glauben – und sie sind der stärkste Datenbeleg des Vortrags.
Lüdemann hält diese innere Abwendung vom Bekenntnis für natürlich. Kritisch sei allein, dass dieselben Pfarrer öffentlich weiter für eine Lehre einstünden, die sie privat nicht mehr teilten – und dass auch der schulische Religionsunterricht an die kirchliche Berufung (Vocatio) gebunden bleibe, obwohl kaum jemand nach den Bekenntnisschriften unterrichte.
Drittes Feld: die Kirche in der Öffentlichkeit
Der dritte Teil betrachtet, wie die Kirche sich in der Gesellschaft darstellt. Politiker und Kirchenvertreter beschreiben die Kirchen gern als unverzichtbare Vermittler gemeinsamer Werte. Dem hält der Vortrag entgegen: Die heilige Schrift und die lutherischen Bekenntnisschriften kennen die modernen Werte von Toleranz und gleichem Recht für alle gerade nicht. Ein humaner Beitrag der Kirche sei deshalb nur möglich, wenn sie auf weite Teile der biblischen Inhalte verzichte.
Genau das geschehe auch – aber wiederum auf doppelbödige Weise. Die dunklen, drohenden Seiten der biblischen Botschaft würden stillschweigend ausgelassen, die Bibel so dargestellt, als bestehe sie aus lauter Liebesgeschichten.
Das Beispiel Judentum
Als Musterfall führt der Vortrag den kirchlichen Umgang mit dem Verhältnis zum Judentum an. Angesichts antisemitischer Erscheinungen habe die Kirche zu Recht zur Solidarität mit den jüdischen Gemeinden aufgerufen und sich von der Judenmission distanziert – so etwa die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen 1999. Zugleich aber werde behauptet, das Neue Testament und besonders der Apostel Paulus hätten dem nicht-christusgläubigen Israel nie die Erwählung abgesprochen. Damit, so Lüdemann, verharmlose die Kirche die Rolle, die neutestamentliche Texte historisch in der Entstehung des Antisemitismus gespielt haben. Die Botschaft der Versöhnung sei gut – nur lasse sie sich nicht aus dem Neuen Testament selbst gewinnen, sondern nur, indem die Kirche ihre eigene Geschichte beschönige.
Die Bilanz des Vortrags
Am Ende zieht Lüdemann eine ernüchternde Bilanz. Die Institution Kirche erscheint ihm als unglaubwürdig und in sich zerbrochen. Er nennt sie den zweitgrößten Arbeitgeber Deutschlands und sieht ein Alarmsignal darin, dass ein solcher Apparat wesentlich durch den Staat und die von ihm verliehenen Vorrechte am Leben gehalten werde – nicht durch die Überzeugungskraft seiner Lehre. Zugleich betont er, dass viele gutwillige Menschen in dieser Kirche arbeiten und Gutes tun, viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die kaum eine andere Wahl haben, als weiter für sie tätig zu sein. Seine Hoffnung gilt ihnen: dass sie einen Weg nach vorn finden, auch wenn die äußere Macht der Kirche einmal wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Irgendwann, so der Schlusssatz, schlage jedem das intellektuelle Gewissen – dann sei es Zeit, entschlossen Nein zu sagen, auch wenn es wehtut.
Warum die Kirche lügen muss: die These als Kirchenkritik von innen
Für die Bibelkritik ist die These „Warum die Kirche lügen muss” deshalb bemerkenswert, weil diese Kirchenkritik nicht von außen kommt. Lüdemann war Neutestamentler mit Lehrstuhl; seine Kritik speist sich aus dem Innersten der theologischen Zunft. Genau das macht die Kirchenkritik des Vortrags schwer abweisbar: Es geht nicht um Unkenntnis der Bibel, sondern um den Umgang mit einer Kenntnis, die längst vorliegt.
Wer die Argumentation weiterverfolgen will, findet die verwandten Debatten unter Bibelkritik – etwa zur Zahlensymbolik der Bibel – sowie unter Religionskritik, wo die klassischen Gottesbeweise geprüft werden. Der freidenkerische Hintergrund vieler dieser Einwände wird im Schwerpunkt Freidenker beleuchtet.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Gerd Lüdemann?
Gerd Lüdemann (1946–2021) war ein deutscher Neutestamentler und lehrte an der Universität Göttingen. Er wurde über die Fachwelt hinaus bekannt, weil er offen mit zentralen Lehren der Kirche brach und sie mit den Mitteln der historisch-kritischen Forschung kritisierte.
Was meint der Titel „Warum die Kirche lügen muss"?
Der Titel bezeichnet keine moralische Beschimpfung, sondern eine strukturelle These: Die Kirche kenne die Ergebnisse der Bibelkritik, halte im öffentlichen Reden aber an widerlegten Behauptungen fest. „Lügen" meint hier das bewusste Verschweigen von Wahrheit.
Richtet sich der Vortrag gegen einzelne Gläubige?
Nein. Der Vortrag betont ausdrücklich, dass er sich gegen die Institution Kirche und ihre leitenden Organe richtet, nicht gegen einzelne Gläubige oder Geistliche, die er zum Teil als Gefangene eines Systems beschreibt.
Was ist die historisch-kritische Methode?
Die historisch-kritische Methode untersucht biblische Texte wie andere historische Quellen: nach Entstehung, Verfasser, Überlieferung und Zeitbezug. Sie versteht jeden Vers als Menschenwort und stellt keine übernatürliche Eingebung voraus.
Warum nennt Lüdemann die Lutherbibel von 1984 als Beispiel?
Weil ihr Vorwort einerseits textkritische Ergebnisse ausweist – etwa spätere Zusätze im Markusevangelium – andererseits aber weiter von der Bibel als verlässlichem „Wort Gottes" spricht. Für Lüdemann ist das ein Musterfall des doppelbödigen Umgangs.
Was hat es mit Jesaja 7,14 auf sich?
Der hebräische Urtext spricht von einer „jungen Frau", die griechische Übersetzung von einer „Jungfrau". Die spätere Deutung als Weissagung auf die Jungfrauengeburt Jesu stützt sich auf diese Übersetzung – ein häufig genanntes Beispiel der Bibelkritik.
Was ergab die Pfarrer-Umfrage von Klaus-Peter Jörns?
Nach der 1996 veröffentlichten Umfrage erkannten nur noch rund zwei Drittel der befragten Gemeindepfarrer Jesus das Gottesprädikat zu, nur ein Drittel hielt die Bibel für „heilig", und nur 13 Prozent glaubten an die Erbsünde. Die Zahlen zeigen eine große Distanz zwischen offiziellem Bekenntnis und persönlicher Überzeugung.
Wieso ist die Kritik von innen besonders gewichtig?
Weil Lüdemann kein Außenstehender war, sondern selbst Neutestamentler mit Lehrstuhl. Seine Kirchenkritik stützt sich auf Fachwissen, nicht auf Unkenntnis – das erschwert den Einwand, hier rede jemand ohne Sachkenntnis.
Welche Rolle spielt Nietzsche in der Argumentation?
Lüdemann zitiert Nietzsches Beschreibung der Verdrängung, um zu erklären, wie ein Verschweigen der Wahrheit ins Unbewusste rutschen kann. Der Stolz überschreibt das Gedächtnis – so werde aus bewusstem Verschweigen unbemerkte Praxis.
Was kritisiert der Vortrag am öffentlichen Auftreten der Kirche?
Die Kirche stelle sich als Vermittlerin humaner Werte dar, obwohl Bibel und Bekenntnisschriften diese Werte so nicht kennen. Ein humaner Beitrag sei deshalb nur möglich, indem sie unbequeme biblische Inhalte stillschweigend auslässt.
Behauptet der Vortrag, dass es Gott nicht gibt?
Nein. Der Vortrag ist Kirchen- und Bibelkritik, keine Gottesbeweis-Debatte. Er zielt auf den Umgang der Institution mit gesichertem Wissen. Die Frage nach den Gottesbeweisen behandelt die Religionskritik gesondert.
Ist Bibelkritik mit dem Glauben vereinbar?
Viele Theologinnen und Theologen wenden die historisch-kritische Methode an und bleiben gläubig. Lüdemanns Vorwurf betrifft nicht die Methode, sondern den kirchlichen Umgang mit ihren Ergebnissen in der Verkündigung.
Wo wurde der Vortrag gehalten?
Der Vortrag wurde vom Bund für Geistesfreiheit in Bayern veranstaltet, einer weltanschaulichen Gemeinschaft in der Tradition des Freidenkertums.
Wie endet der Vortrag?
Mit einer nüchternen Bilanz und einer Hoffnung: Die Institution sei unglaubwürdig geworden, doch den vielen gutwilligen Menschen in ihr wünscht Lüdemann einen Weg nach vorn – und den Mut, dem intellektuellen Gewissen zu folgen.
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