Pascals Wette


In Diskussionen mit Christen taucht sie immer wieder mal auf, fast unweigerlich - die Pascalsche Wette. Diese Wette geht in etwa so:

"Wenn Du an Gott glaubst, aber Gott existiert nicht, so verlierst Du nichts - aber wenn Du nicht an Gott glaubst, und Gott existiert, so wirst Du in die Hölle geworfen. Deswegen ist es dumm, nicht an Gott zu glauben"

Im Original sieht die Wette so aus, dass die "geringen, aber endlichen" Mühen den "gewaltigen, weil ewigen" Gewinnen entgegengestellt werden. Diese Diskrepanz scheint diese Wette so attraktiv zu machen.

Im Grundmuster benützt diese Wette einen alten Trick, nämlich die Verkürzung auf zwei Alternativen, zwischen denen gewählt werden soll, wobei die Bedingungen so formuliert werden, dass eine Alternative als besonders attraktiv erscheint.

In dieser Wette verbergen sich eine ganze Reihe von Trugschlüssen und Täuschungen. Nicht alle sind offensichtlich, und obwohl Pascals Wette schon lange als "erledigt" gilt, taucht diese Wette mit großer Hartnäckigkeit immer wieder auf. 

Fangen wir an: "Wenn Du an Gott glaubst, aber Gott existiert nicht, so verlierst Du nichts". Da haben wir schon den ersten Irrtum. Denn je nachdem wie viel Anbetung, kultische Verrichtungen und die strikte Befolgung einer obskuren Moral von mir verlangt wird, verliere ich eine ganze Menge, vor allem Zeit. Da ich nur dieses eine Leben auf der Erde habe, ist der Verlust an Zeit besonders schmerzlich. Außerdem: "Religiöse Konformität, ein Werkzeug der Tyrannen, ist eine Bedrohung der Freiheit" (Dan Barker, in "Losing Faith In Faith").

Wenn es einen Gott gibt, wen von den ca 200000 Menschen, die täglich sterben, wird er belohnen? Jene zum Gottesdienst dressierten Menschen, jene, die den Dressurakt vollbracht haben, oder jene, die ehrlich bekennen: "Mir ist der Herr nicht erschienen"!? Oder am Ende doch niemand?. Oder alle? Wir sind doch alle eingebettet in jene größere Einheit, die uns in einem langen Evolutionsprozess hervorgebracht hat, die Natur. Und mit dem Tod werden wir wieder eins mit der Natur, wie ein Tropfen eines Wasserfalls verschwinden wir in jenem unendlichen Fluss.

Es gibt nicht nur zwei Alternativen. Mit der oben aufgestellten Behauptung unterschlage eine ganze Reihe von Alternativen.  Dies ist der Alles-Oder-Nichts-Trick.

Was die Wette angeht, so zähle ich einfach mal ein paar Bedingungen auf, unter denen die Wette zu meinen Ungunsten ausgeht, obwohl ich an Gott glaube und Gott existiert (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil, es gibt so viele Alternativen, dass eine komplette Aufzählung jeden Rahmen sprengen würde):

  • Gott existiert, aber es gibt kein Leben nach dem Tode.

  • Gott denkt über Bestrafung anders und bestraft die Menschen, die nur um eines Vorteils willen an ihn glauben.

  • Gott ist es völlig gleichgültig, ob ich an ihn glaube oder nicht, sondern er bemisst mich nur an meinen Taten, nicht nach meinem Glauben.

  • Gott existiert, aber der Islam hat recht. Da ich an die falsche Religion glaube, lande ich in der Hölle.

  • Gott bestraft die Menschen, die an ihn glauben, weil sie nicht genug Gebrauch von ihrer Vernunft machen.

  • Gott bestraft die Menschen, deren Hybris sie dazu veranlasst, in SEINEM Namen zu handeln vorzugeben.

  • Gott interessiert es nicht, was die Menschen tun oder lassen oder glauben.

  • Es gibt keine Hölle, und alle Menschen bekommen das ewige Leben.

  • Es gibt eine Hölle, und alle Menschen kommen dort hinein.

  • Ich beleidige Gott, in dem ich an ihn glaube. Denn durch den Glauben gestalte ich ihn nach meinem Bild.

  • Gott interessiert sich nicht für das Universum, sondern hat es Satan überlassen. Der aber mag es überhaupt nicht, wenn man an Gott glaubt ...

  • Der Glaube an Gott reicht nicht aus, um die Unsterblichkeit zu gewinnen, ich muss noch andere Bedingungen erfüllen, die ich aber leider nicht kenne.

  • Gott würfelt aus, wer in die Hölle kommt und wer nicht.

  • ... usw. usf.

Um die Wette akzeptabel zu finden, muss ich bereits an einen ganz bestimmten, genau festgelegten Gott mit spezifischen Eigenschaften glauben. Weicht auch nur eine der für Gott angenommen Eigenschaften vom tatsächlichen Gott ab (wenn er denn überhaupt existiert), dann verliere ich die Wette, obwohl ich glaube, sie zu gewinnen. Nur wenn der Glaube richtig ist, dann macht diese Wette überhaupt einen Sinn. Sonst wette ich beim Pferderennen, dass Michael Schumacher auf Ferrari gewinnt.

Nun soll die Wette aber beweisen (bzw. plausibel machen), dass es sinnvoll ist, an Gott zu glauben. Dieser Beweis funktioniert nur, wenn die Voraussetzung stimmt, dass ein ganz bestimmter Gott existiert, dessen Existenz durch die Wette bewiesen werden soll etc. pp. - wir drehen uns ewig im Kreis. Es handelt sich also um eine typische Denkfalle - wer aber einmal darin steckt, der hat Schwierigkeiten, diesen Umstand zu begreifen. Das ist das tückische an diesen Fallen.

Die Wette enthält übrigens auch keinen Hinweis, an welchem Gott man glauben soll - da wären ein paar Tausend zur Auswahl.

Übrigens kann man die Wette auch "invertieren". Sie sieht dann so aus:

Wenn man an einen Gott glaubt, der gut ist, dann wirft er keine Menschen in die Hölle, nur weil sie nicht an ihn glauben. Wenn man aber glaubt, so glaubt man möglicherweise auch an einen Betrug. Und wenn man andere dazu verleitet an einen Betrug zu glauben, dann hat man sie betrogen, damit gegen eine Moral verstoßen, die die die Lüge unter Strafe stellt.

Indem wir die Wahrheitsliebe höher bewerten als den blinden Glauben an das, was uns erzählt wird, aber nicht überprüfbar ist, kommen wir zu diesem Ergebnis. Die Wahrheitsliebe ist im Übrigen auch die notwendige Basis für jedes Vertrauensverhältnis. Wenn wir also die vertrauensvolle Gemeinschaft mit einem höheren Wesen wollen, das angeblich existiert, das wir aber nicht erkennen können, dann sollten wir dies auch in dieser Weise bekennen.

Man kann die Bedingungen der Wette stets so formulieren, dass sie die gerade gehegte Auffassung verstärkt. Zu mehr taugt diese Wette nicht. Man kann an ihr auch sehr gut messen, wie tief man bereits in den Denkfallen drin steckt, denn je mehr man dieser zirkulären Logik verfallen ist, umso schwerer ist es, die Fehler dieser Wette zu sehen ...

Letztlich kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass alle Gott unterstellten Eigenschaften substanzlose Spekulationen sind.

Zum Abschluss dieses Themas noch ein Zitat aus einer Erzählung: "Der Philosoph Ventre antwortete dem Atheisten: "Vielleicht existieren die Götter, und vielleicht auch nicht. Warum also sollte man nicht an sie glauben? Denn wenn es wahr ist, dann gelangst Du an einen lieblichen Ort, wenn Du stirbst, und wenn es nicht wahr ist, dann hast Du nichts verloren, richtig?". Nach seinem Tod wachte er auf, umringt von Göttern mit übel aussehenden Prügeln in der Hand, und einer von ihnen sagte: "Wir werden Dir jetzt zeigen, was wir von Mister Ach-Ich-Bin-So-Clever in dieser Frage halten ..."" (Terry Pratchett, "Hogfather" - Übersetzung von Volker Dittmar).

Eine Diskussion dieser Wette in englischer Sprache finden Sie hier. Eine weitere sehr gute Auseinandersetzung mit der Wette stammt von Jim Huber (dem Autor der Geschichte von Hank). Sehr gut ist auch The Rejection of Pascal"s Wager.
 

Siehe auch "Das furchtbare Vielleicht".

Quelle: http://www.dittmar-online.net/index.html


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