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Friedrich Nietzsche
Zur
Genealogie der Moral
Dritte Abhandlung:
Was bedeuten asketische Ideale?
1.
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Unbekümmert, spöttisch, gewalttätig - so will uns
die Weisheit: sie ist ein Weib, sie liebt immer nur einen
Kriegsmann.
Also sprach Zarathustra. |
Was bedeuten asketische Ideale? - Bei Künstlern Nichts
oder zu Vielerlei; bei Philosophen und Gelehrten Etwas wie Witterung und
Instinkt für die günstigsten Vorbedingungen hoher Geistigkeit; bei Frauen,
besten Falls, eine Liebenswürdigkeit der Verführung mehr, ein wenig
morbidezza (Krankheit / Hinfälligkeit) auf schönem Fleische, die
Engelhaftigkeit. eines hübschen fetten Tiers; bei physiologisch
Verunglückten und Verstimmten (bei der Mehrzah1 der Sterblichen) einen
Versuch, sich »zu gut« für diese Welt vorzukommen, eine heilige Form der
Ausschweifung, ihr Hauptmittel im Kampf mit dem langsamen Schmerz und der
Langenweile; bei Priestern den eigentlichen Priesterglauben, ihr bestes
Werkzeug der Macht, auch die »allerhöchste« Erlaubnis zur Macht; bei
Heiligen endlich einen Vorwand zum Winterschlaf, ihre novissima gloriae
cupido, ihre Ruhe im Nichts (»Gott«), ihre Form des Irrsinns. Dass aber
überhaupt das asketische Ideal dem Menschen so viel bedeutet hat, darin
drückt sich die Grundtatsache des menschlichen Willens aus, sein horror
vacui (leerer Horror): er braucht ein Ziel, - und eher will er noch das
Nichts wollen, als nicht wollen. Versteht man mich? . . . Hat man mich
verstanden? . . . »Schlechterdings nicht! mein Herr!« - Fangen wir also von
vorne an.
2..
Was bedeuten asketische Ideale? - Oder, dass ich einen einzelnen Fall
nehme, in Betreff dessen ich oft genug um Rath gefragt worden bin, was
bedeutet es zum Beispiel, wenn ein Künstler wie Richard Wagner in seinen
alten Tagen der Keuschheit eine Huldigung darbringt? In einem gewissen
Sinne freilich hat er dies immer getan; aber erst zu allerletzt in einem
asketischen Sinne. Was bedeutet diese »Sinnes«-Änderung, dieser radikale
Sinnes-Umschlag? denn ein solcher war es, Wagner sprang damit geradewegs
in seinen Gegensatz um. Was bedeutet es, wenn ein Künstler in seinen
Gegensatz umspringt? . . . Hier kommt uns, gesetzt, dass wir bei dieser
Frage ein wenig Halt machen wollen, alsbald die Erinnerung an die beste,
stärkste, frohmütigste, mutigste Zeit, welche es vielleicht im Leben
Wagner's gegeben hat: das war damals, als ihn innerlich und tief der
Gedanke der Hochzeit Luther's beschäftigte. Wer weiß, an welchen Zufällen
es eigentlich gehangen hat, dass wir heute an Stelle dieser
Hochzeits-Musik die Meistersinger besitzen? Und wie viel in diesen
vielleicht noch von jener fortklingt? Aber keinem Zweifel unterliegt es,
dass es sich auch bei dieser »Hochzeit Luther's« um ein Lob der Keuschheit
gehandelt haben würde. Allerdings auch um ein Lob der Sinnlichkeit: - und
gerade so schiene es mir in Ordnung, gerade so wäre es auch »Wagnerisch«
gewesen. Denn zwischen Keuschheit und Sinnlichkeit gibt es keinen
notwendigen Gegensatz; jede gute Ehe, jede eigentliche Herzensliebschaft
ist über diesen Gegensatz hinaus. Wagner hätte, wie mir scheint,
wohlgetan, diese angenehme Tatsächlichkeit seinen Deutschen mit Hülfe
einer holden und tapferen Luther-Komödie wieder einmal zu Gemüte zu
führen, denn es gibt und gab unter den Deutschen immer viele Verleumder
der Sinnlichkeit; und Luther's Verdienst ist vielleicht in Nichts größer
als gerade darin, den Muth zu seiner Sinn1ichkeit gehabt zu haben (- man
hieß sie damals, zart genug, die »evangelische Freiheit« . . .). Selbst
aber in jenem Falle, wo es wirklich jenen Gegensatz zwischen Keuschheit
und Sinnlichkeit gibt, braucht es glücklicher Weise noch lange kein
tragischer Gegensatz zu sein. Dies dürfte wenigstens für alle wohl
gerateneren, wohlgemuteren Sterblichen gelten, welche ferne davon sind,
ihr labiles Gleichgewicht zwischen »Tier und Engel« ohne Weiteres zu den
Gegengründen des Daseins zu rechnen, die Feinsten und Hellsten, gleich
Goethen, gleich Hafis, haben darin sogar einen Lebensreiz mehr gesehen.
Solche »Widersprüche« gerade verführen zum Dasein . . . Andrerseits
versteht es sich nur zu gut, dass wenn einmal die verunglückten Schweine
dazu gebracht werden, die Keuschheit anzubeten - und es gibt solche
Schweine! - sie in ihr nur ihren Gegensatz, den Gegensatz zum
verunglückten Schweine sehn und anbeten werden - oh mit was für einem
tragischen Gegrunz und Eifer! man kann es sich denken jenen peinlichen und
überflüssigen Gegensatz, den Richard Wagner unbestreitbar am Ende seines
Lebens noch hat in Musik setzen und auf die Bühne stellen wollen. Wozu
doch ? wie man billig fragen darf. Denn was gingen ihn, was gehen uns die
Schweine an?
3.
Dabei ist freilich jene andre Frage nicht zu umgehen, was ihn eigentlich
jene männliche (ach, so unmännliche) »Einfalt vom Lande« anging, jener
arme Teufel und Naturbursch Parsifal, der von ihm mit so verfänglichen
Mitteln schließlich katholisch gemacht wird - wie? war dieser Parsifal
überhaupt ernst gemeint? Man könnte nämlich versucht sein, das Umgekehrte
zu mutmaßen, selbst zu wünschen, - dass der Wagner'sche Parsifal heiter
gemeint sei, gleichsam als Schlussstück und Satyr-Drama, mit dem der
Tragiker Wagner auf eine gerade ihm gebührende und würdige Weise von uns,
auch von sich, vor Allem von der Tragödie habe Abschied nehmen wollen,
nämlich mit einem Excess höchster und mutwilligster Parodie auf das
Tragische selbst, auf den ganzen schauerlichen Erden-Ernst und
Erden-Jammer von Ehedem, auf die endlich überwundene gröbste Form in der
Widernatur des asketischen Ideals. So wäre es, wie gesagt, eines großen
Tragikers gerade würdig gewesen: als welcher, wie jeder Künstler, erst
dann auf den letzten Gipfel seiner Größe kommt, wenn er sich und seine
Kunst unter sich zu sehen weiß, - wenn er über sich zu 1achen weiß. Ist
der »Parsifal« Wagner's sein heimliches Überlegenheits-Lachen über sich
selbst, der Triumph seiner errungenen letzten höchsten Künstler-Freiheit,
Künstler-Jenseitigkeit? Man möchte es, wie gesagt, wünschen: denn was
würde der ernst gemeinte Parsifal sein? Hat man wirklich nötig, in ihm
(wie man sich gegen mich ausgedrückt hat) »die Ausgeburt eines toll
gewordenen Hasses auf Erkenntnis, Geist und Sinnlichkeit« zu sehn? Einen
Fluch auf Sinne und Geist in Einem Hass und Atem? Eine Apostasie und
Umkehr zu christlich-krankhaften und obskurantistischen Idealen? Und
zuletzt gar ein Sich-selbst-Verneinen, Sich-selbst-Durchstreichen von
Seiten eines Künstlers, der bis dahin mit aller Macht seines Willens auf
das Umgekehrte, nämlich auf höchste Vergeistigung und Versinn1ichung
seiner Kunst aus gewesen war? Und nicht nur seiner Kunst: auch seines
Lebens. Man erinnere sich, wie begeistert seiner Zeit Wagner in den
Fußtapfen des Philosophen Feuerbach gegangen ist: Feuerbachs Wort von der
»gesunden Sinnlichkeit« - das klang in den dreißiger und vierziger Jahren
Wagner'n gleich vielen Deutschen (- sie nannten sich die »jungen
Deutschen«) wie das Wort der Erlösung. Hat er schließlich darüber
umgelernt? Da es zum Mindesten scheint, dass er zuletzt den Willen hatte,
darüber um zu 1ehren . . . Und nicht nur mit den Parsifal-Posaunen von der
Bühne herab: - in der trüben, ebenso unfreien als ratlosen
Schriftstellerei seiner letzten Jahre gibt es hundert Stellen, in denen
sich ein heimlicher Wunsch und Wille, ein verzagter, unsicherer,
uneingeständlicher Wille verrät, ganz eigentlich Umkehr, Bekehrung,
Verneinung, Christentum, Mittelalter zu predigen und seinen Jüngern zu
sagen »es ist Nichts! Sucht das Heil wo anders!« Sogar das »Blut des
Erlösers« wird einmal angerufen ...
4.
Dass ich in einem solchen Falle, der vieles Peinliche hat, meine Meinung
sage - und es ist ein typischer Fall -: man tut gewiss am besten, einen
Künstler in so weit von seinem Werke zu trennen, dass man ihn selbst nicht
gleich ernst nimmt wie sein Werk. Er ist zuletzt nur die Vorausbedingung
seines Werks, der Mutterschoß, der Boden, unter Umständen der Dünger und
Mist, auf dem, aus dem es wächst, - und somit, in den meisten Fällen,
Etwas, das man vergessen muss, wenn man sich des Werks selbst erfreuen
will. Die Einsicht in die Herkunft eines Werks geht die Physiologen und
Vivisektoren des Geistes an: nie und nimmermehr die ästhetischen Menschen,
die Artisten! Dem Dichter und Ausgestalter des Parsifal blieb ein tiefes,
gründliches, selbst schreckliches Hineinleben und Hinabsteigen in
mittelalterliche Seelen-Kontraste, ein feindseliges Abseits von aller
Höhe, Strenge und Zucht des Geistes, eine Art intellektueller Perversität
(wenn man mir das Wort nachsehen will) ebenso wenig erspart als einem
schwangeren Weibe die Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der
Schwangerschaft: als welche man, wie gesagt, vergessen muss, um sich des
Kindes zu erfreuen. Man soll sich vor der Verwechselung hüten, in welche
ein Künstler nur zu leicht selbst gerät, aus psychologischer contiguity,
mit den Engländern zu reden: wie als ob er selber das wäre, was er
darstellen, ausdenken, ausdrücken kann. Tatsächlich steht es so, dass,
wenn er eben das wäre, er es schlechterdings nicht darstellen, ausdenken,
ausdrücken würde; ein Homer hätte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust
gedichtet, wenn Homer ein Achill und wenn Goethe ein Faust gewesen wäre.
Ein vollkommner und ganzer Künstler ist in alle Ewigkeit von dem »Realen«,
dem Wirklichen abgetrennt; andrerseits versteht man es, wie er an dieser
ewigen »Unrealität« und Falschheit seines innersten Daseins mitunter bis
zur Verzweiflung müde werden kann, - und dass er dann wohl den Versuch
macht, einmal in das gerade ihm Verbotenste, ins Wirkliche überzugreifen,
wirklich zu sein. Mit welchem Erfolge? Man wird es erraten . . . Es ist
das die typische Vel1eität des Künstlers: dieselbe Velleität, welcher auch
der alt gewordene Wagner verfiel und die er so teuer, so verhängnisvoll
hat büssen müssen (- er verlor durch sie den wertvollen Teil seiner
Freunde). Zuletzt aber, noch ganz abgesehen von dieser Velleität, wer
möchte nicht überhaupt wünschen, um Wagner's selber willen, dass er anders
von uns und seiner Kunst Abschied genommen hätte, nicht mit einem
Parsifal, sondern siegreicher, selbstgewisser, Wagnerischer, - weniger
irreführend, weniger zweideutig in Bezug auf sein ganzes Wollen, weniger
Schopenhauerisch, weniger nihilistisch? . . .
5.
- Was bedeuten also asketische Ideale? Im Falle eines Künstlers, wir
begreifen es nachgerade: gar Nichts! . . . Oder so Vielerlei, dass es so
gut ist wie gar Nichts! . . . Eliminieren wir zunächst die Künstler:
dieselben stehen lange nicht unabhängig genug in der Welt und gegen die
Welt, als dass ihre Werthschätzungen und deren Wandel ansich Teilnahme
verdiente! Sie waren zu allen Zeiten Kammerdiener einer Moral oder
Philosophie oder Religion; ganz abgesehen noch davon, dass sie leider oft
genug die allzu geschmeidigen Höflinge ihre Anhänger- und Gönnerschaft und
spürnasige Schmeichler vor alten oder eben neu heraufkommenden Gewalten
gewesen sind. Zum Mindesten brauchen sie immer eine Schutzwehr, einen
Rückhalt, eine bereits begründete Autorität: die Künstler stehen nie für
sich, das Alleinstehen geht wider ihre tiefsten Instinkte. So nahm zum
Beispiel Richard Wagner den Philosophen Schopenhauer, als »die Zeit
gekommen war«, zu seinem Vordermann, zu seiner Schutzwehr: - wer möchte es
auch nur für denkbar halten, dass er den Mut zu einem asketischen Ideal
gehabt hätte, ohne den Rückhalt, den ihm die Philosophie Schopenhauer's
bot, ohne die in den siebziger Jahren in Europa zum Übergewicht gelangende
Autorität Schopenhauers? (dabei noch nicht in Anschlag gebracht, ob im
neuen Deutschland ein Künstler ohne die Milch frommer, reichsfrommer
Denkungsart überhaupt möglich gewesen wäre). - Und damit sind wir bei der
ernsthafteren Frage angelangt: was bedeutet es, wenn ein wirklicher
Phi1osoph dem asketischen Ideale huldigt, ein wirklich auf sich gestellter
Geist wie Schopenhauer, ein Mann und Ritter mit erzenem Blick, der den
Muth zu sich selber hat, der allein zu stehen weiß und nicht erst auf
Vordermänner und höhere Winke wartet? - Erwägen wir hier sofort die
merkwürdige und für manche Art Mensch selbst faszinierende Stellung
Schopenhauer's zur Kunst: denn sie ist es ersichtlich gewesen, um
derentwillen zunächst Richard Wagner zu Schopenhauer übertrat (überredet
dazu durch einen Dichter, wie man weiß, durch Herwegh), und dies bis zu
dem Maße, dass sich damit ein vollkommner theoretischer Widerspruch
zwischen seinem früheren und seinem späteren ästhetischen Glauben aufriss,
- ersterer zum Beispiel in »Oper und Drama« ausgedrückt, letzterer in den
Schriften, die er von 1870 an herausgab. In Sonderheit änderte Wagner, was
vielleicht am meisten befremdet, von da an rücksichtslos sein Urteil über
Werth und Stellung der Musik selbst: was lag ihm daran, dass er bisher aus
ihr ein Mittel, ein Medium, ein »Weib« gemacht. hatte, das schlechterdings
eines Zweckes, eines Manns bedürfe um zu gedeihen - nämlich des Drama's!
Er begriff mit Einem Male, dass mit der Schopenhauer'schen Theorie und
Neuerung mehr zu machen sei in majorem musicae gloriam, - nämlich mit der
Souveränität der Musik, so wie sie Schopenhauer begriff: die Musik abseits
gestellt gegen alle übrigen Künste, die unabhängige Kunst an sich, nicht ,
wie diese, Abbilder der Phänomenalität bietend, vielmehr die Sprache des
Willens selbst redend, unmittelbar aus dem »Abgrunde« heraus, als dessen
eigenste, ursprünglichste, unabgeleitetste Offenbarung. Mit dieser
außerordentlichen Werthsteigerung der Musik, wie sie aus der
Schopenhauer'schen Philosophie zu erwachsen schien, stieg mit Einem Male
auch der Musiker selbst unerhört im Preise: er wurde nunmehr ein Orakel,
ein Priester, ja mehr als ein Priester, eine Art Mundstück des »Ansich«
der Dinge, ein Telephon des Jenseits, er redete fürderhin nicht nur Musik,
dieser Bauchredner Gottes,. - er redete Metaphysik: was Wunder, dass er
endlich eines Tagsasketische Ideale redete? . . .
6.
Schopenhauer hat sich die Kantische Fassung des ästhetischen Problems zu
Nutze gemacht, - obwohl er es ganz gewiss nicht mit Kantischen Augen
angeschaut hat. Kant gedachte der Kunst eine Ehre zu erweisen, als er
unter den Prädikaten des Schönen diejenigen bevorzugte und in den
Vordergrund stellte, welche die Ehre der Erkenntnis ausmachen:
Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit. Ob dies nicht in der Hauptsache
ein Fehlgriff war, ist hier nicht am Orte zu verhandeln; was ich allein
unterstreichen will, ist, dass Kant, gleich allen Philosophen, statt von
den Erfahrungen des Künstlers (des Schaffenden) aus das ästhetische
Problem zu visieren, allein vom »Zuschauer« aus über die Kunst und das
Schöne nachgedacht und dabei unvermerkt den »Zuschauer« selber in den
Begriff »schön« hinein bekommen hat. Wäre aber wenigstens nur dieser
»Zuschauer« den Philosophen des Schönen ausreichend bekannt gewesen! -
nämlich als eine große persön1iche Tatsache und Erfahrung, als eine Fülle
eigenster starker Erlebnisse, Begierden, Überraschungen, Entzückungen auf
dem Gebiete des Schönen! Aber das Gegenteil war, wie ich fürchte, immer
der Fall: und so bekommen wir denn von ihnen gleich von Anfang an
Definitionen, in denen, wie in jener berühmten Definition, die Kant vom
Schönen gibt, der Mangel an feinerer Selbst-Erfahrung in Gestalt eines
dicken Wurms von Grundirrtum sitzt. »Schön ist, hat Kant gesagt, was ohne
Interesse gefällt.« Ohne Interesse! Man vergleiche mit dieser Definition
jene andre, die ein wirklicher »Zuschauer« und Artist gemacht hat -
Stendhal, der das Schöne einmal une promesse de bonheur nennt. Hier ist
jedenfalls gerade Das abge1ehnt und ausgestrichen, was Kant allein am
ästhetischen Zustande hervorhebt: le desinteressement. Wer hat Recht, Kant
oder Stendhal? Wenn freilich unsre Aesthetiker nicht müde werden, zu
Gunsten Kant's in die Wagschale zu werfen, dass man unter dem Zauber der
Schönheit s o g a r gewandlose weibliche Statuen »ohne Interesse«
anschauen könne, so darf man wohl ein wenig auf ihre Unkosten lachen: -
die Erfahrungen der Künst1er sind in Bezug auf diesen heiklen Punkt
»interessanter«, und Pygmalion war jedenfalls nicht notwendig ein
»unästhetischer Mensch«. Denken wir um so besser von der Unschuld unsrer
Aesthetiker, welche sich in solchen Argumenten spiegelt, rechnen wir es
zum Beispiel Kanten zu Ehren an, was er über das Eigentümliche des
Tastsinns mit landpfarrermäßiger Naivität zu lehren weiß! - Und hier
kommen wir auf Schopenhauer zurück, der in ganz andrem Maße als Kant den
Künsten nahe stand und doch nicht aus dem Bann der Kantischen Definition
herausgekommen ist: wie kam das? Der Umstand ist wunderlich genug: das
Wort »ohne Interesse« interpretierte er sich in der allerpersönlichsten
Weise, aus einer Erfahrung heraus, die bei ihm zu den regelmäßigsten
gehört haben muss. Über wenig Dinge redet Schopenhauer so sicher wie
über die Wirkung der ästhetischen Kontemplation: er sagt ihr nach, dass
sie gerade der gesch1echt1ichen »Interessiertheit« entgegenwirke, ähnlich
also wie Lupulin und Kampher, er ist nie müde geworden, dieses Loskommen
vom »Willen« als den großen Vorzug und Nutzen des ästhetischen Zustandes
zu verherrlichen. Ja man möchte versucht sein zu fragen, ob nicht seine
Grundkonzeption von »Willen und Vorstellung«, der Gedanke, dass es eine
Erlösung vom »Willen« einzig durch die »Vorstellung« geben könne, aus
einer Verallgemeinerung jener Sexual-Erfahrung ihren Ursprung genommen
habe. (Bei allen Fragen in Betreff der Schopenhauer'schen Philosophie ist,
anbei bemerkt, niemals außer Acht zu lassen, dass sie die Konzeption eines
sechsundzwanzigjährigen Jünglings ist; so dass sie nicht nur an dem
Spezifischen Schopenhauer's, sondern auch an dem Spezifischen jener
Jahreszeit des Lebens Anteil hat.) Hören wir zum Beispiel eine der
ausdrücklichsten Stellen unter den zahllosen, die er zu Ehren des
ästhetischen Zustandes geschrieben hat (Welt als Wille und Vorstellung I
231), hören wir den Ton heraus, das Leiden, das Glück, die Dankbarkeit,
mit der solche Worte gesprochen worden sind. »Das ist der schmerzenslose
Zustand, den Epikuros als das höchste Gut und als den Zustand der Götter
pries; wir sind, für jenen Augenblick, des schnöden Willensdranges
entledigt, wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad
des Ixion steht still« . . . Welche Vehemenz der Worte! Welche Bilder der
Qual und des langen Überdrusses! Welche fast pathologische
Zeit-Gegenüberstellung »jenes Augenblicks« und des sonstigen »Rads des
Ixions«, der »Zuchthausarbeit des Wollens«, des »schnöden Willensdrangs«!
- Aber gesetzt, dass Schopenhauer hundert Mal für seine Person Recht
hätte, was wäre damit für die Einsicht in's Wesen des Schönen getan?
Schopenhauer hat Eine Wirkung des Schönen beschrieben, die
willen-calmirende, ist sie auch nur eine regelmäßige? Stendhal, wie
gesagt, eine nicht weniger sinnliche, aber glücklicher geratene Natur als
Schopenhauer, hebt eine andre Wirkung des Schönen hervor: »das Schöne
verspricht Glück«, ihm scheint gerade die Erregung des Willens (»des
Interesses«) durch das Schöne der Tatbestand. Und könnte man nicht zuletzt
Schopenhauern selber einwenden, dass er sehr mit Unrecht sich hierin
Kantianer dünke, dass er ganz und gar nicht die Kantische Definition des
Schönen Kantisch verstanden habe, - dass auch ihm das Schöne aus einem
»Interesse« gefalle, sogar aus dem allerstärksten; allerpersönlichsten
Interesse: dem des Torturirten, der von seiner Tortur loskommt? ... Und,
um auf unsre erste Frage zurückzukommen, »was bedeutet es, wenn ein
Philosoph dem asketischen Ideale huldigt?«, so bekommen wir hier
wenigstens einen ersten Wink: er will von einer Tortur loskommen.
7.
Hüten wir uns, bei dem Wort »Tortur« gleich düstere Gesichter zu machen:
es bleibt gerade in diesem Falle genug dagegen zu rechnen, genug
abzuziehen, - es bleibt selbst etwas zu lachen. Unterschätzen wir es
namentlich nicht, dass Schopenhauer, der die Geschlechtlichkeit in der Tat
als persönlichen Feind behandelt hat (einbegriffen deren Werkzeug, das
Weib, dieses »instrumentum diaboli«), Feinde n ö t h i g hatte, um guter
Dinge zu bleiben; dass er die grimmigen galligen schwarzgrünen Worte
liebte; dass er zürnte, um zu zürnen, aus Passion; dass er krank geworden
wäre, Pessimist geworden wäre (- denn er war es nicht, so sehr er es auch
wünschte) ohne seine Feinde, ohne Hegel, das Weib, die Sinnlichkeit und
den ganzen Willen zum Dasein, Dableiben. Schopenhauer wäre sonst nicht
dageblieben, darauf darf man wetten, er wäre davongelaufen: seine Feinde
aber hielten ihn fest, seine Feinde verführten ihn immer wieder zum
Dasein, sein Zorn war, ganz wie bei den antiken Zynikern, sein Labsal,
seine Erholung, sein Entgelt, sein remedium gegen den Ekel, sein G1ück. So
viel in Hinsicht auf das Persönlichste am Fall Schopenhauers; andrerseits
ist an ihm noch etwas Typisches, und hier erst kommen wir wieder auf unser
Problem. Es besteht unbestreitbar, so lange es, Philosophen auf Erden gibt
und überall, wo es Philosophen gegeben hat (von Indien bis England, um die
entgegen gesetzten Pole der Begabung für Philosophie zu nehmen) eine
eigentliche Philosophen-Gereiztheit und -Rancune gegen die Sinnlichkeit
Schopenhauer ist nur deren beredtester und, wenn man das Ohr dafür hat,
auch hinreißendster und entzückendster Ausbruch -; es besteht insgleichen
eine eigentliche Philosophen-Voreingenommenheit und -Herzlichkeit in Bezug
auf das ganze asketische Ideal, darüber und dagegen soll man sich nichts
vormachen. Beides gehört, wie gesagt, zum Typus; fehlt Beides an einem
Philosophen, so ist er- dessen sei man sicher- immer nur ein »so
genannter«. Was bedeutet das? Denn man muss diesen Tatbestand erst
interpretieren: ansich steht er da dumm in alle Ewigkeit, wie jedes »Ding
an sich«. Jedes Tier, somit auch la bete philosophe, strebt instinktiv
nach einem Optimum von günstigen Bedingungen, unter denen es seine Kraft
ganz herauslassen kann und sein Maximum im Machtgefühl erreicht; jedes
Tier perhorreszirt ebenso instinktiv und mit einer Feinheit der Witterung,
die »höher ist als alle Vernunft«, alle Art Störenfriede und Hindernisse,
die sich ihm über diesen Weg zum Optimum legen oder legen könnten (- es
ist nicht sein Weg zum »Glück«, von dem ich rede, sondern sein Weg zur
Macht, zur Tat, zum mächtigsten Thun, und in den meisten Fällen
tatsächlich sein Weg zum Unglück). Dergestalt perhorresziert der
Philosoph die Ehe samt dem, was zu ihr überreden möchte, - die Ehe als
Hindernis und Verhängnis auf seinem Wege zum Optimum. Welcher große
Philosoph war bisher verheiratet? Heraklit, Plato, Descartes, Spinoza,
Leibniz, Kant, Schopenhauer - sie waren es nicht; mehr noch, man kann sie
sich nicht einmal denken als verheiratet. Ein verheirateter Philosoph
gehört i n die Komödie, das ist mein Satz: und jene Ausnahme Sokrates,
der boshafte Sokrates hat sich, scheint es, ironice verheiratet, eigens um
gerade diesen Satz zu demonstrieren. Jeder Philosoph würde sprechen, wie
einst Buddha sprach, als ihm die Geburt eines Sohnes gemeldet wurde: »Rahula
ist mir geboren, eine Fessel ist mir geschmiedet« (Rahula bedeutet hier
»ein kleiner Dämon«); jedem »freien Geiste« müsste eine nachdenkliche
Stunde kommen, gesetzt, dass er vorher eine gedankenlose gehabt hat, wie
sie einst demselben Buddha kam - »eng bedrängt, dachte er bei sich, ist
das Leben im Hause, eine Stätte der Unreinheit; Freiheit ist im Verlassen
des Hauses«: »dieweil er also dachte, verließ er das Haus«. Es sind im
asketischen Ideale so viele Brücken zur Unabhängigkeit angezeigt, dass ein
Philosoph nicht ohne ein innerliches Frohlocken und Händeklatschen die
Geschichte aller jener Entschlossnen zu hören vermag, welche eines Tages
Nein sagten zu aller Unfreiheit und in irgend eine Wüste gingen: gesetzt
selbst, dass es bloß starke Esel waren und ganz und gar das Gegenstück
eines starken Geistes. Was bedeutet demnach das asketische Ideal bei einem
Philosophen? Meine Antwort ist - man wird es längst erraten haben: der
Philosoph lächelt bei seinem Anblick einem Optimum der Bedingungen
höchster und kühnster Geistigkeit zu, - er verneint nicht damit »das
Dasein«, er bejaht darin vielmehr sein Dasein und nur sein Dasein, und
dies vielleicht bis zu dem Grade, dass ihm der frevelhafte Wunsch nicht
fern bleibt: pereat mundus, fiat philosophia, fiat philosophus, fiam! . .
.
8.
Man sieht, das sind keine unbestochnen Zeugen und Richter über den Wert
des asketischen Ideals, diese Philosophen! Sie denken an sich, - was geht
sie »der Heilige« an! Sie denken an Das dabei, was ihnen gerade das
Unentbehrlichste ist: Freiheit von Zwang, Störung, Lärm, von Geschäften,
Pflichten, Sorgen: Helligkeit im Kopf; Tanz, Sprung und Flug der Gedanken;
eine gute Luft, dünn, klar, frei, trocken, wie die Luft auf Höhen ist, bei
der alles animalische Sein geistiger wird und Flügel bekommt; Ruhe in
allen Souterrains; alle Hunde hübsch an die Kette gelegt; kein Gebell von
Feindschaft und zotteliger Rancune; keine Nagewürmer verletzten Ehrgeizes;
bescheidene und untertänige Eingeweide, fleißig wie Mühlwerke, aber fern;
das Herz fremd, jenseits, zukünftig, posthum, - sie denken, Alles in
Allem, bei dem asketischen Ideal an den heiteren Ascetismus eines
vergöttlichten und flügge gewordnen Tiers, das über dem Leben mehr
schweift als ruht. Man weiß, was die drei großen Prunkworte des
asketischen Ideals sind: Armut, Demut, Keuschheit: und nun sehe man sich
einmal das Leben aller großen fruchtbaren erfinderischen Geister aus der
Nähe an, - man wird darin alle drei bis zu einem gewissen Grade immer
wiederfinden. Durchaus nicht , wie sich von selbst versteht, als ob es
etwa deren »Tugenden« wären - was hat diese Art Mensch mit Tugenden zu
schaffen! - sondern als die eigentlichsten und natürlichsten Bedingungen
ihres besten Daseins, ihrer schönsten Fruchtbarkeit. Dabei ist es ganz
wohl möglich, dass ihre dominierende Geistigkeit vorerst einem unbändigen
und reizbaren Stolze oder einer mutwilligen Sinnlichkeit Zügel anzulegen
hatte oder dass sie ihren Willen zur »Wüste« vielleicht gegen einen Hang
zum Luxus und zum Ausgesuchtesten, insgleichen gegen eine
verschwenderische Liberalität mit Herz und Hand schwer genug aufrecht
erhielt. Aber sie tat es, eben als der dominierende Instinkt, der seine
Forderungen bei allen andren Instinkten durchsetzte - sie tut es noch;
täte sie's nicht, so dominierte sie eben nicht. Daran ist also nichts von
»Tugend«. Die Wüste übrigens, von welcher ich eben sprach, in die sich die
starken, unabhängig gearteten Geister zurückziehen und vereinsamen - oh
wie anders sieht sie aus, als die Gebildeten sich eine Wüste träumen! -
unter Umständen sind sie es nämlich selbst, diese Gebildeten. Und gewiss
ist es, dass alle Schauspieler des Geistes es schlechterdings nicht in ihr
aushielten, - für sie ist sie lange nicht romantisch und syrisch genug,
lange nicht Theater-Wüste genug! Es fehlt allerdings auch in ihr nicht an
Kamelen: darauf aber beschränkt sich die ganze Ähnlichkeit. Eine
willkürliche Obskurität vielleicht; ein Aus-dem-Wege-Gehn vor sich selber;
eine Scheu vor Lärm, Verehrung, Zeitung, Einfluss; ein kleines Amt, ein
Alltag, Etwas, das mehr verbirgt als an's Licht stellt; ein Umgang
gelegentlich mit harmlosem heitren Getier und Geflügel, dessen Anblick
erholt; ein Gebirge zur Gesellschaft, aber kein totes, eins mit Augen (das
heißt mit Seen); unter Umständen selbst ein Zimmer in einem vollen
Allerwelts-Gasthof, wo man sicher ist, verwechselt zu werden, und
ungestraft mit Jedermann reden kann, - das ist hier »Wüste«: oh sie ist
einsam genug, glaubt es mir! Wenn Heraklit sich in die Freihöfe und
Säulengänge des ungeheuren Artemis-Tempels zurückzog, so war diese »Wüste«
würdiger, ich gebe es zu: weshalb feh1en uns solche Tempel? (- sie fehlen
uns vielleicht nicht : eben gedenke ich meines schönsten Studierzimmers,
der Piazza di San Marco, Frühling vorausgesetzt, insgleichen Vormittag,
die Zeit zwischen 10 und 12.) Das aber, dem Heraklit auswich, ist das
Gleiche noch, dem w i r jetzt aus dem Wege gehen: der Lärm und das
Demokraten-Geschwätz der Ephesier, ihre Politik, ihre Neuigkeiten vom
»Reich« (Persien, man versteht mich), ihr Markt-Kram von »Heute«, - denn
wir Philosophen brauchen zu allererst vor Einem Ruhe: vor allem »Heute«.
Wir verehren das Stille, das Kalte, das Vornehme, das Ferne, das
Vergangne, Jegliches überhaupt, bei dessen Aspekt die Seele sich nicht zu
verteidigen und zuzuschnüren hat, - Etwas, mit dem man reden kann, ohne
1aut zu reden. Man höre doch nur auf den Klang, den ein Geist hat, wenn er
redet: jeder Geist hat seinen Klang, liebt seinen Klang. Das dort zum
Beispiel muss wohl ein Agitator sein, will sagen ein Hohlkopf, Hohltopf:
was auch nur in ihn hineingeht, jeglich Ding kommt dumpf und dick aus ihm
zurück, beschwert mit dem Echo der großen Leere. Jener dort spricht selten
anders als heiser: hat er sich vielleicht heiser gedacht? Das wäre möglich
- man frage die Physiologen -, aber wer in Worten denkt, denkt als Redner
und nicht als Denker (es verrät, dass er im Grunde nicht Sachen, nicht
sachlich denkt, sondern nur in Hinsicht auf Sachen, dass er eigentlich
sich und seine Zuhörer denkt). Dieser Dritte da redet aufdringlich, er
tritt zu nahe uns an den Leib, sein Atem haucht uns an, - unwillkürlich
schließen wir den Mund, obwohl es ein Buch ist, durch das er zu uns
spricht: der Klang seines Stils sagt den Grund davon, - dass er keine Zeit
hat, dass er schlecht an sich selber glaubt, dass er heute oder niemals
mehr zu Worte kommt. Ein Geist aber, der seiner selbst gewiss ist, redet
leise; er sucht die Verborgenheit, er lässt auf sich warten. Man
erkennt einen Philosophen daran, dass er drei glänzenden und lauten Dingen
aus dem Weg geht, dem Ruhme, den Fürsten und den Frauen: womit nicht
gesagt ist, dass sie nicht zu ihm kämen. Er scheut allzuhelles Licht:
deshalb scheut er seine Zeit und deren »Tag«. Darin ist er wie ein
Schatten: je mehr ihm die Sonne sinkt, um so größer wird er. Was seine
»Demut« angeht, so verträgt er, wie er das Dunkel verträgt, auch eine
gewisse Abhängigkeit und Verdunkelung: mehr noch, er fürchtet sich vor der
Störung durch Blitze, er schreckt vor der Ungeschütztheit eines allzu
isolierten und preisgegebenen Baums zurück, an dem jedes schlechte Wetter
seine Laune, jede Laune ihr schlechtes Wetter auslässt. Sein
»mütterlicher« Instinkt, die geheime Liebe zu dem, was in ihm wächst,
weist ihn auf Lagen hin, wo man es ihm abnimmt, ansich zu denken; in
gleichem Sinne, wie der Instinkt der Mutter im Weibe die abhängige Lage
des Weibes überhaupt bisher festgehalten hat. Sie verlangen zuletzt wenig
genug, diese Philosophen, ihr Wahlspruch ist »wer besitzt, wird besessen«
-: nicht , wie ich wieder und wieder sagen muss, aus einer Tugend, aus
einem verdienstlichen Willen zur Genügsamkeit und Einfalt, sondern weil es
ihr oberster Herr so von ihnen verlangt, klug und unerbittlich verlangt:
als welcher nur für Eins Sinn hat und Alles, Zeit, Kraft, Liebe, Interesse
nur dafür sammelt, nur dafür aufspart. Diese Art Mensch liebt es nicht,
durch Feindschaften gestört zu werden, auch durch Freundschaften nicht:
sie vergisst oder verachtet leicht. Es dünkt ihr ein schlechter Geschmack,
den Märtyrer zu machen; »für die Wahrheit zu 1eiden« - das überlässt sie
den Ehrgeizigen und Bühnenhelden des Geistes und wer sonst Zeit genug dazu
hat (- sie selbst, die Philosophen, haben Etwas für die Wahrheit zu tun).
Sie machen einen sparsamen Verbrauch von großen Worten; man sagt, dass
ihnen selbst das Wort »Wahrheit« widerstehe: es klinge großtuerisch . . .
Was endlich die »Keuschheit« der Philosophen anbelangt, so hat diese Art
Geist ihre Fruchtbarkeit ersichtlich wo anders als in Kindern; vielleicht
wo anders auch das Fortleben ihres Namens, ihre kleine Unsterblichkeit
(noch unbescheidener drückte man sich im alten Indien unter Philosophen
aus »wozu Nachkommenschaft Dem, dessen Seele die Welt ist?«). Darin ist
Nichts von Keuschheit aus irgend einem asketischen Skrupel und Sinnenhass,
so wenig es Keuschheit ist, wenn ein Athlet oder Jockey sich der Weiber
enthält: so will es vielmehr, zum Mindesten für die Zeiten der großen
Schwangerschaft, ihr dominierender Instinkt. Jeder Artist weiß, wie
schädlich in Zuständen großer geistiger Spannung und Vorbereitung der
Beischlaf wirkt; für die mächtigsten und instinktsichersten unter ihnen
gehört dazu nicht erst die Erfahrung, die schlimme Erfahrung, - sondern
eben ihr »mütterlicher« Instinkt ist es, der hier zum Vorteil des
werdenden Werkes rücksichtslos über alle sonstigen Vorräte und Zuschüsse
von Kraft, von vigor des animalen Lebens verfügt: die größere Kraft
verbraucht dann die kleinere. - Man lege sich übrigens den oben
besprochenen Fall Schopenhauer's nach dieser Interpretation zurecht: der
Anblick des Schönen wirkte offenbar bei ihm als auslösender Reiz auf die
Hauptkraft seiner Natur (die Kraft der Besinnung und des vertieften
Blicks); so dass diese dann explodierte und mit einem Male Herr des
Bewusstseins wurde. Damit soll durchaus die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen sein, dass jene eigentümliche Süßigkeit und Fülle, die dem
ästhetischen Zustande eigen ist, gerade von der Ingredienz »Sinnlichkeit«
ihre Herkunft nehmen könnte, (wie aus der selben Quelle jener »Idealismus«
stammt, der mannbaren Mädchen eignet) - dass somit die Sinnlichkeit beim
Eintritt des ästhetischen Zustandes nicht aufgehoben ist, wie Schopenhauer
glaubte, sondern sich nur transfiguriert und nicht als Geschlechtsreiz
mehr ins Bewusstsein tritt. (Auf diesen Gesichtspunkt werde ich ein andres
Mal zurückkommen, im Zusammenhang mit noch delikateren Problemen der
bisher so unberührten, so unaufgeschlossenen Physiologie der Ästhetik.)
9.
Ein gewisser Ascetismus, wir sahen es, eine harte und heitere
Entsagsamkeit besten Willens gehört zu den günstigen Bedingungen höchster
Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natürlichsten Folgen: so wird es
von vornherein nicht Wunder nehmen, wenn das asketische Ideal gerade von
den Philosophen nie ohne einige Voreingenommenheit behandelt worden ist.
Bei einer ernsthaften historischen Nachrechnung erweist sich sogar das
Band zwischen asketischem Ideal und Philosophie als noch viel enger und
strenger. Man könnte sagen, dass erst am Gängelbande dieses Ideals die
Philosophie überhaupt gelernt habe, ihre ersten Schritte und Schrittchen
auf Erden zu machen - ach, noch so ungeschickt, ach, mit noch so
verdrossnen Mienen, ach, so bereit, umzufallen und auf dem Bauch zu
liegen, dieser kleine schüchterne Tapps und Zärtling mit krummen Beinen!
Es ist der Philosophie anfangs ergangen wie allen guten Dingen, - sie
hatten lange keinen Muth zu sich selber, sie sahen sich immer um, ob ihnen
Niemand zu Hülfe kommen wolle, mehr noch, sie fürchteten sich vor Allen,
die ihnen zusahn. Man rechne sich die einzelnen Triebe und Tugenden des
Philosophen der Reihe nach vor - seinen anzweifelnden Trieb, seinen
verneinenden Trieb, seinen abwartenden (»ephektischen«) Trieb, seinen
analytischen Trieb, seinen forschenden, suchenden, wagenden Trieb, seinen
vergleichenden, ausgleichenden Trieb, seinen Willen zu Neutralität und
Objektivität, seinen Willen zu jedem »sine ira et studio« -: hat man wohl
schon begriffen, dass sie allesamt die längste Zeit den ersten Forderungen
der Moral und des Gewissens entgegen gingen? (gar nicht zu reden von der
Vernunft überhaupt, welche noch Luther Frau Klüglin die kluge Hur zu
nennen liebte). Dass ein Philosoph, falls er sich zum Bewusstsein gekommen
wäre , sich geradezu als das leibhafte »nitimur in vetitum« hätte fühlen
müssen - und sich folglich hütete , sich zu fühlen«, sich zum Bewusstsein
zu kommen? . . . Es steht, wie gesagt, nicht anders mit allen guten
Dingen, auf die wir heute stolz sind; selbst noch mit dem Maße der alten
Griechen gemessen, nimmt sich unser ganzes modernes Sein, soweit es nicht
Schwäche, sondern Macht und Machtbewusstsein ist, wie lauter Hybris und
Gottlosigkeit aus: denn gerade die umgekehrten Dinge, als die sind, welche
wir heute verehren, haben die längste Zeit das Gewissen auf ihrer Seite
und Gott zu ihrem Wächter gehabt. Hybris ist heute unsre ganze Stellung
zur Natur, unsre Natur-Vergewaltigung mit Hülfe der Maschinen und der so
unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit; Hybris ist unsre
Stellung zu Gott, will sagen zu irgend einer angeblichen Zweck- und
Sittlichkeits-Spinne hinter dem großen Fangnetz-Gewebe der Ursächlichkeit
- wir dürften wie Karl der Kühne im Kampfe mit Ludwig dem Elften sagen »je
combats l'universelle araignee« -; Hybris ist unsre Stellung zu uns , -
denn wir experimentieren mit uns, wie wir es uns mit keinem Tiere erlauben
würden, und schlitzen uns vergnügt und neugierig die Seele bei lebendigem
Leibe auf: was liegt uns noch am »Heil« .der Seele! Hinterdrein heilen wir
uns selber: Kranksein ist lehrreich, wir zweifeln nicht daran,
lehrreicher noch als Gesundsein, - die Krankmacher scheinen uns heute
nötiger selbst als irgend welche Medizinmänner und »Heilande«. Wir
vergewaltigen uns jetzt selbst, es ist kein Zweifel, wir Nussknacker der
Seele, wir Fragenden und Fragwürdigen, wie als ob Leben nichts Anderes
sei, als Nüsse knacken; eben damit müssen wir notwendig täglich immer noch
fragwürdiger, würdiger zu fragen werden, eben damit vielleicht auch
würdiger - zu leben? . . . Alle guten Dinge waren ehemals schlimme Dinge;
aus jeder Erbsünde ist eine Erbtugend geworden. Die Ehe zum Beispiel
schien lange eine Versündigung am Rechte der Gemeinde; man hat einst Buße
dafür gezahlt, so unbescheiden zu sein und sich ein Weib für sich
anzumaßen (dahin gehört zum Beispiel das jus primae noctis (das Recht der
ersten Nacht), heute noch in Kambodscha das Vorrecht der Priester, dieser
Bewahrer »alter guter Sitten«). Die sanften, wohlwollenden,
nachgiebigen, mitleidigen Gefühle - nachgerade so hoch im Werte, dass sie
fast »die Werte an sich« sind - hatten die längste Zeit gerade die
Selbstverachtung gegen sich: man schämte sich der Milde, wie man sich
heute der Härte schämt (vergl. »Jenseits von Gut und Böse« S. 232). Die
Unterwerfung unter das Recht : - oh mit was für Gewissens-Widerstande
haben die vornehmen Geschlechter überall auf Erden ihrerseits Verzicht auf
Vendetta geleistet und dem Recht über sich Gewalt eingeräumt! Das »Recht«
war lange ein vetitum, ein Frevel, eine Neuerung, es trat mit Gewalt auf,
als Gewalt, der man sich nur mit Scham vor sich selber fügte. Jeder
kleinste Schritt auf der Erde ist ehedem mit geistigen und körperlichen
Martern erstritten worden: dieser ganze Gesichtspunkt, »dass nicht nur das
Vorwärtsschreiten, nein! das Schreiten, die Bewegung, die Veränderung ihre
unzähligen Märtyrer nötig gehabt hat«, klingt gerade heute uns so fremd, -
ich habe ihn in der »Morgenröte« S. 17 ff. ans Licht gestellt. »Nichts ist
teurer erkauft, heißt es daselbst S. 19, als das Wenige von menschlicher
Vernunft und vom Gefühle der Freiheit, was jetzt unsern Stolz ausmacht.
Dieser Stolz aber ist es, dessentwegen es uns jetzt fast unmöglich wird,
mit jenen ungeheuren Zeitstrecken der »Sittlichkeit der Sitte« zu
empfinden, welche der »Weltgeschichte« voraus liegen, als die wirkliche
und entscheidende Hauptgeschichte, welche den Charakter der Menschheit
festgestellt hat: wo das Leiden als Tugend, die Grausamkeit als Tugend,
die Verstellung als Tugend, die Rache als Tugend, die Verleugnung der
Vernunft als Tugend, dagegen das Wohlbefinden als Gefahr, die Wissbegierde
als Gefahr, der Friede als Gefahr, das Mitleiden als Gefahr, das
Bemitleidet-werden als Schimpf, die Arbeit als Schimpf, der Wahnsinn als
Göttlichkeit, die Veränderung als das Unsittliche und Verderben-schwangere
an sich überall in Geltung war!«
10.
In demselben Buche S. 39 ist auseinandergesetzt, in welcher Schätzung,
unter welchem Druck von Schätzung das älteste Geschlecht Kontemplativer
Menschen zu leben hatte, genau so weit verachtet als es nicht gefürchtet
wurde! Die Kontemplation ist in vermummter Gestalt, in einem zweideutigen
Ansehn, mit einem bösen Herzen und oft mit einem geängstigten Kopfe zuerst
auf der Erde erschienen: daran ist kein Zweifel. Das Inaktive, Brütende,
Unkriegerische in den Instinkten kontemplativer Menschen legte lange ein
tiefes Misstrauen um sie herum: dagegen gab es kein anderes Mittel als
entschieden Furcht vor sich erwecken. Und darauf haben sich zum Beispiel
die alten Brahmanen verstanden! Die ältesten Philosophen wussten ihrem
Dasein und Erscheinen einen Sinn, einen Halt und Hintergrund zu geben, auf
den hin man sie fürchten lernte: genauer erwogen, aus einem noch
fundamentaleren Bedürfnisse heraus, nämlich um vor sich selbst Furcht und
Ehrfurcht zu gewinnen. Denn sie fanden in sich alle Werturteile gegen sich
gekehrt, sie hatten gegen »den Philosophen in sich« jede Art Verdacht und
Widerstand niederzukämpfen. Dies taten sie, als Menschen furchtbarer
Zeitalter, mit furchtbaren Mitteln: die Grausamkeit gegen sich, die
erfinderische Selbstkasteiung - das war das Hauptmittel dieser
machtdurstigen Einsiedler und Gedanken-Neuerer, welche es nötig hatten, in
sich selbst erst die Götter und das Herkömmliche zu vergewaltigen, um
selbst an ihre Neuerung glauben zu können. Ich erinnere an die berühmte
Geschichte des Königs Vicvamitra, der aus tausendjährigen
Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und Zutrauen zu sich gewann,
dass er es unternahm, einen neuen Himmel zu bauen: das unheimliche Symbol
der ältesten und jüngsten Philosophen-Geschichte auf Erden, - Jeder, der
irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut hat, fand die Macht dazu
erst in der eignen Hölle . . . Drücken wir den ganzen Tatbestand in kurze
Formeln zusammen: der philosophische Geist hat sich zunächst immer in die
früher festgestellten Typen des kontemplativen Menschen verkleiden und
verpuppen müssen, als Priester, Zauberer, Wahrsager, überhaupt als
religiöser Mensch, um in irgend einem Maße auch nur möglich zu sein: das
asketische Ideal hat lange Zeit dem Philosophen als Erscheinungsform, als
Existenz-Voraussetzung gedient, - er musste es darstellen, um Philosoph
sein zu können, er musste an dasselbe glauben , um es darstellen zu
können. Die eigentümlich weltverneinende, lebensfeindliche,
sinnenungläubige, entsinnlichte Abseits-Haltung der Philosophen, welche
bis auf die neueste Zeit festgehalten worden ist und damit beinahe als
Philosophen-Attitüde an sich Geltung gewonnen hat, - sie ist vor Allem
eine Folge des Notstandes von Bedingungen, unter denen Philosophie
überhaupt entstand und bestand: insofern nämlich die längste Zeit
Philosophie auf Erden gar nicht mög1ich gewesen wäre ohne eine asketische
Hülle und Einkleidung, ohne ein asketisches Selbst-Missverständnis.
Anschaulich und augenscheinlich ausgedrückt: der asketische Priester hat
bis auf die neueste Zeit die widrige und düstere Raupenform abgegeben,
unter der allein die Philosophie leben durfte und herumschlich . . . Hat
sich das wirklich verändert? Ist das bunte und gefährliche Flügeltier,
jener »Geist«, den diese Raupe in sich barg, wirklich, Dank einer
sonnigeren, wärmeren, aufgehellteren Welt, zuletzt doch noch entkuttet und
ins Licht hinausgelassen worden? Ist heute schon genug Stolz, Wagnis,
Tapferkeit, Selbstgewissheit, Wille des Geistes, Wille zur
Verantwortlichkeit, Freiheit des Willens vorhanden, dass wirklich nunmehr
auf Erden »der Philosoph« - möglich ist?
11.
Jetzt erst, nachdem wir den asketischen Priester in Sicht bekommen haben,
rücken wir unsrem Probleme: was bedeutet das asketische Ideal? ernsthaft
auf den Leib, - jetzt erst wird es »Ernst«: wir haben nunmehr den
eigentlichen Repräsentanten des Ernstes überhaupt und gegenüber. »Was
bedeutet aller Ernst?« - diese noch grundsätzlichere Frage legt sich
vielleicht hier schon auf unsre Lippen: eine Frage für Physiologen, wie
billig, an der wir aber einstweilen noch vorüberschlüpfen. Der asketische
Priester hat in jedem Ideale nicht nur seinen Glauben, sondern auch seinen
Willen, seine Macht, sein Interesse. Sein Recht zum Dasein steht und fällt
mit jenem Ideale: was Wunder, dass wir hier auf einen furchtbaren Gegner
stoßen, gesetzt nämlich, dass wir die Gegner jenes Ideales wären? einen
solchen, der um seine Existenz gegen die Leugner jenes Ideales kämpft? . .
. Andrerseits ist es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass eine
dergestalt interessierte Stellung zu unsrem Probleme diesem sonderlich zu
Nutze kommen wird; der asketische Priester wird schwerlich selbst nur den
glücklichsten Verteidiger seines Ideals abgeben, aus dem gleichen Grunde,
aus dem es einem Weibe zu misslingen pflegt, wenn es »das Weib an sich«
verteidigen will, geschweige denn den objektivsten Beurteiler und Richter
der hier aufgeregten Kontroverse. Eher also werden wir ihm noch zu helfen
haben so viel liegt jetzt schon auf der Hand - sich gut gegen uns zu
verteidigen als dass wir zu fürchten hätten, zu gut von ihm widerlegt zu
werden . . . Der Gedanke, um den hier gekämpft wird, ist die Wertung
unsres Lebens seitens der asketischen Priester: dasselbe wird (samt dem,
wozu es gehört, »Natur«, »Welt«, die gesamte Sphäre des Werdens und der
Vergänglichkeit) von ihnen in Beziehung gesetzt zu einem ganz
andersartigen Dasein, zu dem es sich gegensätzlich und ausschließend
verhält, es sei denn, dass es sich etwa gegen sich selber wende, sich
selbst verneine: in diesem Falle, dem Falle eines asketischen Lebens, gilt
das Leben als eine Brücke für jenes andre Dasein. Der Asket behandelt das
Leben wie einen Irrweg, den man endlich rückwärts gehen müsse, bis
dorthin, wo er anfängt; oder wie einen Irrtum, den man durch die Tat
widerlege widerlegen solle denn er fordert, dass man mit ihm gehe, er
erzwingt, wo er kann, seine Wertung des Daseins. Was bedeutet das? Eine
solche ungeheuerliche Wertungsweise steht nicht als Ausnahmefall und
Kuriosum in die Geschichte des Menschen eingeschrieben: sie ist eine der
breitesten und längsten Tatsachen, die es gibt. Von einem fernen
Gestirn aus gelesen, würde vielleicht die Majuskel-Schrift unsres
Erden-Daseins zu dem Schluss verführen, die Erde sei der eigentlich
asketische Stern, ein Winkel missvergnügter, hochmütiger und widriger
Geschöpfe, die einen tiefen Verdruss an sich, an der Erde, an allem Leben
gar nicht los würden und sich selber so viel Wehe täten als möglich, aus
Vergnügen am Wehetun: - wahrscheinlich ihrem einzigen Vergnügen. Erwägen
wir doch, wie regelmäßig, wie allgemein, wie fast zu allen Zeiten der
asketische Priester in die Erscheinung tritt; er gehört keiner einzelnen
Rasse an; er gedeiht überall; er wächst aus allen Ständen heraus.
Nicht dass er etwa seine Wertungsweise durch Vererbung züchtete und
weiterpflanzte: das Gegenteil ist der Fall, - ein tiefer Instinkt
verbietet ihm vielmehr, ins Große gerechnet, die Fortpflanzung. Es muss
eine Necessität (Notwendigkeit) ersten Rangs sein, welche diese
lebensfeindliche Spezies immer wieder wachsen und gedeihen macht, - es
muss wohl ein Interesse des Lebens selbst sein, dass ein solcher Typus des
Selbstwiderspruchs nicht ausstirbt. Denn ein asketisches Leben ist ein
Selbstwiderspruch: hier herrscht ein Ressentiment sonder Gleichen, das
eines ungesättigten Instinktes und Machtwillens, der Herr werden möchte,
nicht über Etwas am Leben, sondern über das Leben selbst, über dessen
tiefste, stärkste, unterste Bedingungen; hier wird ein Versuch gemacht,
die Kraft zu gebrauchen, um die Quellen der Kraft zu verstopfen; hier
richtet sich der Blick grün und hämisch gegen das physiologische Gedeihen
selbst, in Sonderheit gegen dessen Ausdruck, die Schönheit, die Freude;
während am Missraten, Verkümmern, am Schmerz, am Unfall, am Hässlichen, an
der willkürlichen Einbusse, an der Entselbstung, Selbstgeißelung,
Selbstopferung ein Wohlgefallen empfunden und gesucht wird. Dies ist Alles
im höchsten Grade paradox: wir stehen hier vor einer Zwiespältigkeit, die
sich selbst zwiespältig will, welche sich selbst in diesem Leiden genießt
und in dem Maße sogar immer selbstgewisser und triumphierender wird, als
ihre eigne Voraussetzung, die physiologische Lebensfähigkeit, abnimmt.
»Der Triumph gerade in der letzten Agonie«: unter diesem superlativischen
Zeichen kämpfte von jeher das asketische Ideal; in diesem Rätsel von
Verführung, in diesem Bilde von Entzücken und Qual erkannte es sein
hellstes Licht, sein Heil, seinen endlichen Sieg. Crux, nux, lux - das
gehört bei ihm in Eins.
12.
Gesetzt, dass ein solcher leibhafter Wille zur Kontradiktion und
Widernatur dazu gebracht wird, zu phi1osophiren woran wird er seine
innerlichste Willkür auslassen? An dem, was am allersichersten als wahr,
als real empfunden wird: er wird den Irrtum gerade dort suchen, wo der
eigentliche Lebens-Instinkt die Wahrheit am unbedingtesten ansetzt. Er
wird zum Beispiel, wie es die Asketen der Vedanta-Philosophie taten, die
Leiblichkeit zur Illusion herabsetzen, den Schmerz insgleichen, die
Vielheit, den ganzen Begriffs-Gegensatz »Subjekt« und »Objekt« - Irrtümer,
Nichts als Irrtümer! Seinem Ich den Glauben versagen, sich selber seine
»Realität« verneinen - welcher Triumph! - schon nicht mehr bloß über die
Sinne, über den Augenschein, eine viel höhere Art Triumph, eine
Vergewaltigung und Grausamkeit an der Vernunft : als welche Wollust damit
auf den Gipfel kommt, dass die asketische Selbstverachtung,
Selbstverhöhnung der Vernunft dekretiert: »es gibt ein Reich der Wahrheit
und des Seins, aber gerade die Vernunft ist davon ausgeschlossen!« . . .
(Anbei gesagt: selbst noch in dem Kantischen Begriff »intelligibler
Charakter der Dinge« ist Etwas von dieser lüsternen
Asketen-Zwiespältigkeit rückständig, welche Vernunft gegen Vernunft zu
kehren liebt: »intelligibler Charakter« bedeutet nämlich bei Kant eine Art
Beschaffenheit der Dinge, von der der Intellekt gerade soviel begreift,
dass sie für den Intellekt- ganz und gar unbegreiflich ist.) Seien wir
zuletzt, gerade als Erkennende, nicht undankbar gegen solche resolute
Umkehrungen der gewohnten Perspektiven und Wertungen, mit denen der Geist
allzu lange scheinbar freventlich und nutzlos gegen sich selbst gewütet
hat: dergestalt einmal anders sehn, anders-sehn- wollen ist keine kleine
Zucht und Vorbereitung des Intellekts zu seiner einstmaligen
»Objektivität«, - letztere nicht als »interesselose Anschauung« verstanden
(als welche ein Unbegriff und Widersinn ist), sondern als das Vermögen,
sein Für und Wider in der Gewalt zu haben und aus- und einzuhängen: so
dass man sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und der
Affekt-Interpretationen für die Erkenntnis nutzbar zu machen weiß. Hüten
wir uns nämlich, meine Herrn Philosophen, von nun an besser vor der
gefährlichen alten Begriffs-Fabelei, welche ein »reines, willenloses,
schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis« angesetzt hat, hüten wir
uns vor den Fangarmen solcher kontradiktorischen Begriffe wie »reine
Vernunft«, »absolute Geistigkeit«, »Erkenntnis an sich«: - hier wird immer
ein Auge zu denken verlangt, das gar nicht gedacht werden kann, ein Auge,
das durchaus keine Richtung haben soll, bei dem die aktiven und
interpretierenden Kräfte unterbunden sein sollen, fehlen sollen, durch die
doch Sehen erst ein Etwas-Sehen wird, hier wird also immer ein Widersinn
und Unbegriff von Auge verlangt. Es gibt nur ein perspektivisches Sehen,
nur ein perspektivisches »Erkennen«; und je mehr Affekte wir über eine
Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für
dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser
»Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen aber
überhaupt eliminieren, die Affekte samt und sonders aushängen, gesetzt,
dass wir dies vermöchten: wie? hieße das nicht den Intellekt kastrieren? .
. .
13.
Aber kehren wir zurück. Ein solcher Selbstwiderspruch, wie er sich im
Asketen darzustellen scheint, »Leben gegen Leben« ist - so viel liegt
zunächst auf der Hand - physiologisch und nicht mehr psychologisch
nachgerechnet, einfach Unsinn. Er kann nur scheinbar sein; er muss eine
Art vorläufigen Ausdrucks, eine Auslegung, Formel, Zurechtmachung, ein
psychologisches Missverständnis von Etwas sein, dessen eigentliche Natur
lange nicht verstanden, lange nicht an sich bezeichnet werden konnte, -
ein bloßes Wort, eingeklemmt in eine alte Lücke der menschlichen
Erkenntnis. Und dass ich kurz den Tatbestand dagegen stelle: das
asketische Ideal entspringt dem Schutz- und Heil-Instinkte eines
degenerierenden Lebens, welches sich mit allen Mitteln zu halten sucht und
um sein Dasein kämpft; es deutet auf eine partielle physiologische Hemmung
und Ermüdung hin, gegen welche die tiefsten, intakt gebliebenen Instinkte
des Lebens unausgesetzt mit neuen Mitteln und Erfindungen ankämpfen. Das
asketische Ideal ist ein solches Mittel: es steht also gerade umgekehrt
als es die Verehrer dieses Ideals meinen, - das Leben ringt in ihm und
durch dasselbe mit dem Tode und gegen den Tod, das asketische Ideal ist
ein Kunstgriff in der Erhaltung des Lebens. Dass dasselbe in dem Maße, wie
die Geschichte es lehrt, über den Menschen walten und mächtig werden
konnte, in Sonderheit überall dort, wo die Zivilisation und Zähmung des
Menschen durchgesetzt wurde, darin drückt sich eine große Tatsache aus,
die Krankhaftigkeit im bisherigen Typus des Menschen, zum Mindesten des
zahm gemachten Menschen, das physiologische Ringen des Menschen mit dem
Tode (genauer: mit dem Überdrusse am Leben, mit der Ermüdung, mit dem
Wunsche nach dem »Ende«). Der asketische Priester ist der fleischgewordne
Wunsch nach einem Anders-sein, Anderswo-sein, und zwar der höchste Grad
dieses Wunsches, dessen eigentliche Inbrunst und Leidenschaft: aber eben
die Macht seines Wünschens ist die Fessel, die ihn hier anbindet, eben
damit wird er zum Werkzeug, das daran arbeiten muss, günstigere
Bedingungen für das Hiersein und Mensch-sein zu schaffen, - eben mit
dieser Macht hält er die ganze Herde der Missratnen, Verstimmten,
Schlechtweggekommnen, Verunglückten, An-sich-Leidenden jeder Art am Dasein
fest, indem er ihnen instinktiv als Hirt vorangeht. Man versteht mich
bereits: dieser asketische Priester, dieser anscheinende Feind des Lebens,
dieser Verneinende, - er gerade gehört zu den ganz großen konservierenden
und Ja-schaffenden Gewalten des Lebens . . . Woran sie hängt, jene
Krankhaftigkeit? Denn der Mensch ist kränker, unsicherer, wechselnder,
unfestgestellter als irgend ein Tier sonst, daran ist kein Zweifel, - er
ist das kranke Tier: woher kommt das? Sicherlich hat er auch mehr gewagt,
geneuert, getrotzt, das Schicksal herausgefordert als alle übrigen Tiere
zusammen genommen: er, der große Experimentator mit sich, der
Unbefriedigte, Ungesättigte, der um die letzte Herrschaft mit Thier, Natur
und Göttern ringt, - er, der immer noch Unbezwungne, der ewig-Zukünftige,
der vor seiner eignen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so dass ihm
seine Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im Fleische jeder Gegenwart
wühlt: - wie sollte ein solches mutiges und reiches Tier nicht auch das
am meisten gefährdete, das am Längsten und Tiefsten kranke unter allen
kranken Tieren sein? . . . Der Mensch hat es satt, oft genug, es gibt
ganze Epidemien dieses Satthabens (- so um 1348 herum, zur Zeit des
Totentanzes): aber selbst noch dieser Ekel, diese Müdigkeit, dieser
Verdruss an sich selbst - Alles tritt an ihm so mächtig heraus, dass es
sofort wieder zu einer neuen Fessel wird. Sein Nein, das er zum Leben
spricht, bringt wie durch einen Zauber eine Fülle zarterer ja's ans
Licht; ja wenn er sich verwundet , dieser Meister der Zerstörung,
Selbstzerstörung, - hinterdrein ist es die Wunde selbst; die ihn zwingt,
zu leben . . .
14.
Je normaler die Krankhaftigkeit am Menschen ist - und
wir können diese Normalität nicht in Abrede stellen -, um so höher sollte
man die seltnen Fälle der seelisch-leiblichen Mächtigkeit, die Glücksfälle
des Menschen in Ehren halten, um so strenger die Wohlgeratenen vor der
schlechtesten Luft, der Kranken-Luft behüten. Tut man das? . . . Die
Kranken sind die größte Gefahr für die Gesunden; nicht von den
Stärksten kommt das Unheil für die Starken, sondern von den
Schwächsten. Weiß man das? . . . Ins Große gerechnet, ist es durchaus
nicht die Furcht vor dem Menschen, deren Verminderung man wünschen dürfte:
denn diese Furcht zwingt die Starken dazu, stark, unter Umständen
furchtbar zu sein, - sie hält den wohlgeratenen Typus Mensch aufrecht. Was zu fürchten ist, was verhängnisvoll wirkt wie kein andres Verhängnis, das wäre nicht die große Furcht, sondern der große Ekel
vor dem Menschen; insgleichen das große Mitleid mit dem Menschen. Gesetzt,
dass diese beiden eines Tages sich begatteten, so würde unvermeidlich
sofort etwas vom Unheimlichsten zur Welt kommen, der »letzte Wille« des
Menschen, sein Wille zum Nichts, der Nihilismus. Und in der Tat: hierzu
ist Viel vorbereitet. Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, sondern
auch seine Augen und Ohren, der spürt fast überall, wohin er heute auch
nur tritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhaus-Luft, - ich rede, wie
billig, von den Kulturgebieten des Menschen, von jeder Art »Europa«, das
es nachgerade auf Erden giebt. Die Krankhaften sind des Menschen große
Gefahr: nicht die Bösen, nicht die »Raubtiere«. Die von vornherein
Verunglückten, Niedergeworfnen, Zerbrochnen - sie sind es, die Schwächsten
sind es, welche am Meisten das Leben unter Menschen unterminieren, welche
unser Vertrauen zum Leben, zum Menschen, zu uns am gefährlichsten
vergiften und in Frage stellen. Wo entginge man ihm, jenem verhängten
Blick, von dem man eine tiefe Traurigkeit mit fortträgt, jenem
zurückgewendeten Blick des Missgebornen von Anbeginn, der es verrät, wie
ein solcher Mensch zu sich selber spricht, jenem Blick, der ein Seufzer
ist. »Möchte ich irgend jemand Anderes sein! so seufzt dieser Blick: aber
da ist keine Hoffnung. Ich bin, der ich bin: wie käme ich von mir selber
los? Und doch - habe ich mich satt!« . . . Auf solchem Boden der
Selbstverachtung, einem eigentlichen Sumpfboden, wächst jedes Unkraut,
jedes Giftgewächs, und alles so klein, so versteckt, so unehrlich, so
süßlich. Hier wimmeln die Würmer der Rach- und Nachgefühle; hier stinkt
die Luft nach Heimlichkeiten und Uneingeständigkeiten; hier spinnt sich
beständig das Netz der bösartigsten Verschwörung, - der Verschwörung der
Leidenden gegen die Wohlgeratenen und Siegreichen, hier wird der Aspekt
des Siegreichen gehasst. Und welche Verlogenheit, um diesen Hass nicht als
Hass einzugestehen! Welcher Aufwand an großen Worten und Attitüden, welche
Kunst der »rechtschaffnen« Verleumdung! Diese Missratenen: welche edle
Beredsamkeit entströmt ihren Lippen! Wie viel zuckrige, schleimige,
demütige Ergebung schwimmt in ihren Augen! Was wollen sie eigentlich? Die
Gerechtigkeit, die Liebe, die Weisheit, die Überlegenheit wenigstens
darstellen - das ist der Ehrgeiz dieser »Untersten«, dieser Kranken! Und
wie geschickt macht ein solcher Ehrgeiz! Man bewundere namentlich die
Falschmünzer-Geschicklichkeit, mit der hier das Gepräge der Tugend, selbst
der Klingklang, der Goldklang der Tugend nachgemacht wird. Sie haben die
Tugend jetzt ganz und gar für sich in Pacht genommen, diese Schwachen und
HeillosKrankhaften, daran ist. kein Zweifel: »wir allein sind die Guten,
die Gerechten, so sprechen sie, wir allein sind die homines bonae
voluntatis. « Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als
Warnungen an uns, - wie als ob Gesundheit, Wohlgeratenheit, Stärke, Stolz,
Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge seien, für die man einst
büssen, bitter büssen müsse: oh wie sie im Grunde dazu selbst bereit sind,
büssen zu machen, wie sie darnach dürsten, Henker zu sein! Unter ihnen
gibt es in Fülle die zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche
beständig das Wort »Gerechtigkeit« wie einen giftigen Speichel im Munde
tragen, immer gespitzten Mundes, immer bereit, Alles anzuspeien, was nicht
unzufrieden blickt und guten Muths seine Strasse zieht. Unter ihnen fehlt
auch jene ekelhafteste Spezies der Eitlen nicht, die verlognen
Missgeburten, die darauf aus sind, »schöne Seelen« darzustellen und etwa
ihre verhunzte Sinnlichkeit, in Verse und andere Windeln gewickelt, als
»Reinheit des Herzens« auf den Markt bringen: die. Spezies der moralischen
Onanisten und »Selbstbefriediger«. Der Wille der Kranken, irgend eine Form
der Überlegenheit darzustellen, ihr Instinkt für Schleichwege, die zu
einer Tyrannei über die Gesunden führen, - wo fände er sich nicht, dieser
Wille gerade der Schwächsten zur Macht! Das kranke Weib in Sonderheit:
Niemand übertrifft es in Raffinements, zu herrschen, zu drücken, zu
tyrannisieren. Das kranke Weib schont dazu nichts Lebendiges, nichts
Totes, es gräbt die begrabensten Dinge wieder auf (die Bogos sagen: »das
Weib ist eine Hyäne«). Man blicke in die Hintergründe jeder Familie, jeder
Körperschaft, jedes Gemeinwesens: überall der Kampf der Kranken gegen die
Gesunden, - ein stiller Kampf zumeist mit kleinen Giftpulvern, mit
Nadelstichen, mit tückischem Dulder-Mienenspiele, mitunter aber auch mit
jenem Kranken-Pharisäismus der lauten Gebärde, der am liebsten »die edle
Entrüstung« spielt. Bis in die geweihten Räume der Wissenschaft hinein
möchte es sich hörbar machen, das heisere Entrüstungsgebell der
krankhaften Hunde, die bissige Verlogenheit und Wut solcher »edlen«
Pharisäer (- ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals an jenen
Berliner Rache-Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den
unanständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bumbum macht:
Dühring, das erste Moral-Großmaul, das es jetzt gibt, selbst noch unter
seines Gleichen, den Antisemiten). Das sind alles Menschen des
Ressentiment, diese physiologisch Verunglückten und Wurmstichigen, ein
ganzes zitterndes Erdreich unterirdischer Rache, unerschöpflich,
unersättlich in Ausbrüchen gegen die Glücklichen und ebenso in Maskeraden
der Rache, in Vorwänden zur Rache: wann würden sie eigentlich zu ihrem
letzten, feinsten, sublimsten Triumph der Rache. kommen? Dann
unzweifelhaft, wenn es ihnen gelänge, ihr eignes Elend, alles Elend
überhaupt den Glücklichen ins Gewissen zu schieben: so dass diese sich
eines Tags ihres Glücks zu schämen begönnen und vielleicht unter einander
sich sagten: »es ist eine Schande, glücklich zu sein! es gibt zu viel
Elend!« ... Aber es könnte gar kein größeres und verhängnisvolleres
Missverständnis geben, als wenn dergestalt die Glücklichen, die
Wohlgeratenen, die Mächtigen an Leib und Seele anfingen, an ihrem Recht
auf Glück zu zweifeln. Fort mit dieser »verkehrten Welt«! Fort mit dieser
schändlichen Verweichlichung des Gefühls! Dass die Kranken nicht die
Gesunden krank machen - und dies wäre eine solche Verweichlichung - das
sollte doch der oberste Gesichtspunkt auf Erden sein: - dazu aber gehört
vor allen Dingen, dass die Gesunden von den Kranken abgetrennt bleiben,
behütet selbst vor dem Anblick der Kranken, dass sie sich nicht mit den
Kranken verwechseln. Oder wäre es etwa ihre Aufgabe, Krankenwärter oder
Ärzte zu sein? . . Aber sie könnten ihre Aufgabe gar nicht schlimmer
verkennen und verleugnen, das Höhere soll sich nicht zum Werkzeug des
Niedrigeren herabwürdigen, das Pathos der Distanz soll in alle Ewigkeit
auch die Aufgaben auseinander halten! Ihr Recht, da zu sein, das Vorrecht
der Glocke mit vollem Klange vor der misstönigen, zersprungenen, ist ja
ein tausendfach größeres: sie allein sind die Bürgen der Zukunft, sie
allein sind verpflichtet für die Menschen-Zukunft. Was sie können, was sie
sollen, das dürften niemals Kranke können und sollen: aber damit sie
können, was nur sie sollen, wie stünde es ihnen noch frei, den Arzt, den
Trostbringer, den »Heiland« der Kranken zu machen? . . . Und darum gute
Luft! gute Luft! Und weg jedenfalls aus der Nähe von allen Irren- und
Krankenhäusern der Kultur! Und darum gute Gesellschaft, unsre
Gesellschaft! Oder Einsamkeit, wenn es sein muss! Aber weg jedenfalls von
den üblen Dünsten der innewendigen Verderbnis und des heimlichen
Kranken-Wurmfraßes! . . . Damit wir uns selbst nämlich, meine Freunde,
wenigstens eine Weile noch gegen die zwei schlimmsten Seuchen verteidigen,
die gerade für uns aufgespart sein mögen, - gegen den großen Ekel am
Menschen! gegen das große Mitleid mit dem Menschen! . . .
15.
Hat man in aller Tiefe begriffen - und ich verlange, dass man hier gerade
tief greift, tief begreift - inwiefern es schlechterdings nicht die
Aufgabe der Gesunden sein kann, Kranke zu warten, Kranke gesund zu machen,
so ist damit auch eine Notwendigkeit mehr begriffen, - die Notwendigkeit
von Ärzten und Krankenwärtern, die selber krank sind: und nunmehr haben
und halten wir den Sinn des asketischen Priesters mit beiden Händen. Der
asketische Priester muss uns als der vorherbestimmte Heiland, Hirt und
Anwalt der kranken Herde gelten: damit erst verstehen wir seine ungeheure
historische Mission. Die Herrschaft über Leidende ist sein Reich, auf sie
weist ihn sein Instinkt an, in ihr hat er seine eigenste Kunst, seine
Meisterschaft, seine Art von Glück. Er muss selber krank sein, er muss den
Kranken und Schlechtweggekommenen von Grund aus verwandt sein, um sie zu
verstehen, um sich mit ihnen zu verstehen; aber er muss auch stark sein,
mehr Herr noch über sich als über Andere, unversehrt namentlich in seinem
Willen zur Macht, damit er das Vertrauen und die Furcht der Kranken hat,
damit er ihnen Halt, Widerstand, Stütze, Zwang, Zuchtmeister, Tyrann, Gott
sein kann, Er hat sie zu verteidigen, seine Herde - gegen wen? Gegen die
Gesunden, es ist kein Zweifel, auch gegen den Neid auf die Gesunden; er
muss der natürliche Widersacher und Verächter aller rohen, stürmischen,
zügellosen, harten, gewalttätig-raubtierhaften Gesundheit und Mächtigkeit
sein. Der Priester ist die erste Form des delikateren Tiers, das leichter
noch verachtet als hasst. Es wird ihm nicht erspart bleiben, Krieg zu
führen mit den Raubtieren, einen Krieg der List (des »Geistes«) mehr als
der Gewalt, wie sich von selbst versteht, - er wird es dazu unter
Umständen nötig haben, beinahe einen neuen Raubtier-Typus an sich
herauszubilden, mindestens zu bedeuten , - eine neue Tier-Furchtbarkeit,
in welcher der Eisbär, die geschmeidige kalte abwartende Tigerkatze und
nicht am wenigsten der Fuchs zu einer ebenso anziehenden als Furcht
einflößenden Einheit gebunden scheinen. Gesetzt, dass die Not ihn zwingt,
so tritt er dann wohl bärenhaft-ernst, ehrwürdig, klug, kalt,
trügerisch-überlegen, als Herold und Mundstück geheimnisvollerer Gewalten,
mitten unter die andere Art Raubtiere selbst, entschlossen, auf diesem
Boden Leid, Zwiespalt, Selbstwiderspruch, wo er kann, auszusäen und,
seiner Kunst nur zu gewiss, über Leidende jederzeit Herr zu . werden. Er
bringt Salben und Balsam mit, es ist kein Zweifel; aber erst hat er nötig,
zu verwunden, um Arzt zu sein; indem er dann den Schmerz stillt, den die
Wunde macht, vergifteter zugleich die Wunde - darauf vor Allem nämlich
versteht er sich, dieser Zauberer und Raubtier-Bändiger, in dessen Umkreis
alles Gesunde notwendig krank und alles Kranke notwendig zahm wird. Er
verteidigt in der Tat gut genug seine kranke Herde, dieser seltsame Hirt,
- er verteidigt sie auch gegen sich, gegen die in der Herde selbst
glimmende Schlechtigkeit, Tücke, Böswilligkeit und was sonst allen
Süchtigen und Kranken unter einander zu eigen ist, er kämpft klug, hart
und heimlich mit der Anarchie und der jederzeit beginnenden
Selbstauflösung innerhalb der Herde, in welcher jener gefährlichste
Spreng- und Explosivstoff, das Ressentiment , sich beständig häuft und
häuft. Diesen Sprengstoff so zu entladen, dass er nicht die Herde und
nicht den Hirten zersprengt, das ist sein eigentliches Kunststück, auch
seine oberste Nützlichkeit; wollte man den Werth der priesterlichen
Existenz in die kürzeste Formel fassen, so wäre geradewegs zu sagen: der
Priester ist der Richtungs-Veränderer des Ressentiment. Jeder Leidende
nämlich sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen
Täter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen schuldigen Täter,
kurz, irgend etwas Lebendiges, an dem er seine Affekte tätlich oder in
effigie auf irgend einen Vorwand hin entladen kann: denn die
Affekt-Entladung ist der größte Erleichterung:- nämlich Betäubungs-Versuch
des Leidenden, sein unwillkürlich begehrtes Narkotikum gegen Qual irgend
welcher Art. Hierin allein ist, meiner Vermutung nach, die wirkliche
physiologische Ursächlichkeit des Ressentiment, der Rache und ihrer
Verwandten, zu finden, in einem Verlangen also nach Betäubung von Schmerz
durch Affekt: - man sucht dieselbe gemeinhin, sehr irrtümlich, wie mich
dünkt, in dem Defensiv-Gegenschlag, einer bloßen Schutzmaßregel der
Reaktion, einer »Reflexbewegung im Falle irgend einer plötzlichen
Schädigung und Gefährdung, von der Art, wie sie ein Frosch ohne Kopf noch
vollzieht, um eine ätzende Säure loszuwerden. Aber die Verschiedenheit ist
fundamental: im einen Falle will man weiteres Beschädigt-werden hindern,
im anderen Falle will man einen quälenden, heimlichen,
unerträglich-werdenden Schmerz durch eine heftigere Emotion irgend welcher
Art betäuben und für den Augenblick wenigstens aus dem Bewusstsein
schaffen, - dazu braucht man einen Affekt, einen möglichst wilden Affekt
und, zu dessen Erregung, den ersten besten Vorwand. »Irgend Jemand muss
schuld daran sein, dass ich mich schlecht befinde« - diese Art zu
schließen ist allen Krankhaften eigen, und zwar je mehr ihnen die wahre
Ursache ihres Sich-Schlecht-Befindens, die physiologische, verborgen
bleibt (- sie kann etwa in einer Erkrankung des nervus sympathicus liegen
oder in einer übermäßigen Gallen-Absonderung, oder an einer Armut des
Blutes an schwefel- und phosphorsaurem Kali oder in Druckzuständen des
Unterleibes, welche den Blutumlauf stauen, oder in Entartung der
Eierstöcke und dergleichen). Die Leidenden sind allesamt von einer
entsetzlichen Bereitwilligkeit und Erfindsamkeit in Vorwänden zu
schmerzhaften Affekten; sie genießen ihren Argwohn schon, das Grübeln über
Schlechtigkeiten und scheinbare Beeinträchtigungen, sie durchwühlen die
Eingeweide ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach dunklen fragwürdigen
Geschichten, wo es ihnen freisteht, in einem quälerischen Verdachte zu
schwelgen und am eignen Gifte der Bosheit sich zu berauschen - sie reißen
die ältesten Wunden auf, sie verbluten sich an längst ausgeheilten Narben,
sie machen Übeltäter aus Freund, Weib, Kind und was sonst ihnen am
nächsten steht. »Ich leide: daran muss irgend Jemand schuld sein« - also
denkt jedes krankhafte Schaf. Aber sein Hirt, der asketische Priester,
sagt zu ihm: »Recht so, mein Schaf! irgend wer muss daran schuld sein:
aber du selbst bist dieser Irgend-Wer, du selbst bist daran allein schuld,
- du selbst bist an dir allein schuld!«... Das ist kühn genug, falsch
genug: aber Eins ist damit wenigstens erreicht, damit ist, wie gesagt, die
Richtung des Ressentiment - verändert.
16.
Man erräth nunmehr, was nach meiner Vorstellung der Heilkünstler-Instinkt
des Lebens durch den asketischen Priester zum Mindesten versucht hat und
wozu ihm eine zeitweilige Tyrannei solcher paradoxer und paralogischer
Begriffe wie »Schuld«, »Sünde«, »Sündhaftigkeit«, »Verderbnis«, »Verdammniss«
hat dienen müssen: die Kranken bis zu einem gewissen Grade unschädlich
zumachen, die Unheilbaren durch sich selbst zu zerstören, den
MilderErkrankten streng die Richtung auf sich selbst, eine
Rückwärtsrichtung ihres Ressentiments zu geben (»Eins ist noth« -) und die
schlechten Instinkte aller Leidenden dergestalt zum Zweck der
Selbstdisciplinirung, Selbstüberwachung, Selbstüberwindung auszunützen. Es
kann sich, wie sich von selbst versteht, mit einer »Medikation« dieser
Art, einer bloßen Affekt-Medikation, schlechterdings nicht um eine
wirkliche Kranken-Heilung im physiologischen Verstande handeln; man dürfte
selbst nicht einmal behaupten, dass der Instinkt des Lebens hierbei
irgendwie die Heilung in Aussicht und Absicht genommen habe. Eine Art
Zusammendrängung und Organisation der Kranken auf der einen Seite (- das
Wort »Kirche« ist dafür der populärste Name), eine Art vorläufiger
Sicherstellung der Gesünder-Geratenen, der Voller-Ausgegossenen auf der
andern, die Aufreißung einer Kluft somit zwischen Gesund und Krank - das
war für lange Alles! Und es war Viel! es war sehr Viel! . . . (Ich gehe in
dieser Abhandlung, wie man sieht, von einer Voraussetzung aus, die ich in
Hinsicht auf Leser, wie ich sie brauche, nicht erst zu begründen habe:
dass »Sündhaftigkeit« am Menschen kein Tatbestand ist, vielmehr nur die
Interpretation eines Tatbestandes, nämlich einer physiologischen
Verstimmung, - letztere unter einer moralisch-religiösen Perspektive
gesehen, welche für uns nichts Verbindliches mehr hat. - Damit, dass
Jemand sich »schuldig«, »sündig« fühlt , ist schlechterdings noch nicht
bewiesen, dass er sich mit Recht so fühlt; so wenig Jemand gesund ist,
bloß deshalb, weil er sich gesund fühlt. Man erinnere sich doch der
berühmten Hexen-Prozesse: damals zweifelten die scharfsichtigsten und
menschenfreundlichsten Richter nicht daran, dass hier eine Schuld
vorliege; die »Hexen« selbst zweifelten nicht daran, - und dennoch fehlte
die Schuld. - Um jene Voraussetzung in erweiterter Form auszudrücken: der
»seelische Schmerz« selbst gilt mir überhaupt nicht als Tatbestand,
sondern nur als eine Auslegung (Kausal-Auslegung) von bisher nicht exakt
zu formulierenden Tatbeständen: somit als Etwas, das vollkommen noch in
der Luft schwebt und wissenschaftlich unverbindlich ist, - ein fettes Wort
eigentlich nur an Stelle eines sogar spindeldürren Fragezeichens. Wenn
Jemand mit einem »seelischen Schmerz« nicht fertig wird, so liegt das,
grob geredet, nicht an seiner »Seele«; wahrscheinlicher noch an seinem
Bauche (grob geredet, wie gesagt: womit noch keineswegs der Wunsch
ausgedrückt ist, auch grob gehört, grob verstanden zu werden . . .) Ein
starker und wohlgeratener Mensch verdaut seine Erlebnisse (Taten, Untaten
eingerechnet) wie er seine Mahlzeiten verdaut, selbst wenn er harte Bissen
zu verschlucken hat. Wird er mit einem Erlebnisse »nicht fertig«, so ist
diese Art Indigestion so gut physiologisch wie jene andere - und vielfach
in der Tat nur eine der Folgen jener anderen. - Mit einer solchen
Auffassung kann man, unter uns gesagt, immer noch der strengste Gegner
alles Materialismus sein . . .)
17.
Ist er eigentlich ein Arzt , dieser asketische Priester? - Wir begriffen
schon, inwiefern es kaum erlaubt ist, ihn einen Arzt zu nennen, so gern er
auch selbst sich als »Heiland« fühlt, als »Heiland« verehren lässt. Nur
das Leiden selbst, die Unlust des Leidenden wird von ihm bekämpft, nicht
deren Ursache, nicht das eigentliche Kranksein, - das muss unsren
grundsätzlichsten Einwand gegen die priesterliche Medikation abgeben.
Stellt man sich aber erst einmal in die Perspektive, wie der Priester sie
allein kennt und hat, so kommt man nicht leicht zu Ende in der
Bewunderung, was unter ihr Alles gesehn, gesucht und gefunden hat. Die
Milderung des Leidens, das »Trösten« jeder Art, - das erweist sich als
sein Genie selbst: wie erfinderisch hat er seine Tröster-Aufgabe
verstanden, wie unbedenklich und kühn hat er zu ihr die Mittel gewählt!
Das Christentum in Sonderheit dürfte man eine grosse Schatzkammer
geistreichster Trostmittel nennen, so viel Erquickliches, Milderndes,
Narkotisirendes ist in ihm gehäuft, so viel Gefährlichstes und
Verwegenstes zu diesem Zweck gewagt, so fein, so raffinirt, so
südländisch-raffiniert ist von ihm insbesondere erraten worden, mit was
für Stimulanz-Affekten die tiefe Depression, die bleierne Ermüdung, die
schwarze Traurigkeit der Physiologisch-Gehemmten wenigstens für Zeiten
besiegt werden kann. Denn allgemein gesprochen: bei allen großen
Religionen handelte es sich in der Hauptsache um die Bekämpfung einer
gewissen, zur Epidemie gewordnen Müdigkeit und Schwere. Man kann es von
vornherein als wahrscheinlich ansetzen, dass von Zeit zu Zeit an
bestimmten Stellen der Erde fast notwendig ein physiologisches
Hemmungsgefühl über breite Massen Herr werden muss, welches aber, aus
Mangel an physiologischem Wissen, nicht als solches ins Bewusstsein tritt,
so dass dessen »Ursache«, dessen Remedur auch nur psychologisch-moralisch
gesucht und versucht werden kann (- dies nämlich ist meine allgemeinste
Formel für Das, was gemeinhin eine »Religion« genannt wird). Ein solches
Hemmungsgefühl kann verschiedenster Abkunft sein: etwa als Folge der
Kreuzung von zu fremdartigen Rassen (oder von Ständen - Stände drücken
immer auch Abkunfts- und Rassen-Differenzen aus: der europäische
»Weltschmerz«, der »Pessimismus« des neunzehnten Jahrhunderts ist
wesentlich die Folge einer unsinnig plötzlichen Stände-Mischung); oder
bedingt durch eine fehlerhafte Emigration-eine Rasse in ein Klima geraten,
für das ihre Anpassungskraft nicht ausreicht (der Fall der Inder in
Indien); oder die Nachwirkung von Alter und Ermüdung der Rasse (Pariser
Pessimismus von 1850 an); oder einer falschen Diät (Alkoholismus des
Mittelalters; der Unsinn der Vegetarians, welche freilich die Autorität
des Junker Christoph bei Shakespeare für sich haben); oder von
Blutverderbniss, Malaria, Syphilis und dergleichen (deutsche Depression
nach dem dreißigjährigen Kriege, welcher halb Deutschland mit schlechten
Krankheiten durchseuchte und damit den Boden für deutsche Servilität,
deutschen Kleinmut vorbereitete). In einem solchen Falle wird jedes Mal im
größten Stil ein Kampf mit dem Unlustgefühl versucht; unterrichten wir uns
kurz über dessen wichtigste Praktiken und Formen. (Ich lasse hier, wie
billig, den eigentlichen Philosophen-Kampf gegen das Unlustgefühl, der
immer gleichzeitig zu sein pflegt, ganz bei Seite - er ist interessant
genug, aber zu absurd, zu praktisch-gleichgültig, zu spinneweberisch und
eckensteherhaft, etwa wenn der Schmerz als ein Irrtum bewiesen werden
soll, unter der naiven Voraussetzung, dass der Schmerz schwinden müsse ,
wenn erst der Irrtum in ihm erkannt ist - aber siehe da! er hütete sich,
zu schwinden . . . ) Man bekämpft erstens jene dominierende Unlust durch
Mittel, welche das Lebensgefühl überhaupt auf den niedrigsten Punkt
herabsetzen. Womöglich überhaupt kein Wollen, kein Wunsch mehr; Allem, was
Affekt macht, was »Blut« macht, ausweichen (kein Salz essen: Hygenie des
Fakirs); nicht lieben; nicht hassen; Gleichmut; nicht sich rächen; nicht
sich bereichern; nicht arbeiten; betteln; womöglich kein Weib, oder so
wenig Weib als möglich: in geistiger Hinsicht das Princip Pascal's »il
faut s'abetir«. Resultat, psychologisch-moralisch ausgedrückt: »Entselbstung«,
»Heiligung«; physiologisch ausgedrückt: Hypnotisierung, - der Versuch
Etwas für den Menschen annähernd zu erreichen, was der Winterschlaf für
einige Tierarten, der Sommerschlaf für viele Pflanzen der heißen Klimaten
ist, ein Minimum von Stoffverbrauch und Stoffwechsel, bei dem das Leben
gerade noch besteht, ohne eigentlich noch ins Bewusstsein zu treten. Auf
dieses Ziel ist eine erstaunliche Menge menschlicher Energie verwandt
worden - umsonst etwa? . . . Dass solche sportsmen der »Heiligkeit«, an
denen alle Zeiten, fast alle Völker reich sind, in der Tat eine wirkliche
Erlösung von dem gefunden haben, was sie mit einem so rigorosen Training
bekämpften, daran darf man durchaus nicht zweifeln, - sie kamen von jener
tiefen physiologischen Depression mit Hülfe ihres Systems von
Hypnotisierungs-Mitteln in unzähligen Fällen wirklich los : weshalb ihre
Methodik zu den allgemeinsten ethnologischen Tatsachen zählt. Insgleichen
fehlt jede Erlaubnis dazu, um schon an sich eine solche Absicht auf
Aushungerung der Leiblichkeit und der Begierde unter die Irrsinns-Symptome
zu rechnen (wie es eine täppische Art von Roastbeef-fressenden
»Freigeistern« und Junker Christophen zu tun beliebt). Um so sicherer ist
es, dass sie den Weg zu allerhand geistigen Störungen abgibt, abgeben
kann, zu »inneren Lichtern« zum Beispiel, wie bei den Hesychasten vom
Berge Athos, zu Klang- und Gestalt-Halluzinationen, zu wollüstigen
Überströmungen und Ekstasen der Sinnlichkeit (Geschichte der heiligen
Therese). Die Auslegung, welche derartigen Zuständen von den mit ihnen
Behafteten gegeben wird, ist immer so schwärmerisch-falsch wie möglich
gewesen, dies versteht sich von selbst: nur überhöre man den Ton
überzeugtester Dankbarkeit nicht, der eben schon im Willen zu einer
solchen Interpretations-Art zum Erklingen kommt. Der höchste Zustand, die
Erlösung selbst, jene endlich erreichte Gesamt-Hypnotisierung und Stille,
gilt ihnen immer als das Geheimnis an sich, zu dessen Ausdruck auch die
höchsten Symbole nicht ausreichen, als Ein- und Heimkehr in den Grund der
Dinge, als Freiwerden von allem Wahne, als »Wissen«, als »Wahrheit«, als
»Sein«, als Loskommen von jedem Ziele, jedem Wunsche, jedem Thun, als ein
Jenseits auch von Gut und Böse. »Gutes und Böses, sagt der Buddhist, -
Beides sind Fesseln: über Beides wurde der Vollendete Herr«; »Getanes und
Ungetanes, sagt der Gläubige des Vedanta, schafft ihm keinen Schmerz; das
Gute und das Böse schüttelt er als ein Weiser von sich; sein Reich leidet
durch keine Tat mehr; über Gutes und Böses, über Beides ging er hinaus«:
- eine gesamt-indische Auffassung also, ebenso brahmanistisch als
buddhistisch. (Weder in der indischen, noch in der christlichen Denkweise
gilt jene »Erlösung« als erreichbar durch Tugend, durch moralische
Besserung, so hoch der Hypnotisierungs-Wert der Tugend auch von ihnen
angesetzt wird: dies halte man fest, - es entspricht dies übrigens einfach
dem Tatbestande. Hierin wahr geblieben zu sein, darf vielleicht als das
beste Stück Realismus in den drei größten, sonst so gründlich
vermoralisierten Religionen betrachtet werden. »Für den Wissenden gibt es
keine Pflicht« . . . »Durch Zulegung von Tugenden kommt Erlösung nicht zu
Stande: denn sie besteht im Einssein mit dem keiner Zulegung von
Vollkommenheit fähigen Brahman; und ebenso wenig in der Ablegung von
Fehlern: denn das Brahman, mit dem Eins zu sein Das ist, was Erlösung
ausmacht, ist ewig rein« - diese Stellen aus dem Commentare Bankara,
citirt von dem ersten wirklichen Kenner der indischen Philosophie in
Europa, meinem Freunde Paul Deussen.) Die »Erlösung« in den großen
Religionen wollen wir also in Ehren halten; dagegen wird es uns ein wenig
schwer, bei der Schätzung, welche schon der tiefe Schlaf durch diese
selbst für das Träumen zu müd gewordnen Lebensmüden erfährt, ernsthaft zu
bleiben, der tiefe Schlaf nämlich bereits als Eingehen in das Brahman, als
erreichte unio mystica mit Gott. »Wenn er dann eingeschlafen ist ganz und
gar - heißt es darüber in der ältesten ehrwürdigen »Schrift« - und völlig
zur Ruhe gekommen, dass er kein Traumbild mehr schaut, alsdann ist er, oh
Teurer, vereinigt mit dem Seienden, in sich selbst ist er eingegangen, -
von dem erkenntnisartigen Selbste umschlungen hat er kein Bewusstsein mehr
von dem, was außen oder innen ist. Diese Brücke überschreiten nicht Tag
und Nacht, nicht das Alter, nicht der Tod, nicht das Leiden, nicht gutes
Werk, noch böses Werk.« »Im tiefen Schlafe, sagen insgleichen die
Gläubigen dieser tiefsten der drei großen Religionen, hebt sich die Seele
heraus aus diesem Leibe, geht ein in das höchste Licht und tritt dadurch
hervor in eigener Gestalt: da ist sie der höchste Geist selbst, der
herumwandelt, indem er scherzt und spielt und sich ergötzt, sei es mit
Weibern oder mit Wagen oder mit Freunden, da denkt sie nicht mehr zurück
an dieses Anhängsel von Leib, an welches der prana (der Lebensodem)
angespannt ist wie ein Zugtier an den Karren. « Trotzdem wollen wir auch
hier, wie im Falle der »Erlösung«, uns gegenwärtig halten, dass damit im
Grunde, wie sehr auch immer in der Pracht orientalischer Übertreibung, nur
die gleiche Schätzung ausgedrückt ist, welche die des klaren, kühlen,
griechischkühlen aber leidenden Epikur war: das hypnotische Nichts-Gefühl,
die Ruhe des tiefsten Schlafes, Leidlosigkeit kurzum - das darf Leidenden
und Gründlich-Verstimmten schon als höchstes Gut, als Werth der Werte
gelten, das muß von ihnen als positiv abgeschätzt, als das Positive selbst
empfunden werden. (Nach derselben Logik des Gefühls heißt in allen
pessimistischen Religionen das Nichts Gott.)
18.
Viel häufiger als eine solche hypnotistische Gesamtdämpfung der
Sensibilität, der Schmerzfähigkeit, welche schon seltnere Kräfte, vor
Allem Muth, Verachtung der Meinung, »intellektuellen Stoizismus«
voraussetzt, wird gegen Depressions-Zustände ein anderes Training
versucht, welches jedenfalls leichter ist: die machinale Tätigkeit. Dass
mit ihr ein leidendes Dasein in einem nicht unbeträchtlichen Grade
erleichtert wird, steht außer allem Zweifel: man nennt heute diese
Tatsache, etwas unehrlich, »den Segen der Arbeit«. Die Erleichterung
besteht darin, dass das Interesse des Leidenden grundsätzlich vom Leiden
abgelenkt wird, - dass beständig ein Tun und wieder nur ein Tun ins
Bewusstsein tritt und folglich. wenig Platz darin für Leiden bleibt: denn
sie ist eng , diese Kammer des menschlichen Bewusstseins! Die machinale
Tätigkeit und was zu ihr gehört - wie die absolute Regularität, der
pünktliche besinnungslose Gehorsam, das Ein-für-alle-Mal der Lebensweise,
die Ausfüllung der Zeit, eine gewisse Erlaubnis, ja eine Zucht zur
»Unpersönlichkeit«, zum Sich-selbst-Vergessen, zur »incuria sui« -: wie
gründlich, wie fein hat der asketische Priester sie im Kampf mit dem
Schmerz zu benutzen gewusst! Gerade wenn er mit Leidenden der niederen
Stände, mit Arbeitssklaven oder Gefangenen zu tun hatte (oder mit Frauen:
die ja meistens Beides zugleich sind, Arbeitssklaven und Gefangene), so
bedurfte es wenig mehr als einer kleinen Kunst des Namenwechselns
und der Umtaufung, um sie in verhassten Dingen fürderhin eine Wohltat, ein
relatives Glück sehn zu machen: - die Unzufriedenheit des Sklaven mit
seinem Loos ist jedenfalls nicht von den Priestern erfunden worden. - Ein
noch geschätzteres Mittel im Kampf mit der Depression ist die Ordinierung
einer kleinen Freude , die leicht zugänglich ist und zur Regel gemacht
werden kann; man bedient sich dieser Medikation häufig in Verbindung mit
der eben besprochnen. Die häufigste Form, in der die Freude dergestalt als
Kurmittel ordiniert wird, ist die Freude des Freude-Machens (als Wohltun,
Beschenken, Erleichtern, Helfen, Zureden, Trösten, Loben, Auszeichnen);
der asketische Priester verordnet damit, dass er »Nächstenliebe«
verordnet, im Grunde eine Erregung des stärksten, lebensbejahendsten
Triebes, wenn auch in der vorsichtigsten Dosierung, - des Willens zur
Macht. Das Glück der »kleinsten Überlegenheit«, wie es alles Wohltun,
Nützen, Helfen, Auszeichnen mit sich bringt, ist das reichlichste
Trostmittel, dessen sich die Physiologisch-Gehemmten zu bedienen pflegen,
gesetzt dass sie gut beraten sind: im andern Falle tun sie einander weh,
natürlich im Gehorsam gegen den gleichen Grundinstinkt. Wenn man nach den
Anfängen des Christentums in der römischen Welt sucht, so findet man
Vereine zu gegenseitiger Unterstützung, Armen-, Kranken-,
Begräbnis-Vereine, aufgewachsen auf dem untersten Boden der damaligen
Gesellschaft, in denen mit Bewusstsein jenes Hauptmittel gegen die
Depression, die kleine Freude, die des gegenseitigen Wohltuns gepflegt
wurde, - vielleicht war dies damals etwas Neues, eine eigentliche
Entdeckung? In einem dergestalt hervorgerufnen »Willen zur
Gegenseitigkeit«, zur Herdenbildung, zur »Gemeinde«, zum »Cönakel« muss
nun wiederum jener damit, wenn auch im Kleinsten, erregte Wille zur Macht,
zu einem neuen und viel volleren Ausbruch kommen: die Herdenbildung ist im
Kampf mit der Depression ein wesentlicher Schritt und Sieg. Im Wachsen der
Gemeinde erstarkt auch für den Einzelnen ein neues Interesse, das ihn oft
genug über das Persönlichste seines Missmuts, seine Abneigung gegen sich
(die »despectio sui« des Geulinx) hinweghebt. Alle Kranken, Krankhaften
streben instinktiv, aus einem Verlangen nach Abschüttelung der dumpfen
Unlust und des Schwächegefühls, nach einer Herden-Organisation: der
asketische Priester errät diesen Instinkt und fördert ihn: wo es Herden
gibt, ist es der Schwäche-Instinkt, der die Herde gewollt hat, und die
Priester-Klugheit, die sie organisiert hat. Denn man übersehe dies nicht:
die Starken streben ebenso naturnotwendig auseinander, als die Schwachen
zueinander; wenn erstere sich verbinden, so geschieht es nur in der
Aussicht auf eine aggressive Gesamt-Aktion und Gesamt-Befriedigung ihres
Willens zur Macht, mit vielem Widerstande des Einzel-Gewissens; letztere
dagegen ordnen sich zusammen, mit Lust gerade an dieser Zusammenordnung, -
ihr Instinkt ist dabei ebenso befriedigt, wie der Instinkt der geborenen
»Herren« (das heißt der solitären Raubtier-Spezies Mensch) im Grunde durch
Organisation gereizt und beunruhigt wird. Unter jeder Oligarchie liegt die
ganze Geschichte lehrt es - immer das tyrannische Gelüst versteckt; jede
Oligarchie zittert beständig von der Spannung her, welche jeder Einzelne
in ihr nötig hat, Herr über dies Gelüst zu bleiben. (So war es zum
Beispiel griechisch: Plato bezeugt es an hundert Stellen, Plato, der
seines Gleichen kannte - und sich selbst . . . )
19.
Die Mittel des asketischen Priesters, welche wir bisher kennen lernten -
die Gesamt-Dämpfung des Lebensgefühls, die machinale Tätigkeit, die kleine
Freude, vor Allem die der »Nächstenliebe«, die Herden-Organisation, die
Erweckung des Gemeinde-Machtgefühls, demzufolge der Verdruss des Einzelnen
an sich durch seine Lust am Gedeihen der Gemeinde übertäubt wird - das
sind, nach modernem Maße gemessen, seine unschuldigen Mittel im Kampfe mit
der Unlust: wenden wir uns jetzt zu den interessanteren, den »schuldigen«.
Bei ihnen allen handelt es sich um Eins: um irgend eine Ausschweifung des
Gefühls, - diese gegen die dumpfe lähmende lange Schmerzhaftigkeit als
wirksamstes Mittel der Betäubung benutzt; weshalb die priesterliche
Erfindsamkeit im Ausdenken dieser Einen Frage geradezu unerschöpflich
gewesen ist: »wodurch erzielt man eine Ausschweifung des Gefühls?« . . .
Das klingt hart: es liegt auf der Hand, dass es lieblicher klänge und
besser vielleicht zu Ohren ginge, wenn ich etwa sagte »der asketische
Priester hat sich jederzeit die Begeisterung zu Nutze gemacht, die in
allen starken Affekten liegt«. Aber wozu die verweichlichten Ohren unsrer
modernen Zärtlinge noch streicheln? Wozu unsrerseits ihrer Tartüfferie der
Worte auch nur einen Schritt breit nachgeben? Für uns Psychologen läge
darin bereits eine Tartüfferie der Tat ; abgesehen davon, dass es uns Ekel
machen würde. Ein Psychologe nämlich hat heute darin, wenn irgend worin,
seinen guten Geschmack (- Andre mögen sagen: seine Rechtschaffenheit),
dass er der schändlich vermoralisierten Sprechweise widerstrebt, mit der
nachgerade alles moderne Urteilen über Mensch und Ding angeschleimt ist.
Denn man täusche sich hierüber nicht: was das eigentlichste Merkmal
moderner Seelen, moderner Bücher ausmacht, das ist nicht die Lüge, sondern
die eingefleischte Unschuld in der moralistischen Verlogenheit. Diese
»Unschuld« überall wieder entdecken müssen - das macht vielleicht unser
widerlichstes Stück Arbeit aus, an all der an sich nicht unbedenklichen
Arbeit, deren sich heute ein Psychologe zu unterziehen hat; es ist ein
Stück unsrer großen Gefahr, - es ist ein Weg, der vielleicht gerade uns
zum großen Ekel führt . . . Ich zweifle nicht daran, wozu allein moderne
Bücher (gesetzt, dass sie Dauer haben, was freilich nicht zu fürchten ist,
und ebenfalls gesetzt, dass es einmal eine Nachwelt mit strengerem
härteren gesünderen Geschmack gibt) - wozu alles Moderne überhaupt dieser
Nachwelt dienen würde, dienen könnte: zu Brechmitteln, - und das vermöge
seiner moralischen Versüßlichung und Falschheit, seines innerlichsten
Femininismus, der sich gern »Idealismus« nennt und jedenfalls Idealismus
glaubt. Unsre Gebildeten von Heute, unsre »Guten« lügen nicht - das ist
wahr; aber es gereicht ihnen nicht zur Ehre! Die eigentliche Lüge, die
ächte resolute »ehrliche« Lüge (über deren Wert man Plato hören möge) wäre
für sie etwas bei weitem zu Strenges, zu Starkes; es würde verlangen, was
man von ihnen nicht verlangen darf , dass sie die Augen gegen sich selbst
aufmachten, dass sie zwischen »wahr« und »falsch« bei sich selber zu
unterscheiden wüssten. Ihnen geziemt allein die unehrliche Lüge; Alles,
was sich heute als »guter Mensch« fühlt, ist vollkommen unfähig, zu irgend
einer Sache anders zu stehn als unehrlich-verlogen, abgründlich-verlogen,
aber unschuldig-verlogen, treuherzig-verlogen, blauäugig-verlogen,
tugendhaft-verlogen. Diese »guten Menschen«, - sie sind allesamt jetzt in
Grund und Boden vermoralisiert und in Hinsicht auf Ehrlichkeit zu Schanden
gemacht und verhunzt für alle Ewigkeit: wer von ihnen hielte noch eine
Wahrheit »über den Menschen« aus! . . . Oder, greiflicher gefragt: wer von
ihnen ertrüge eine wahre Biographie! . . . Ein paar Anzeichen: Lord Byron
hat einiges Persönlichste über sich aufgezeichnet, aber Thomas Moore war
»zu gut« dafür: er verbrannte die Papiere seines Freundes. Dasselbe soll
Dr. Gwinner getan haben, der Testaments-Vollstrecker Schopenhauer's: denn
auch Schopenhauer hatte Einiges über sich und vielleicht auch gegen sich ( ) aufgezeichnet. Der tüchtige Amerikaner Thayer, der
Biograph Beethoven's, hat mit Einem Male in seiner Arbeit Halt gemacht: an
irgend einem Punkte dieses ehrwürdigen und naiven Lebens angelangt, hielt
er dasselbe nicht mehr aus . . . Moral: welcher kluge Mann schriebe heute
noch ein ehrliches Wort über sich? - er müsste denn schon zum Orden der
heiligen Tollkühnheit gehören. Man verspricht uns eine Selbstbiographie
Richard Wagner's: wer zweifelt daran, dass es eine kluge Selbstbiographie
sein wird? . . . Gedenken wir noch des komischen Entsetzens, welches der
katholische Priester Janssen mit seinem über alle Begriffe viereckig und
harmlos geratenen Bilde der deutschen Reformations-Bewegung in Deutschland
erregt hat; was würde man erst beginnen, wenn uns Jemand diese Bewegung
einmal anders erzählte, wenn uns einmal ein wirklicher Psychologe einen
wirklichen Luther erzählte, nicht mehr mit der moralistischen Einfalt
eines Landgeistlichen, nicht mehr mit der süßlichen und rücksichtsvollen
Schamhaftigkeit protestantischer Historiker, sondern etwa mit einer
Taine'schen Unerschrockenheit, aus einer Stärke der Seele heraus und nicht
aus einer klugen Indulgenz gegen die Stärke? . . . (Die Deutschen, anbei
gesagt, haben den klassischen Typus der letzteren zuletzt noch schön genug
herausgebracht, - sie dürfen ihn sich schon zurechnen, zu Gute rechnen:
nämlich in ihrem Leopold Ranke, diesem gebornen klassischen advocatus
jeder causa fortior, diesem klügsten aller klugen »Tatsächlichen«. )
20.
Aber man wird mich schon verstanden haben: - Grund genug, nicht wahr,
Alles in Allem, dass wir Psychologen heutzutage einiges Misstrauen gegen
uns selbst nicht los werden? . . . Wahrscheinlich sind auch wir noch »zu
gut« für unser Handwerk, wahrscheinlich sind auch wir noch die Opfer, die
Beute, die Kranken dieses vermoralisierten Zeitgeschmacks, so sehr wir uns
auch als dessen Verächter fühlen, - wahrscheinlich infiziert er auch noch
uns. Wovor warnte doch jener Diplomat, als er zu seines Gleichen redete?
»Misstrauen wir vor Allem, meine Herrn, unsren ersten Regungen! sagte er,
sie sind fast immer gut« . . . So sollte auch jeder Psychologe heute zu
seines Gleichen reden . . Und damit kommen wir zu unserm Problem zurück,
das in der Tat von uns einige Strenge verlangt, einiges Misstrauen in
Sonderheit gegen die »ersten Regungen«. Das asketische Ideal im Dienste
einer Absicht auf Gefühls-Ausschweifung: - wer sich der vorigen Abhandlung
erinnert, wird den in diese neun Worte gedrängten Inhalt des nunmehr
Darzustellenden im Wesentlichen schon vorwegnehmen. Die menschliche Seele
einmal aus allen ihren Fugen zu lösen, sie in Schrecken, Fröste, Gluten
und Entzückungen derartig unterzutauchen, dass sie von allem Kleinen und
Kleinlichen der Unlust, der Dumpfheit, der Verstimmung wie durch einen
Blitzschlag loskommt: welche Wege führen zu diesem Ziele? Und welche von
ihnen am sichersten? . . . Im Grunde haben alle großen Affekte ein
Vermögen dazu, vorausgesetzt, dass sie sich plötzlich entladen, Zorn,
Furcht, Wollust, Rache, Hoffnung, Triumph, Verzweiflung, Grausamkeit; und
wirklich hat der asketische Priester unbedenklich die ganze Meute wilder
Hunde im Menschen in seinen Dienst genommen und bald diesen, bald jenen
losgelassen, immer zu dem gleichen Zwecke, den Menschen aus der langsamen
Traurigkeit aufzuwecken, seinen dumpfen Schmerz, sein zögerndes Elend für
Zeiten wenigstens in die Flucht zu jagen, immer auch unter einer
religiösen Interpretation und »Rechtfertigung«. Jede derartige
Ausschweifung des Gefühls macht sich hinterdrein bezahlt, das versteht
sich von selbst - sie macht den Kranken kränker -: und deshalb ist diese
Art von Remeduren des Schmerzes, nach modernem Maße gemessen, eine
»schuldige« Art. Man muss jedoch, weil es die Billigkeit verlangt, um so
mehr darauf bestehen, dass sie mit gutem Gewissen angewendet worden ist,
dass der asketische Priester sie im tiefsten Glauben an ihre Nützlichkeit,
ja Unentbehrlichkeit verordnet hat, - und oft genug selbst vor dem Jammer,
den er schuf, fast zerbrechend; insgleichen, dass die vehementen
physiologischen Revanchen solcher Excesse, vielleicht sogar geistige
Störungen, im Grunde dem ganzen Sinne dieser Art Medikation nicht
eigentlich widersprechen: als welche, wie vorher gezeigt worden ist, nicht
auf Heilung von Krankheiten, sondern auf Bekämpfung der
Depressions-Unlust, auf deren Linderung, deren Betäubung aus war. Dies
Ziel wurde auch so erreicht. Der Hauptgriff, den sich der asketische
Priester erlaubte, um auf der menschlichen Seele jede Art von zerreißender
und verzückter Musik zum Erklingen zu bringen, war damit getan - Jedermann
weiß das -, dass er sich das Schuldgefühl zu Nutze machte. Dessen Herkunft
hat die vorige Abhandlung kurz angedeutet - als ein Stück Tierpsychologie,
als nicht mehr: das Schuldgefühl trat uns dort gleichsam in seinem
Rohzustande entgegen. Erst unter den Händen des Priesters, dieses
eigentlichen Künstlers in Schuldgefühlen, hat es Gestalt gewonnen - oh was
für eine Gestalt! Die »Sünde« - denn so lautet die priesterliche
Umdeutung des tierischen »schlechten Gewissens« (der rückwärts gewendeten
Grausamkeit) ist bisher das größte Ereignis in der Geschichte der kranken
Seele gewesen: in ihr haben wir das gefährlichste und verhängnisvollste
Kunststück der religiösen Interpretation. Der Mensch, an sich selbst
leidend, irgendwie, jedenfalls physiologisch, etwa wie ein Tier, das in
den Käfig gesperrt ist, unklar, warum, wozu? begehrlich nach Gründen
Gründe erleichtern -, begehrlich auch nach Mitteln und Narkosen, berät
sich endlich mit Einem, der auch das Verborgene weiß - und siehe da! er
bekommt einen Wink, er bekommt von seinem Zauberer, dem asketischen
Priester, den ersten Wink über die »Ursache« seines Leidens: er soll sie
in sich suchen, in einer Schuld , in einem Stück Vergangenheit, er soll
sein Leiden selbst als einen Strafzustand verstehen . . . Er hat gehört,
er hat verstanden, der Unglückliche: jetzt geht es ihm wie der Henne, um
die ein Strich gezogen ist. Er kommt aus diesem Kreis von Strichen nicht
wieder heraus: aus dem Kranken ist »der Sünder« gemacht . . . Und nun wird
man den Aspekt dieses neuen Kranken, »des Sünders«, für ein paar
Jahrtausende nicht los, - wird man ihn je wieder los? wohin man nur sieht,
überall der hypnotische Blick des Sünders, der sich immer in der Einen
Richtung bewegt (in der Richtung auf »Schuld«, als der einzigen
Leidens-Causalität); überall das böse Gewissen, dies »grewliche thier«,
mit Luther zu reden; überall die Vergangenheit zurückgekäut, die Tat
verdreht, das »grüne Auge« für alles Thun; überall das zum Lebensinhalt
gemachte Missverstehen- Wollen des Leidens, dessen Umdeutung in Schuld-,
Furcht- und Strafgefühle; überall die Geissel, das härene Hemd, der
verhungernde Leib, die Zerknirschung; überall das Sich-selbst-Rädern des
Sünders in dem grausamen Räderwerk eines unruhigen, krankhaftlüsternen
Gewissens; überall die stumme Qual, die äußerste Furcht, die Agonie des
gemarterten Herzens, die Krämpfe eines unbekannten, Glücks, der Schrei
nach »Erlösung«. In der Tat, mit diesem System von Prozeduren war die alte
Depression, Schwere und Müdigkeit gründlich überwunden , das Leben wurde
wieder sehr interessant: wach, ewig wach, übernächtig, glühend, verkohlt,
erschöpft und doch nicht müde - so nahm sich der Mensch aus, »der Sünder«,
der in diese Mysterien eingeweiht war. Dieser alte große Zauberer im Kampf
mit der Unlust, der asketische Priester - er hatte ersichtlich gesiegt,
sein Reich war gekommen: schon klagte man nicht mehr gegen den Schmerz,
man lechzte nach dem Schmerz; »mehr Schmerz! mehr Schmerz!« so schrie das
Verlangen seiner Jünger und Eingeweihten Jahrhunderte lang. Jede
Ausschweifung des Gefühls, die wehe tat, alles was zerbrach, umwarf,
zermalmte, entrückte, verzückte, das Geheimnis der Folterstätten, die
Erfindsamkeit der Hölle selbst - Alles war nunmehr entdeckt, erraten,
ausgenützt, Alles stand dem Zauberer zu Diensten, Alles diente fürderhin
dem Siege seines Ideals, des asketischen Ideals . . . »Mein Reich ist
nicht von dieser Welt« - redete er nach wie vor: hatte er wirklich das
Recht noch, so zu reden? . . . Goethe hat behauptet, es gäbe nur sechs und
dreißig tragische Situationen: man errät daraus, wenn man's sonst nicht
wüsste, dass Goethe kein asketischer Priester war. Der - kennt mehr . . .
21.
In Hinsicht auf diese ganze Art der priesterlichen Medikation, die
»schuldige« Art, ist jedes Wort Kritik zu viel. Dass eine solche
Ausschweifung des Gefühls, wie sie in diesem Falle der asketische Priester
seinen Kranken zu verordnen pflegt (unter den heiligsten Namen, wie sich
von selbst versteht, insgleichen durchdrungen von der Heiligkeit seines
Zwecks), irgend einem Kranken wirklich genützt habe, wer hätte wohl
Lust, eine Behauptung der Art aufrecht zu. halten? Zum Mindesten sollte
man sich über das Wort »nützen« verstehen. Will man damit ausdrücken, ein
solches System von Behandlung habe den Menschen verbessert, so
widerspreche ich nicht: nur dass ich hinzufüge, was bei mir »verbessert«
heißt - ebenso viel wie »gezähmt«, »geschwächt«, »entmutigt«,
»raffiniert«, »verzärtlicht«, »entmannt« (also beinahe so viel als
geschädigt . . . ) Wenn es sich aber in der Hauptsache um Kranke,
Verstimmte, Deprimierte handelt, so macht ein solches System den Kranken,
gesetzt selbst, dass es ihn »besser« machte, unter allen Umständen
kränker; man frage nur die Irrenärzte, was eine methodische Anwendung von
Buß-Quälereien, Zerknirschungen und Erlösungskrämpfen immer mit sich
führt. Insgleichen befrage man die Geschichte: überall, wo der asketische
Priester diese Krankenbehandlung durchgesetzt hat, ist jedes Mal die
Krankhaftigkeit unheimlich schnell in die Tiefe und Breite gewachsen. Was
war immer der »Erfolg«? Ein zerrüttetes Nervensystem, hinzu zu dem, was
sonst schon krank war; und das im Größten wie im Kleinsten, bei Einzelnen
wie bei Massen. Wir finden im Gefolge des Buß- und Erlösungs-Training
ungeheure epileptische Epidemien, die größten, von denen die Geschichte
weiß, wie die der St. Veit- und St. Johann-Tänzer des Mittelalters; wir
finden als andre Form seines Nachspiels furchtbare Lähmungen und
Dauer-Depressionen, mit denen unter Umständen das Temperament eines Volkes
oder einer Stadt (Genf, Basel) ein für alle Mal in sein Gegenteil
umschlägt; hierher gehört auch die Hexen-Hysterie, etwas dem
Somnambulismus Verwandtes (acht große epidemische Ausbrüche derselben
allein zwischen 1564 und 1605) -; wir finden in seinem Gefolge insgleichen
jene todsüchtigen Massen-Delirien, deren entsetzlicher Schrei »evviva la
morte« über ganz Europa weg gehört wurde, unterbrochen bald von
wollüstigen, bald von zerstörungswütigen Idiosynkrasien: wie der gleiche
Affektwechsel, mit den gleichen Intermittenzen und Umsprüngen auch heute
noch überall beobachtet wird, in jedem Falle, wo die asketische
Sündenlehre es wieder einmal zu einem großen Erfolge bringt (die religiöse
Neurose erscheint als eine Form des »bösen Wesens«: daran ist kein
Zweifel. Was sie ist? Quaeritur.) Ins Große gerechnet, so hat sich das
asketische Ideal und sein sublimmoralischer Cultus, diese geistreichste,
unbedenklichste und gefährlichste Systematisierung aller Mittel der
Gefühls-Ausschweifung unter, dem Schutz heiliger Absichten auf eine
furchtbare und unvergessliche Weise in die ganze Geschichte des Menschen
eingeschrieben; und leider nicht nur in seine Geschichte . . . Ich wüsste
kaum noch etwas Anderes geltend zu machen, was dermaßen zerstörerisch der
Gesundheit und Rassen-Kräftigkeit, namentlich der Europäer, zugesetzt hat
als dies Ideal; man darf es ohne alle Übertreibung das eigentliche
Verhängnis in der Gesundheitsgeschichte des europäischen Menschen nennen.
Höchstens, dass seinem Einflusse, noch der spezifisch-germanische Einfluss
gleichzusetzen wäre: ich meine die Alkohol-Vergiftung Europas, welche
streng mit dem politischen und Rassen-Übergewicht der Germanen bisher
Schritt gehalten hat (- wo sie ihr Blut einimpften, impften sie auch ihr
Laster ein). Zu dritt in der Reihe wäre die Syphilis zu nennen, - magno
sed proxima intervallo.
22.
Der asketische Priester hat die seelische Gesundheit verdorben, wo er auch
nur zur Herrschaft gekommen ist, er hat folglich auch den Geschmack
verdorben in artibus et litteris, - er verdirbt ihn immer noch.
»Folglich«? Ich hoffe, man gibt mir dies Folglich einfach zu; zum
Mindesten will ich es nicht erst beweisen. Ein einziger Fingerzeiger gilt
dem Grundbuche der christlichen Literatur, ihrem eigentlichen Modell,
ihrem »Buche an sich«. Noch inmitten der griechisch-römischen
Herrlichkeit, welche auch eine Bücher-Herrlichkeit war, Angesichts einer
noch nicht verkümmerten und zertrümmerten antiken Schriften-Welt, zu einer
Zeit, da man noch einige Bücher lesen konnte, um deren Besitz man jetzt
halbe Literaturen eintauschen würde, wagte es bereits die Einfalt und
Eitelkeit christlicher Agitatoren man heißt sie Kirchenväter - zu
dekretieren: »auch w i r haben unsre klassische Literatur, wir brauchen
die der Griechen nicht«, - und dabei wies man stolz auf Legendenbücher,
Apostelbriefe und apologetische Traktätlein hin, ungefähr so, wie heute
die englische »Heilsarmee« mit einer verwandten Literatur ihren Kampf
gegen Shakespeare und andre »Heiden« kämpft. Ich liebe das »neue
Testament« nicht, man errät es bereits; es beunruhigt mich beinahe, mit
meinem Geschmack in Betreff dieses geschätztesten, überschätztesten
Schriftwerks dermaßen allein zu stehen (der Geschmack zweier Jahrtausende
ist gegen mich): aber was hilft es! »Hier stehe ich, ich kann nicht
anders«, - ich habe den Muth zu meinem schlechten Geschmack. Das alte
Testament - ja das ist- ganz etwas Anderes: alle Achtung vor dem alten
Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und
Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des
starken Herzens ; mehr noch, ich finde ein Volk. Im neuen dagegen lauter
kleine Sekten-Wirtschaft, lauter Rokoko der Seele, lauter Verschnörkeltes,
Winkliges, Wunderliches, lauter Conventikel-Luft, nicht zu vergessen einen
gelegentlichen Hauch bukolischer Süßlichkeit, welcher der Epoche (und der
römischen Provinz) angehört und nicht sowohl jüdisch als hellenistisch
ist. Demut und Wichtigtuerei dicht nebeneinander; eine Geschwätzigkeit des
Gefühls, die fast betäubt; Leidenschaftlichkeit, keine Leidenschaft;
peinliches Gebärdenspiel; hier hat ersichtlich jede gute Erziehung
gefehlt. Wie darf man von seinen kleinen Untugenden so viel Wesens machen,
wie es diese frommen Männlein tun! Kein Hahn kräht darnach; geschweige
denn Gott. Zuletzt wollen sie gar noch »die Krone des ewigen Lebens«
haben, alle diese kleinen Leute der Provinz: wozu doch? wofür doch? man
kann die Unbescheidenheit nicht weiter treiben. Ein »unsterblicher«
Petrus: wer hielte den aus! Sie haben einen Ehrgeiz, der lachen macht: das
käut sein Persönlichstes, seine Dummheiten, Traurigkeiten und
Eckensteher-Sorgen vor, als ob das An-sich-der-Dinge verpflichtet sei,
sich darum zu kümmern, das wird nicht müde, Gott selber in den kleinsten
Jammer hinein zu wickeln, in dem sie drin stecken. Und dieses beständige
Auf-du-und-du mit Gott des schlechtesten Geschmacks! Diese jüdische, nicht
bloß jüdische Zudringlichkeit gegen Gott mit Maul und Tatze! . . . Es
gibt kleine verachtete »Heidenvölker« im Osten Asiens, von denen diese
ersten Christen etwas Wesentliches hätten lernen können, etwas Takt der
Ehrfurcht; jene erlauben sich nicht, wie christliche Missionare bezeugen,
den Namen ihres Gottes überhaupt in den Mund zu nehmen. Dies dünkt mich
delikat genug; gewiss ist, dass es nicht nur für »erste« Christen zu
delikat ist: man erinnere sich doch etwa, um den Gegensatz zu spüren, an
Luther, diesen »beredtesten« und unbescheidensten Bauer, den Deutschland
gehabt hat, und an die Lutherische Tonart, die gerade ihm in seinen
Zwiegesprächen mit Gott am besten gefiel. Luther's Widerstand gegen die
Mittler-Heiligen der Kirche (insbesondere gegen »des Teuffels Saw den
Bapst«) war, daran ist kein Zweifel, im letzten Grunde der Widerstand
eines Rüpels, den die gute Etiquette der Kirche verdross, jene
Ehrfurchts-Etiquette des hieratischen Geschmacks, welche nur die
Geweihteren und Schweigsameren in das Allerheiligste einlässt und es gegen
die Rüpel zuschließt. Diese sollen ein für alle Mal gerade hier nicht das
Wort haben, - aber Luther, der Bauer, wollte es schlechterdings
anders, so war es ihm nicht deutsch genug: er wollte vor Allem direkt
reden, selber reden, »ungeniert« mit seinem Gotte reden . . . Nun, er
hat's getan. - Das asketische Ideal, man errät es wohl, war niemals und nirgendwo eine Schule des guten
Geschmacks, noch weniger der guten Manieren, - es war im besten Fall eine
Schule der hieratischen Manieren -: das macht, es hat selber Etwas im
Leibe, das allen guten Manieren todfeind ist, - Mangel an Maß, Widerwillen
gegen Maß, es ist selbst ein »non plus ultra«.
23.
Das asketische Ideal hat nicht nur die Gesundheit und den Geschmack
verdorben, es hat noch etwas Drittes, Viertes, Fünftes, Sechstes verdorben
- ich werde mich hüten zu sagen was Alles (wann käme ich zu Ende!). Nicht
was dies Ideal gewirkt hat, soll hier von mir ans Licht gestellt werden;
vielmehr ganz allein nur, was es bedeutet , worauf es raten lässt, was
hinter ihm, unter ihm, in ihm versteckt liegt, wofür es der vorläufige,
undeutliche, mit Fragezeichen und Missverständnissen überladne Ausdruck
ist. Und nur in Hinsicht auf diesen Zweck durfte ich meinen Lesern einen
Blick auf das Ungeheure seiner Wirkungen, auch seiner verhängnisvollen
Wirkungen nicht ersparen: um sie nämlich zum letzten und furchtbarsten
Aspekt vorzubereiten, den die Frage nach der Bedeutung jenes Ideals für
mich hat. Was bedeutet eben die Macht jenes Ideals, das Ungeheure seiner
Macht? Weshalb ist ihm in diesem Maße Raum gegeben worden? Weshalb nicht
besser Widerstand geleistet worden? Das asketische Ideal drückt einen
Willen aus: wo ist der gegnerische Wille, in dem sich ein gegnerisches
Ideal ausdrückte? Das asketische Ideal hat ein Ziel, - dasselbe ist
allgemein genug, dass alle Interessen des menschlichen Daseins sonst, an
ihm gemessen, kleinlich und eng erscheinen; es legt sich Zeiten, Völker,
Menschen unerbittlich auf dieses Eine Ziel hin aus, es lässt keine andere
Auslegung, kein andres Ziel gelten, es verwirft, verneint, bejaht,
bestätigt allein im Sinne seiner Interpretation (- und gab es je ein zu
Ende gedachteres System von Interpretation?); es unterwirft sich keiner
Macht, es glaubt vielmehr an sein Vorrecht vor jeder Macht, an seine
unbedingte Rang - Distanz in Hinsicht auf jede Macht, - es glaubt daran,
dass Nichts auf Erden von Macht da ist, das nicht von ihm aus erst einen
Sinn, ein Daseins-Recht, einen Werth zu empfangen habe, als Werkzeug zu
seinem Werke, als Weg und Mittel zu seinem Ziele, zu Einem Ziele . . . Wo
ist das Gegenstück zu diesem geschlossenen System von Wille, Ziel und
Interpretation? Warum fehlt das Gegenstück? . . . Wo ist das andere »Eine
Ziel«? . . . Aber man sagt mir, es fehle nicht , es habe nicht nur einen
langen glücklichen Kampf mit jenem Ideale gekämpft, es sei vielmehr in
allen Hauptsachen bereits über jenes Ideal Herr geworden: unsre ganze
moderne Wissenschaft sei das Zeugnis dafür, - diese moderne Wissenschaft,
welche, als eine eigentliche Wirklichkeits-Philosophie, ersichtlich allein
an sich selber glaube, ersichtlich den Muth zu sich, den Willen zu sich
besitze und gut genug bisher ohne Gott, Jenseits und verneinende Tugenden
ausgekommen sei. Indessen mit solchem Lärm und Agitatoren-Geschwätz
richtet man Nichts bei mir aus: diese Wirklichkeits-Trompeter sind
schlechte Musikanten, ihre Stimmen kommen hörbar genug nicht aus der
Tiefe, aus ihnen redet nicht der Abgrund des wissenschaftlichen Gewissens
- denn heute ist das wissenschaftliche Gewissen ein Abgrund-, das Wort
»Wissenschaft« ist in solchen Trompeter-Mäulern einfach eine Unzucht, ein
Missbrauch, eine Schamlosigkeit. Gerade das Gegenteil von dem, was hier
behauptet wird, ist die Wahrheit: die Wissenschaft hat heute
schlechterdings keinen Glauben an sich, geschweige ein Ideal über sich, -
und wo sie überhaupt noch Leidenschaft, Liebe, Glut, Leiden ist, da ist
sie nicht der Gegensatz jenes asketischen Ideals, vielmehr dessen jüngste
und vornehmste Form selber. Klingt euch das fremd? . . . Es gibt ja genug
braves und bescheidenes Arbeiter-Volk auch unter den Gelehrten von Heute,
dem sein kleiner Winkel gefällt, und das darum, weil es ihm darin gefällt,
bisweilen ein wenig unbescheiden mit der Forderung laut wird, man solle
überhaupt heute zufrieden sein, zumal in der Wissenschaft, - es gäbe da
gerade so viel Nützliches zu tun. Ich widerspreche nicht; am wenigsten
möchte ich diesen ehrlichen Arbeitern ihre Lust am Handwerk verderben:
denn ich freue mich ihrer Arbeit. Aber damit, dass jetzt in der
Wissenschaft streng gearbeitet wird und dass es zufriedene Arbeiter gibt,
ist schlechterdings nicht bewiesen, dass die Wissenschaft als Ganzes heute
ein Ziel, einen Willen, ein Ideal, eine Leidenschaft des großen Glaubens
habe. Das Gegenteil, wie gesagt, ist der Fall: wo sie nicht die jüngste
Erscheinungsform des asketischen Ideals ist, - es handelt sich da um zu
seltne, vornehme, ausgesuchte Fälle, als dass damit das Gesamturteil
umgebogen werden könnte - ist die Wissenschaft heute ein Versteck für alle
Art Missmut, Unglauben, Nagewurm, despectio sui, schlechtes Gewissen, -
sie ist die Unruhe der Ideallosigkeit selbst, das Leiden am Mangel der
großen Liebe, das Ungenügen an einer unfreiwilligen Genügsamkeit. Oh was
verbirgt heute nicht Alles Wissenschaft! wie viel soll sie mindestens
verbergen! Die Tüchtigkeit unsrer besten Gelehrten, ihr besinnungsloser
Fleiß, ihr Tag und Nacht rauchender Kopf, ihre Handwerks-Meisterschaft
selbst - wie oft hat das Alles seinen eigentlichen Sinn darin, sich selbst
irgend Etwas nicht mehr sichtbar werden zu lassen! Die Wissenschaft als
Mittel der Selbst-Betäubung: kennt ihr das? . . . Man verwundet sie -
Jeder erfährt es, der mit Gelehrten umgeht - mitunter durch ein harmloses
Wort bis auf den Knochen, man erbittert seine gelehrten Freunde gegen
sich, im Augenblick, wo man sie zu ehren meint, man bringt sie außer Rand
und Band, bloß weil man zu grob war, um zu erraten, mit wem man es
eigentlich zu tun hat, mit Leidenden , die es sich selbst nicht
eingestehen wollen, was sie sind, mit Betäubten und Besinnungslosen, die
nur Eins fürchten: zum Bewusstsein zu kommen . . .
24.
- Und nun sehe man sich dagegen jene seltneren Fälle an, von denen ich
sprach, die letzten Idealisten, die es heute unter Philosophen und
Gelehrten gibt: hat man in ihnen vielleicht die gesuchten Gegner des
asketischen Ideals, dessen Gegen-Idealisten? In der Tat, sie glauben sich
als solche, diese »Ungläubigen« (denn das sind sie allesamt); es scheint
gerade Das ihr letztes Stück Glaube, Gegner dieses Ideals zu sein, so
ernsthaft sind sie an dieser Stelle, so leidenschaftlich wird da gerade
ihr Wort, ihre Gebärde: - brauchte es deshalb schon wahr zu sein, was sie
glauben? . . . Wir »Erkennenden« sind nachgerade misstrauisch gegen alle
Art Gläubige; unser Misstrauen hat uns allmählich darauf eingeübt,
umgekehrt zu schließen, als man ehedem schloss: nämlich überall, wo die
Stärke eines Glaubens sehr in den Vordergrund tritt, auf eine gewisse
Schwäche der Beweisbarkeit, auf Unwahrscheinlichkeit selbst des Geglaubten
zu schließen. Auch wir leugnen nicht, dass der Glaube »selig macht«: eben
deshalb leugnen wir, dass der Glaube Etwas beweist, - ein starker Glaube,
der selig macht, ist ein Verdacht gegen Das, woran er glaubt, er begründet
nicht »Wahrheit«, er begründet eine gewisse Wahrscheinlichkeit- der
Täuschung. Wie steht es nun in diesem Falle? - Diese Verneinenden und
Abseitigen von Heute, diese Unbedingten in Einem, im Anspruch auf
intellektuelle Sauberkeit, diese harten, strengen, enthaltsamen,
heroischen Geister, welche die Ehre unsrer Zeit ausmachen, alle diese
blassen Atheisten, Antichristen, Immoralisten, Nihilisten, diese
Skeptiker, Ephektiker, Hektiker des Geistes (letzteres sind sie samt und
sonders, in irgend einem Sinne), diese letzten Idealisten der Erkenntnis,
in denen allein heute das intellektuelle Gewissen wohnt und leibhaft ward,
- sie glauben sich in der Tat so losgelöst als möglich vom asketischen
Ideale, diese »freien, sehr freien Geister«: und doch, dass ich ihnen
verrate, was sie selbst nicht sehen können - denn sie stehen sich zu nahe
- dies Ideal ist gerade auch ihr Ideal, sie selbst stellen es heute dar,
und Niemand sonst vielleicht, sie selbst sind seine vergeistigtste
Ausgeburt, seine vorgeschobenste Krieger- und Kundschafter-Schar, seine
verfänglichste, zarteste, unfasslichste Verführungsform: wenn ich irgend
worin Rätselrater bin, so will ich es mit diesem Satze sein! . . . Das
sind noch lange keine freien Geister: denn sie glauben noch an die
Wahrheit . .. Als die christlichen Kreuzfahrer im Orient auf jenen
unbesiegbaren Assassinen-Orden stießen, jenen Freigeister-Orden par
excellence, dessen unterste Grade in einem Gehorsame lebten, wie einen
gleichen kein Mönchsorden erreicht hat, da bekamen sie auf irgend welchem
Wege auch einen Wink über jenes Symbol und Kerbholz-Wort, das nur den
obersten Graden, als deren Sekretum, vorbehalten war: »Nichts ist wahr,
Alles ist erlaubt« . . . Wohlan, das war Freiheit des Geistes, damit war
der Wahrheit selbst der Glaube gekündigt . . . Hat wohl je schon ein
europäischer, ein christlicher Freigeist sich in diesen Satz und seine
labyrinthischen Folgerungen verirrt? kennt er den Minotauros dieser Höhle
aus Erfahrung? . . . Ich zweifle daran, mehr noch, ich weiß es anders: -
Nichts ist diesen Unbedingten in Einem, diesen so genannten »freien
Geistern« gerade fremder als Freiheit und Entfesselung in jenem Sinne, in
keiner Hinsicht sind sie gerade fester gebunden, im Glauben gerade an die
Wahrheit sind sie, wie Niemand anders sonst, fest und unbedingt. Ich kenne
dies Alles vielleicht zu sehr aus der Nähe: jene verehrenswürdige
Philosophen-Enthaltsamkeit, zu der ein solcher Glaube verpflichtet, jener
Stoizismus des Intellekts, der sich das Nein zuletzt eben so streng
verbietet wie das Ja, jenes Stehenbleiben- Wollen vor dem Tatsächlichen,
dem factum brutum ,jener Fatalismus der »petits faits« (ce petit
faitalisme, wie ich ihn nenne), worin die französische Wissenschaft jetzt
eine Art moralischen Vorrangs vor der deutschen sucht, jenes
Verzichtleisten auf Interpretation überhaupt (auf das Vergewaltigen,
Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten, Umfälschen
und was sonst zum Wesen alles Interpretierens gehört) - das drückt, ins
Grosse gerechnet, ebenso gut Asketismus der Tugend aus, wie irgend eine
Verneinung der Sinnlichkeit (es ist im Grunde nur ein modus dieser
Verneinung). Was aber zu ihm zwingt , jener unbedingte Wille zur Wahrheit,
das ist der Glaube an das asketische Ideal selbst, wenn auch als sein
unbewusster Imperativ, man täusche sich hierüber nicht, - das ist der
Glaube an einen metaphysischen Wert, einen Werth an sich der Wahrheit, wie
er allein in jenem Ideal verbürgt und verbrieft ist (er steht und fällt
mit jenem Ideal). Es gibt, streng geurteilt, gar keine »voraussetzunglose«
Wissenschaft, der Gedanke einer solchen ist unausdenkbar, paralogisch:
eine Philosophie, ein Glaube« muss immer erst da sein, damit aus ihm die
Wissenschaft eine Richtung, einen Sinn, eine Grenze, eine Methode, ein
Recht auf Dasein gewinnt. (Wer es umgekehrt versteht, wer zum Beispiel
sich anschickt, die Philosophie »auf streng wissenschaftliche Grundlage«
zu stellen, der hat dazu erst nötig, nicht nur die Philosophie, sondern
auch die Wahrheit selber auf den Kopf zu stellen: die ärgste
Anstands-Verletzung, die es in Hinsicht auf zwei so ehrwürdige
Frauenzimmer geben kann!) Ja, es ist kein Zweifel - und hiermit lasse ich
meine »fröhliche Wissenschaft« zu Worte kommen, vergl. deren fünftes Buch
S. 263 - »der Wahrhaftige, in jenem verwegenen und letzten Sinne, wie ihn
der Glaube an die Wissenschaft voraussetzt, bejaht damit eine andre Welt
als die des Lebens, der Natur und der Geschichte; und insofern er diese
»andre Welt« bejaht, wie? muss er nicht eben damit ihr Gegenstück, diese
Welt, unsre Welt verneinen? . . . Es ist immer noch ein metaphysischer
Glaube, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht, - auch wir
Erkennenden von Heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch wir nehmen
unser Feuer noch von jenem Brande, den ein Jahrtausende alter Glaube
entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Platos war, dass
Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist . . . Aber wie, wenn
gerade dies immer mehr unglaubwürdig wird, wenn Nichts sich mehr als
göttlich erweist, es sei denn der Irrtum, die Blindheit, die Lüge, - wenn
Gott selbst sich als unsre längste Lüge erweist?« -- An dieser Stelle
tut es Not, Halt zu machen und sich lange zu besinnen. Die Wissenschaft
selber bedarf nunmehr einer Rechtfertigung (womit noch nicht einmal gesagt
sein soll, dass es eine solche für sie gibt). Man sehe sich auf diese
Frage die ältesten und die jüngsten Philosophien an: in ihnen allen fehlt
ein Bewusstsein darüber, inwiefern der Wille zur Wahrheit selbst erst
einer Rechtfertigung bedarf, hier ist eine Lücke in jeder Philosophie -
woher kommt das? Weil das asketische Ideal über alle Philosophie bisher
Herr war, weil Wahrheit als Sein, als Gott, als oberste Instanz selbst
gesetzt wurde, weil Wahrheit gar nicht Problem sein durfte. Versteht man
dies »durfte«? - Von dem Augenblick an, wo der Glaube an den Gott des
asketischen Ideals verneint ist, gibt es auch ein neues Problem: das vom
Werte der Wahrheit. - Der Wille zur Wahrheit bedarf einer Kritik -
bestimmen wir hiermit unsre eigene Aufgabe-, der Wert der Wahrheit ist
versuchsweise einmal in Frage zu stellen . . . (Wem dies zu kurz gesagt
scheint, dem sei empfohlen, jenen Abschnitt der »fröhlichen Wissenschaft«
nachzulesen, welcher den Titel trägt: »Inwiefern auch wir noch fromm sind«
S. 260 ff, am besten das ganze fünfte Buch des genannten Werks,
insgleichen die Vorrede zur »Morgenröte«.)
25.
Nein! Man komme. mir nicht mit der Wissenschaft, wenn ich nach dem
natürlichen Antagonisten des asketischen Idealssuche, wenn ich frage: »wo
ist der gegnerische Wille, in dem sich sein gegnerisches Ideal ausdrückt?«
Dazu steht die Wissenschaft lange nicht genug auf sich selber, sie bedarf
in jedem Betrachte erst eines Werth-Ideals, einer werteschaffenden Macht,
in deren Dienste sie an sich selber glauben darf , - sie selbst ist
niemals werteschaffend. Ihr Verhältnis zum asketischen Ideal ist an sich
durchaus noch nicht antagonistisch; sie stellt in der Hauptsache sogar
eher noch die vorwärtstreibende Kraft in dessen innerer Ausgestaltung dar.
Ihr Widerspruch und Kampf bezieht sich, feiner geprüft, gar nicht auf das
Ideal selbst, sondern nur auf dessen Außenwerke, Einkleidung, Maskenspiel,
auf dessen zeitweilige Verhärtung, Verholzung, Verdogmatisierung - sie
macht das Leben in ihm wieder frei, indem sie das Exoterische an ihm
verneint. Diese Beiden, Wissenschaft und asketisches Ideal, sie stehen ja
auf Einem Boden - ich gab dies schon zu verstehen -: nämlich auf der
gleichen Überschätzung der Wahrheit (richtiger: auf dem gleichen Glauben
an die Unabschätzbarkeit, Unkritisierbarkeit der Wahrheit), eben damit
sind sie sich notwendig Bundesgenossen, - so dass sie, gesetzt, dass sie
bekämpft werden, auch immer nur gemeinsam bekämpft und in Frage gestellt
werden können. Eine Wertabschätzung des asketischen Ideals zieht
unvermeidlich auch eine Werthabschätzung der Wissenschaft nach sich: dafür
mache man sich bei Zeiten die Augen hell, die Ohren spitz! (Die Kunst ,
vorweg gesagt, denn ich komme irgendwann des Längeren darauf zurück, - die
Kunst, in der gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das
gute Gewissen zur Seite hat, ist dem asketischen Ideale viel
grundsätzlicher entgegengestellt als die Wissenschaft: so empfand es der
Instinkt Platos, dieses größten Kunstfeindes, den Europa bisher
hervorgebracht hat. Plato gegen Homer: das ist der ganze, der echte
Antagonismus dort der »Jenseitige« besten Willens, der große Verleumder
des Lebens, hier dessen unfreiwilliger Vergöttlicher, die goldene Natur.
Eine Künstler-Dienstbarkeit im Dienste des asketischen Ideals ist deshalb
die eigentlichste Künstler-Korruption , die es geben kann, leider eine der
allergewöhnlichsten: denn Nichts ist corruptibler, als ein Künstler.) Auch
physiologisch nachgerechnet, ruht die Wissenschaft auf dem gleichen Boden
wie das asketische Ideal: eine gewisse Verarmung des Lebens ist hier wie
dort die Voraussetzung, - die Affekte kühl geworden, das tempo
verlangsamt, die Dialektik an Stelle des Instinktes, der Ernst den
Gesichtern und Gebärden aufgedrückt (der Ernst, dieses
unmissverständlichste Abzeichen des mühsameren Stoffwechsels, des
ringenden, schwerer arbeitenden Lebens). Man sehe sich die Zeiten eines
Volkes an, in denen der Gelehrte in den Vordergrund tritt: es sind Zeiten
der Ermüdung, oft des Abends, des Niederganges, - die überströmende Kraft,
die Lebens-Gewissheit, die Zukunfts- Gewissheit sind dahin. Das
Übergewicht des Mandarinen bedeutet niemals etwas Gutes: so wenig als die
Heraufkunft der Demokratie, der Friedens-Schiedsgerichte an Stelle der
Kriege, der Frauen-Gleichberechtigung, der Religion des Mitleids und was
es sonst Alles für Symptome des absinkenden Lebens giebt. (Wissenschaft
als Problem gefasst; was bedeutet Wissenschaft? - vergl. darüber die
Vorrede zur »Geburt der Tragödie«.) - Nein! diese »moderne Wissenschaft« -
macht euch nur dafür die Augen auf! - ist einstweilen die beste
Bundesgenossin des asketischen Ideals, und gerade deshalb, weil sie die
unbewussteste, die unfreiwilligste, die heimlichste und unterirdischste
ist! Sie haben bis jetzt Ein Spiel gespielt, die »Armen des Geistes« und
die wissenschaftlichen Widersacher jenes Ideals (man hüte sich, anbei
gesagt, zu denken, dass sie deren Gegensatz seien, etwa als die Reichen
des Geistes: - das sind sie nicht, ich nannte sie Hektiker des Geistes).
Diese berühmten Siege der letzteren: unzweifelhaft, es sind Siege - aber
worüber? Das asketische Ideal wurde ganz und gar nicht in ihnen besiegt,
es wurde eher damit stärker, nämlich unfasslicher, geistiger,
verfänglicher gemacht, dass immer wieder. eine Mauer, ein Außenwerk, das
sich an dasselbe angebaut hatte und seinen Aspekt vergröberte , seitens
der Wissenschaft schonungslos abgelöst, abgebrochen worden ist. Meint man
in der Tat, dass etwa die Niederlage der theologischen Astronomie eine
Niederlage jenes Ideals bedeute? . . . Ist damit vielleicht der Mensch
weniger bedürftig nach einer Jenseitigkeits-Lösung seines Rätsels von
Dasein geworden, dass dieses Dasein sich seitdem noch beliebiger,
eckensteherischer, entbehrlicher in der sichtbaren Ordnung der Dinge
ausnimmt? Ist nicht gerade die Selbstverkleinerung des Menschen, sein
Wille zur Selbstverkleinerung seit Kopernikus in einem unaufhaltsamen
Fortschritte? Ach, der Glaube an seine Würde, Einzigkeit, Unersetzlichkeit
in der Rangabfolge der Wesen ist dahin, - er ist Tier geworden, Tier, ohne
Gleichnis, Abzug und Vorbehalt, er, der in seinem früheren Glauben beinahe
Gott (»Kind Gottes«, »Gottmensch«) war . . . Seit Kopernikus scheint der
Mensch auf eine schiefe Ebene geraten, - er rollt immer schneller nunmehr
aus dem Mittelpunkte weg wohin? ins Nichts? ins »durchbohrende Gefühl
seines Nichts«? . . . Wohlan! dies eben wäre der gerade Weg- ins alte
Ideal? . . . Alle Wissenschaft (und keineswegs nur die Astronomie, über
deren demütigende und herunterbringende Wirkung Kant ein bemerkenswertes
Geständnis gemacht hat, »sie vernichtet meine Wichtigkeit« ...), alle
Wissenschaft, die natürliche sowohl, wie die unnatürliche - so heiße ich
die Erkenntnis-Selbstkritik - ist heute darauf aus, dem Menschen seine
bisherige Achtung vor sich auszureden, wie als ob dieselbe Nichts als ein
bizarrer Eigendünkel gewesen sei; man könnte sogar sagen, sie habe ihren
eigenen Stolz, ihre eigene herbe Form von stoischer Ataraxie darin, diese
mühsam errungene Selbstverachtung des Menschen als dessen letzten,
ernstesten Anspruch auf Achtung bei sich selbst aufrecht zu erhalten (mit
Recht, in der Tat: denn der Verachtende ist immer noch Einer, der »das
Achten nicht verlernt hat« . . .). Wird damit dem asketischen Ideale
eigentlich entgegengearbeitet ? Meint man wirklich alles Ernstes noch (wie
es die Theologen eine Zeit lang sich einbildeten), dass etwa Kants Sieg
über die theologische Begriffs-Dogmatik (»Gott«, »Seele«, »Freiheit«,
»Unsterblichkeit«) jenem Ideale Abbruch getan habe? - wobei es uns
einstweilen Nichts angehen soll, ob Kant selber etwas Derartiges überhaupt
auch nur in Absicht gehabt hat. Gewiss ist, dass alle An
Transzendentalisten seit Kant wieder gewonnenes Spiel haben, - sie sind
von den Theologen emanzipiert: welches Glück! - er hat ihnen jenen
Schleichweg verraten, auf dem sie nunmehr auf eigne Faust und mit dem
besten wissenschaftlichen Anstande den »Wünschen ihres Herzens« nachgehen
dürfen. Insgleichen: wer dürfte es nunmehr den Agnostikern verargen, wenn
sie, als die Verehrer des Unbekannten und Geheimnisvollen an sich, das
Fragezeichenselbst jetzt als Gott anbeten? (Xaver Doudan spricht einmal
von den ravages, welche »1'habitude d'admirer l'inintelligible au lieu de
rester tout simplement dans l'inconnu« angerichtet habe; er meint, die
Alten hätten dessen entraten.) Gesetzt, dass Alles, was der Mensch
»erkennt«, seinen Wünschen nicht genug thut, ihnen vielmehr widerspricht
und Schauder macht, welche göttliche Ausflucht, die Schuld davon nicht im
»Wünschen«, sondern im »Erkennen« suchen zu dürfen! . . . »Es gibt kein
Erkennen: folglich - gibt es einen Gott«: welche neue elegantia syllogismi!
welcher Triumph des asketischen Ideals!
26.
- Oder zeigte vielleicht die gesamte moderne Geschichtsschreibung eine
lebensgewissere, idealgewissere Haltung? Ihr vornehmster Anspruch geht
jetzt dahin, Spiegel zu sein; sie lehnt alle Theologie ab; sie will Nichts
mehr »beweisen«; sie ver[406]schmäht es, den Richter zu spielen, und hat
darin ihren guten Geschmack, - sie bejaht so wenig als sie verneint, sie
stellt fest, sie »beschreibt« . . . Dies Alles ist in einem hohen Grade
asketisch; es ist aber zugleich in einem noch höheren Grade nihilistisch ,
darüber täusche man sich nicht! Man sieht einen traurigen, harten, aber
entschlossenen Blick, - ein Auge, das hinausschaut , wie ein vereinsamter
Nordpolfahrer hinausschaut (vielleicht um nicht hineinzuschauen? um nicht
zurückzuschauen? . . . ). Hier ist Schnee, hier ist das Leben verstummt;
die letzten Krähen, die hier laut werden, heißen »Wozu?«, »Umsonst!«, »Nada!«
- hier gedeiht und wächst Nichts mehr, höchstens Petersburger Metapolitik
und Tolstoi'sches »Mitleid«. Was aber jene andre Art von Historikern
betrifft, eine vielleicht noch »modernere« Art, eine genüssliche,
wollüstige, mit dem Leben ebenso sehr als mit dem asketischen Ideal
liebäugelnde Art, welche das Wort »Artist« als Handschuh gebraucht und
heute das Lob der Kontemplation ganz und gar für sich in Pacht genommen
hat: oh welchen Durst erregen diese süßen Geistreichen selbst noch nach
Asketen und Winterlandschaften! Nein! dies »beschauliche« Volk mag sich
der Teufel holen! Um wie viel lieber will ich noch mit jenen historischen
Nihilisten durch die düstersten grauen kalten Nebel wandern! - ja, es soll
mir nicht darauf ankommen, gesetzt, dass ich wählen muss, selbst einem
ganz eigentlich Unhistorischen, Widerhistorischen Gehör zu schenken (wie
jenem Dühring, an dessen Tönen sich im heutigen Deutschland eine bisher
noch schüchterne, noch uneingeständliche Spezies »schöner Seelen«
berauscht, die species anarchistica innerhalb des gebildeten
Proletariats). Hundert Mal schlimmer sind die »Beschaulichen« -: ich
wüsste Nichts, was so sehr Ekel machte, als solch ein »objektiver«
Lehnstuhl, solch ein duftender Genüssling vor der Historie, halb Pfaff,
halb Satyr, Parfum Renan, der schon mit dem hohen Falsett seines Beifalls
verrät, was ihm abgeht, w o es ihm abgeht, wo in diesem Falle die Parze
ihre grausame Schere ach! allzu chirurgisch gehandhabt hat! Das geht mir
wider den Geschmack, auch wider die Geduld: behalte bei solchen Aspekten
seine Geduld, wer Nichts an ihr zu verlieren hat, - mich ergrimmt solch
ein Aspekt, solche »Zuschauer« erbittern mich gegen das »Schauspiel«, mehr
noch als das Schauspiel (die Historie selbst, man versteht mich),
unversehens kommen mir dabei anakreontische Launen. Diese Natur, die dem
Stier das Horn, dem Löwen das gab,
wozu gab mir die Natur den Fuß? . . . Zum Treten, beim heiligen Anakreon!
und nicht nur zum Davonlaufen: zum Zusammentreten der morschen Lehnstühle,
der feigen Beschaulichkeit, des lüsternen Eunuchentums vor der Historie,
der Liebäugelei mit asketischen Idealen, der Gerechtigkeits-Tartüfferie
der Impotenz! Alle meine Ehrfurcht dem asketischen Ideale, sofern e s
ehrlich ist! so lange es an sich selber glaubt und uns keine Possen
vormacht! Aber ich mag alle diese koketten Wanzen nicht, deren Ehrgeiz
unersättlich darin ist, nach dem Unendlichen zu riechen, bis zuletzt das
Unendliche nach Wanzen riecht; ich mag die übertünchten Gräber nicht, die
das Leben schauspielern; ich mag die Müden und Vernutzten nicht, welche
sich in Weisheit einwickeln und »objektiv« blicken; ich mag die zu Helden
aufgeputzten Agitatoren nicht, die eine Tarnkappe von Ideal um ihren
Strohwisch von Kopf tragen; ich mag die ehrgeizigen Künstler nicht, die
den Asketen und Priester bedeuten möchten und im Grunde nur tragische
Hanswürste sind; ich mag auch sie nicht, diese neuesten Spekulanten in
Idealismus, die Antisemiten, welche heute ihre Augen
christlich-arisch-biedermännisch verdrehn und durch einen jede Geduld
erschöpfenden Missbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittels, der
moralischen Attitüde, alle Hornvieh-Elemente des Volkes aufzuregen suchen
(- dass jede Art Schwindel-Geisterei im heutigen Deutschland nicht ohne
Erfolg bleibt, hängt mit der nachgerade unleugbaren und bereits
handgreiflichen Verödung des deutschen Geistes zusammen, deren Ursache ich
in einer allzu ausschließlichen Ernährung mit Zeitungen, Politik, Bier und
Wagnerischer Musik suche, hinzugerechnet, was die Voraussetzung für diese
Diät abgibt: einmal die nationale Einklemmung und Eitelkeit, das starke,
aber enge Prinzip »Deutschland, Deutschland über Alles«, sodann aber die
Paralysis agitans der »modernen Ideen«). Europa ist heute reich und
erfinderisch vor Allem in Erregungsmitteln, es scheint Nichts nötiger zu
haben als Stimulantia und gebrannnte Wasser: daher auch die ungeheure
Fälscherei in Idealen, diesen gebranntesten Wassern des Geistes, daher
auch die widrige, übelriechende, verlogne, pseudoalkoholische Luft
überall. Ich möchte wissen, wie viel Schiffsladungen von nachgemachtem
Idealismus, von Helden-Kostümen und Klapperblech großer Worte, wie viel
Tonnen verzuckerten Spirituosen Mitgefühls (Firma: la religion de la
souffrance), wie viel Stelzbeine »edler Entrüstung« zur Nachhilfe geistig
Plattfüßiger, wie viel Komödianten des christlich-moralischen Ideals heute
aus Europa exportiert werden müssten, damit seine Luft wieder reinlicher
röche . . . Ersichtlich steht in Hinsicht auf diese Überproduktion eine
neue Handels Möglichkeit offen, ersichtlich ist mit kleinen Ideal-Götzen
und zugehörigen »Idealisten« ein neues »Geschäft« zu machen - man überhöre
diesen Zaunspfahl nicht! Wer hat Mut genug dazu? - wir haben es in der
Hand , die ganze Erde zu »idealisieren«! . . . Aber was rede ich von Muth:
hier tut Eins nur Not, eben die Hand, eine unbefangne, eine sehr
unbefangne Hand . . .
27.
- Genug! Genug! Lassen wir diese Kuriositäten und Komplexitäten des
modernsten Geistes, an denen ebensoviel zum Lachen als zum Verdrießen ist:
gerade unser Problem kann deren entraten, das Problem von der Bedeutung
des asketischen Ideals, - was hat dasselbe mit Gestern und Heute zu tun!
Jene Dinge sollen von mir in einem andren Zusammenhange gründlicher und
härter angefasst werden (unter dem Titel »Zur Geschichte des europäischen
Nihilismus«; ich verweise dafür auf ein Werk, das ich vorbereite: Der
Wille zur Macht, Versuch einer Umwertung aller Werte ). Worauf es mir
allein ankommt hier hingewiesen zu haben, ist dies: das asketische Ideal
hat auch in der geistigsten Sphäre einstweilen immer nur noch Eine Art von
wirklichen Feinden und Schädigern: das sind die Komödianten dieses Ideals,
- denn sie wecken Misstrauen. Überall sonst, wo der Geist heute streng,
mächtig und ohne Falschmünzerei am Werke ist, entbehrt er jetzt überhaupt
des Ideals - der populäre Ausdruck für diese Abstinenz ist »Atheismus« -:
abgerechnet seines Willens zur Wahrheit. Dieser Wille aber, dieser Rest
von Ideal, ist, wenn man mir glauben will, jenes Ideal selbst in seiner
strengsten, geistigsten Formulierung, esoterisch ganz und gar, alles
Außenwerks entkleidet, somit nicht sowohl sein Rest, als sein Kern. Der
unbedingte redliche Atheismus (- und seine Luft allein atmen wir, wir
geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) steht demgemäß nicht im Gegensatz
zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner
letzten Entwicklungsphasen, eine seiner Schlussformen und inneren
Folgerichtigkeiten, er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer
zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge
im Glauben an Gott verbietet. (Derselbe Entwicklungsgang in Indien, in
vollkommner Unabhängigkeit, und deshalb Etwas beweisend; dasselbe Ideal
zum gleichen Schlusse zwingend; der entscheidende Punkt fünf Jahrhunderte
vor der europäischen Zeitrechnung erreicht, mit Buddha, genauer: schon mit
der Sankhyam-Philosophie, diese dann durch Buddha popularisiert und zur
Religion gemacht.) Was, in aller Strenge gefragt, hat eigentlich über den
christlichen Gott gesiegt? Die Antwort steht in meiner »fröhlichen
Wissenschaft« S.290: »die christliche Moralität selbst, der immer strenger
genommene Begriff der Wahrhaftigkeit, die Beichtväter-Feinheit des,
christlichen Gewissens, übersetzt und sublimiert zum wissenschaftlichen
Gewissen, zur intellektuellen Sauberkeit um jeden Preis. Die Natur
ansehen, als ob sie ein Beweis für die Güte und Obhut eines Gottes sei;
die Geschichte interpretieren zu Ehren einer göttlichen Vernunft, als
beständiges Zeugnis einer sittlichen Weltordnung und sittlicher
Schlussabsichten; die eigenen Erlebnisse auslegen, wie sie fromme Menschen
lange genug ausgelegt haben, wie als ob Alles Fügung, Alles Wink, Alles
dem Heil der Seele zu Liebe ausgedacht und geschickt sei: das ist nunmehr
vorbei , das hat das Gewissen gegen sich, das gilt allen feineren Gewissen
als unanständig, unehrlich, als Lügnerei, Femininismus, Schwachheit,
Feigheit, - mit dieser Strenge, wenn irgend womit, sind wir eben gute
Europäer und Erben von Europas längster und tapferster Selbstüberwindung«
.
Alle großen Dinge gehen durch sich selbst zu Grunde,
durch einen Akt der Selbstaufhebung: so will es das Gesetz des Lebens, das
Gesetz der notwendigen »Selbstüberwindung« im Wesen des Lebens, - immer
ergeht zuletzt an den Gesetzgeber selbst der Ruf: »patere legem, quam ipse
tulisti. « Dergestalt ging das Christentum als Dogma zu Grunde, an seiner
eignen Moral; dergestalt muss nun auch das Christentum als Moral noch zu
Grunde gehen, wir stehen an der Schwelle dieses Ereignisses. Nachdem
die christliche Wahrhaftigkeit einen Schluss nach dem andern gezogen hat,
zieht sie am Ende ihren stärksten Schluss, ihren Schluss gegen sich
selbst; dies aber geschieht, wenn sie die Frage stellt »was bedeutet aller
Wille zur Wahrheit?« . . . Und hier rühre ich wieder an mein Problem, an
unser Problem, meine unbekannten Freunde (- denn noch weiß ich von keinem
Freunde): welchen Sinn hätte unser ganzes Sein, wenn nicht den, dass in
uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem zum Bewusstsein
gekommen wäre? . . . An diesem Sich-bewusst-werden des Willens zur
Wahrheit geht von nun an - daran ist kein Zweifel - die Moral z u Grunde:
jenes große Schauspiel in hundert Akten, das den nächsten zwei
Jahrhunderten Europas aufgespart bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste
und vielleicht auch hoffnungsreichste aller Schauspiele . . .
28.
Sieht man vom asketischen Ideale ab: so hatte der Mensch, das Tier Mensch
bisher keinen Sinn. Sein Dasein auf Erden enthielt kein Ziel; »wozu Mensch
überhaupt?« - war eine Frage ohne Antwort; der Wille für Mensch und Erde
fehlte; hinter jedem großen Menschen-Schicksale klang als Refrain ein noch
größeres »Umsonst!« Das eben bedeutet das asketische Ideal: dass Etwas
fehlte , dass eine ungeheure Lücke den Menschen umstand, - er wusste sich
selbst nicht zu rechtfertigen, zu erklären, zu bejahen, er litt am
Probleme seines Sinns. Er litt auch sonst, er war in der Hauptsache ein
krankhaftes Tier: aber nicht das Leiden selbst war sein Problem, sondern
dass die Antwort fehlte für den Schrei der Frage »wozu leiden?« Der
Mensch, das tapferste und leidgewohnteste Tier, verneint an sich nicht das
Leiden: er will es, er sucht es selbst auf, vorausgesetzt, dass man ihm
einen Sinn dafür aufzeigt, ein Dazu des Leidens. Die Sinnlosigkeit des
Leidens, nicht das Leiden, war der Fluch, der bisher über der Menschheit
ausgebreitet lag, - und das asketische Ideal bot ihr einen Sinn! Es
war bisher der einzige Sinn; irgend ein Sinn ist besser als gar kein Sinn;
das asketische Ideal war in jedem Betracht das »faute demieux« par
excellence, das es bisher gab. In ihm war das Leiden ausgelegt; die
ungeheure Leere schien ausgefüllt; die Tür schloss sich vor allem
selbstmörderischen Nihilismus zu. Die Auslegung - es ist kein Zweifel -
brachte neues Leiden mit sich, tieferes, innerlicheres, giftigeres, am
Leben nagenderes: sie brachte alles Leiden unter die Perspektive der
Schuld . . . Aber trotzalledem - der Mensch war damit gerettet , er hatte
einen Sinn , er war fürderhin nicht mehr wie ein Blatt im Winde, ein
Spielball des Unsinns, des »Ohne-Sinns«, er konnte nunmehr Etwas wollen, -
gleichgültig zunächst, wohin, wozu, womit er wollte: der Wille selbst war
gerettet. Man kann sich schlechterdings nicht verbergen, was eigentlich
jenes ganze Wollen ausdrückt, das vom asketischen Ideale her seine
Richtung bekommen hat: dieser Hass gegen das Menschliche, mehr noch gegen
das Tierische, mehr noch gegen das Stoffliche, dieser Abscheu vor den
Sinnen, vor der Vernunft selbst, diese Furcht vor dem Glück und der
Schönheit, dieses Verlangen hinweg aus allem Schein, Wechsel, Werden, Tod,
Wunsch, Verlangen selbst das Alles bedeutet, wagen wir es, dies zu
begreifen, einen Willen zum Nichts, einen Widerwillen gegen das Leben,
eine Auflehnung gegen die grundsätzlichsten Voraussetzungen des Lebens,
aber es ist und bleibt ein Wille! . . . Und, um es noch zum Schluss zu
sagen, was ich Anfangs sagte: lieber will noch der Mensch das Nichts
wollen, als nicht wollen . . .
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