Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen geboren. Vater und Mutter stammen aus
Pfarrhäusern fern, und der Vater selbst war auch wieder Pfarrer. Er war es gern und erfreute
sich bei seiner Gemeinde grober Beliebtheit. Im Alter von sechsunddreißig Jahren starb
er an den Folgen eines Sturzes auf den Hinterkopf, und die dreiundzwanzigjährige Witwe
zog mit dem fünfjährigen Fritz und der um zwei Jahre jüngeren Elisabeth in das
nahe Naumburg, wo sie mit ihrer Schwiegermutter und Schwestern ihres Mannes bescheiden aber ohne Sorgen um ihr Fortkommen lebte.
Die äußerst tatkräftige und mit natürlichem Verstand begabte Frau fühlte,
dass ihr Junge, als er in die Entwicklungsjahre kam, männliche Leitung brauchte. So brachte sie ihn nach
Schulpforta, so schwer ihr die Trennung wurde und obwohl er durch die Umschulung
Zeit verlor, so dass er die Abschlussprüfung erst im Alter von zwanzig Jahren machen konnte, was
seinen Fähigkeiten nicht entsprach.
In Pforta zeichnete sich Nietzsche namentlich in Religion, Deutsch, Lateinisch und Griechisch aus, und
so war es für ihn das nächstliegende, alte Sprachen zu studieren, um Lehrer
zu werden. Kleine Erbschaften erlaubten es ihm, sich sein Studentenleben gemütlich
zu gestalten.
Er arbeitete von Anfang an sehr fleißig und erregte in Leipzig schnell die Aufmerksamkeit des in
seiner Zeit bekanntesten Kenners des griechischen Altertums, der einige
Aufsätze Nietzsches in wissenschaftlichen Zeitschriften drucken ließ, in denen Arbeiten von Studenten sonst nicht
zu finden waren.
Am Schluss seines dritten Studentenjahres diente Nietzsche bei der reitenden
Feldartillerie in Naumburg. Er war begeisterter Soldat und in kurzem der beste Reiter und Kanonier.
Ein Unteroffizier drückte ihm einmal seine Anerkennung dadurch aus,
dass er zu einem Dreijährigen, der die Handhabung des Rohrverschlusses immer noch nicht erfasst hatte,
sagte: „Sogar der Einjährige Nietzsche hat es schon begriffen."
Nach Schluss der Dienstzeit ging Nietzsche wieder nach Leipzig um die Prüfung für das höhere Schulamt und den Doktor
zu machen. dann aber wollte er noch ein Jahr in Paris Philosophie, besonders auch Chemie studieren. Es war ein Winterhalbjahr in dem Nietzsche neben
seiner Arbeit für die Prüfungen sehr viel Musik hörte. Er war außergewöhnlich musikalisch und beschäftigte sich in erster Linie mit Richard Wagner, der um diese
Zeit anfing, sich durchzusetzen.
Ehe Nietzsche aber die Prüfungen abgelegt hatte, wurde er, noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt, zum Professor für alte Sprachen an der Universität Basel ernannt, ein Erfolg, wie
er nur wenigen beschieden war. Trotz aller Freude über diese ganz ungewöhnliche Anerkennung tat es Nietzsche doch leid,
dass auf diese Weise seine Pariser Pläne hinfällig wurden.
Für die Zeit, die Nietzsche in Schweitzer Diensten stand, musste er auch Schweizer Untertan
sein, eine reine Formsache, der niemand Wert beilegte. Als aber ein Jahr nach Antritt der Professur der Krieg zwischen Deutschland und
Frankreich ausbrach, durfte Nietzsche nicht am Kampf teilnehmen, weil die Schweiz neutral war. Nur als Krankenpfleger durfte er mitziehen, und es war einer bei
schmerzlichsten Augenblicke seines Lebens, als er hinten bleiben mute, während vorn die Schlacht tobte und
seine reitende Artillerie an ihm vorüberbrauste dem Feinde zu.
Schon nach wenigen Wochen bekam Nietzsche Typhus und Diphteritis, so
dass er wieder nach Hause mußte, und von jetzt an war er reichlich mit Krankheit gequält. Insbesondere litt er an schweren Migräneanfällen, die mit einem
Augenleiden zusammenhingen, das sich langsam verschlimmerte und die Sehkraft t schließlich fast ganz nahm. So war
Nietzsche genötigt, nach zehnjähriger Lehrtätigteit an der Universität Basel
sein Amt niederzulegen. Von da an lebte er fast nur in Oberitalien und in der Schweiz, nur vorübergehend hielt er sich in Naumburg bei
seiner Mutter auf, weil das nordische Klima seine Kopfschmerzen vermehrte.
Zeitlebens sehnte sich Nietzsche nach einem Freund im höchsten Sinn des
Wortes, nach einem Freund, auf den er sich unbedingt verlassen könnte, mit dem er sich
restlos verstünde, aber sein Wunsch blieb ungestillt. über die üblichen
Freundschaften, wie sie auf der Schule und Universität geschlossen wurden, kam er nicht hinaus.
Einige Jahre glaubte er, in Richard Wagner, an den er sich zu Beginn seiner
Basler Zeit anschloss, den Freund gefunden zu haben, den er suchte. Aber Wagner war dreißig Jahre älter als
Nietzsche, und er benutzte den begabten und musikverständigen jungen Professor in erster Linie dazu, sich selber bekannt
und berühmt zu machen. Er erwiderte die Freundschaft, die Nietzsche ihm entgegenbrachte, nicht in entsprechender Weise,
und so trennte sich Nietzsche von ihm, so wehe es ihm auch tat: sie verstanden sich nicht mehr.
Den Frauen stand Friedrich Nietzsche durchaus kühl gegenüber. Nur ganz
vorübergehend hat er als junger Professor einmal daran gedacht sich zu
verheiraten. man hat auch nicht den Eindruck, dass er Frauenliebe
entbehrt hat, mehr sehnte er sich nach Kindern, als er vierzig wurde.
So lebte Nietzsche
nach Niederlegung seiner Professur zehn Jahre überaus einsam, rastlos
bemüht, seine Gedanken schriftlich niederzulegen, wenn seine Krankheit
ihn nicht daran hinderte. Da brach er in letzten Tagen des Jahres 1888
in Turin zusammen und von diesem Augenblick an ist er für die
Wissenschaft tot. Die letzen Worte, die er aufgezeichnet hat zeigen
schon die geistige Umnachtung, in der er noch zwölf Jahre unter der
Pflege seiner Mutter und Schwester vorwiegend in Naumburg und Weimar
lebte, wo er am 25. August 1900 gestorben ist.
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