Kanon der Bibel: wie die Bibel entstand
Der Kanon der Bibel – die verbindliche Liste ihrer Bücher – wirkt heute wie eine feste Größe. Die Bibelkritik zeigt jedoch, dass er das Ergebnis eines langen Auswahlprozesses ist. Wer verstehen will, wie die Bibel entstand, muss die Kanonisierung als Geschichte lesen: als Reihe von Entscheidungen, in denen einige Schriften aufgenommen und andere verworfen wurden.
Was „Kanon” bedeutet
Das griechische Wort kanon heißt wörtlich Stab oder Maßstab, im übertragenen Sinn Regel und Richtschnur. Erst im 4. Jahrhundert begann man, mit „Kanon” die Liste der biblischen Bücher zu bezeichnen – jener Schriften, die dem Gläubigen als Maßstab für Leben und Glauben dienen sollten. Der Begriff selbst verrät damit schon die Absicht: Es geht um Normierung, um die Festlegung dessen, was gelten soll.
Der Kanon des Alten Testaments
Der geschichtliche Prozess der Kanonisierung des Alten Testaments lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Sicher ist, dass der Pentateuch – die fünf Bücher Mose, die Thora – schon früh als autoritatives Wort Gottes galt. Die Propheten und die übrigen Schriften kamen in mehreren Schichten hinzu. Der Kanon war also kein einmaliger Akt, sondern wuchs über Jahrhunderte.
Vom Neuen Testament zur Vulgata
Auch das Neue Testament fand seine feste Gestalt erst allmählich. Eine der ersten lateinischen Zusammenstellungen christlicher Überlieferungen war die „Itala”, die jedoch wenig Anerkennung fand. Um 395 n. Chr. ersetzte die „Vulgata” des Hieronymus diese ältere Übersetzung und wurde für über ein Jahrtausend zur maßgeblichen Bibel der westlichen Kirche.
Entscheidend ist: Der Kanon ist keine Sammlung von Schriften, denen erst nachträglich Heiligkeit verliehen wurde. Er ist die Auswahl aus einem größeren Bestand von Texten, die bereits im Umlauf waren. Andere Schriften – etwa apokryphe Evangelien und Apokalypsen – wurden ausgeschlossen. Diese Grenzziehung war von theologischen und kirchenpolitischen Interessen geprägt.
Marcion, die Septuaginta und die Konzilien
Einen entscheidenden Anstoß zur Abgrenzung gab im 2. Jahrhundert Marcion von Sinope. Er verwarf das gesamte Alte Testament und ließ vom Neuen nur ein bereinigtes Lukasevangelium und einige Paulusbriefe gelten. Seine radikal verengte Auswahl zwang die entstehende Großkirche, ihrerseits festzulegen, welche Schriften verbindlich sein sollten – der Streit um den Kanon war damit offen ausgetragen.
Für das Alte Testament spielte die Septuaginta eine Schlüsselrolle, die griechische Übersetzung der hebräischen Schriften. Sie enthielt einige Bücher, die im hebräischen Kanon fehlten. Bis heute wirkt dieser Unterschied nach: Die katholische Kirche zählt diese sogenannten deuterokanonischen Schriften zur Bibel, während die reformatorischen Kirchen sie als Apokryphen einordnen und aussondern.
Auch im Neuen Testament blieb die Grenze lange unscharf. Eine frühe Liste, die genau die 27 heute bekannten Bücher nennt, findet sich im 4. Jahrhundert bei Athanasius von Alexandria; nordafrikanische Synoden bestätigten diesen Bestand kurz darauf. Zugleich blieben einzelne Schriften umstritten – die sogenannten Antilegomenen, die „Widersprochenen”, darunter der Hebräerbrief, der Jakobusbrief und die Offenbarung des Johannes, wurden erst nach längerem Zögern allgemein anerkannt. Der scheinbar feste Kanon trägt also die Spuren jahrhundertelanger Aushandlung.
Nach welchen Kriterien ausgewählt wurde
Die Aufnahme einer Schrift in den Kanon folgte keiner einzelnen Regel, sondern einem Bündel von Gesichtspunkten, die sich im Streit herausbildeten. Als wichtigstes galt die Apostolizität: Eine Schrift sollte auf einen Apostel oder dessen unmittelbaren Umkreis zurückgehen, also aus der ersten Generation der Überlieferung stammen. Hinzu kam die Rechtgläubigkeit – der Inhalt musste mit der bereits anerkannten Lehre übereinstimmen; Texte, die abweichende Vorstellungen vertraten, hatten kaum Aussicht auf Anerkennung. Ein drittes Kriterium war die Katholizität, die allgemeine Geltung: Gefragt war, ob eine Schrift in der Kirche als Ganzer und nicht nur in einer einzelnen Gemeinde in Gebrauch stand. Und schließlich zählte der tatsächliche Gebrauch im Gottesdienst, die eingespielte Praxis der öffentlichen Lesung.
Diese Maßstäbe waren keine mechanischen Prüfsteine. Sie stützten und begrenzten einander, ließen Spielraum für Auslegung und wurden in konkreten Auseinandersetzungen angewandt. Dass etwa die Offenbarung des Johannes und der Hebräerbrief lange umstritten blieben, zeigt, wie unterschiedlich sich die Kriterien im Einzelfall gewichten ließen.
Auch die äußere Form der Überlieferung spielte eine Rolle. Die frühe Kirche bevorzugte auffällig den Kodex, das gebundene Buch aus gefalteten Lagen, während die Umwelt weiterhin die Schriftrolle verwendete. Der Kodex konnte viele Schriften zwischen zwei Deckeln vereinen und machte so überhaupt erst anschaulich, was zusammengehörte und was nicht – die physische Sammlung stützte die Vorstellung eines geschlossenen Bestands. Eine der ältesten Bezeugungen einer neutestamentlichen Bücherliste, das nach seinem Entdecker benannte Muratori-Fragment, führt bereits einen Großteil der später anerkannten Schriften auf, lässt andere aus und nennt einzelne, die sich nicht durchsetzten. Es belegt, dass es lange konkurrierende Vorstellungen davon gab, welche Texte gelten sollten.
Warum die Entstehung der Bibel ein Argument ist
Für die Bibelkritik folgt daraus ein einfacher, aber gewichtiger Punkt: Wenn der Kanon der Bibel das Produkt menschlicher Auswahl ist, dann ist die Bibel keine vom Himmel gefallene Einheit, sondern eine Bibliothek mit Redaktionsgeschichte. Die Frage, welche Bücher „dazugehören”, wurde von Menschen entschieden – und hätte anders entschieden werden können. Das schwächt den Anspruch, die Bibel sei als geschlossenes Ganzes unmittelbar von Gott gegeben.
Wie sehr die einzelnen Texte literarischen Konventionen folgen, zeigt sich auch an der Zahlensymbolik der Bibel. Beide Beobachtungen führen zum selben Schluss: Die Bibel ist als historisch gewachsenes Werk zu verstehen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Kanon der Bibel?
Der Kanon der Bibel ist die verbindliche Liste der Bücher, die als heilige Schrift gelten. Der Begriff stammt vom griechischen Wort für Maßstab oder Richtschnur.
Wie ist die Bibel entstanden?
Die Bibel entstand über Jahrhunderte aus vielen einzelnen Schriften. Aus einem größeren Bestand wurde eine Auswahl getroffen; einige Texte wurden aufgenommen, andere ausgeschlossen.
Wann wurde der Kanon festgelegt?
Der Begriff „Kanon" für die Bücherliste kam im 4. Jahrhundert auf. Der Pentateuch galt schon deutlich früher als autoritativ; die endgültige Gestalt bildete sich über einen langen Zeitraum.
Was ist die Vulgata?
Die Vulgata ist die lateinische Bibelübersetzung des Hieronymus von etwa 395 n. Chr. Sie ersetzte die ältere „Itala" und blieb über ein Jahrtausend die maßgebliche Bibel der westlichen Kirche.
Warum wurden manche Schriften ausgeschlossen?
Die Auswahl folgte theologischen und kirchenpolitischen Kriterien. Apokryphe Evangelien und andere Texte passten nicht in das Bild, das sich durchsetzte, und blieben außerhalb des Kanons.
Was sind Apokryphen?
Apokryphen sind Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, aber inhaltlich verwandt sind. Dazu zählen etwa apokryphe Evangelien, die einen anderen Blick auf frühe Überlieferungen bieten.
Warum ist die Kanongeschichte ein Argument der Bibelkritik?
Weil sie zeigt, dass die Bibel eine von Menschen getroffene Auswahl ist. Das schwächt den Anspruch, sie sei als geschlossenes Ganzes unmittelbar von Gott gegeben.
Ist der Kanon in allen Kirchen gleich?
Nein. Katholische, orthodoxe und evangelische Kirchen zählen teils unterschiedliche Bücher zum Kanon – ein weiterer Beleg dafür, dass es sich um menschliche Entscheidungen handelt.