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Friedrich Nietzsche
Zur
Genealogie der Moral
Zweite Abhandlung:
»Schuld«, »schlechtes Gewissen« und Verwandtes.
1.
Ein Tier heranzüchten, das versprechen darf - ist das nicht gerade jene
paradoxe Aufgabe selbst, welche sich die Natur in Hinsicht auf den
Menschen gestellt hat? Ist es nicht das eigentliche Problem vom Menschen?
. . . Dass dies Problem bis zu einem hohen Grad gelöst ist, muss Dem
um so erstaunlicher erscheinen, der die entgegen wirkende Kraft, die der
Vergesslichkeit, vollauf zu würdigen weiß. Vergesslichkeit ist keine
bloße vis inertiae (wirkungslose Kraft), wie die Oberflächlichen glauben,
sie ist vielmehr ein aktives, im strengsten Sinne positives
Hemmungsvermögen, dem es zuzuschreiben ist, dass was nur von uns erlebt,
erfahren, in uns hinein genommen wird, uns im Zustande der Verdauung (man
dürfte ihn »Einverseelung« nennen) ebenso wenig ins Bewusstsein tritt, als
der ganze tausendfältige Prozess, mit dem sich unsre leibliche Ernährung,
die so genannte »Einverleibung« abspielt. Die Türen und Fenster des
Bewusstseins zeitweilig schließen; von dem Lärm und Kampf, mit dem unsre
Unterwelt von dienstbaren Organen für und gegen einander arbeitet,
unbehelligt bleiben; ein wenig Stille, ein wenig tabula rasa des
Bewusstseins, damit wieder Platz wird für Neues, vor Allem für die
vornehmeren Funktionen und Funktionäre, für Regieren, Voraussehen,
Vorausbestimmen (denn unser Organismus ist oligarchisch eingerichtet) -
das ist der Nutzen der, wie gesagt, aktiven Vergesslichkeit, einer
Türwärterin gleichsam, einer Aufrechterhalterin der seelischen Ordnung,
der Ruhe, der Etiquette: womit sofort abzusehn ist, inwiefern es kein
Glück, keine Heiterkeit, keine Hoffnung, keinen Stolz, keine Gegenwart
geben könnte ohne Vergesslichkeit. Der Mensch, in dem dieser
Hemmungsapparat beschädigt wird und aussetzt, ist einem Dyspeptiker zu
vergleichen (und nicht nur zu vergleichen-) er wird mit Nichts »fertig«
... Eben dieses notwendig vergessliche Tier, an dem das Vergessen eine
Kraft, eine Form der starken Gesundheit darstellt, hat sich nun ein
Gegenvermögen angezüchtet, ein Gedächtnis, mit Hülfe dessen für gewisse
Fälle die Vergesslichkeit ausgehängt wird, - für die Fälle nämlich, dass
versprochen werden soll: somit keineswegs bloß ein passives
Nicht-wieder-los-werden-können des einmal eingeritzten Eindrucks, nicht
bloß die Indigestion an einem ein Mal verpfändeten Wort, mit dem man nicht
wieder fertig wird, sondern ein aktives Nicht-wieder-los-werden-wo1len ,
ein Fort- und Fortwollen des ein Mal Gewollten, ein eigentliches
Gedächtnis des Willens: so dass zwischen das ursprüngliche »ich will« »ich
werde tun« und die eigentliche Entladung des Willens, seinen Akt,
unbedenklich eine Welt von neuen fremden Dingen, Umständen, selbst
Willensakten dazwischengelegt werden darf, ohne dass diese lange Kette des
Willens springt. Was setzt das aber Alles voraus! Wie muss der Mensch,
um dermaßen über die Zukunft voraus zu verfügen, erst gelernt haben, das
notwendige vom zufälligen Geschehen scheiden, kausal denken, das Ferne wie
gegenwärtig sehn und vorwegnehmen, was Zweck ist, was Mittel dazu ist, mit
Sicherheit ansetzen, überhaupt rechnen, berechnen können - wie muss dazu
der Mensch selbst vorerst berechenbar, regelmäßig, notwendig geworden
sein, auch sich selbst für seine eigne Vorstellung, um endlich dergestalt,
wie es ein Versprechender tut, für sich als Zukunft gut sagen zu können!
2.
Eben das ist die lange Geschichte von der Herkunft der Verantwortlichkeit.
Jene Aufgabe, ein Tier heranzuzüchten, das versprechen darf, schließt, wie
wir bereits begriffen haben, als Bedingung und Vorbereitung die nähere
Aufgabe in sich, den Menschen zuerst bis zu einem gewissen Grade
notwendig, einförmig, gleich unter Gleichen, regelmäßig und folglich
berechenbar zu machen. Die ungeheure Arbeit dessen, was von mir
Sittlichkeit der Sitte« genannt worden ist (vergl. Morgenröte S. 7. 13.
16) - die eigentliche Arbeit des Menschen an sich selber in der
längsten Zeitdauer des Menschengeschlechts, seine ganze vorhistorische
Arbeit hat hierin ihren Sinn, ihre große Rechtfertigung, wie viel ihr auch
von Härte, Tyrannei, Stumpfsinn und Idiotismus innewohnt: der Mensch wurde
mit Hülfe der Sittlichkeit der Sitte und der sozialen Zwangsjacke wirklich
berechenbar gemacht. Stellen wir uns dagegen ans Ende des ungeheuren
Prozesses, dortin, wo der Baum endlich seine Früchte zeitigt, wo die Sozietät und ihre Sittlichkeit der Sitte endlich zu Tage bringt, wozu sie
nur das Mittel war: so finden wir als reifste Frucht an ihrem Baum das
souveräne Individuum, das nur sich selbst gleiche, das von der
Sittlichkeit der Sitte wieder losgekommene, das autonome übersittliche
Individuum (denn »autonom« und »sittlich« schließt sich aus), kurz den
Menschen des eignen unabhängigen langen Willens, der versprechen darf -
und in ihm ein stolzes, in allen Muskeln zuckendes Bewusstsein davon, was
da endlich errungen und in ihm leibhaft geworden ist, ein eigentliches
Macht- und Freiheits-Bewusstsein, ein Vollendungs-Gefühl des Menschen
überhaupt. Dieser Freigewordne, der wirklich versprechen darf , dieser
Herr des freien Willens, dieser Souverän - wie sollte er es nicht wissen,
welche Überlegenheit er damit vor Allem voraus hat, was nicht versprechen
und für sich selbst gut sagen darf, wie viel Vertrauen, wie viel Furcht,
wie viel Ehrfurcht er erweckt er »verdient« alles Dreies - und wie ihm,
mit dieser Herrschaft über sich, auch die Herrschaft über die Umstände,
über die Natur und alle willenskürzeren und unzuverlässigeren Kreaturen
notwendig in die Hand gegeben ist? Der »freie« Mensch, der Inhaber eines
langen unzerbrechlichen Willens, hat in diesem Besitz auch sein Wertmaß:
von sich aus nach den Andern hinblickend, ehrt er oder verachtet er; und
eben so notwendig als er die ihm Gleichen, die Starken und Zuverlässigen
(die welche versprechen dürfen) ehrt, - also Jedermann, der wie ein
Souverän verspricht, schwer, selten, langsam, der mit seinem Vertrauen
geizt, der auszeichnet , wenn er vertraut, der sein Wort gibt als Etwas,
auf das Verlass ist, weil er sich stark genug weiß, es selbst gegen
Unfälle, selbst gegen das Schicksal« aufrecht zu halten -: eben so
notwendig wird er seinen Fußtritt für die schmächtigen Windhunde bereit
halten, welche versprechen, ohne es zu dürfen, und seine Zuchtrute für den
Lügner, der sein Wort bricht, im Augenblick schon, wo er es im Munde hat.
Das stolze Wissen um das außerordentliche Privilegium der
Verantwort1ichkeit, das Bewusstsein dieser seltenen Freiheit, dieser Macht
über sich und das Geschick hat sich bei ihm bis in seine unterste Tiefe
hinabgesenkt und ist zum Instinkt geworden, zum dominierenden Instinkt: -
wie wird er ihn heißen diesen dominierenden Instinkt, gesetzt, dass er ein
Wort dafür bei sich nötig hat? Aber es ist kein Zweifel: dieser souveräne
Mensch heißt ihn sein Gewissen . . .
3.
Sein Gewissen? . . . Es lässt sich voraus erraten, dass der Begriff
»Gewissen«, dem wir hier in seiner höchsten, fast befremdlichen
Ausgestaltung begegnen, bereits eine lange Geschichte und Form-Verwandlung
hinter sich hat. Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also auch zu
sich Jasagen dürfen - das ist, wie gesagt, eine reife Frucht, aber auch
eine späte Frucht: - wie lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume
hängen! Und eine noch viel längere Zeit war von einer solchen Frucht gar
nichts zu sehn, - Niemand hätte sie versprechen dürfen, so gewiss auch
Alles am Baume vorbereitet und gerade auf sie hin im Wachsen war! - »Wie
macht man dem Menschen-Tiere ein Gedächtnis? Wie prägt man diesem teils
stumpfen, teils faseligen Augenblicks-Verstande, dieser leibhaften
Vergesslichkeit Etwas so ein; dass es gegenwärtig bleibt?« . . . Dies
uralte Problem ist, wie man denken kann, nicht gerade mit zarten Antworten
und Mitteln gelöst worden; vielleicht ist sogar nichts furchtbarer und
unheimlicher an der ganzen Vorgeschichte des Menschen, als seine
Mnemotechnik. »Man brennt Etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur
was nicht aufhört weh zu tun, bleibt im Gedächtnis« das ist ein Hauptsatz
aus der allerältesten (leider auch allerlängsten) Psychologie auf Erden.
Man möchte selbst sagen, dass es überall, wo es jetzt noch auf Erden
Feierlichkeit, Ernst, Geheimnis, düstere Farben im Leben von Mensch und
Volk gibt, Etwas von der Schrecklichkeit nachwirkt, mit der ehemals
überall auf Erden versprochen, verpfändet, gelobt worden ist: die
Vergangenheit, die längste tiefste härteste Vergangenheit, haucht uns an
und quillt in uns herauf, wenn wir »ernst« werden. Es ging niemals ohne
Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein
Gedächtnis zu machen; die schauerlichsten Opfer und Pfänder (wohin die
Erstlingsopfer gehören), die widerlichsten Verstümmelungen (zum Beispiel
die Kastrationen), die grausamsten Ritualformen aller religiösen Kulte
(und alle Religionen sind auf dem untersten Grunde Systeme von
Grausamkeiten) - alles Das hat in jenem Instinkte seinen Ursprung, welcher
im Schmerz das mächtigste Hilfsmittel der Mnemonik erriet. In einem
gewissen Sinne gehört die ganze Asketik hierher: ein paar Ideen sollen
unauslöschlich, allgegenwärtig, unvergesslich, »fix« gemacht werden, zum
Zweck der Hypnotisierung des ganzen nervösen und intellektuellen Systems
durch diese »fixen Ideen« - und die asketischen Prozeduren und
Lebensformen sind Mittel dazu, um jene Ideen aus der Konkurrenz mit allen
übrigen Ideen zu lösen, um sie »unvergesslich« zu machen. Je schlechter
die Menschheit »bei Gedächtnis« war, um so furchtbarer ist immer der
Aspekt ihrer Bräuche; die Härte der Strafgesetze gibt in Sonderheit
einen Maßstab dafür ab, wie viel Mühe sie hatte, gegen die Vergesslichkeit
zum Sieg zu kommen und ein paar primitive Erfordernisse des sozialen
Zusammenlebens diesen Augenblicks-Sklaven des Affekts und der Begierde
gegenwärtig zu erhalten. Wir Deutschen betrachten uns gewiss nicht als
ein besonders grausames und hartherziges Volk, noch weniger als besonders
leichtfertig und in-den-Tag-hineinleberisch; aber man sehe nur unsre
alten Strafordnungen an, um dahinter zu kommen, was es auf Erden für Mühe
hat, ein »Volk von Denkern« heranzuzüchten (will sagen: das Volk
Europas, unter dem auch heute noch das Maximum von Zutrauen, Ernst,
Geschmacklosigkeit und Sachlichkeit zu finden ist und das mit diesen
Eigenschaften ein Anrecht darauf hat, alle Art von Mandarinen Europas
heran zu züchten). Diese Deutschen haben sich mit furchtbaren Mitteln ein
Gedächtnis gemacht, um über ihre pöbelhaften Grund-Instinkte und deren
brutale Plumpheit Herr zu werden: man denke an die alten deutschen
Strafen, zum Beispiel an das Steinigen (- schon die Sage lässt den
Mühlstein auf das Haupt des Schuldigen fallen), das Rädern (die eigenste
Erfindung und Spezialität des deutschen Genius im Reich der Strafe!), das
Werfen mit dem Pfahle, das Zerreißen oder Zertretenlassen durch Pferde
(das »Vierteilen«), das Sieden des Verbrechers in Öl oder Wein (noch im
vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert), das beliebte Schinden
(»Riemenschneiden«), das Herausschneiden des Fleisches aus der Brust; auch
wohl dass man den Übeltäter mit Honig bestrich und bei brennender Sonne
den Fliegen überließ. Mit Hülfe solcher Bilder und Vorgänge behält man
endlich fünf, sechs »ich will nicht« im Gedächtnisse, in Bezug auf welche
man sein Versprechen gegeben hat, um unter den Vorteilen der Sozietät zu
leben, und wirklich! mit Hilfe dieser Art von Gedächtnis kam man
endlich »zur Vernunft«! - Ah, die Vernunft, der Ernst, die Herrschaft
über die Affekte, diese ganze düstere Sache, welche Nachdenken heißt,
alle diese Vorrechte und Prunkstücke des Menschen: wie teuer haben sie
sich bezahlt gemacht! wie viel Blut und Grausen ist auf dem Grunde aller
»guten Dinge«! . . .
4.
Aber wie ist denn jene andre »düstre Sache«, das Bewusstsein der Schuld,
das ganze »schlechte Gewissen« auf die Welt gekommen? - Und hiermit kehren
wir zu unsern Genealogen der Moral zurück. Nochmals gesagt- oder habe
ich's noch gar nicht gesagt? - sie taugen nichts. Eine fünf Spannen lange
eigne, bloß »moderne« Erfahrung; kein Wissen, kein Wille zum Wissen des
Vergangnen; noch weniger ein historischer Instinkt, ein hier gerade
nötiges »zweites Gesicht« - und dennoch Geschichte der Moral treiben: das
muss billigerweise mit Ergebnissen enden, die zur Wahrheit in einem nicht
bloß spröden Verhältnisse stehn. Haben sich diese bisherigen Genealogen
der Moral auch nur von Ferne Etwas davon träumen lassen, dass zum Beispiel
jener moralische Hauptbegriff »Schuld« seine Herkunft aus dem sehr
materiellen Begriff »Schulden« genommen hat? Oder dass die Strafe als eine
Verge1tung sich vollkommen abseits von jeder Voraussetzung über Freiheit
oder Unfreiheit des Willens entwickelt hat? - und dies bis zu dem Grade,
dass es vielmehr immer erst einer hohen Stufe der Vermenschlichung bedarf,
damit das Tier »Mensch« anfängt, jene viel primitiveren Unterscheidungen
»absichtlich« »fahrlässig« »zufällig« »zurechnungsfähig«, und deren
Gegensätze zu machen und bei der Zumessung der Strafe in Anschlag zu
bringen. Jener jetzt so wohlfeile und scheinbar so natürliche, so
unvermeidliche Gedanke, der wohl gar zur Erklärung, wie überhaupt das
Gerechtigkeitsgefühl auf Erden zu Stande gekommen ist, hat herhalten
müssen, »der Verbrecher verdient Strafe, wei1 er hätte anders handeln
können« ist tatsächlich eine überaus spät erreichte, ja raffinierte Form
des menschlichen Urteilens und Schließens; wer sie in die Anfänge verlegt,
vergreift sich mit groben Fingern an der Psychologie der älteren
Menschheit. Es ist die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch
durchaus nicht gestraft worden, weil man den Übelanstifter für seine Tat
verantwortlich machte, also nicht unter der Voraussetzung, dass nur der
Schuldige zu strafen sei: - vielmehr, so wie jetzt noch Eltern ihre Kinder
strafen, aus Zorn über einen erlittenen Schaden, der sich am Schädiger
auslässt, dieser Zorn aber in Schranken gehalten und modifiziert durch die
Idee, dass jeder Schaden irgend worin sein Äquiva1ent habe und wirklich
abgezahlt werden könne, sei es selbst durch einen Schmerz des Schädigers.
Woher diese uralte, tiefgewurzelte, vielleicht jetzt nicht mehr
ausrottbare Idee ihre Macht genommen hat, die Idee einer Äquivalenz von
Schaden und Schmerz? Ich habe es bereits verraten: in dem
Vertragsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner, das so alt ist als es
überhaupt »Rechtssubjekte« gibt und seinerseits wieder auf die Grundformen
von Kauf, Verkauf, Tausch, Handel und Wandel zurückweist.
5.
Die Vergegenwärtigung dieser Vertragsverhältnisse weckt allerdings, wie es
nach dem Voraus-Bemerkten von vornherein zu erwarten steht, gegen die
ältere Menschheit, die sie schuf oder gestattete, mancherlei Verdacht und
Widerstand. Hier gerade wird versprochen ; hier gerade handelt es sich
darum, Dem, der verspricht, ein Gedächtnis zu machen ; hier gerade, so
darf man argwöhnen, wird eine Fundstätte für Hartes, Grausames, Peinliches
sein. Der Schuldner, um Vertrauen für sein Versprechen der Zurückbezahlung
einzuflößen, um eine Bürgschaft für den Ernst und die Heiligkeit seines
Versprechens zu geben, um bei sich selbst die Zurückbezahlung als Pflicht,
Verpflichtung seinem Gewissen einzuschärfen, verpfändet Kraft eines
Vertrags dem Gläubiger für den Fall, dass er nicht zahlt, Etwas, das er
sonst noch »besitzt«, über das er sonst noch Gewalt hat, zum Beispiel
seinen Leib oder sein Weib oder seine Freiheit oder auch sein Leben (oder,
unter bestimmten religiösen Voraussetzungen, selbst seine Seligkeit, sein
Seelenheil, zuletzt gar den Frieden im Grabe: so in Ägypten, wo der
Leichnam des Schuldners auch im Grabe vor dem Gläubiger keine Ruhe fand, -
es hatte allerdings gerade bei den Ägyptern auch etwas auf sich mit dieser
Ruhe). Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des Schuldners alle
Arten Schmach und Folter antun, zum Beispiel so viel davon
herunterschneiden als der Größe der Schuld angemessen schien: - und es gab
frühzeitig und überall von diesem Gesichtspunkte aus genaue, zum Teil
entsetzlich ins Kleine und Kleinste gehende Abschätzungen, zu Recht
bestehende Abschätzungen der einzelnen Glieder und Körperstellen. Ich
nehme es bereits als Fortschritt, als Beweis freierer, größer rechnender,
römischerer Rechtsauffassung, wenn die Zwölftafel-Gesetzgebung Rom's
dekretierte, es sei gleichgültig, wie viel oder wie wenig die Gläubiger in
einem solchen Falle herunterschnitten »si plus minusve secuerunt, ne
fraude esto«. Machen wir uns die Logik dieser ganzen Ausgleichungsform
klar: sie ist fremdartig genug. Die Äquivalenz ist damit gegeben, dass
an Stelle eines gegen den Schaden direkt aufkommenden Vorteils (also an
Stelle eines Ausgleichs in Geld, Land, Besitz irgend welcher Art) dem
Gläubiger eine Art Woh1gefüh1 als Rückzahlung und Ausgleich zugestanden
wird, - das Wohlgefühl, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich
auslassen zu dürfen, die Wollust »de faire le mal pour le plaisir de
le faire«, der Genuss in der Vergewaltigung: als welcher Genuss um so
höher geschätzt wird, je tiefer und niedriger der Gläubiger in der Ordnung
der Gesellschaft steht, und leicht ihm als köstlichster Bissen, ja als
Vorgeschmack eines höheren Rangs erscheinen kann. Vermittelst der
»Strafe« am Schuldner nimmt der Gläubiger an einem Herren-Rechte teil:
endlich kommt auch er ein Mal zu dem erhebenden Gefühle, ein Wesen als ein
»Unter-sich« verachten und misshandeln zu dürfen - oder wenigstens, im
Falle die eigentliche Strafgewalt, der Strafvollzug schon an die
»Obrigkeit« übergegangen ist, es verachtet und misshandelt zu sehen. Der
Ausgleich besteht also in einem Anweis und Anrecht auf Grausamkeit.
6.
In dieser Sphäre, im Obligationen-Rechte also, hat die moralische
Begriffswelt »Schuld«, »Gewissen«, »Pflicht«, »Heiligkeit der Pflicht«
ihren Entstehungsherd, - ihr Anfang ist, wie der Anfang alles Grossen auf
Erden, gründlich und lange mit Blut begossen worden. Und dürfte man
nicht hinzufügen, dass jene Welt im Grunde einen gewissen Geruch von Blut
und Folter niemals wieder ganz eingebüßt habe? (selbst. beim alten Kant
nicht: der kategorische Imperativ richt nach Grausamkeit . . .)
Hier ebenfalls ist jene unheimliche und vielleicht unlösbar gewordne
Ideen-Verhäkelung »Schuld und Leid« zuerst eingehäkelt worden. Nochmals
gefragt: in wiefern kann Leiden eine Ausgleichung von »Schulden« sein?
Insofern Leiden-machen im höchsten Grade wohl tat, insofern der
Geschädigte für den Nachteil, hinzugerechnet die Unlust über den Nachteil,
einen außerordentlichen Gegen-Genuss eintauschte: das Leiden- machen , -
ein eigentliches Fest , Etwas, das, wie gesagt, um so höher im Preise
stand, je mehr es dem Range und der gesellschaftlichen Stellung des
Gläubigers widerprach. Dies vermutungsweise gesprochen: denn solchen
unterirdischen Dingen ist schwer auf den Grund zu sehn, abgesehen davon,
dass es peinlich ist; und wer hier den Begriff der »Rache« plump
dazwischen wirft, hat sich den Einblick eher noch verdeckt und verdunkelt,
als leichter gemacht (- Rache selbst führt ja eben auf das gleiche Problem
zurück: »wie kann Leiden-machen eine Genugtuung sein?«). Es widersteht,
wie mir scheint, der Delikatesse, noch mehr der Tartüfferie zahmer
Haustiere (will sagen moderner Menschen, will sagen uns), es sich in aller
Kraft vorstellig zu machen, bis zu welchem Grade die Grausamkeit die große
Festfreude der älteren Menschheit ausmacht, ja als Ingredienz fast jeder
ihrer Freuden zugemischt ist; wie naiv andrerseits, wie unschuldig ihr
Bedürfnis nach Grausamkeit auftritt, wie grundsätzlich gerade die
»uninteressierte Bosheit« (oder, mit Spinoza zu reden, die sympathia
malevolens) von ihr als normale Eigenschaft des Menschen angesetzt wird -:
somit als Etwas, zu dem das Gewissen herzhaft Ja sagt! Für ein
tieferes Auge wäre vielleicht auch jetzt noch genug von dieser ältesten
und gründlichsten Festfreude des Menschen wahrzunehmen; in »Jenseits von
Gut und Böse« S. 117 ff. (früher schon in der »Morgenröte« S.
17.68.102) habe ich mit vorsichtigem Finger auf die immer wachsende
Vergeistigung und »Vergöttlichung« der Grausamkeit hingezeigt, welche sich
durch die ganze Geschichte der höheren Kultur hindurch zieht (und,
in einem bedeutenden Sinne genommen, sie sogar ausmacht). Jedenfalls ist
es noch nicht zu lange her, dass man sich fürstliche Hochzeiten und
Volksfeste größten Stils ohne Hinrichtungen, Folterungen oder etwa ein
Autodafe nicht zu denken wusste, insgleichen keinen vornehmen Haushalt
ohne Wesen, an denen man unbedenklich seine Bosheit und grausame Neckerei
auslassen konnte (- man erinnere sich etwa Don Quixotes am Hofe der
Herzogin: wir lesen heute den ganzen Don Quixote mit einem bittren
Geschmack auf der Zunge, fast mit einer Tortur und würden damit seinem
Urheber und dessen Zeit genossen sehr fremd, sehr dunkel sein, - sie lasen
ihn mit allerbestem Gewissen als das heiterste der Bücher, sie lachten
sich an ihm fast zu Tod). Leiden-sehn tut wohl, Leiden-machen noch wohler
- das ist ein harter Satz, aber ein alter mächtiger
menschlich-allzumenschlicher Hauptsatz, den übrigens vielleicht auch schon
die Affen unterschreiben würden: denn man erzählt, dass sie im Ausdenken
von bizarren Grausamkeiten den Menschen bereits reichlich ankündigen und
gleichsam »vorspielen«. Ohne Grausamkeit kein Fest: so lehrt es die
älteste, längste Geschichte des Menschen - und auch an der Strafe ist so
viel Festliches!
7.
- Mit diesen Gedanken, nebenbei gesagt, bin ich durchaus nicht Willens,
unsren Pessimisten zu neuem Wasser auf ihre misstönigen und knarrenden
Mühlen des Lebensüberdrusses zu verhelfen; im Gegenteil soll ausdrücklich
bezeugt sein, dass damals, als die Menschheit sich ihrer Grausamkeit noch
nicht schämte, das Leben heiterer auf Erden war als jetzt, wo es
Pessimisten gibt. Die Verdüsterung des Himmels über dem Menschen hat
immer im Verhältnis dazu überhand genommen, als die Scham des Menschen vor
dem Menschen gewachsen ist. Der müde pessimistische Blick, das Misstrauen
zum Rätsel des Lebens, das eisige Nein des Ekels am Leben - das sind nicht
die Abzeichen der bösesten Zeitalter des Menschengeschlechts: sie treten
vielmehr erst an das Tageslicht, als die Sumpfpflanzen, die sie sind, wenn
der Sumpf da ist, zu dem sie gehören, - ich meine die krankhafte
Verzärtlichung und Vermoralisierung, vermöge deren das Getier »Mensch«
sich schließlich aller seiner Instinkte schämen lernt. Auf dem Wege
zum »Engel« (um hier nicht ein härteres Wort zu gebrauchen) hat sich der
Mensch jenen verdorbenen Magen und jene belegte Zunge angezüchtet, durch
die ihm nicht nur die Freude und Unschuld des Tiers widerlich, sondern das
Leben selbst unschmackhaft geworden ist: - so dass er mitunter vor sich
selbst mit zugehaltener Nase dasteht und mit Papst Innozenz dem Dritten
missbilligend den Katalog seiner Widerwärtigkeiten macht (»unreine
Erzeugung, ekelhafte Ernährung im Mutterleibe, Schlechtigkeit des Stoffs,
aus dem der Mensch sich entwickelt, scheußlicher Gestank, Absonderung von
Speichel, Urin und Kot«). Jetzt, wo das Leiden immer als erstes unter den
Argumenten gegen das Dasein aufmarschieren muss, als dessen schlimmstes
Fragezeichen, tut man gut, sich der Zeiten zu erinnern, wo man umgekehrt
urteilte, weil man das Leiden-machen nicht entbehren mochte und in ihm
einen Zauber ersten Rangs, einen eigentlichen Verführungs-Köder zum Leben
sah. Vielleicht tat damals - den Zärtlingen zum Trost gesagt der Schmerz
noch nicht so weh wie heute; wenigstens wird ein Arzt so schließen dürfen,
der Neger (diese als Repräsentanten des vorgeschichtlichen Menschen
genommen -) bei schweren inneren Entzündungsfällen behandelt hat, welche
auch den bestorganisierten Europäer fast zur Verzweiflung bringen; - bei
Negern tun sie dies nicht. (Die Kurve der menschlichen Schmerzfähigkeit
scheint in der Tat außerordentlich und fast plötzlich zu sinken, sobald
man erst die oberen Zehn-Tausend oder Zehn-Millionen der Überkultur hinter
sich hat; und ich für meine Person zweifle nicht, dass, gegen Eine
schmerzhafte Nacht eines einzigen hysterischen Bildungs-Weibchens
gehalten, die Leiden aller Tiere insgesamt, welche bis jetzt zum Zweck
wissenschaftlicher Antworten mit dem Messer befragt worden sind, einfach
nicht in Betracht kommen.) Vielleicht ist es sogar erlaubt, die
Möglichkeit zuzulassen, dass auch jene Lust an der Grausamkeit eigentlich
nicht ausgestorben zu sein brauchte: nur bedürfte sie, im Verhältnis dazu,
wie heute der Schmerz mehr weh tut, einer gewissen Sublimierung und
Subtilisierung, sie müsste namentlich ins Imaginative und Seelische
übersetzt auftreten und geschmückt mit lauter so unbedenklichen Namen,
dass von ihnen her auch dem zartesten hypokritischen Gewissen kein
Verdacht kommt (das »tragische Mitleiden« ist ein solcher Name; ein andrer
ist »les nostalgies de la croix«). Was eigentlich gegen das Leiden empört,
ist nicht das Leiden an sich, sondern das Sinnlose des Leidens: aber weder
für den Christen, der in das Leiden eine ganze geheime Heils-Maschinerie
hineininterpretirt hat, noch für den naiven Menschen älterer Zeiten, der
alles Leiden sich in Hinsicht auf Zuschauer oder auf LeidenMacher
auszulegen verstand, gab es überhaupt ein solches sinn1oses Leiden. Damit
das verborgne, unentdeckte, zeugenlose Leiden aus der Welt geschafft und
ehrlich negiert werden konnte, war man damals beinahe dazu genötigt,
Götter zu erfinden und Zwischenwesen aller Höhe und Tiefe, kurz Etwas, das
auch im Verborgnen schweift, das auch im Dunklen sieht und das sich nicht
leicht ein interessantes schmerzhaftes Schauspiel entgehen lässt. Mit
Hülfe solcher Erfindungen nämlich verstand sich damals das Leben auf das
Kunststück, auf das es sich immer verstanden hat, sich selbst zu
rechtfertigen, sein »Übel« zu rechtfertigen; jetzt bedürfte es vielleicht
dazu andrer Hilfs-Erfindungen (zum Beispiel Leben als Rätsel, Leben als
Erkenntnisproblem). »Jedes Übel ist gerechtfertigt, an dessen Anblick
ein Gott sich erbaut«: so klang die vorzeitliche Logik des Gefühls - und
wirklich, war es nur die vorzeitliche? Die Götter als Freunde grausamer
Schauspiele gedacht - oh wie weit ragt diese uralte Vorstellung selbst
noch in unsre europäische Vermenschlichung hinein! man mag hierüber etwa
mit Calvin und Luther zu Rate gehen. Gewiss ist jedenfalls, dass noch
die Griechen ihren Göttern keine angenehmere Zukost zu ihrem Glücke zu
bieten wussten, als die Freuden der Grausamkeit. Mit welchen Augen glaubt
ihr denn, dass Homer seine Götter auf die Schicksale der Menschen
niederblicken ließ? Welchen letzten Sinn hatten im Grunde trojanische
Kriege und ähnliche tragische Furchtbarkeiten? Man kann gar nicht daran
zweifeln: sie waren als Festspie1e für die Götter gemeint: und, insofern
der Dichter darin mehr als die übrigen Menschen »göttlich« geartet ist,
wohl auch als Festspiele für die Dichter . . . Nicht anders dachten sich
später die Moral-Philosophen Griechenlands die Augen Gottes noch auf das
moralische Ringen, auf den Heroismus und die Selbstquälerei des
Tugendhaften herabblicken: der »Herakles der Pflicht« war auf einer Bühne,
er wusste sich auch darauf; die Tugend ohne Zeugen war für dies
Schauspieler-Volk etwas ganz Undenkbares. Sollte nicht jene so
verwegene, so verhängnisvolle Philosophen-Erfindung, welche damals zuerst
für Europa gemacht wurde, die vom »freien Willen«, von der absoluten
Spontaneität des Menschen im Guten und im Bösen, nicht vor Allem gemacht
sein, um sich ein Recht zu der Vorstellung zu schaffen, dass das Interesse
der Götter am Menschen, an der menschlichen Tugend sich nie erschöpfen
könne? Auf dieser Erden-Bühne sollte es niemals an wirklich Neuem, an
wirklich unerhörten Spannungen, Verwicklungen, Katastrophen gebrechen:
eine vollkommen deterministisch gedachte Welt würde für Götter erratbar
und folglich in Kürze auch ermüdend gewesen sein, - Grund genug für diese
Freunde der Götter , die Philosophen, ihren Göttern eine solche
deterministische Welt nicht zuzumuten! Die ganze antike Menschheit ist
voll von zarten Rücksichten auf »den Zuschauer«, als eine wesentlich
öffentliche, wesentlich augenfällige Welt, die sich das Glück nicht ohne
Schauspiele und Feste zu denken wusste. - Und, wie schon gesagt, auch an
der großen Strafe ist so viel Festliches! . . .
8.
Das Gefühl der Schuld, der persönlichen Verpflichtung, um den Gang unsrer
Untersuchung wieder aufzunehmen, hat, wie wir sahen, seinen Ursprung in
dem ältesten und ursprünglichsten Personen-Verhältnis, das es gibt,
gehabt, in dem Verhältnis zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und
Schuldner: hier trat zuerst Person gegen Person, hier maß sich zuerst
Person an Person. Man hat keinen noch so niedren Grad von Zivilisation
aufgefunden, in dem nicht schon Etwas von diesem Verhältnisse bemerkbar
würde. Preise machen, Werte abmessen, Äquivalente ausdenken, tauschen -
das hat in einem solchen Maße das allererste Denken des Menschen
präoccupiert, dass es in einem gewissen Sinne das Denken ist: hier ist die
älteste Art Scharfsinn herangezüchtet worden, hier möchte ebenfalls der
erste Ansatz des menschlichen Stolzes, seines Vorrangs-Gefühls in Hinsicht
auf anderes Getier zu vermuten sein. Vielleicht drückt noch unser Wort
»Mensch« (manas) gerade etwas von diesem Selbstgefühl aus: der Mensch
bezeichnete sich als das Wesen, welches Werte misst, wertet und misst, als
das »abschätzende Tier an sich«. Kauf und Verkauf, samt ihrem
psychologischen Zubehör, sind älter als selbst die Anfänge irgend welcher
gesellschaftlichen Organisationsformen und Verbände: aus der
rudimentärsten Form des Personen-Rechts hat sich vielmehr das keimende
Gefühl von Tausch, Vertrag, Schuld, Recht, Verpflichtung, Ausgleich erst
auf die gröbsten und anfänglichsten Gemeinschafts-Komplexe (in deren
Verhältnis zu ähnlichen Komplexen) übertragen, zugleich mit der
Gewohnheit, Macht an Macht zu vergleichen, zu messen, zu berechnen. Das
Auge war nun einmal für diese Perspektive eingestellt: und mit jener
plumpen Konsequenz, die dem schwerbeweglichen, aber dann unerbittlich in
gleicher Richtung weitergehenden Denken der älteren Menschheit
eigentümlich ist, langte man alsbald bei der großen Verallgemeinerung an
»jedes Ding hat seinen Preis; Alles kann abgezahlt werden« - dem ältesten
und naivsten Moral-Kanon der Gerechtigkeit, dem Anfange aller
»Gutmütigkeit«, aller »Billigkeit«, alles »guten Willens«, aller
»Objektivität« auf Erden. Gerechtigkeit auf dieser ersten Stufe ist der
gute Wille unter ungefähr Gleichmächtigen, sich mit einander abzufinden,
sich durch einen Ausgleich wieder zu »verständigen« - und, in Bezug auf
weniger Mächtige, diese unter sich zu einem Ausgleich zu zwingen.
9.
Immer mit dem Maße der Vorzeit gemessen (welche Vorzeit übrigens zu allen
Zeiten da ist oder wieder möglich ist): so steht auch das Gemeinwesen zu
seinen Gliedern in jenem wichtigen Grundverhältnisse, dem des Gläubigers
zu seinen Schuldnern. Man lebt in einem Gemeinwesen, man genießt die
Vorteile eines Gemeinwesens (oh was für Vorteile! wir unterschätzen es
heute mitunter), man wohnt geschützt, geschont, im Frieden und Vertrauen,
sorglos in Hinsicht auf gewisse Schädigungen und Feindseligkeiten, denen
der Mensch außerhalb , der »Friedlose«, ausgesetzt ist - ein Deutscher
versteht, was »Elend«, elend ursprünglich besagen will -, wie man sich
gerade in Hinsicht auf diese Schädigungen und Feindseligkeiten der
Gemeinde verpfändet und verpflichtet hat. Was wird im andren Fa11
geschehen? Die Gemeinschaft, der getäuschte Gläubiger, wird sich bezahlt
machen, so gut er kann, darauf darf man rechnen. Es handelt sich hier am
wenigsten um den unmittelbaren Schaden, den der Schädiger angestiftet hat:
von ihm noch abgesehen, ist der Verbrecher vor allem ein »Brecher«, ein
Vertrags- und Wortbrüchiger gegen das Ganze , in Bezug auf alle Güter und
Annehmlichkeiten des Gemeinlebens, an denen er bis dahin Anteil gehabt
hat. Der Verbrecher ist ein Schuldner, der die ihm erwiesenen Vorteile und
Vorschüsse nicht nur nicht zurückzahlt, sondern sich sogar an seinem
Gläubiger vergreift: daher geht er von nun an, wie billig, nicht nur aller
dieser Güter und Vorteile verlustig, er wird vielmehr jetzt daran
erinnert, was es mit diesen Gütern auf sich hat. Der Zorn des geschädigten
Gläubigers, des Gemeinwesens gibt ihn dem wilden und vogelfreien Zustande
wieder zurück, vor dem er bisher behütet war: es stößt ihn von sich, - und
nun darf sich jede Art Feindseligkeit an ihm auslassen. Die »Strafe« ist
auf dieser Stufe der Gesittung einfach das Abbild, der Mimus des normalen
Verhaltens gegen den gehassten, wehrlos gemachten, niedergeworfnen Feind,
der nicht nur jedes Rechtes und Schutzes, sondern auch jeder Gnade
verlustig gegangen ist; also das Kriegsrecht und Siegesfest des vae victis
(Wehe den Besiegten)! in aller Schonungslosigkeit und Grausamkeit: -
woraus es sich erklärt, dass der Krieg selbst (eingerechnet der
kriegerische Opferkult) alle die Formen hergegeben hat, unter denen die
Strafe in der Geschichte auftritt.
10.
Mit erstarkender Macht nimmt ein Gemeinwesen die Vergebungen des Einzelnen
nicht mehr so wichtig, weil sie ihm nicht mehr in gleichem Maße wie früher
für das Bestehen des Ganzen als gefährlich und umstürzend gelten dürfen:
der Übeltäter wird nicht mehr »friedlos gelegt« und ausgestoßen, der
allgemeine Zorn darf sich nicht mehr wie früher dermaßen zügellos an ihm
auslassen, - vielmehr wird von nun an der Übeltäter gegen diesen Zorn,
sonderlich den der unmittelbar Geschädigten, vorsichtig von Seiten des
Ganzen verteidigt und in Schutz genommen. Der Kompromiss mit dem Zorn der
zunächst durch die Übeltat Betroffenen; ein Bemühen darum, den Fall zu
lokalisieren und einer weiteren oder gar allgemeinen Beteiligung und
Beunruhigung vorzubeugen; Versuche, Äquivalente zu finden und den ganzen
Handel beizulegen (die compositio); vor allem der immer bestimmter
auftretende Wille, jedes Vergehen als in irgend einem Sinne abzah1bar zu
nehmen, also, wenigstens bis zu einem gewissen Maße, den Verbrecher und
seine Tat von einander zu iso1ieren - das sind die Züge, die der ferneren
Entwicklung des Strafrechts immer deutlicher aufgeprägt sind. Wächst
die Macht und das Selbstbewusstsein eines Gemeinwesens, so mildert sich
immer auch das Strafrecht; jede Schwächung und tiefere Gefährdung von
jenem bringt dessen härtere Formen wieder ans Licht. Der »Gläubiger«
ist immer in dem Grade menschlicher geworden, als er reicher geworden ist;
zuletzt ist es selbst das Maß seines Reichtums, wie viel Beeinträchtigung
er aushalten kann, ohne daran zu leiden. Es wäre ein Machtbewusstsein der
Gesellschaft nicht undenkbar, bei dem sie sich den vornehmsten Luxus
gönnen dürfte, den es für sie gibt, - ihren Schädiger straf1os zu lassen.
»Was gehen mich eigentlich meine Schmarotzer an? dürfte sie dann sprechen.
Mögen sie leben und gedeihen: dazu bin ich noch stark genug!« ... Die
Gerechtigkeit, welche damit anhob »Alles ist abzahlbar, Alles muss
abgezahlt werden«, endet damit, durch die Finger zu sehn und den
Zahlungsunfähigen laufen zu lassen, - sie endet wie jedes gute Ding auf
Erden, sich selbst aufhebend. Diese Selbstaufhebung der Gerechtigkeit: man
weiß, mit welch schönem Namen sie sich nennt - Gnade ; sie bleibt, wie
sich von selbst versteht, das Vorrecht des Mächtigsten, besser noch, sein
jenseits des Rechts.
11.
- Hier ein ablehnendes Wort gegen neuerdings hervorgetretene Versuche, den
Ursprung der Gerechtigkeit auf einem ganz andren Boden zu suchen, -
nämlich auf dem des Ressentiment. Den Psychologen voran in's Ohr gesagt,
gesetzt dass sie Lust haben sollten, das Ressentiment selbst einmal aus
der Nähe zu studieren: diese Pflanze blüht jetzt am schönsten unter
Anarchisten und Antisemiten, übrigens so wie sie immer geblüht hat, im
Verborgnen, dem Veilchen gleich, wenn schon mit andrem Duft. Und wie
aus Gleichem notwendig immer Gleiches hervor gehen muss, so wird es nicht
überraschen, gerade wieder aus solchen Kreisen Versuche hervorgehen zu
sehn, wie sie schon öfter da gewesen sind - vergleiche oben Seite 30 -,
die Rache unter dem Namen der Gerechtigkeit zu heiligen - wie als ob
Gerechtigkeit im Grunde nur eine Fortentwicklung vom Gefühle des
Verletzt-seins wäre - und mit der Rache die reaktiven Affekte überhaupt
und allesamt nachträglich zu Ehren zu bringen. An Letzterem selbst
würde ich am wenigsten Anstoß nehmen: es schiene mir sogar in Hinsicht auf
das ganze biologische Problem (in Bezug auf welches der Wert jener Affekte
bisher unterschätzt worden ist) ein Verdienst. Worauf ich allein
aufmerksam mache, ist der Umstand, dass es der Geist des Ressentiment
selbst ist, aus dem diese neue Nuance von wissenschaftlicher Billigkeit
(zu Gunsten von Hass, Neid, Missgunst, Argwohn, Rancune, Rache)
herauswächst. Diese »wissenschaftliche Billigkeit« nämlich pausiert sofort
und macht Accenten tödlicher Feindschaft und Voreingenommenheit Platz,
sobald es sich um eine andre Gruppe von Affekten handelt, die, wie mich
dünkt, von einem noch viel höheren biologischen Werte sind, als jene
reaktiven, und folglich erst recht verdienten, wissenschaftlich
abgeschätzt und hochgeschätzt zu werden: nämlich die eigentlich aktiven
Affekte, wie Herrschsucht, Habsucht und dergleichen. (E. Dühring, Wert des
Lebens; Kursus der Philosophie; im Grunde überall.) So viel gegen diese
Tendenz im Allgemeinen: was aber gar den einzelnen Satz Dühring's angeht,
dass die Heimat der Gerechtigkeit auf dem Boden des reaktiven Gefühls zu
suchen sei, so muss man ihm, der Wahrheit zu Liebe, mit schroffer
Umkehrung diesen andren Satz entgegenstellen: der letzte Boden, der vom
Geiste der Gerechtigkeit erobert wird, ist der Boden des reaktiven
Gefühls! Wenn es wirklich vorkommt, dass der gerechte Mensch gerecht sogar
gegen seine Schädiger bleibt (und nicht nur kalt, maßvoll, fremd,
gleichgültig: Gerecht-sein ist immer ein positives Verhalten), wenn sich
selbst unter dem Ansturz persönlicher Verletzung, Verhöhnung,
Verdächtigung die hohe, klare, ebenso tief als mild blickende Objektivität
des gerechten, des richtenden Auges nicht trübt, nun, so ist das ein Stück
Vollendung und höchster Meisterschaft auf Erden, - sogar Etwas, das man
hier kluger Weise nicht erwarten, woran man jedenfalls nicht gar zu leicht
glauben soll. Gewiss ist durchschnittlich, dass selbst bei den
rechtschaffensten Personen schon eine kleine Dosis von Angriff, Bosheit,
Insinuation genügt, um ihnen das Blut in die Augen und die Billigkeit aus
den Augen zu jagen. Der aktive, der angreifende, übergreifende Mensch ist
immer noch der Gerechtigkeit hundert Schritte näher gestellt als der
reaktive; es ist eben für ihn durchaus nicht nötig, in der Art; wie es der
reaktive Mensch tut, tun muss, sein Objekt falsch und voreingenommen
abzuschätzen. Tatsächlich hat deshalb zu allen Zeiten der aggressive
Mensch, als der Stärkere, Mutigere, Vornehmere, auch das freiere Auge, das
bessere Gewissen auf seiner Seite gehabt: umgekehrt errät man schon, wer
überhaupt die Erfindung des »schlechten Gewissens« auf dem Gewissen hat, -
der Mensch des Ressentiment! Zuletzt sehe man sich doch in der Geschichte
um: in welcher Sphäre ist denn bisher überhaupt die ganze Handhabung des
Rechts, auch das eigentliche Bedürfnis nach Recht auf Erden heimisch
gewesen? Etwa in der Sphäre der reaktiven Menschen? Ganz und gar nicht:
vielmehr in der der Aktiven, Starken, Spontanen, Aggressiven. Historisch
betrachtet, stellt das Recht auf Erden - zum Verdruss des genannten
Agitator's sei es gesagt (der selber einmal über sich das Bekenntnis
ablegt: »die Rachelehre hat sich als der rote Gerechtigkeitsfaden durch
alle meine Arbeiten und Anstrengungen hindurch gezogen«) den Kampf gerade
wider die reaktiven Gefühle vor, den Krieg mit denselben seitens aktiver
und aggressiver Mächte, welche ihre Stärke zum Teil dazu verwendeten, der
Ausschweifung des reaktiven Pathos Halt und Maß zu gebieten und einen
Vergleich zu erzwingen. Überall, wo Gerechtigkeit geübt, Gerechtigkeit
aufrecht erhalten wird, sieht man eine stärkere Macht in Bezug auf ihr
unterstehende Schwächere (seien es Gruppen, seien es Einzelne) nach
Mitteln suchen, unter diesen dem unsinnigen Wüten des Ressentiment ein
Ende zu machen, indem sie teils das Objekt des Ressentiment aus den Händen
der Rache herauszieht, teils an Stelle der Rache ihrerseits den Kampf
gegen die Feinde des Friedens und der Ordnung setzt, teils Ausgleiche
erfindet, vorschlägt, unter Umständen aufnötigt, teils gewisse Äquivalente
von Schädigungen zur Norm erhebt, an welche von nun an das Ressentiment
ein für alle Mal gewiesen ist. Das Entscheidenste aber, was die oberste
Gewalt gegen die Übermacht der Gegen- und Nachgefühle tut und durchsetzt
sie tut es immer, sobald sie irgendwie stark genug dazu ist ist die
Aufrichtung des Gesetzes , die imperativische Erklärung darüber, was
überhaupt unter ihren Augen als erlaubt, als recht, was als verboten, als
unrecht zu gelten habe: indem sie nach Aufrichtung des Gesetzes Übergriffe
und Willkür-Akte Einzelner oder ganzer Gruppen als Frevel am Gesetz, als
Auflehnung gegen die oberste Gewalt selbst behandelt, lenkt sie das Gefühl
ihrer Untergebenen von dem nächsten durch solche Frevel angerichteten
Schaden ab und erreicht damit auf die Dauer das Umgekehrte von dem, was
alle Rache will, welche den Gesichtspunkt des Geschädigten allein sieht,
allein gelten lässt -: von nun an wird das Auge für eine immer
unpersön1ichere Abschätzung der Tat eingeübt, sogar das Auge des
Geschädigten selbst (obschon dies am allerletzten, wie voran bemerkt
wurde). - Demgemäß gibt es erst von der Aufrichtung des Gesetzes an
»Recht« und »Unrecht« (und nicht , wie Dühring will, von dem Akte der
Verletzung an). Ansich von Recht und Unrecht reden entbehrt alles Sinns,
ansich kann natürlich ein Verletzen, Vergewaltigen, Ausbeuten, Vernichten
nichts »Unrechtes« sein, insofern das Leben essentie1l, nämlich in seinen
Grundfunktionen verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, vernichtend
fungiert und gar nicht gedacht werden kann ohne diesen Charakter. Man muss
sich sogar noch etwas Bedenklicheres eingestehen: dass, vom höchsten
biologischen Standpunkte aus, Rechtszustände immer nur Ausnahme Zustände
sein dürfen, als teilweise Restriktionen des eigentlichen Lebenswillens,
der auf Macht aus ist, und sich dessen Gesamtzwecke als Einzelmittel
unterordnend: nämlich als Mittel, größere Macht-Einheiten zu schaffen.
Eine Rechtsordnung souverän und allgemein gedacht, nicht als Mittel im
Kampf von Macht-Komplexen, sondern als Mittel gegen allen Kampf überhaupt,
etwa gemäß der Kommunisten-Schablone Dühring's, dass jeder Wille jeden
Willen als gleich zu nehmen habe, wäre ein 1ebensfeind1iches Prinzip, eine
Zerstörerin und Auflöserin des Menschen, ein Attentat auf die Zukunft des
Menschen, ein Zeichen von Ermüdung, ein Schleichweg zum Nichts.
12.
Hier noch ein Wort über Ursprung und Zweck der Strafe zwei Probleme,
die auseinander fallen oder fallen sollten: leider wirft man sie
gewöhnlich in Eins. Wie treiben es doch die bisherigen
Moral-Genealogen in diesem Falle? Naiv, wie sie es immer getrieben haben
-: sie machen irgend einen »Zweck« in der Strafe ausfindig, zum Beispiel
Rache oder Abschreckung, setzen dann arglos diesen Zweck an den Anfang,
als causa fiendi der Strafe, und - sind fertig. Der »Zweck im Rechte«
ist aber zu allerletzt für die Entstehungsgeschichte des Rechts zu
verwenden: vielmehr gibt es für alle Art Historie gar keinen wichtigeren
Satz als jenen, der mit solcher Mühe errungen ist, aber auch wirklich
errungen sein so1lte , - dass nämlich die Ursache der Entstehung eines
Dings und dessen schliessliche Nützlichkeit, dessen tatsächliche
Verwendung und Einordnung in ein System von Zwecken toto coelo auseinander
liegen; dass etwas Vorhandenes, irgendwie Zu-Stande-Gekommenes immer
wieder von einer ihm überlegenen Macht auf neue Ansichten ausgelegt, neu
in Beschlag genommen, zu einem neuen Nutzen umgebildet und umgerichtet
wird; dass alles Geschehen in der organischen Welt ein Überwä1tigen ,
Herrwerden und dass wiederum alles Überwältigen und Herrwerden ein
Neu-Interpretieren, ein Zurechtmachen ist, bei dem der bisherige »Sinn«
und »Zweck« notwendig verdunkelt oder ganz ausgelöscht werden muss.
Wenn man die Nütz1ichkeit von irgend welchem physiologischen Organ (oder
auch einer Rechts-Institution, einer gesellschaftlichen Sitte, eines
politischen Brauchs, einer Form in den Künsten oder im religiösen Kultus)
noch so gut begriffen hat, so hat man damit noch nichts in Betreff seiner
Entstehung begriffen: so unbequem und unangenehm dies älteren Ohren
klingen mag, - denn von Alters her hatte man in dem nachweisbaren Zwecke,
in der Nützlichkeit eines Dings, einer Form, einer Einrichtung auch deren
Entstehungsgrund zu begreifen geglaubt, das Auge als gemacht zum Sehen,
die Hand als gemacht zum Greifen. So hat man sich auch die Strafe
vorgestellt als erfunden zum Strafen. Aber alle Zwecke, alle
Nützlichkeiten sind nur Anzeichen davon, dass ein Wille zur Macht über
etwas weniger Mächtiges Herr geworden ist und ihm von sich aus den Sinn
einer Funktion aufgeprägt hat; und die ganze Geschichte eines »Dings«,
eines Organs, eines Brauchs kann dergestalt eine fortgesetzte
Zeichen-Kette von immer neuen Interpretationen und Zurechtmachungen sein,
deren Ursachen selbst unter sich nicht im Zusammenhange zu sein brauchen,
vielmehr unter Umständen sich bloß zufällig hinter einander folgen und
ablösen. »Entwicklung« eines Dings, eines Brauchs, eines Organs ist
demgemäß nichts weniger als sein progressus auf ein Ziel hin, noch weniger
ein logischer und kürzester, mit dem kleinsten Aufwand von Kraft und
Kosten erreichter progressus, - sondern die Aufeinanderfolge von mehr oder
minder tiefgehenden, mehr oder minder von einander unabhängigen, an ihm
sich abspielenden Überwältigungsprozessen, hinzugerechnet die dagegen
jedes Mal aufgewendeten Widerstände, die versuchten Form-Verwandlungen zum
Zweck der Verteidigung und Reaktion, auch die Resultate gelungener
Gegenaktionen. Die Form ist flüssig, der »Sinn« ist es aber noch mehr . .
. Selbst innerhalb jedes einzelnen Organismus steht es nicht anders: mit
jedem wesentlichen Wachstum des Ganzen verschiebt sich auch der »Sinn« der
einzelnen Organe, - unter Umständen kann deren teilweises Zu-Grunde-Gehn,
deren Zahl-Verminderung (zum Beispiel durch Vernichtung der Mittelglieder)
ein Zeichen wachsender Kraft und Vollkommenheit sein. Ich wollte sagen:
auch das teilweise Unnütz1ichwerden , das Verkümmern und Entarten, das
Verlustig-gehn von Sinn und Zweckmäßigkeit, kurz der Tod gehört zu den
Bedingungen des wirklichen progressus: als welcher immer in Gestalt eines
Willens und Wegs zu größerer Macht erscheint und immer auf Unkosten
zahlreicher kleinerer Mächte durchgesetzt wird. Die Größe eines
»Fortschritts« bemisst sich sogar nach der Masse dessen, was ihm Alles
geopfert werden musste; die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer
einzelnen stärkeren Spezies Mensch geopfert - das wäre ein Fortschritt . .
. - Ich hebe diesen Haupt-Gesichtspunkt der historischen Methodik hervor,
um so mehr als er im Grunde dem gerade herrschenden Instinkte und
Zeitgeschmack entgegen geht, welcher lieber sich noch mit der absoluten
Zufälligkeit, ja mechanistischen Unsinnigkeit alles Geschehens vertragen
würde, als mit der Theorie eines in allem Geschehen sich abspielenden
Macht-Wi11ens. Die demokratische Idiosynkrasie gegen Alles, was herrscht
und herrschen will, der moderne Misarchismus (um ein schlechtes Wort für
eine schlechte Sache zu bilden) hat sich allmählich dermaßen ins Geistige,
Geistigste umgesetzt und verkleidet, dass er heute Schritt für Schritt
bereits in die strengsten, anscheinend objektivsten Wissenschaften
eindringt, eindringen darf ; ja er scheint mir schon über die ganze
Physiologie und Lehre vom Leben Herr geworden zu sein, zu ihrem Schaden,
wie sich von selbst versteht, indem er ihr einen Grundbegriff, den der
eigentlichen Aktivität , eskamotiert hat. Man stellt dagegen unter dem
Druck jener Idiosynkrasie die »Anpassung« in den Vordergrund, das heißt
eine Aktivität zweiten Ranges, eine bloße Reaktivität, ja man hat das
Leben selbst als eine immer zweckmäßigere innere Anpassung an äußere
Umstände definiert (Herbert Spencer). Damit ist aber das Wesen des
Lebens verkannt, sein Wi11e zur Macht ; damit ist der prinzipielle Vorrang
übersehn, den die spontanen, angreifenden, übergreifenden, neu-auslegenden,
neu-richtenden und gestaltenden Kräfte haben, auf deren Wirkung erst die
»Anpassung« folgt; damit ist im Organismus selbst die herrschaftliche
Rolle der höchsten Funktionäre abgeleugnet, in denen der Lebenswille aktiv
und formgebend erscheint. Man erinnert sich, was Huxley Spencern
zum Vorwurf gemacht hat, - seinen »administrativen Nihilismus«: aber es
handelt sich noch um mehr als ums »Administrieren« . . .
13.
- Man hat also, um zur Sache, nämlich zur Strafe zurück zukehren,
zweierlei an ihr zu unterscheiden: einmal das relativ Dauerhafte an ihr, -
den Brauch, den Akt, das »Drama«, eine gewisse strenge Abfolge von
Prozeduren, andrerseits das F1üssige an ihr, den Sinn, den Zweck, die
Erwartung, welche sich an die Ausführung solcher Prozeduren knüpft.
Hierbei wird ohne Weiteres vorausgesetzt, per analogiam, gemäß dem eben
entwickelten Hauptgesichtspunkte der historischen Methodik, dass die
Prozedur selbst etwas Älteres, Früheres als ihre Benützung zur Strafe sein
wird, dass letztere erst in die (längst vorhandene, aber in einem anderen
Sinne übliche) Prozedur hineinge1egt , hineingedeutet worden ist, kurz,
dass es nicht so steht, wie unsre naiven Moral- und Rechtsgenealogen
bisher annahmen, welche sich allesamt die Prozedur erfunden dachten zum
Zweck der Strafe, so wie man sich ehemals die Hand erfunden dachte zum
Zweck des Greifens. Was nun jenes andre Element an der Strafe betrifft,
das flüssige, ihren »Sinn«, so stellt in einem sehr späten Zustande der
Kultur (zum Beispiel im heutigen Europa) der Begriff »Strafe« in der Tat
gar nicht mehr Einen Sinn vor, sondern eine ganze Synthesis von »Sinnen«:
die bisherige Geschichte der Strafe überhaupt, die Geschichte ihrer
Ausnützung zu den verschiedensten Zwecken, kristallisiert sich zuletzt in
eine Art von Einheit, welche schwer löslich, schwer zu analysieren und,
was man hervorheben muss, ganz und gar undefinierbar ist. (Es ist heute
unmöglich, bestimmt zu sagen, warum eigentlich gestraft wird: alle
Begriffe, in denen sich ein ganzer Prozess semiotisch zusammenfasst,
entziehen sich der Definition; definierbar ist nur Das, was keine
Geschichte hat.) In einem früheren Stadium erscheint dagegen jene
Synthesis von »Sinnen« noch löslicher, auch noch verschiebbarer; man kann
noch wahrnehmen, wie für jeden einzelnen Fall die Elemente der Synthesis
ihre Wertigkeit verändern und sich demgemäß umordnen, so dass bald dies,
bald jenes Element auf Kosten der übrigen hervortritt und dominiert, ja
unter Umständen Ein Element (etwa der Zweck der Abschreckung) den ganzen
Rest von Elementen aufzuheben scheint. Um wenigstens eine Vorstellung
davon zu geben, wie unsicher, wie nachträglich, wie accidentiell »der
Sinn« der Strafe ist und wie ein und dieselbe Prozedur auf
grundverschiedene Absichten hin benützt, gedeutet, zurechtgemacht werden
kann: so stehe hier das Schema, das sich mir selbst auf Grund eines
verhältnismäßig kleinen und zufälligen Materials ergeben hat. Strafe als
Unschädlichmachen; als Verhinderung weiteren Schädigens. Strafe als
Abzahlung des Schadens an den Geschädigten, in irgend einer Form (auch in
der einer Affekt- Kompensation). Strafe als Isolierung einer
Gleichgewichts-Störung, um ein Weitergreifen der Störung zu verhüten.
Strafe als Furchteinflössen vor Denen, welche die Strafe bestimmen und
exekutieren. Strafe als eine Art Ausgleich für die Vorteile, welche der
Verbrecher bis dahin genossen hat (zum Beispiel wenn er als
Bergwerkssklave nutzbar gemacht wird). Strafe als Ausscheidung eines
entartenden Elementes (unter Umständen eines ganzen Zweigs, wie nach
chinesischem Rechte: somit als Mittel zur Reinerhaltung der Rasse oder zur
Festhaltung eines sozialen Typus). Strafe als Fest, nämlich als
Vergewaltigung und Verhöhnung eines endlich niedergeworfnen Feindes.
Strafe als ein Gedächtnismachen, sei es für Den, der die Strafe erleidet -
die so genannte »Besserung«, sei es für die Zeugen der Exekution. Strafe
als Zahlung eines Honorars, ausbedungen Seitens der Macht, welche den
Übeltäter vor den Ausschweifungen der Rache schützt. Strafe als Kompromiss
mit dem Naturzustand der Rache, sofern letzterer durch mächtige
Geschlechter noch aufrecht erhalten und als Privilegium in Anspruch
genommen wird. Strafe als Kriegserklärung und Kriegsmaßregel gegen einen
Feind des Friedens, des Gesetzes, der Ordnung, der Obrigkeit, den man als
gefährlich für das Gemeinwesen, als vertragsbrüchig in Hinsicht auf dessen
Voraussetzungen, als einen Empörer, Verräter und Friedensbrecher bekämpft,
mit Mitteln, wie sie eben der Krieg an die Hand gibt.
14.
Diese Liste ist gewiss nicht vollständig; ersichtlich ist die Strafe
mit Nützlichkeiten aller Art überladen. Um so eher darf man von ihr eine
vermeint1iche Nützlichkeit in Abzug bringen, die allerdings im populären
Bewusstsein als ihre wesentlichste gilt, - der Glaube an die Strafe, der
heute aus mehreren Gründen wackelt, findet gerade an ihr immer noch seine
kräftigste Stütze. Die Strafe soll den Wert haben, das Gefüh1 der Schu1d
im Schuldigen aufzuwecken, man sucht in ihr das eigentliche instrumentum
jener seelischen Reaktion, welche »schlechtes Gewissen«, »Gewissensbiss«
genannt wird. Aber damit vergreift man sich selbst für heute noch an der
Wirklichkeit und der Psychologie: und wie viel mehr für die längste
Geschichte des Menschen, seine Vorgeschichte! Der echte Gewissensbiss ist
gerade unter Verbrechern und Sträflingen etwas äußerst Seltenes, die
Gefängnisse, die Zuchthäuser sind nicht die Brutstätten, an denen diese
Spezies von Nagewurm mit Vorliebe gedeiht: - darin kommen alle
gewissenhaften Beobachter überein, die in vielen Fällen ein derartiges
Urteil ungern genug und wider die eigensten Wünsche abgeben. Ins Grosse
gerechnet, härtet und kältet die Strafe ab; sie konzentriert; sie
verschärft das Gefühl der Entfremdung; sie stärkt die Widerstandskraft.
Wenn es vorkommt, dass sie die Energie zerbricht und eine erbärmliche
Prostration und Selbsterniedrigung zu Wege bringt, so ist ein solches
Ergebnis sicherlich noch weniger erquicklich als die durchschnittliche
Wirkung der Strafe: als welche sich durch einen trocknen düsteren Ernst
charakterisiert. Denken wir aber gar an jene Jahrtausende vor der
Geschichte des Menschen, so darf man unbedenklich urteilen, dass gerade
durch die Strafe die Entwicklung des Schuldgefühls am kräftigsten
aufgehalten worden ist, - wenigstens in Hinsicht auf die Opfer, an denen
sich die strafende Gewalt ausließ. Unterschätzen wir nämlich nicht,
inwiefern der Verbrecher gerade durch den Anblick der gerichtlichen und
vollziehenden Prozeduren selbst verhindert wird, seine Tat, die Art seiner
Handlung, ansich als verwerflich zu empfinden: denn er sieht genau die
gleiche Art von Handlungen im Dienst der Gerechtigkeit verübt, und dann
gut geheißen, mit gutem Gewissen verübt: also Spionage, Überlistung,
Bestechung, Fallenstellen, die ganze knifflige und durchtriebene
Polizisten- und Anklägerkunst, sodann das grundsätzliche, selbst nicht
durch den Affekt entschuldigte Berauben, Überwältigen, Beschimpfen,
Gefangennehmen, Foltern, Morden, wie es in den verschiednen Arten der
Strafe sich ausprägt, - Alles somit von seinen Richtern keineswegs ansich
verworfene und verurteilte Handlungen, sondern nur in einer gewissen
Hinsicht und Nutzanwendung. Das »schlechte Gewissen«, diese unheimlichste
und interessanteste Pflanze unsrer irdischen Vegetation, ist nicht auf
diesem Boden gewachsen, - in der Tat drückte sich im Bewusstsein der
Richtenden, der Strafenden selbst die längste Zeit hindurch Nichts davon
aus, dass man mit einem »Schuldigen« zu tun habe. Sondern mit einem
Schaden-Anstifter, mit einem unverantwortlichen Stück Verhängniss. Und Der
selber, über den nachher die Strafe, wiederum wie ein Stück Verhängniss,
herfiel, hatte dabei keine andre »innere Pein«, als wie beim plötzlichen
Eintreten von etwas Unberechnetem, eines schrecklichen Naturereignisses,
eines herabstürzenden, zermalmenden Felsblockes, gegen den es keinen Kampf
mehr gibt.
15.
Dies kam einmal auf eine verfängliche Weise Spinoza zum Bewusstsein (zum
Verdruss seiner Ausleger, welche sich ordentlich darum bemühen , ihn an
dieser Stelle misszuverstehen, zum Beispiel Kuno Fischer), als er eines
Nachmittags, wer weiß, an was für einer Erinnerung sich reibend, der Frage
nachhing, was eigentlich für ihn selbst von dem berühmten morsus
conscientiae übrig geblieben sei, der Gut und Böse unter die menschlichen
Einbildungen verwiesen und mit Ingrimm die Ehre seines »freien« Gottes
gegen jene Lästerer verteidigt hatte, deren Behauptung dahin gierig, Gott
wirke Alles sub ratione boni (»das aber hieße Gott dem Schicksale
unterwerfen und wäre fürwahr die größte aller Ungereimtheiten« -). Die
Welt war für Spinoza wieder in jene Unschuld zurückgetreten, in der sie
vor der Erfindung des schlechten Gewissens dalag: was war damit aus dem
morsus conscientiae geworden? »Der Gegensatz des gaudium, sagte er sich
endlich, - eine Traurigkeit, begleitet von der Vorstellung einer
vergangnen Sache, die gegen alles Erwarten ausgefallen ist.« Eth. III
propos. XVIII schol. I. IL Nicht anders als Spinoza haben die von der
Strafe ereilten Übel-Anstifter Jahrtausende lang in Betreff ihres
»Vergehens« empfunden: »hier ist Etwas unvermutet schief gegangen«, n i c
h t : »das hätte ich nicht tun sollen« -, sie unterwarfen sich der Strafe,
wie man sich einer Krankheit oder einem Unglücke oder dem Tode unterwirft,
mit jenem beherzten Fatalismus ohne Revolte, durch den zum Beispiel heute
noch die Russen in der Handhabung des Lebens gegen uns Westländer im
Vorteil sind. Wenn es damals eine Kritik der Tat gab, so war es die
Klugheit, die an der Tat Kritik übte: ohne Frage müssen wir die
eigentliche Wirkung der Strafe vor Allem in einer Verschärfung der
Klugheit suchen, in einer Verlängerung des Gedächtnisses, in einem Willen,
fürderhin vorsichtiger, misstrauischer, heimlicher zu Werke zu gehen, in
der Einsicht, dass man für Vieles ein-für-alle-Mal zu schwach sei, in
einer Art Verbesserung der Selbstbeurteilung. Das, was durch die Strafe im
Grossen erreicht werden kann, bei Mensch und Tier, ist die Vermehrung der
Furcht, die Verschärfung der Klugheit, die Bemeisterung der Begierden:
damit zähmt die Strafe den Menschen, aber sie macht ihn nicht »besser«,
man dürfte mit mehr Recht noch das Gegenteil behaupten. (»Schaden macht
klug«, sagt das sagt das Volk: soweit er klug macht, macht er auch
schlecht. Glücklicherweise macht er oft genug dumm.)
16.
An dieser Stelle ist es nun nicht mehr zu umgehen, meiner eignen Hypothese
über den Ursprung des »schlechten Gewissens« zu einem ersten vorläufigen
Ausdrucke zu verhelfen: sie ist nicht leicht zu Gehör zu bringen und will
lange bedacht, bewacht und beschlafen sein. Ich nehme das schlechte
Gewissen als die tiefe Erkrankung, welcher der Mensch unter dem Druck
jener gründlichsten aller Veränderungen verfallen musste, die er überhaupt
erlebt hat, jener Veränderung, als er sich endgültig in den Bann der
Gesellschaft und des Friedens eingeschlossen fand. Nicht anders als es den
Wassertieren ergangen sein muss, als sie gezwungen wurden, entweder
Landtiere zu werden oder zu Grunde zu gehen, so ging es diesen der
Wildnis, dem Kriege, dem Herumschweifen, dem Abenteuer glücklich
angepassten Halbtieren, - mit Einem Male waren alle ihre Instinkte
entwertet und »ausgehängt«. Sie sollten nunmehr auf den Füssen gehn und
»sich selber tragen«, wo sie bisher vom Wasser getragen wurden: eine
entsetzliche Schwere lag auf ihnen. Zu den einfachsten Verrichtungen
fühlten sie sich ungelenk, sie hatten für diese neue unbekannte Welt ihre
alten Führer nicht mehr, die regulierenden unbewusst-sicherführenden
Triebe, - sie waren auf Denken, Schließen, Berechnen, Kombinieren von
Ursachen und Wirkungen reduziert, diese Unglücklichen, auf ihr
»Bewusstsein«, auf ihr ärmlichstes und fehlgreifendstes Organ! Ich glaube,
dass niemals auf Erden ein solches Elends-Gefühl, ein solches bleiernes
Missbehagen dagewesen ist, - und dabei hatten jene alten Instinkte nicht
mit Einem Male aufgehört, ihre Forderungen zu stellen! Nur war es schwer
und selten möglich, ihnen zu Willen zu sein: in der Hauptsache mussten sie
sich neue und gleichsam unterirdische Befriedigungen suchen. Alle
Instinkte, welche sich nicht nach Außen entladen, wenden sich nach Innen -
dies ist das, was ich die Verinner1ichung des Menschen nenne: damit wächst
erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele« nennt. Die
ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei Häute eingespannt,
ist in dem Maße aus einander- und aufgegangen, hat Tiefe, Breite, Höhe
bekommen, als die Entladung des Menschen nach Außen gehemmt worden ist.
Jene furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation
gegen die alten Instinkte der Freiheit schützte - die Strafen gehören vor
Allem zu diesen Bollwerken - brachten zu Wege, dass alle jene Instinkte
des wilden freien schweifenden Menschen sich rückwärts, sich gegen den
Menschen selbst wandten. Die Feindschaft, die Grausamkeit, die Lust an der
Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung Alles das gegen die
Inhaber solcher Instinkte sich wendend: das ist der Ursprung des
»schlechten Gewissens«. Der Mensch, der sich, aus Mangel an äußeren
Feinden und Widerständen, eingezwängt in eine drückende Enge und
Regelmäßigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriss, verfolgte, annagte,
aufstörte, misshandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund
stoßende Tier, das man »zähmen« will, dieser Entbehrende und vom Heimweh
der Wüste Verzehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine
Folterstätte, eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste -
dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangne wurde der
Erfinder des »schlechten Gewissens«. Mit ihm aber war die größte und
unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute
nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen , ansich: als die
Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der tierischen Vergangenheit, eines
Sprunges und Sturzes gleichsam in neue Lagen und Daseins-Bedingungen,
einer Kriegserklärung gegen die alten Instinkte, auf denen bis dahin seine
Kraft, Lust und Furchtbarkeit beruhte. Fügen wir sofort hinzu, dass
andrerseits mit der Tatsache einer gegen sich selbst gekehrten, gegen sich
selbst Partei nehmenden Tierseele auf Erden etwas so Neues, Tiefes,
Unerhörtes, Rätselhaftes, Widerspruchsvolles und Zukunftsvolles gegeben
war, dass der Aspekt der Erde sich damit wesentlich veränderte. In der
Tat, es brauchte göttlicher Zuschauer, um das Schauspiel zu würdigen, das
damit anfing und dessen Ende durchaus noch nicht abzusehen ist, - ein
Schauspiel zu fein, zu wundervoll, zu paradox, als dass es sich
sinnlos-unvermerkt auf irgend einem lächerlichen Gestirn abspielen dürfte!
Der Mensch zählt seitdem mit unter den unerwartetsten und aufregendsten
Glückswürfen, die das »große Kind« des Heraklit, heiße es Zeus oder
Zufall, spielt, - er erweckt für sich ein Interesse, eine Spannung, eine
Hoffnung, beinahe eine Gewissheit, als ob mit ihm sich Etwas ankündige,
Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, sondern nur ein Weg, ein
Zwischenfall, eine Brücke, ein großes Versprechen sei . . .
17.
Zur Voraussetzung dieser Hypothese über den Ursprung des schlechten
Gewissens gehört erstens, dass jene Veränderung keine allmähliche, keine
freiwillige war und sich nicht als ein organisches Hineinwachsen in neue
Bedingungen darstellte, sondern als ein Bruch, ein Sprung, ein Zwang, ein
unabweisbares Verhängnis, gegen das es keinen Kampf und nicht einmal ein
Ressentiment gab. Zweitens aber, dass die Einfügung einer bisher
ungehemmten und ungestalteten Bevölkerung in eine feste Form, wie sie mit
einem Gewaltakt ihren Anfang nahm, nur mit lauter Gewaltakten zu Ende
geführt wurde, - dass der älteste »Staat« demgemäß als eine furchtbare
Tyrannei, als eine zerdrückende und rücksichtslose Maschinerie auftrat und
fortarbeitete, bis ein solcher Rohstoff von Volk und Halbtier endlich
nicht nur durchgeknetet und gefügig, sondern auch geformt war. Ich
gebrauchte das Wort »Staat«: es versteht sich von selbst, wer damit
gemeint ist - irgend ein Rudel blonder Raubtiere, eine Eroberer- und
Herren-Rasse, welche, kriegerisch organisiert und mit der Kraft, zu
organisieren, unbedenklich ihre furchtbaren Tatzen auf eine der Zahl nach
vielleicht ungeheuer überlegene, aber noch gestaltlose, noch schweifende
Bevölkerung legt. Dergestalt beginnt ja der »Staat« auf Erden: ich denke,
jene Schwärmerei ist abgetan, welche ihn mit einem »Vertrage« beginnen
ließ. Wer befehlen kann, wer von Natur »Herr« ist, wer gewalttätig in Werk
und Gebärde auftritt - was hat der mit Verträgen zu schaffen! Mit solchen
Wesen rechnet man nicht, sie kommen wie das Schicksal, ohne Grund,
Vernunft, Rücksicht, Vorwand, sie sind da wie der Blitz da ist, zu
furchtbar, zu plötzlich, zu überzeugend, zu »anders«, um selbst auch nur
gehasst zu werden. Ihr Werk ist ein instinktives Formen-schaffen,
Formen-aufdrücken, es sind die unfreiwilligsten, unbewusstesten Künstler,
die es giebt: - in Kürze steht etwas Neues da, wo sie erscheinen, ein
Herrschafts-Gebilde, das lebt, in dem Teile und Funktionen abgegrenzt und
bezüglich gemacht sind, in dem Nichts überhaupt Platz findet, dem nicht
erst ein »Sinn« in Hinsicht auf das Ganze eingelegt ist. Sie wissen nicht,
was Schuld, was Verantwortlichkeit, was Rücksicht ist, diese geborenen
Organisatoren; in ihnen waltet jener furchtbare Künstler-Egoismus, der wie
Erz blickt und sich im »Werke«, wie die Mutter in ihrem Kinde, in alle
Ewigkeit voraus gerechtfertigt weiß. Sie sind es nicht, bei denen das
»schlechte Gewissen« gewachsen ist, das versteht sich von vornherein, -
aber es würde nicht ohne sie gewachsen sein, dieses hässliche Gewächs, es
würde fehlen, wenn nicht unter dem Druck ihrer Hammerschläge, ihrer
Künstler-Gewaltsamkeit ein ungeheures Quantum Freiheit aus der Welt,
mindestens aus der Sichtbarkeit geschafft und gleichsam 1atent gemacht
worden wäre. Dieser gewaltsam latent gemachte Instinkt der Freiheit -
wir begriffen es schon - dieser zurückgedrängte, zurückgetretene, ins
Innere eingekerkerte und zuletzt nur an sich selbst noch sich entladende
und auslassende Instinkt der Freiheit: das, nur das ist in seinem Anbeginn
das schlechte Gewissen.
18.
Man hüte sich, von diesem ganzen Phänomen deshalb schon gering zu denken,
weil es von vornherein hässlich und schmerzhaft ist. Im Grunde ist es ja
dieselbe aktive Kraft, die in jenen Gewalt-Künstlern und Organisatoren
großartiger am Werke ist und Staaten baut, welche hier, innerlich,
kleiner, kleinlicher, in der Richtung nach rückwärts, im »Labyrinth der
Brust«, um mit Goethe zu reden, sich das schlechte Gewissen schafft und
negative Ideale baut, eben jener Instinkt der Freiheit (in meiner Sprache
geredet: der Wille zur Macht): nur dass der Stoff, an dem sich die
formbildende und vergewaltigende Natur dieser Kraft auslässt, hier eben
der Mensch selbst, sein ganzes tierisches altes Selbst ist - und nicht,
wie in jenem größeren und augenfälligeren Phänomen, der andre Mensch, die
andren Menschen. Diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese
Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren
widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine
Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, diese
unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich selbst
willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust am
Leidenmachen, dieses ganze aktive »schlechte Gewissen« hat zuletzt - man
errät es schon - als der eigentliche Mutterschoß idealer und imaginativer
Ereignisse auch eine Fülle von neuer befremdlicher Schönheit und Bejahung
ans Licht gebracht und vielleicht überhaupt erst die Schönheit . . . Was
wäre denn »schön«, wenn nicht erst der Widerspruch sich selbst zum
Bewusstsein gekommen wäre, wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst
gesagt hätte: »ich bin hässlich«? ... Zum Mindesten wird nach diesem Winke
das Rätsel weniger rätselhaft sein, in wiefern in widersprüchlichen
Begriffen, wie Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung, Selbstopferung ein
Ideal, eine Schönheit angedeutet sein kann; und Eins weiß man hinfort, ich
zweifle nicht daran -, welcher Art nämlich von Anfang an die Lust ist, die
der Selbstlose, der Sich-selbst-Verleugnende, Sich-selber-Opfernde
empfindet: diese Lust gehört zur Grausamkeit. Soviel vorläufig zur
Herkunft des »Unegoistischen« als eines moralischen Wertes und zur
Absteckung des Bodens, aus dem dieser Wert gewachsen ist: erst das
schlechte Gewissen, erst der Wille zur Selbstmisshandlung gibt die
Voraussetzung ab für den Wert des Unegoistischen.
19.
Es ist eine Krankheit, das schlechte Gewissen, das unterliegt keinem
Zweifel, aber eine Krankheit, wie die Schwangerschaft eine Krankheit ist.
Suchen wir die Bedingungen auf, unter denen diese Krankheit auf ihren
furchtbarsten und sublimsten Gipfel gekommen ist: - wir werden sehn, was
damit eigentlich erst seinen Eintritt in die Welt gemacht hat. Dazu aber
bedarf es eines langen Atems, - und zunächst müssen wir noch einmal zu
einem früheren Gesichtspunkte zurück. Das privatrechtliche Verhältnis
des Schuldners zu seinem Gläubiger, von dem des längeren schon die Rede
war, ist noch einmal, und zwar in einer historisch überaus merkwürdigen
und bedenklichen Weise in ein Verhältnis hinein interpretiert worden,
worin es uns modernen Menschen vielleicht am unverständlichsten ist:
nämlich in das Verhältnis der Gegenwärtigen zu ihren Vorfahren.
Innerhalb der ursprünglichen Geschlechtsgenossenschaft wir reden von
Urzeiten - erkennt jedes Mal die lebende Generation gegen die frühere und
in Sonderheit gegen die früheste, geschlecht-begründende eine juristische
Verpflichtung an (und keineswegs eine bloße Gefühls-Verbindlichkeit: man
dürfte diese letztere sogar nicht ohne Grund für die längste Dauer des
menschlichen Geschlechts überhaupt in Abrede stellen). Hier herrscht die
Überzeugung, dass das Geschlecht durchaus nur durch die Opfer und
Leistungen der Vorfahren besteht, - und dass man ihnen diese durch Opfer
und Leistungen zurückzuzah1en hat: man erkennt somit eine Schu1d an, die
dadurch noch beständig anwächst, dass diese Ahnen in ihrer Fortexistenz
als mächtige Geister nicht aufhören, dem Geschlechte neue Vorteile und
Vorschüsse seitens ihrer Kraft zu gewähren. Umsonst etwa? Aber es gibt
kein »Umsonst« für jene rohen und »seelenarmen« Zeitalter. Was kann man
ihnen zurückgeben? Opfer (anfänglich zur Nahrung, im gröblichsten
Verstande), Feste, Kapellen, Ehrenbezeigungen, vor Allem Gehorsam, denn
alle Bräuche sind, als Werke der Vorfahren, auch deren Satzungen und
Befehle - : gibt man ihnen je genug? Dieser Verdacht bleibt übrig und
wächst: von Zeit zu Zeit erzwingt er eine große Ablösung in Bausch und
Bogen, irgend etwas Ungeheures von Gegenzahlung an den »Gläubiger« (das
berüchtigte Erstlingsopfer zum Beispiel, Blut, Menschenblut in jedem
Falle). Die Furcht vor dem Ahnherrn und seiner Macht, das Bewusstsein
von Schulden gegen ihn nimmt nach dieser Art von Logik notwendig genau in
dem Maße zu, in dem die Macht des Geschlechts selbst zunimmt, in dem das
Geschlecht selbst immer siegreicher, unabhängiger, geehrter, gefürchteter
dasteht. Nicht etwa umgekehrt! Jeder Schritt zur Verkümmerung des
Geschlechts, alle elenden Zufälle, alle Anzeichen von Entartung, von
heraufkommender Auflösung vermindern vielmehr immer auch die Furcht vor
dem Geiste seines Begründers und geben eine immer geringere Vorstellung
von seiner Klugheit, Vorsorglichkeit und Macht-Gegenwart. Denkt man sich
diese rohe Art Logik bis an ihr Ende gelangt: so müssen schließlich die
Ahnherrn der mächtigsten Geschlechter durch die Phantasie der wachsenden
Furcht selbst ins Ungeheure gewachsen und in das Dunkel einer göttlichen
Unheimlichkeit und Unvorstellbarkeit zurückgeschoben worden sein: - der
Ahnherr wird zuletzt notwendig in einen Gott transfiguriert. Vielleicht
ist hier selbst der Ursprung der Götter, ein Ursprung also aus der Furcht!
. . . Und wem es nötig scheinen sollte hinzuzufügen: »aber auch aus der
Pietät!« dürfte schwerlich damit für jene längste Zeit des
Menschengeschlechts Recht behalten, für seine Urzeit. Um so mehr freilich
für die mitt1ere Zeit, in der die vornehmen Geschlechter sich
herausbilden: - als welche in der Tat ihren Urhebern, den Ahnherren
(Heroen, Göttern) alle die Eigen[329]schaften mit Zins zurückgegeben
haben, die inzwischen in ihnen selbst offenbar geworden sind, die
vornehmen Eigenschaften. Wir werden auf die Veradligung und Veredelung der
Götter (die freilich durchaus nicht deren »Heiligung« ist) später noch
einen Blick werfen: führen wir jetzt nur den Gang dieser ganzen
Schuldbewusstseins-Entwicklung vorläufig zu Ende.
20.
Das Bewusstsein, Schulden gegen die Gottheit zu haben, ist, wie die
Geschichte lehrt, auch nach dem Niedergang der blutverwandtschaftlichen
Organisationsform der »Gemeinschaft« keineswegs zum Abschluss gekommen;
die Menschheit hat, in gleicher Weise, wie sie die Begriffe »gut und
schlecht« von dem Geschlechts-Adel (samt dessen psychologischem
Grundhange, Rangordnungen anzusetzen) geerbt hat, mit der Erbschaft der
Geschlechts- und Stammgottheiten auch die des Drucks von noch unbezahlten
Schulden und des Verlangens nach Ablösung derselben hinzubekommen. (Den
Übergang machen jene breiten Sklaven und Hörigen-Bevölkerungen, welche
sich an den Götter-Kult ihrer Herren, sei es durch Zwang, sei es durch
Unterwürfigkeit und Mimicry, angepasst haben: von ihnen aus fließt dann
diese Erbschaft nach allen Seiten über.) Das Schuldgefühl gegen die
Gottheit hat mehrere Jahrtausende nicht aufgehört zu wachsen, und zwar
immer fort im gleichen Verhältnisse, wie der Gottesbegriff und das
Gottesgefühl auf Erden gewachsen und in die Höhe getragen worden ist. (Die
ganze Geschichte des ethnischen Kämpfens, Siegens, Sich-Versöhnens,
Sich-Verschmelzens, Alles was der endgültigen Rangordnung aller
Volks-Elemente in jeder großen Rassen-Synthesis vorangeht, spiegelt sich
in dem Genealogien-Wirrwarr ihrer Götter, in den Sagen von deren Kämpfen,
Siegen und Versöhnungen ab; der Fortgang zu Universal-Reichen ist immer
auch der Fortgang zu Universal-Gottheiten, der Despotismus mit seiner
Überwältigung des unabhängigen Adels bahnt immer auch irgend welchem
Monotheismus den Weg.) Die Heraufkunft des christlichen Gottes, als des
Maximal-Gottes, der bisher erreicht worden ist, hat deshalb auch das
Maximum des Schuldgefühls auf Erden zur Erscheinung gebracht. Angenommen,
dass wir nachgerade in die umgekehrte Bewegung eingetreten sind, so dürfte
man mit keiner kleinen Wahrscheinlichkeit aus dem unaufhaltsamen
Niedergang des Glaubens an den christlichen Gott ableiten, dass es jetzt
bereits auch schon einen erheblichen Niedergang des menschlichen
Schuldbewusstseins gäbe; ja die Aussicht ist nicht abzuweisen, dass der
vollkommne und endgültige Sieg des Atheismus die Menschheit von diesem
ganzen Gefühl, Schulden gegen ihren Anfang, ihre causa prima zu haben,
lösen dürfte. Atheismus und eine Art zweiter Unschuld gehören zu einander.
21.
Dies vorläufig im Kurzen und Groben über den Zusammenhang der Begriffe
»Schuld«, »Pflicht« mit religiösen Voraussetzungen: ich habe absichtlich
die eigentliche Moralisierung dieser Begriffe (die Zurückschiebung
derselben ins Gewissen, noch bestimmter, die Verwicklung des schlechten
Gewissens mit dem Gottesbegriffe) bisher bei Seite gelassen und am Schluss
des vorigen Abschnittes sogar geredet, wie als ob es diese Moralisierung
gar nicht gäbe, folglich, wie als ob es mit jenen Begriffen nunmehr
notwendig zu Ende ginge, nachdem deren Voraussetzung gefallen ist, der
Glaube an unsern »Gläubiger«, an Gott. Der Tatbestand weicht davon in
einer furchtbaren Weise ab. Mit der Moralisierung der Begriffe Schuld und
Pflicht, mit ihrer Zurückschiebung ins sch1echte Gewissen ist ganz
eigentlich der Versuch gegeben, die Richtung der eben beschriebenen
Entwicklung umzukehren, mindestens ihre Bewegung still zu stellen: jetzt
soll gerade die Aussicht auf eine endgültige Ablösung ein-für-alle-Mal
sich pessimistisch zuschließen, jetzt so1l der Blick trostlos vor einer
ehernen Unmöglichkeit abprallen, zurückprallen, jetzt so1len jene Begriffe
»Schuld« und »Pflicht« sich rückwärts wenden gegen wen denn? Man kann
nicht zweifeln: zunächst gegen den »Schuldner«, in dem nunmehr das
schlechte Gewissen sich dermaßen festsetzt, einfrisst, ausbreitet und
polypenhaft in jede Breite und Tiefe wächst, bis endlich mit der
Unlösbarkeit der Schuld auch die Unlösbarkeit der Busse, der Gedanke ihrer
Unabzahlbarkeit (der »ewigen Strafe«) konzipiert ist -; endlich aber sogar
gegen den »Gläubiger«, denke man dabei nun an die causa prima des
Menschen, an den Anfang des menschlichen Geschlechts, an seinen Ahnherrn,
der nunmehr mit einem Fluche behaftet wird (»Adam«, »Erbsünde«,
»Unfreiheit des Willens«) oder an die Natur, aus deren Schoß der Mensch
entsteht und in die nunmehr das böse Prinzip hineingelegt wird
(»Verteufelung der Natur«) oder an das Dasein überhaupt, das als unwert
ansich übrig bleibt (nihilistische Abkehr von ihm, Verlangen ins Nichts
oder Verlangen in seinen »Gegensatz«, in ein Anderssein Buddhismus und
Verwandtes) - bis wir mit Einem Male vor dem paradoxen und
entsetzlichen Auskunftsmittel stehen, an dem die gemarterte Menschheit
eine zeitweilige Erleichterung gefunden hat, jenem Geniestreich des
Christentums: Gott selbst sich für die Schuld des Menschen opfernd, Gott
selbst sich an sich selbst bezahlt machend, Gott als der Einzige, der vom
Menschen ablösen kann, was für den Menschen selbst unablösbar geworden ist
- der Gläubiger sich für seinen Schuldner opfernd, aus Liebe (sollte man's
glauben? -), aus Liebe zu seinem Schuldner! . . .
22.
Man wird bereits erraten haben, was eigentlich mit dem Allen und unter dem
Allen geschehen ist: jener Wille zur Selbstpeinigung, jene zurückgetretene
Grausamkeit des innerlich gemachten, in sich selbst zurückgescheuchten
Tiermenschen, des zum Zweck der Zähmung in den »Staat« Eingesperrten, der
das schlechte Gewissen erfunden hat, um sich wehe zu tun, nachdem der
natür1ichere Ausweg dieses Wehe-tun-wollens verstopft war, - dieser Mensch
des schlechten Gewissens hat sich der religiösen Voraussetzung bemächtigt,
um seine Selbstmarterung bis zu ihrer schauerlichsten Härte und Schärfe zu
treiben. Eine Schuld gegen Gott: dieser Gedanke wird ihm zum
Folterwerkzeug. Er ergreift in »Gott« die letzten Gegensätze, die er zu
seinen eigentlichen und unablöslichen Tier-Instinkten zu finden vermag, er
deutet diese Tier-Instinkte selbst um als Schuld gegen Gott (als
Feindschaft, Auflehnung, Aufruhr gegen den »Herrn«, den »Vater«, den Urahn
und Anfang der Welt), er spannt sich in den Widerspruch »Gott« und
»Teufel«, er wirft alles Nein, das er zu sich selbst, zur Natur,
Natürlichkeit, Tatsächlichkeit seines Wesens sagt, aus sich heraus als ein
Ja, als seiend, leibhaft, wirklich, als Gott, als Heiligkeit Gottes, als
Richtertum Gottes, als Henkertum Gottes, als Jenseits, als Ewigkeit, als
Marter ohne Ende, als Hölle, als Unausmessbarkeit von Strafe und von
Schuld. Dies ist eine Art Willens-Wahnsinn in der seelischen
Grausamkeit, der schlechterdings nicht seines Gleichen hat: der Wi1le des
Menschen, sich schuldig und verwerflich zu finden bis zur Unsühnbarkeit,
sein Wi11e , sich bestraft zu denken, ohne dass die Strafe je der Schuld
äquivalent werden könne, sein Wille, den untersten Grund der Dinge mit dem
Problem von Strafe und Schuld zu infizieren und giftig zu machen, um sich
aus diesem Labyrinth von »fixen Ideen« ein für alle Mal den Ausweg
abzuschneiden, sein Wille, ein Ideal aufzurichten das des »heiligen
Gottes« -, um Angesichts desselben seiner absoluten Unwürdigkeit
handgreiflich gewiss zu sein. Oh über diese wahnsinnige traurige Bestie
Mensch! Welche Einfälle kommen ihr, welche Widernatur, welche Paroxysmen
des Unsinns, welche Bestia1ität der Idee bricht sofort heraus, wenn sie
nur ein wenig verhindert wird, Bestie der Tat zu sein! . . . Dies Alles
ist interessant bis zum Übermaß, aber auch von einer schwarzen düsteren
entnervenden Traurigkeit, dass man es sich gewaltsam verbieten muss, zu
lange in diese Abgründe zu blicken. Hier ist Krankheit, es ist kein
Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im Menschen gewütet
hat: - und wer es noch zu hören vermag (aber man hat heute nicht mehr die
Ohren dafür! -) wie in dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei
Liebe , der Schrei des sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der
Liebe geklungen hat, der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen
erfasst . . . Im Menschen ist so viel Entsetzliches! . . . Die Erde war zu
lange schon ein Irrenhaus! . . .
23.
Dies genüge ein für alle Mal über die Herkunft des »heiligen Gottes«. -
Dass ansich die Konzeption von Göttern nicht notwendig zu dieser
Verschlechterung der Phantasie führen muss, deren Vergegenwärtigung wir
uns für einen Augenblick nicht erlassen durften, dass es vornehmere Arten
gibt, sich der Erdichtung von Göttern zu bedienen, als zu dieser
Selbstkreuzigung und Selbstschändung des Menschen, in der die letzten
Jahrtausende Europas ihre Meisterschaft gehabt haben, - das lässt sich zum
Glück aus jedem Blick noch abnehmen, den man auf die griechischen Götter
wirft, diese Widerspiegelungen vornehmer und selbstherrlicher Menschen, in
denen das Tier im Menschen sich vergöttlicht fühlte und nicht sich selbst
zerriss, nicht gegen sich selber wütete! Diese Griechen haben sich die
längste Zeit ihrer Götter bedient, gerade um sich das »schlechte Gewissen«
vom Leibe zu halten, um ihrer Freiheit der Seele froh bleiben zu dürfen:
also in einem umgekehrten Verstande als das Christentum Gebrauch von
seinem Gotte gemacht hat. Sie gingen darin sehr weit , diese prachtvollen
und löwenmütigen Kindsköpfe; und keine geringere Autorität als die des
homerischen Zeus selbst gibt es ihnen hier und da zu verstehen, dass sie
es sich zu leicht machen. »Wunder! sagt er einmal - es handelt sich um den
Fall des Ägisthos, um einen sehr schlimmen Fall -
»Wunder, wie sehr doch klagen die Sterblichen wider die
Götter!
Nur von uns sei Böses, vermeinen sie; aber sie selber
schaffen durch Unverstand, auch gegen Geschick, sich
das Elend.«
Doch hört und sieht man hier zugleich, auch dieser
olympische Zuschauer und Richter ist ferne davon, ihnen deshalb gram zu
sein und böse von ihnen zu denken: »was sie töricht sind!« so denkt er bei
den Untaten der Sterblichen, - und »Torheit«, »Unverstand«, ein wenig
»Störung im Kopfe«, so viel haben auch die Griechen der stärksten,
tapfersten Zeit selbst bei sich z u ge1assen als Grund von vielem
Schlimmen und Verhängnisvollen: - Torheit, nicht Sünde! versteht ihr das?
. . . Selbst aber diese Störung im Kopfe war ein Problem - »ja, wie ist
sie auch nur möglich? woher mag sie eigentlich gekommen sein, bei Köpfen,
wie wir sie haben, wir Menschen der edlen Abkunft, des Glücks, der
Wohlgeratenheit, der besten Gesellschaft, der Vornehmheit, der Tugend?« -
so fragte sich Jahrhunderte lang der vornehme Grieche Angesichts jedes ihm
unverständlichen Greuels und Frevels, mit dem sich Einer von seines
Gleichen befleckt hatte. »Es muss ihn wohl ein Gott betört haben«, sagte
er sich endlich, den Kopf schüttelnd . . . Dieser Ausweg ist typisch für
Griechen ... Dergestalt dienten damals die Götter dazu, den Menschen bis
zu einem gewissen Grade auch im Schlimmen zu rechtfertigen, sie dienten
als Ursachen des Bösen damals nahmen sie nicht die Strafe auf sich,
sondern, wie es vornehmer ist, die Schuld . . .
24.
- Ich schließe mit drei Fragezeichen, man sieht es wohl. »Wird hier
eigentlich ein Ideal aufgerichtet oder eines abgebrochen? so fragt man
mich vielleicht . . . Aber habt ihr euch selber je genug gefragt, wie
teuer sich auf Erden die Aufrichtung jedes Ideals bezahlt gemacht hat? Wie
viel Wirklichkeit immer dazu verleumdet und verkannt, wie viel Lüge
geheiligt, wie viel Gewissen verstört, wie viel »Gott« jedes Mal geopfert
werden musste? Damit ein Heiligtum aufgerichtet werden kann, muss ein
Heiligtum zerbrochen werden: das ist das Gesetz - man zeige mir den Fall,
wo es nicht erfüllt ist! . . . Wir modernen Menschen, wir sind die Erben
der Gewissens-Vivisektion und Selbst-Tierquälerei von Jahrtausenden: darin
haben wir unsre längste Übung, unsre Künstlerschaft vielleicht, in jedem
Fall unser Raffinement, unsre Geschmacks-Verwöhnung. Der Mensch hat allzu
lange seine natürlichen Hänge mit »bösem Blick« betrachtet, so dass sie
sich in ihm schließlich mit dem »schlechten Gewissen« verschwistert haben.
Ein umgekehrter Versuch wäre an sich möglich - aber wer ist stark genug
dazu? - nämlich die unnatürlichen Hänge, alle jene Aspirationen zum
Jenseitigen, Sinnenwidrigen, Instinktwidrigen, Naturwidrigen,
Tierwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt lebensfeindliche
Ideale, Weltverleumder-Ideale sind, mit dem schlechten Gewissen zu
verschwistern. An wen sich heute mit so1chen Hoffnungen und Ansprüchen
wenden? . . . Gerade die guten Menschen hätte man damit gegen sich; dazu,
wie billig, die bequemen, die versöhnten, die eitlen, die schwärmerischen,
die müden . . . Was beleidigt tiefer, was trennt so gründlich ab, als
etwas von der Strenge und Höhe merken zu lassen, mit der man sich selbst
behandelt? Und wiederum - wie entgegenkommend, wie liebreich zeigt sich
alle Welt gegen uns, so bald wir es machen wie alle Welt und uns »gehen
lassen« wie alle Welt! . . . Es bedürfte zu jenem Ziele einer andren Art
Geister, als gerade in diesem Zeitalter wahrscheinlich sind: Geister,
durch Kriege und Siege gekräftigt, denen die Eroberung, das Abenteuer, die
Gefahr, der Schmerz sogar zum Bedürfnis geworden ist; es bedürfte dazu der
Gewöhnung an scharfe hohe Luft, an winterliche Wanderungen, an Eis und
Gebirge in jedem Sinne, es bedürfte dazu einer Art sublimer Bosheit
selbst, eines letzten selbstgewissesten Mutwillens der Erkenntnis, welcher
zur großen Gesundheit gehört, es bedürfte, kurz und schlimm. genug, eben
dieser großen Gesundheit! . . . Ist diese gerade heute auch nur möglich?
... Aber irgendwann, in einer stärkeren Zeit, als diese morsche,
selbstzweiflerische Gegenwart ist, muss er uns doch kommen, der er1ösende
Mensch der großen Liebe und Verachtung, der schöpferische Geist, den seine
drängende Kraft aus allem Abseits und Jenseits immer wieder wegtreibt,
dessen Einsamkeit vom Volke missverstanden wird, wie als ob sie eine
Flucht vor der Wirklichkeit sei -: während sie nur seine Versenkung,
Vergrabung, Vertiefung i n die Wirklichkeit ist, damit er einst aus ihr,
wenn er wieder an's Licht kommt, die Er1ösung dieser Wirklichkeit
heimbringe: ihre Erlösung von dem Fluche, den das bisherige Ideal auf sie
gelegt hat. Dieser Mensch der Zukunft, der uns ebenso vom bisherigen Ideal
erlösen wird, als von dem, was aus ihm wachsen musste , vom großen Ekel,
vom Willen zum Nichts, vom Nihilismus, dieser Glockenschlag des Mittags
und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der
Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurück gibt, dieser
Antichrist und Antinihilist, dieser Besieger Gottes und des Nichts - er
muss einst kommen ...
25.
- Aber was rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur
Eins, zu schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren
allein freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin, -
was allein Zarathustra freisteht, Zarathustra dem Gottlosen ...
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