|
Der Pfarrer von Arget
In diesem Kapitel, das nur in der Internetausgabe des Buches "Der Pfarrer von Arget" enthalten ist, geht es um die Auseinandersetzung mit Kardinal Wetter im Anschluss an die Veröffentlichung des Buches. Es geht aber auch um Begriffe wie Glaubenswahrheit oder um das Zölibat. Die meisten Pfarrer leben mit ihrer Haushälterin zusammen, fahren zusammen in Urlaub . . . Aber wehe, wenn ein Pfarrer dieses Verhältnis legalisieren möchte. Hier zeigt sich dann die Unbeweglichkeit dieser in Dogmen erstarrten Kirche, der Linientreue wichtiger ist als Ehrlichkeit. Die Kirche rettet sich mit immer neuen Interpretationen ihrer Glaubengrundlage über die Runden. Wer dieses Spielchen durchschaut hat, für den hat die Kirche ihre Glaubwürdigkeit verloren. Im Zeitalter des Internet lässt sich kaum noch jemand vorschreiben, was er zu glauben hat. Pfarrer Glas sagt dazu in seinem Schlusswort: Die Rose verträgt keinen Frost und der Glaube keine Gewalt.
Textmarken: Das Dekret zur Amtsenthebung, Der Begriff Glaubenswahrheit, Die Diskrepanz zwischen Amtsgewalt und Hirtenbrief, Die Auflösung der Pfarrei Arget, Die Reaktion der Pfarrgemeinde, Kritik an der Amtführung und Lehre in einem internen Jahresbericht, Das Zölibatgesetz, Suspendiert und exkommuniziert, Zwangsräumung aus dem Pfarrhaus, Die Doppelmoral der Bischöfe und Kardinäle, Briefwechsel mit Kardinal Wetter ab dem 6. 12. 2006, Wie bayerische Pfarrer von ihren Haushälterinnen verwöhnt werden, Der Traum vom Ende der Amtsgewalt Kardinal Wetter und ich
Kardinal Friedrich Wetter hatte mir die Amtsenthebung als Pfarrer von Arget und die Exkommunikation mit Dekret vom 21.09.1992 durch seinen Sekretär überbringen lassen. Sein Dekret hat folgenden Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Pfarrer i. R., in ihrem Buch "Der Pfarrer von Arget" stellen Sie wesentliche Glaubenswahrheiten nicht nur in Frage, sondern leugnen einige ausdrücklich, wie z.B. die Gottessohnschaft Jesus Christi ("In mir wuchs die Überzeugung, dass Jesus ein ganz normaler Mensch war und nicht Sohn Gottes , wie es die Dogmatik lehrt. Selbstverständlich wurde auch er nicht durch die Überschattung des Heiligen Geistes gezeugt, sondern ganz normal, wie jeder andere Mensch." S. 344), die Verbindlichkeit der Evangelien als geoffenbartes Wort Gottes ("Die Evangelien sind keine Berichte, sondern Dichtungen." S.258; "Um ihren eigenen Einfluss in der Welt zu stärken, hat sie (die Kirche) ihrem Handbuch, der Heiligen Schrift, eine göttliche Autorität verliehen. Gegen besseres Wissen behauptete sie felsenfest, es handle sich dabei um nichts Geringeres als um das Wort des lebendigen Gottes." S.491) und die Sakramentalität des Weihepriestertums (Selbstverständlich dachte ich auch über das Priestertum nach. Letzten Endes kam ich zu dem Schluss, dass die Weihe im Tun liegt und nicht in der Handauflegung durch den Bischof. Wer das Priestertum ausübt mit Herz und Verstand, der ist geweiht." S.287). Durch die Leugnung dieser Glaubenswahrheiten haben Sie sich die von selbst eintretende Strafe der Exkommunikation nach c.1364 § 1 CIC mit den in c.1331 CIC genannten Folgen zugezogen. Da Sie nach dem ärztlichen Attest vom 21.9.1989 an einem ausgeprägten ecclesiogenen psychovegetativen Syndrom leiden, könnte es zweifelhaft sein, ob Sie diese Strafe inkurriert haben ( c. 1321 § 1 CIC). Sollte Ihre festgestellte psychische Erkrankung so schwerwiegend sein, dass die Exkommunikation nicht eintreten konnte, Sind Sie nach c. 1044 §2 n.2 CIC an der Ausübung der empfangenen Weihen gehindert. Die Ausübung des priesterlichen Dienstes ist Ihnen folglich untersagt. München den 21.09.1992 Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising Kardinal Friedrich Wetter hat die von ihm zitierten Sätze völlig bedenkenlos aus dem Zusammenhang gerissen, und hat auch den amtlichen Jahresbericht 1990/91 Theologische Fortbildung Freising von Dr. Walter Friedberger absichtlich mit keinem Wort erwähnt, somit ein großes Unrecht begangen, damit er mich bestrafen konnte.
Meine Exkommunikation wird also von Kardinal Wetter mit der Leugnung von "wesentlichen Glaubenswahrheiten" begründet. "Glaubenswahrheiten!" - Ich habe im großen, zehnbändigen Lexikon für Theologie und Kirche nachgeschaut, um zu erfahren, was damit gemeint ist und musste zu meiner Überraschung feststellen, dass der Begriff "Glaubenswahrheit" nicht vorkommt. In der Theologie hat also der Begriff "Glaubenswahrheit" keinen Platz. Die Frage ist nun: Was ist von diesem seltsamen Begriff überhaupt zu halten? Es ist weiter zu fragen: Vertragen sich diese beiden Worthälften, Glaube und Wahrheit überhaupt, oder gehören sie von Natur aus so wenig zusammen wie Feuer und Wasser? Nach allgemeinem Verständnis ist eine wichtige Sache, entweder gut oder böse, nützlich oder schädlich, wahr oder falsch. Sie ist so oder so, unabhängig von uns. Bei so genannten Glaubenswahrheiten ist das anders. Diese werden von Menschen zu wichtigen Sachen erklärt und zugleich mit der Eigenschaft der Wahrheit geziert. Glaubenswahrheiten sind also eigenmächtige und oftmals auch phantastische Einbildungen religiöser Institutionen, die nicht als wahr oder falsch erkannt werden können, und aus diesem Grund geglaubt werden müssen. Wenn aber eine Sache nicht bekannt ist und auch nicht erkannt werden kann, wird sie zur reinen Vermutung. Man kann sie für wahr halten. Mit gleichem Recht mag sie auch für unwahr und falsch abgelehnt werden. Auf keinen Fall aber kann sie zur Wahrheit erklärt und bestimmt werden. Im Christentum werden reine Vermutungen als absolute Wahrheiten ausgegeben. Diese reinen Vermutungen müssen geglaubt werden. Die Ablehnung solcher zu Glaubenswahrheiten erklärten Vermutungen, werden mit Exkommunikation bestraft. Das ist nicht nur höchstes Unrecht, sondern auch höchste Gewalt gegen jede Vernunft. Das Christentum tritt in unserer Zeit am meisten durch seine Amtsgewalt in die Öffentlichkeit. Das ist verständlich, denn Christentum und Gewalt gehören zusammen.
Die Diskrepanz zwischen Amtsgewalt und Hirtenbrief Die Gewalt wird in der Gesellschaft immer mehr abgelehnt und verachtet. Aus diesem Grund sollte auch das Christentum nicht mit Gewalt in Verbindung gebracht werden können. Diesem Ziel diente auch der Hirtenbrief von Kardinal Wetter zur Fastenzeit 1992. Statt der Amtsgewalt im Christentum sollte die vorbildliche "Liebe Christi " in der Erzdiözese von München und Freising zum Leuchten kommen. Unter dem Strich aber bestätigt dieser Hirtenbrief nur wiederum meine alte Erkenntnis: Christentum und Gewalt sind ein und dasselbe. Der erste Teil war überschrieben: "Das geschwisterliche Miteinander in der Kirche". Mit dem Hinweis auf die Geschwisterlichkeit sollte jeder Anschein von der alles beherrschenden Amtsgewalt in der Kirche überdeckt werden. Hier die wichtigsten Stellen aus diesem Abschnitt: "Geschwisterliches Miteinander in der Kirche, so lautet die erste Aufgabe. Damit ist nicht das öfter zu hörende Schlagwort gemeint: Seid nett zueinander! Es geht um viel mehr. Das geschwisterliche Miteinander ist Ausdruck unseres Glaubens. Die Geschwisterlichkeit hat ihren Grund in tiefen Wahrheiten unseres Glaubens. Wir sind Söhne und Töchter Gottes. Er ist unser Vater. Jesus Christus ist unser Bruder. Darum sind wir untereinander Brüder und Schwestern. Diese Gemeinschaft mit Gott und untereinander gilt es zu leben." Nach den Worten des Kardinals sind wir alle Söhne und Töchter Gottes. Ebenso bezeugt Kardinal Wetter: Gott ist unser Vater. Absolut unmissverständlich bestätigt uns der Kardinal auch: Jesus ist unser Bruder. Kardinal Wetter hatte in seinem Hirtenbrief Jesus von Nazareth zu einem "ganz normalen Menschen" erklärt, "der nicht durch die Überschattung des Heiligen Geistes gezeugt, sondern ganz normal, wie jeder andere Mensch" auf die Welt gekommen ist. Denn nur so kann Jesus in Wahrheit "unser Bruder" sein. Damit hat sich auch Kardinal Wetter "die von selbst eintretende Strafe der Exkommunikation" zugezogen. Leider findet sich keine kirchliche Stelle, die ihm per Dekret diese Exkommunikation mitteilen würde. Zugleich müsste ihm auch die Ausübung seines priesterlichen und bischöflichen Amtes ab sofort verboten werden. Christentum ist Gewalt. Diese Gewalt wird auch heute noch willkürlich ausgeübt. Die Betroffenen können sich nicht dagegen wehren. Das ist das wahre Gesicht des Christentums. Aber nun weiter im Hirtenbrief des Kardinals: "Der heilige Paulus schrieb an die Christen zu Rom: "Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes" (Rö 15,7,). Diese Weisung des Apostels gilt auch uns heute. In ihr stellt er uns das Verhalten Jesu als Maßstab vor Augen. Am Leben unseres Bruders Jesus Christus sollen wir lernen, was für Christen geschwisterliches Miteinander heißt." Die Exkommunikation des "Bruders" hat nichts mit geschwisterlichem Miteinander zu tun. Sich gegenseitig annehmen, kann nicht mit dem Ausschluss des anderen verwirklicht werden. Exkommunikation hält dem Maßstab Jesu nicht Stand. Diese Worte des Kardinals sind also nur fromme Sprüche. Sie haben mit Jesus von Nazareth nichts zu tun. Weiter im Text des Hirtenbriefs: "Der Blick auf Jesus zeigt uns, worum es im geschwisterlichen Miteinander geht. Wir dürfen nicht selbstsüchtig nur um uns selber kreisen, ständig darauf bedacht, was habe ich davon; wir dürfen auch nicht gleichgültig sein; vielmehr sind wir aufgerufen, füreinander dazusein als Brüder und Schwestern, die Verantwortung füreinander haben auf dem Weg, auf den Gott uns gerufen hat; bereit dem anderen zu helfen und seine Last mitzutragen (Gal 6,2); wir müssen auf persönliche Rechthaberei verzichten und uns offenen Auges und Herzens die Wahrheit zum Maßstab nehmen; wir sollen einander vergeben, nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal (Mt 18,22), ohne den andern zu demütigen, wohl wissend, dass jeder von uns der Vergebung bedarf." Die Wirklichkeit hat mit diesen Worten des Kardinals nichts zu tun. In seinem Hirtenbrief ermahnt er uns alle, "füreinander da zu sein." In meinem Fall hieße das: Der Kardinal sollte für mich, und ich für den Kardinal, beide also, er und ich, sollten als "Söhne Gottes" und als "Brüder" im Geiste Jesu füreinander da sein. In diesem Sinn habe ich dem Kardinal eine Reihe von Briefen geschrieben. Ich suchte im brüderlichen Geist eine ehrliche Auseinandersetzung über strittige Fragen bezüglich des Glaubens und über den gesetzlich verankerten Pflichtzölibat der Priester. Auf meine Anfragen erhielt ich keine Antwort. Nicht einmal der Eingang meiner verschiedenen Briefe wurde mir bestätigt. Weiter könnte das Reden und Tun des Kardinals nicht mehr auseinanderklaffen.
Die Auflösung der Pfarrei Arget Kardinal Wetter wollte von Anfang an keinen Dialog, kein ehrliches Gespräch, sondern nur eine Disziplinierung, nach dem Muster der berüchtigten Inquisitionen. Ihm ging es nicht um mich, sondern einzig und allein um die Durchsetzung einer bestimmten kirchlichen Lehre. Diese Befürchtung hatte ich ihm auch klopfenden Herzens offen mitgeteilt. Er selber schrieb mir darauf am 5. März 1992: "Sehr geehrter Herr Pfarrer Glas! Bei unserem Telefongespräch sagten Sie mir, mein Anruf würde Sie so aufregen, dass Ihnen das Herz bis zum Halse schlage. Und am darauf folgenden Tag teilte Frau Starzner mit, dass Sie deswegen noch am selben Abend die Hilfe Ihres Hausarztes benötigten. Ich wollte Sie dann unmittelbar nicht nochmals in Aufregung versetzen. Aber nachdem inzwischen zwei Wochen verstrichen sind, möchte ich mich doch nach Ihrem Gesundheitszustand erkundigen. Frau Starzner teilte meinem Sekretariat zwar den Namen und die Telefonnummer Ihres Hausarztes mit. Aber ich kann mich ja nicht ohne Ihre Einwilligung nach Ihren Krankheiten erkundigen. Wenn ein einfacher Anruf von mir Sie in eine solche Lage versetzt, dass Sie ärztliche Hilfe brauchen, liegt ja dem wohl eine tiefer reichende Ursache zugrunde. Deshalb bitte ich Sie, mir mitzuteilen, wie es um Ihre Gesundheit bestellt ist. Selbstverständlich können Sie auch Ihren Arzt damit beauftragen. Mit freundlichen Grüßen Ihr Friedrich Card. Wetter. Es war kein "einfacher Anruf" des Kardinals. Er hatte sich vorher noch nie nach meiner Gesundheit erkundigt. Er wollte mich in sein Palais zitieren und mich mit Hilfe seiner Experten einfach "fertig machen". Weil ich mich dazu nicht bereit erklären konnte, besorgte es dann sein Generalvikar mit Schreiben vom 15.04.1992. Er teilte mir mit: Sehr geehrter Herr Pfarrer! Das Erscheinen Ihres Buches "Der Pfarrer von Arget" hat bezüglich Ihrer Verkündigung der christlichen Botschaft Fragen aufgeworfen, die der Klärung bedürfen. Der Vorgang hat über Arget hinaus Aufsehen erregt und viele erwarten dazu mit Recht eine klärende Stellungnahme von der Leitung der Erzdiözese... PS: Da Ihr Buch "Der Pfarrer von Arget in der Öffentlichkeit Aufsehen erregt und zu Anfragen beim Erzbischöflichen Ordinariat geführt hat, wird die Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats im Laufe der Woche eine Notiz über Ihre Ruhestandsversetzung aus Gesundheitsgründen veröffentlichen." In der Kirche kommt es zu keiner "Klärung" von anstehenden Fragen. Ihre Lehre steht unverrückbar fest. Sie erlaubt kein Hinterfragen, sondern verlangt absolute Unterwerfung unter ihre unhaltbaren Glaubenssätze. Sie erzwingt diese Unterwerfung so rücksichtslos, wie jedes andere totalitäre System in der Welt. Das viel beschworene geschwisterliche Miteinander in der Kirche gibt es nicht. Am 1.05.1992 fasste die Kirchenverwaltung der Pfarrei Arget folgenden Beschluss: "Aus der Sicht der Kirchenverwaltung besteht keine Veranlassung, Veränderungen in der Administration der Pfarrei Arget herbeizuführen." Dieser Beschluss wurde einstimmig gefasst und von Kardinal Wetter nicht einmal zur Kenntnis genommen. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte der Kardinal seine "Brüder und Schwestern" von der ordentlich bestellten Kirchenverwaltung rücksichtslos übergangen! Seine schönen Worte über das geschwisterliche Miteinander in der Kirche waren Schall und Rauch. In der ganzen Pfarrei wurde jenes jesusfeindliche Bibelzitat zur Wirklichkeit, das da lautet: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden" (Mt 28,18). Zugleich wurde mein Nachbarpfarrer, Wolfgang Liedtke, von Sauerlach gegen seinen Willen als "nebenamtlicher Pfarradministrator der Pfarrei Arget-St.Michael" angewiesen. Mehrmals hatte mir Wolfgang Liedtke versichert: "Ich lasse mich nicht für die Interessen des Ordinariats einspannen. Wenn ich dazu gezwungen werden sollte, etwas gegen dich zu unternehmen, werde ich auf die Pfarrei Sauerlach verzichten." Dann blieb ihm doch nichts anderes mehr übrig, als sich gegen mich zu entscheiden und sich dem Kardinal bedingungslos zu unterwerfen. Es wurde ihm nämlich klargemacht, dass er keine andere Pfarrei mehr bekommen würde, sondern sein Leben lang als Hilfsgeistlicher fristen müsste, wenn er sich weigern sollte, als Pfarradministrator in Arget tätig zu werden. Christentum ist Gewalt. Pfarrer Liedtke hatte dem Druck des Kardinals nicht länger standhalten können. Er sagte mir, dass er nicht anders konnte. Er hätte sich sonst seine ganze Zukunft verbaut. Ich sollte das verstehen. Inzwischen ist Pfarrer Wolfgang Liedtke von Sauerlach mit neununddreißig Jahren verstorben. Christentum ist Gewalt. Das mussten dann auch die Mitglieder der Kirchenverwaltung von St. Michael-Arget erleiden. Sie wurden vom Erzbischöflichen Ordinariat unter massiven Druck gesetzt. So unterschrieben sie, nicht mehr mit mir, sondern mit dem Nachbarpfarrer von Sauerlach, Wolfgang Liedtke, künftig zusammenzuarbeiten. Weiter sahen sich die Mitglieder der Kirchenverwaltung gezwungen, die "Einziehung der übrigen Pfarramtsverwaltung an die Erzbischöfliche Finanzkammer" zu übertragen. Ausdrücklich wurde festgestellt, dass in dieser strittigen Sache vom Erzbischöflichen Ordinariat "kein Einvernehmen mit der Kirchenverwaltung hergestellt wurde." Nicht das viel gerühmte geschwisterliche Miteinander war wichtig, sondern allein die Durchsetzung der bischöflichen Amtsgewalt. Im Auftrag des Kardinals gingen die kirchlichen Beamten mit den Mitgliedern der Kirchenverwaltung keineswegs zimperlich um. So wurde den Mitgliedern Angst gemacht. Wenn ich mit dem Kirchenvermögen verschwinden sollte, würden sie laut Gesetz mit ihrem eigenen Vermögen dafür haften. Es wurden Beispiele angeführt, wo Geistliche das Kirchenvermögen in ihre polnische Heimat überwiesen haben sollen. Jetzt müssten die Mitglieder für den angerichteten Schaden gerade stehen. Dann wurde ihnen versprochen, dass die Pfarrei Arget ihre Selbständigkeit behalten würde und sogar wieder mit einem eigenen Pfarrer besetzt werden würde, vorausgesetzt dass sie ihren Widerstand gegen das Erzbischöfliche Ordinariat aufgeben würden. Wenn nicht, müssten sie sich die Folgen selber zuschreiben, wenn Arget seine Selbständigkeit verliert und auch keinen eigenen Pfarrer mehr bekommen würde. Inzwischen hat die Pfarrei Arget seine Selbständigkeit verloren. Die Pfarrei wird von Sauerlach aus versorgt. Auch in diesem Fall gilt mit Einverständnis des Kardinals: Der Zweck heiligt die Mittel. Seine, allen Gläubigen angemahnte und zur Pflicht gemachte, Geschwisterlichkeit wurde von ihm selbst schändlich verraten. Es geht eben nichts über die Gewalt im Christentum.
Die Reaktion der Pfarrgemeinde Wirklich konsequent handelte in jener Zeit nur Frau Starzner. Sie schrieb dem Kardinal am 14.8.92: Sehr geehrter Herr Dr. Wetter, hiermit teile ich Ihnen mit, dass ich aus der Kirche austreten werde, falls Sie die Zwangspensionierung von Herrn Glas nicht aufheben oder gar noch eine Bestrafung draufsetzen. So wie ich, denken viele in Arget, Sauerlach und auch an meiner Schule in München. In der Tat reagieren Sie wie ein Majestätsbeleidigter und nicht wie einer, der sich in die Nachfolge Jesu gestellt hat. Ihre Worte im Hirtenbrief zur Fastenzeit 1992 widersprechen ganz und gar Ihrem Tun. Dort schreiben Sie (S.4) : "An der Art wie wir in der Kirche miteinander umgehen, sollen die Quellen sichtbar werden, aus denen wir leben . . . im liebenden Miteinander und Füreinander des dreieinigen Gottes.., wie nötig es darum ist, einander so anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat." Warum nehmen Sie Herrn Glas nicht so an, wie er ist? Warum hauen Sie drein und wollen das immer noch tun? Mit so einem Verhalten lösen Sie keine Konflikte, sondern demonstrieren Macht. Mit so einem Verhalten bewirken Sie letztlich nur Ablehnung und tiefstes Unverständnis. Von einem Kardinal erwarte ich, dass er als erster ein gutes Beispiel des geschwisterlichen Miteinander gibt, ja dass er sich nicht hinreißen lässt von dem, "was ihm zu Ohren kommt", oder gar sich den Kirchenanzeiger schicken lässt, um zu kontrollieren, ja nachzuzählen, wieviele "ungültige" Trauungen noch gehalten werden. Es ist eines Kardinals nicht würdig, sich in die Rolle eines Kontrolleurs, Polizisten und Richters bringen zu lassen. Sie täten sich und Ihren autoritären Kollegen einen guten Dienst, wenn Sie sich nicht nur zur Geschwisterlichkeit bekennen, sondern diese auch in die Tat umsetzen würden. Nur so kann eine neue Kirche entstehen! Wir leben heute in einer Zeit des Umbruchs. Autoritäre Maßnahmen kommen heute nicht mehr an. Sie bewirken keine Umkehr, sondern Abwendung. Gefragt ist heute: Sein lassen statt verurteilen, hereinholen statt ausgrenzen, mitbestimmen statt befehlen. Nehmen Sie all Ihren Mut zusammen und bleiben Sie sich selber treu! Haben Sie in Speyer nicht selbst zu Ihren Priestern gesagt: "Was bringt 's, wenn man auf den Tisch haut?" In der Hoffnung auf positive Reaktionen Ihrerseits grüßt Sie eine alte Lehrerin (30 Jahre im Dienst!) Inge Starzner.
Kardinal Wetter ging nicht auf Ihr Ersuchen ein. Als ich das Dekret mit der Androhung meiner Amtsenthebung erhalten hatte, wonach ich mich binnen acht Tage von meiner Lebensgefährtin, Frau Starzner, trennen sollte, erklärte sie noch am selben Tag ihren Austritt aus der katholischen Kirche. Frau Starzner ermutigte auch andere, ihrem Beispiel zu folgen. In Arget hatte sie aber wenig Glück. Die Leute sagten: "Der Kardinal kann sagen, was er will. Uns interessiert das nicht. Wir lassen uns auch längst von der Kirche keine Vorschriften mehr machen, weil wir selber wissen, was wir zu tun haben." Trotzdem dachten sie nicht daran, aus der Kirche auszutreten. Sie sagten: "Mit ein paar Pfennigen für den Klingelbeutel wird uns jedes Fest ermöglicht. Wir brauchen uns nicht für den Saal kümmern, auch nicht für den Blumenschmuck, weder für den Gesang noch für die Musik. Hernach wird sogar das Saubermachen noch besorgt. So billig kommen wir nirgends zu einem Fest. Wir wären ja dumm, wenn wir auf diesen Service verzichten würden." Mit dieser Bauernschläue hatte ich natürlich nicht gerechnet. Zu einer kleinen Reaktion in der Pfarrei kam es dann doch noch. Ein gewisser N.N. erklärte der Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates Arget. Er schrieb ihr: "...dass ich mich aus der aktiven Mitarbeit an der Gestaltung des Pfarrgemeindelebens zurückziehe. Dieser Schritt ist eine Konsequenz aus dem Miterleben der Auseinandersetzungen um unseren bisherigen Pfarrer. Ich fand da in unserem Pfarrer Willi Glas jemanden, der in dem, was er tat, sagte und lebte, viele mir anvertraute Themen berührte. Insofern war es keine "Arbeit" für mich etwas dazu beizutragen, dass Gemeinde auch die Bedeutung hat, füreinander da zu sein. Sicher war ich nicht immer in allen Dingen einer Meinung mit unserem Pfarrer Willi Glas. Er hat sich aber fair und kompromissbereit gezeigt und - was ich für ganz wichtig finde - immer darauf hingewiesen, dass es unsere Laienverantwortung ist, auf die es ankommt und die in aktives Tun umzusetzen ist. Dieses Zeitalter ist zumindest in Arget - und nicht nur da! - vorbei. Ohne einen Pfarrer, der mir durch Tun und Reden signalisiert, dass Laien- und Priesteraktivität nur gemeinsam und in gerechter Verteilung Gemeinde entstehen lassen, bin ich partnerlos! Ohne Partner aber ist Leben nicht möglich. Ich brauche als Mensch ein Du. Ich kann nicht erkennen, dass ein solches priesterliches Du nach Arget kommen könnte..." Nur eine Woche vorher, am 15.9.92, wurde dem Kardinal von zwei jugendlichen Pfarrangehörigen eine Bittschrift überreicht, der eine Liste mit über vierhundert Unterschriften beigefügt war. Das Schreiben hatte folgenden Wortlaut: Sehr geehrter Herr Kardinal Wetter, wir, N.N. und N.N. und alle, die diesen Brief mitunterschrieben haben, sind entsetzt darüber, dass Sie unseren lieben Pfarrer Glas gegen seinen und unseren Willen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt haben. Für ihn wollen Sie de Sauerlacher Pfarrer Liedtke einsetzen,, der uns weder begeistern noch ansprechen kann. jedoch an Pfarrer Glas imponiert uns seine menschliche und herzliche Art, mit der es ihm gelingt, jung und alt zu motivieren. Ob in der Schule, der Kirche oder persönlich ist er ein Mensch, den wir lieben, weil er für alle Probleme ein offenes Ohr hat, aus sie eingeht und versucht, uns zu verstehen. Er ist eben kein Kriecher oder Duckmäuser, sondern ein modern denkender Seelsorger ( ein echter!), der zu allem seine offene und ehrliche Meinung sagt, auch zu Glaubensfragen - aber solche sind Ihnen ja ein Dorn im Auge, oder? Hiermit fordern wir Sie auf, Menschlichkeit zu zeigen und unseren Pfarrer Glas wieder umgehend offiziell als Pfarrer von Arget zu benennen. Wir hoffen auf eine positive Antwort. Dieser Brief wird auch an verschiedene Münchner Zeitungen geschickt." Beigefügt waren die Listen mit den 404 Unterschriften mit Angabe der einzelnen Adressen. Die vierhundert Pfarrangehörigen mussten wiederum erfahren, dass ein Kardinal in der Kirche absolute Macht besitzt. Es heißt nicht umsonst in der Schrift: "Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden" (Mt 28,18). Der Kardinal erwiderte den Bittstellern mit keiner einzigen Zeile, obwohl er in seinem Hirtenbrief schrieb: "Das geschwisterliche Miteinander erschöpft sich also nicht in einem Gefühl der Zuneigung, sondern fordert ein überzeugendes Verhalten, an dem deutlich wird, was wir sind: Kinder Gottes, die zu Jesus Christus gehören. "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt" (Joh 13,35) sagt Jesus. An der Art, wie wir in der Kirche miteinander umgehen, sollen die Quellen sichtbar werden, aus denen wir leben." Diese Quellen sind tatsächlich längst sichtbar geworden. Sie heißen: Macht und Gewalt. Mit den frommen Sprüchen des Kardinals sollten diese Quellen nur vernebelt werden. Die einfachen Gläubigen sollten nämlich meinen, das Christentum würde von den Quellen der Liebe und des Erbarmens, aus Gewaltlosigkeit und gegenseitiger Hochachtung, gespeist. Aber weit gefehlt, denn Christentum ist Gewalt. Der Kardinal scheint mir sogar Recht zu geben, wenn er meint: " "Der Blick auf das konkrete Leben zeigt uns, wie weit wir von einem geschwisterlichen Umgang entfernt sind und wie nötig es darum ist, einander so anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat. Die lieblose und aggressive Art, in der manche Konflikte unter uns ausgetragen werden, werden diesem Anspruch nicht gerecht." Hier stellt der Kardinal sich selber und der gesamten Christenheit ein schlechtes Zeugnis aus. Er sagt aber nur die halbe Wahrheit, weil er den eigentlichen Sachverhalt verharmlost. Für ihn sind es eben nur "manche Konflikte", also ein geringer Teil von allen übrigen Konflikten. Die weitaus meisten Konflikte würden doch im Geiste Jesu bewältigt, nämlich ohne Gewalt und im Geist geschwisterlicher Liebe. Dazu kann ich nur sagen: Ich kenne keinen einzigen Konflikt, der im Christentum in geschwisterlicher Liebe, gewaltlos und fair ausgetragen worden wäre. Jeder Konflikt wurde noch immer mit Gewalt beendet. Die Geschwisterlichkeit ist dabei immer, ausnahmslos und in jedem einzelnen Fall auf der Strecke geblieben. Weiter schreibt Kardinal Wetter in seinem berühmt gewordenen Hirtenbrief zur Fastenzeit 1992: "Geschwisterliches Miteinander heißt nicht, es könne bei uns nie zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Es wäre ein Wunder, wenn dies nicht geschähe. Es kommt jedoch "Geschwisterliches Miteinander heißt nicht, es könne bei uns nie zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Es wäre ein Wunder, wenn dies nicht geschähe. Es kommt jedoch darauf an, wie wir damit umgehen. Wir sind miteinander unterwegs auf dem Weg des Glaubens, das heißt, wir suchen auf der Wegstrecke unserer Pilgerschaft, auf der wir uns gerade befinden, gemeinsam unseren Glauben zu leben. Hier gibt es auch eine legitime Verschiedenheit, die Farbe ins kirchliche Leben bringt und bereichert." Diese Worte des Kardinals klingen gut. Sehr gut, ja viel zu gut, um wahr zu sein!
Kritik an der Amtführung und Lehre in einem internen Jahresbericht Mein bis jetzt, leider wieder ohne Antwort gebliebenes Schreiben vom 6.10.92 an Kardinal Wetter, beweist die grenzenlose Verlogenheit und die unüberbietbare Scheinheiligkeit der obigen Ausführungen im Hirtenbrief des Kardinals. Dieses Schreiben hatte folgende Wortlaut: Sehr geehrter Herr Kardinal, Ihr Schreiben vom 29.09.92 bestätigt mir endgültig, dass ich "für eine zutiefst unmenschliche Kirche zum Priester geweiht worden bin" (Der Pfarrer von Arget, S.265). Ihr blinder und absoluter Gehorsam unter der Willkür des Papstes macht Sie mitschuldig an den Menschen verachtenden Zuständen in unserer Kirche. Diesbezüglich sind Sie um kein Haar besser, als die übereifrigen und angeblich so pflichtbewussten Funktionäre der ehemaligen DDR. Wie einstens Honecker, so verschließen auch Sie sich heute noch allen Bitten und allen berechtigten Forderungen einer ganzen Priesterschaft. Für Sie zählt nur das Kirchenrecht und die Macht, die es Ihnen einräumt. Die vielfältige Not Ihrer Priester ist Ihnen gleichgültig. Diese Tatsache ist bezeugt im
Jahresbericht 1990/1991 Institut für Theologische Fortbildung Freising
Darin heißt es in der Einleitung: "In diesem Jahresbericht reflektiere ich, was uns in diesen vielen Jahren hier auf dem Domberg immer bewegt hat: Wie geht es den Priestern und was kann für sie getan werden?" (S.1) "Wir wollen nicht jeden einzelnen Kurs rekapitulieren, durchleuchten und reflektieren, sondern einiges Interessante zusammenfassen."(S.11) "Bei allen besteht ein hoher Nachholbedarf und das Bedürfnis nach theologischen Kurskorrekturen," (S.17) "So richtig gebeutelt hat die Priester die Drewermann-Diskussion. Es traf sie hart, als morbide Zeitgenossen beschrieben zu werden." (S.25) "Das Amt deprimiert die Ausübenden, weil sie nicht genügend sicher sind, wie weit die Sache stimmt."(S.27) "Die Priester erleben sich als fragwürdige Agenten einer früheren Kultur."(S.28) "Man muss sich wirklich fragen, ob es dem Priester überhaupt erlaubt ist, echt zu leben." (S.33) "Unselig wäre die frühere Redeweise vom Priester, der kein Privatleben kennen darf." (S.33) "Das größte Problem sind die vielen kranken Priester, die manchmal bis zum Zerreißen leiden." ( S.38) "Dass strukturelle Veränderungen, wie Aufhebung des Zölibats und Zugang der Frauen zum Priestertum unaufschiebbar sind, ist inzwischen eingehend bekannt." (S 41) "Zum Menschen gehört die Freiheit, wie zum Knochen das Mark. Davon soll und darf der Priester keine Ausnahme machen, schon gar nicht dazu gedrängt werden, aus spirituellen Rollenvorstellungen, sich menschlich zu entmündigen und zum Berufssklaven zu machen." (S.52) "Die hohe Würde des Priesters besteht in der Freiheit . . . Alles andere entspricht nicht seiner Identität und seinem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit." (S.52) "Die Bischöfe sind vollverantwortlich für die Freiheit der Priester. Das ist eine gewichtige Aussage. Sie muss mit aller Kraft und Virulenz in die Leitungssorgen der Kirchenoberen eingehen."(S.53) "Alle latente und unterschwellige Bestrafung der 'Abweichler' wirkt zentrifugal."(S.60) "Es gibt bei den Priestern soziale und kirchliche Heimatlosigkeit. Die Folge ist häufig eine fluchtartige Quasibeheimatung in Alkohol und Sexualbeziehungen, Ehebruch, aber auch echten und qualitätsvollen Liebesbeziehungen." (S.61) Das Wichtigste von allem: Ein lebensfreundlicher Haushalt - eine sympathische Hausfrau, die nicht nur versorgt, sondern in der möglichen Weise Lebenspartnerin und Gefährtin ist." (S. 61)
In den folgenden Seiten setzt sich dieser Jahresbericht auch mit den Problemen der Glaubwürdigkeit in Predigt und Verkündigung auseinander. Da und dort kommt die Lehre der Kirche auf den Prüfstand der Vernunft. Die allermeisten Geistlichen können mit der veralteten Lehre der Kirche nichts mehr anfangen. Sie stehen längst nicht mehr hinter dem, was sie predigen. Aus Angst sagen sie nur, was von oben verlangt wird. So fühlen sie sich zur ständigen Unglaubwürdigkeit und Scheinheiligkeit verurteilt. Im vertraulichen Gespräch tauchen dann viele existenzielle Fragen auf. Dazu folgende Beispiele: "Ist die Kirche und bin ich als Priester notwendig für das Heil der Menschen?" (S.63) "Ist das wahr, was ich verkünde über Ursünde, Tod und Auferstehung?" (S.64) "Das Amt deprimiert die Ausübenden, weil sie nicht sicher sind, wie weit die Sache stimmt." (S. 27) "Wenn dabei viele Fragezeichen und alternative Antworten nach vorne kommen, ist das kein Unheil, sondern ein befreiender Abschied vom monolitischen Denken hin zur Rationalität." (S.64) Wegen dieser Feststellung, die nicht von mir, sondern vom Leiter des Priester-Fortbildungsinstituts kommt, und mehr oder weniger alle Priester betrifft, darf ich getrost auf eine eingehende Erwiderung in meinem Fall verzichten. Statt dessen bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen in aller Öffentlichkeit folgenden Vorwurf zu machen: Alle diese brennenden Fragen werden Ihnen seit Jahr und Tag vorgelegt. Sie aber antworten darauf mit Schweigen. Und wenn es gar nicht mehr anders geht, fordern Sie untertänigen Glaubensgehorsam. Sie kommen mit Ihrer Amtsgewalt und drohen mit Exkommunikation. Damit gehen Sie jeder echten Auseinandersetzung bewusst aus dem Weg. Das aber ist typisch für jedes autoritäre Regime. Mit der Familie der Kinder Gottes hat das nichts - aber schon gar nichts! - zu tun. Somit steht fest: Sie und alle Kollegen im Bischofsamt haben das Leid und die seelischen Nöte eines ganzen Berufstandes auf dem Gewissen. Deshalb fordere ich Sie auf, den Pflichtzölibat ab sofort für den Bereich Ihrer Erzdiözese außer Kraft zu setzen. Geben Sie endlich ein Zeichen, auf das die gesamte Kirche in brennender Ungeduld wartet. Widerstehen Sie dem Papst von "Angesicht zu Angesicht", wie es sich für einen mutigen und wahrhaftigen Nachfolger der Apostel geziemt. Das Zölibatgesetz ist Ausdruck einer unnatürlichen Leibfeindlichkeit und ein ebenso unübersehbares Zeichen einer tief verwurzelten Verachtung der Frau. Es ist deshalb in sich schlecht. Sie wissen so gut wie ich: "Um verpflichten zu können, muss ein Gesetz sittlich gut sein, oder die sittliche Gutheit aus dem Zweck oder den näheren Umständen empfangen" (K.Mörsdorf, Lehrbuch des Kirchenrechts I) Das Zölibatsgesetz kann aber nicht gut sein, weil es dem Naturgesetz eindeutig widerspricht. Sogar die Deutsche Bischofskonferenz hat bereits einsehen müssen, dass das Zölibatsgesetz keine verpflichtende Kraft mehr hat. Mit ihrem beharrlichen Schweigen macht sie sich nicht nur unglaubwürdig, sondern auch mitschuldig am Niedergang der Kirche. Ebenso steht fest, dass das Zölibatsgesetz dem Neuen Testament widerspricht, in dem es heißt: "Haben wir nicht das Recht eine gläubige Frau mitzuführen, wie die übrigen Apostel, die Brüder des Herrn und Kephas?" (1 Kor 9,5).
Nun zu Ihrer angedrohten Suspension Die Lebensgemeinschaft mit Frau Inge Starzner besteht bereits seit 25 Jahren. Daran haben die Pfarrangehörigen zu keiner Zeit Anstoß genommen. Es gibt auch bis zur Stunde keinen Grund, daran Ärgernis zu nehmen. Das einzige Ärgernis besteht lediglich in der Tatsache, dass ich das Zölibatsgesetz und einige Schwierigkeiten, die den Glauben betreffen, in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht habe. Das aber war höchste Zeit!
Willibald Glas mit seiner Partnerin Inge Starzner am 23. 12. 2007 Ich frage mich: Was muss das für ein Mensch sein, der sich untersteht, sich in meine persönlichsten Angelegenheiten einzumischen? Sie wagen es noch, von Menschenwürde zu reden! Ist Ihnen klar, dass Sie auf diese Weise den gebotenen Anstand und jede Achtung vor meiner Person auf das Schändlichste verletzen? Im Namen aller Gläubigen wehre ich mich gegen jede Art von Bevormundung und Fremdbestimmung in Sachen des Glaubens. Für mündige Christen ist das ein unerträgliches Ärgernis. Mit den so genannten "Glaubenswahrheiten" ist es nicht viel besser bestellt. Kein Geringerer als Papst Alexander VI. soll gesagt haben: "Das Märchen von Jesus macht uns reich." Dieser Papst hätte sicherlich keinen "Eid auf die Glaubenswahrheiten der katholischen Kirche" abgelegt, wie Sie das von mir verlangen möchten. Ich bin der Meinung: Religiöse Überzeugungen lassen sich nicht erzwingen. Sie können auch nicht abgefragt werden, wie das Einmaleins in der Schule. Glaubenswahrheiten können nur wachsen und reifen auf einem langen, mühsamen, beschwerlichen und oftmals auch schmerzlichen Lebensweg. Deshalb steht es Ihnen nicht zu, "Form und Inhalt" einer derartigen Glaubensformel festzulegen. ich habe schon viel zu oft einen Eid auf den Glauben abgelegt. Als junger Mensch konnte ich das mit Begeisterung tun. Später fühlte ich mich durch diese Eidesformeln mehr und mehr im Glauben vergewaltigt. Zugleich möchte ich noch ganz allgemein auf die "Geduld" der Kirchenleitung eingehen. In der Amtskirche ist die Geduld nämlich keine Tugend, sondern ein Mittel zur Erhaltung der Macht. Mit großer Geschicklichkeit wird diese Karte der Geduld nach allen Seiten ausgespielt. Einmal vom Papst zu den Bischöfen, dann wieder von den Bischöfen zum Papst. Selbstverständlich auch zu den Priester. Überall hat man Geduld zu haben. Diese Geduld wird dann zum großen Vorbild für die Gläubigen. Auch sie haben sich in der Tugend der Geduld zu üben. In Wirklichkeit ist das Gerede von der Geduld nur ein fauler Trick. Papst und Bischöfe erreichen auf diese Weise, dass alles immer und überall schön brav beim Alten bleibt. Jedes Unrecht wird auf diese Weise in der Kirche verewigt. Ich meine, es ist höchste Zeit, dass das endlich gesagt wird. Ich schließe mit der Feststellung: Wie Sie sich auch entscheiden, ob Sie mich suspendieren und /oder auch exkommunizieren, ist ihre Entscheidung. Sie treffen damit nicht nur mich persönlich, sondern die übergroße Mehrheit der gesamten Priesterschaft. Die oben angeführten Zitate beweisen es. Ihre Entscheidung wird besonders von den Theologiestudenten im Priesterseminar mit Spannung erwartet. Ebenso von der breiten Öffentlichkeit. Denn in dieser Entscheidung zeigt die Mutter Kirche ihr wahres Gesicht. Mit Sicherheit werden Sie auch mit Ihrem eigenen Hirtenbrief konfrontiert werden, wo Sie schreiben: ' An der Art, wie wir in der Kirche miteinander umgehen, sollen die Quellen sichtbar werden, aus denen wir leben." Sollten Sie tatsächlich mit dem Knüppel des Kirchenrechts gegen mich vorgehen, so ist die Kirche für mich ein für allemal untergegangen. Sie ist zerschellt am Eisberg ihrer eigenen, die Menschen verachtenden Gesetze. Ich werde ihr keine einzige Träne nachweinen. W.Glas Pfr."
Suspendiert und exkommuniziert Der Kardinal hatte mich per Dekret vom 21.9.1992 suspendiert und exkommuniziert. Es gab also Meinungsverschiedenheiten mit Kardinal Wetter. Er ging damit aber nicht so um, wie er es in seinem Fastenhirtenbrief 1992, von allen anderen erwartet. Ich zitiere den Kardinal noch einmal: "Geschwisterliches Miteinander heißt nicht, es könne bei uns nie zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Es wäre ein Wunder, wenn dies nicht geschähe. Es kommt aber darauf an, wie wir damit umgehen." - Mit Amtsenthebung und Exkommunikation! Weiter bestätigt der Kardinal allen Gläubigen: "Hier (im Glauben!) gibt es auch eine legitime Verschiedenheit, die Farbe ins kirchliche Leben bringt und bereichert." Schön wäre es, wenn es das gäbe. Die harte Wirklichkeit bestätigt aber das glatte Gegenteil. Ohne zu erröten schreibt der Kardinal: "Ich bitte Sie alle, nach dem Vorbild unseres Bruders Jesus Christus geschwisterlich miteinander umzugehen, auf dass in unserem ganzen Erzbistum sichtbar werde, was wir sind." In Wahrheit sind wir ein verängstigter, mit absoluter Amtsgewalt unterdrückter, langsam aussterbender Haufen unglücklicher Menschen. Die totale Unterdrückung und das Fehlen jeder Spur von Geschwisterlichkeit beweist auch die vom Erzbischöflichen Ordinariat, also im Auftrag des Kardinals, durchgeführte Pfarrversammlung in Arget. Laut Anweisung des Erzbischöflichen Ordinariats, und damit mit Wissen und Willen von Kardinal Wetter! - sollte meinetwegen, aber in meiner Abwesenheit! - man höre und staune! - eine Pfarrversammlung durchgeführt werden. Ich war sprachlos über dieses Vorhaben. Dann aber kam die Vorsitzende des Pfarrgemeindrates, Frau N.N., persönlich zu mir in das Pfarrhaus und bat mich, schriftlich zu erklären, dass ich bei der bevorstehenden Pfarrversammlung nicht anwesend sein werde. Sie sagte: "Das ist eine Anweisung des Erzbischöflichen Ordinariats." Ich übergab ihr diese Erklärung. Sie hatte folgenden Wortlaut: Pfarrversammlung am 22.10.1992 in Arget
Die Pfarrgemeinderatsvorsitzende, Frau N.N., hat mich heute im Auftrag des Erzb. Ordinariats aufgesucht und angefragt, ob ich an der oben genannten Pfarrversammlung teilnehmen würde. Sie hatte mir versichert, dass das Erzb. Ordinariat diese Pfarrversammlung absagen würde, wenn ich daran teilnehmen würde. Zugleich hat sie mich gebeten, von dieser Versammlung fern zu bleiben, damit diese Pfarrversammlung tatsächlich stattfinden kann. Dieser Bitte komme ich nach und erkläre, dass ich an obiger Pfarrversammlung nicht teilnehmen werde. Diese Entscheidung wird die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates dem Erzb. Ordinariat in München mitteilen. Arget, den 2O.10.1992 Unterschrift der PGR- Vorsitzenden und von mir. Es wurde also in jener Pfarrversammlung in meiner Abwesenheit über mich verhandelt. Damit wurde nicht einmal die unter zivilisierten Menschen übliche Verhaltensweise eingehalten. Und das mit Billigung von Kardinal Friedrich Wetter! Dieser Umstand veranlasste mich zu einem weiteren Schreiben an den Kardinal. Dieser Brief hatte folgenden Wortlaut: Arget, den 22.10.1992 Sehr geehrter Herr Kardinal! Da ich schriftlich versichern musste, nicht an der Pfarrversammlung teilzunehmen, damit eine "ruhige" Pfarrversammlung gewährleistet ist, sehe ich mich veranlasst, Ihnen meine Fragen in aller Öffentlichkeit zu stellen: 1. Intime Lebensgemeinschaft der Geistlichen Es ist seit Jahr und Tag üblich, dass geistliche Herrn mit ihren Frauen den Urlaub gemeinsam planen, buchen und selbstverständlich auch gemeinsam erleben. So verbringen auch sie die schönsten Wochen des Jahres nicht nur im gleichen Hotel, sondern auch in ein und demselben Doppelzimmer. Dabei geben und benehmen sie sich völlig ungeniert als ein Paar, das zusammengehört. Nun frage ich Sie: Handelt es sich hier nicht um eine "intime eheähnliche Lebensgemeinschaft"? 2. Das gemeinsame Leben unter einem Dach Die meisten Pfarrhäuser sind wie Einfamilienhäuser errichtet worden. Die einzige Besonderheit besteht in ein oder zwei zusätzlichen Amtsräumen gleich hinter der Haustüre. Alles übrige ist Privatbereich. Er gehört ganz allein dem Pfarrer und seiner Hausfrau. Sie leben im gemeinsamen Wohnzimmer, empfangen dort ihre gemeinsamen Freunde, hören dort gemeinsam Musik, oder sitzen gemeinsam vor dem Fernseher. Sie benützen die gleiche Toilette und selbstverständlich auch das gleiche Bad. Sie haben zwei getrennte Schlafzimmer, Tür an Tür. Das aber haben auch verheiratete Ehepaare, die es sich leisten können. Nun meine Frage: Ist das gemeinsame Leben eines Pfarrers mit seiner Hausfrau unter einem Dach nicht "eheähnlich"? 3.Überall den Schein wahren Immer geht es darum, den Eindruck zu erwecken, als wäre die Hausfrau nur - und ja nicht mehr! - als eine bezahlte, im Dienst des Pfarrers stehende Hausangestellte. Aus diesem Grund ist die Hausfrau verpflichtet, vor den Außenstehenden statt des vertrauten "Du" immer die förmliche Anrede "Herr Pfarrer" zu gebrauchen. Umgekehrt wird auch die Hausfrau vom Pfarrer aus Scheinheiligkeitsgründen nur mit "Sie" angeredet. Von einem hohen geistlichen Würdenträger wurde mir versichert: "Hinter den eigenen vier Wänden kann jeder tun und lassen, was er will. Hauptsache, es kommt nichts in die Öffentlichkeit." Stimmen Sie mir zu, dass dieses scheinheilige Versteckspiel auf die Dauer nicht ohne seelischen Schaden auszuhalten ist? 4. Zum Artikel: "Pfarrer von Arget will Kollegen"outen"(AZ 17.10.92) Ich hoffe inständig, dass es nicht so weit kommen wird. Jedenfalls habe ich aufgrund dieses Artikels von ehemaligen Priesterfrauen eine Anzahl von Briefen bekommen. Sie beschreiben darin ihre intimen, eheähnlichen Beziehungen zu namhaften und zum Teil hoch angesehenen Geistlichen. Sie alle haben mich gebeten, Ross und Reiter zu nennen. Zu allen diesbezüglich eingegangenen Briefen habe ich bereits eindeutig und unmissverständlich Stellung genommen. 5. Meine Suspension laut Ihres Dekretes vom 8.10.92 Wegen des oben angeführten Sachverhaltes erweist sich meine Amtsenthebung als völlig ungerechtfertigt. Mit Ihrem Schweigen stimmen Sie mir zu, dass das Zölibatsgesetz ein Ausdruck der Leibfeindlichkeit und der Frauenverachtung darstellt. Mit Ihrem beharrlichen Schweigen verkünden Sie geradezu, dass das Zölibatsgesetz in sich schlecht ist, weil es dem Naturgesetz widerspricht. Aus diesem Grund ist das Gesetz der priesterlichen Ehelosigkeit, trotz aller gegenteiligen Behauptungen von Päpste und Bischöfen! - von aller Anfang an eben ungültig. Ich fordere Sie daher auf, meine Suspension in aller Form zurückzunehmen und das Zölibatsgesetz für den Bereich Ihrer Erzdiözese ab sofort außer Kraft zu setzen. In der Hoffnung, dass Sie den Mut und die Kraft aufbringen, das dringend Notwendige endlich zu tun, verbleibe ich Hochachtungsvoll W. Glas Pfarrer Kardinal Wetter tut so, als hätte ich ihm keine einzige Zeile geschrieben. Das geschwisterliche Miteinander in der Kirche ist für ihn kein Thema. In absoluter Selbstherrlichkeit entscheidet er, was er zur Kenntnis nehmen will und was nicht. Was seine Erzdiözese betrifft, so ist ihm tatsächlich "alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden" Mt 28,18). Im Christentum regiert die Amtsgewalt, nicht die Geschwisterlichkeit. Auf Anordnung von Kardinal Friedrich Wetter durften nur Pfarrangehörige zu jener Pfarrversammlung in Arget zugelassen werden. Selbst Gläubige, die regelmäßig nach Arget zum Gottesdienst kommen, wurden davon ausgeschlossen. Diese Tatsache veranlasste den Dipl.Psych. Hans Denkscherz, aus Sauerlach zu folgendem Brief an die Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Sauerlach, den 24.10.92 Betr.: SZ-Bericht, 22.10.92 "Wegen Brief an Kardinal? Pfarrversammlung verschoben" Sehr geehrter Herr Appel! Zur Pfarrversammlung in Arget Das Herumlavieren des Erzbischöflichen Ordinariats München bei der Abhaltung der Pfarrversammlung in Arget, sowie der Ausschluss von Pfarrer Willibald Glas von der Versammlung, sind auffällig und bemerkenswert. Da müssen sich einige Kleriker höchst unwohl in ihrer Haut fühlen, wenn tatsächlich kritische Fragen von Pfarrer Glas - nämlich zum Zölibat und zu "Glaubenswahrheiten" - diskutiert werden sollten. Fragen erzeugen dann Unruhe, wenn die gefragten Kleriker keine Antwort geben wollen oder können. Gleichwohl geht das Thema alle Christen an und kann nicht auf Dorfebene erledigt werden. Deshalb ist es ungerechtfertigt, die Nicht-Argeter von der Teilnahme an dieser Pfarrversammlung auszusperren. Zur Person: Pfarrer Willibald Glas Ich kenne Pfarrer Willibald Glas seit achtzehn Jahren aus nächster Nähe. Kardinal Wetter ladet schwere Schuld auf sich, wenn er diesen kirchenkritischen Pfarrer mit disziplinarischen Maßnahmen mundtot macht. Der Kardinal will offensichtlich an Willibald Glas ein Exempel statuieren, um anderen Geistlichen mit ähnlicher Einstellung Angst einzuflößen. Willibald Glas ist ein zutiefst religiöser Mensch. Er ist keiner von den Klerikern, die ein verlogenes Doppelleben führen. Er zeigt Bekennermut, typisch für große Christen der Geschichte. Seine Seelsorgearbeit erfüllt er aufopfernd und mit großer Hingabe. Bei ihm wird sogar mehr als früher getauft, getraut, gepredigt und beraten, da auch Auswärtige zu ihm strömen. Das ist "gediegene Pfarrseelsorge", wie Sie es wünschen, Herr Generalvikar Simon! Die Predigten von Pfarrer Glas sind vorbildlich und vom Geist Christi beflügelt. Jeder von uns kann daraus etwas für sein Leben mitnehmen. Pfarrer Glas lebt uns christliche Partnerschaft vor - ein Vorbild für andere. Dabei macht ihm die "Amtskirche" mit ihren Auswüchsen schwer zu schaffen. Sein Kampf gegen die krankmachende Leibfeindlichkeit der Kirche hat sich in dem 1992 erschienen Roman "Die Hochzeit des Pfarrers" niedergeschlagen. Die Leiden unter der "Amtskirche" hat Willibald Glas 1991 in seiner Autobiographie "Der Pfarrer von Arget" beschrieben. Erwiderung auf die Argumente des Kardinals Ich möchte Pfarrer Willibald Glas wieder eingesetzt haben als Pfarrer von Arget. Ich werde deshalb aufzeigen, wie fadenscheinig und an den Haaren herbeigezogen die Argumente und Begründungen des Kardinals sind. Und ich fordere Kardinal Wetter auf, Willibald Glas wieder als Pfarrer in Arget einzusetzen. Der erste Schritt des Kardinals war die Zwangspensionierung am 15.April 92 mit der Begründung: 1. Das Buch "Der Pfarrer von Arget" habe Aufsehen erregt und Fragen aufgeworfen bezüglich der christlichen Botschaft. 2. Willibald Glas sei nicht bereit und in der Lage, die Fragen mit Kardinal Wetter zu klären. 3. Kontakte mit kirchlichen Vorgesetzten seien für die normale Seelsorge unerlässlich. Dazu muss gesagt werden: 1. Eine Autobiographie ist keine Verkündigung. 2. Die darin aufgeworfenen theologischen Fragen möge der Kardinal öffentlich mit den führenden Theologen klären - und nicht mit einem kleinen Dorfpfarrer. 3. Auf die Kirchenkritik - den eigentlichen Grund der Zwangspensionierung - geht Kardinal Wetter nicht ein. 4. Die christliche Botschaft geht uns alle an und ist keine rein persönliche Angelegenheit. 5. Pfarrer Glas hat zur Recht die persönliche Gesprächsebene vermieden, um einer Disziplinierung aus dem Weg zu gehen. Ein disziplinierendes Gespräch mit Vorgesetzten ist für die normale Seelsorge durchaus entbehrlich. (Pfarrer Glas ist ein ausgezeichneter Seelsorger.) 6. Gespräche mit kirchlichen Vorgesetzten, nämlich mit Weihbischof Engelbert Siebler, hat Pfarrer Glas zweimal erfolgreich geführt. Daraus ergibt sich: Die Zwangspensionierung ist Unrecht. Ich fordere Kardinal Wetter auf, die Entpflichtung rückgängig zu machen! Beim zweiten Schritt hat der Kardinal am 24.7.92 Diszipinarmaßnahmen angedroht mit der Begründung: 1. Pfarrer Glas traue, taufe und spende Sakramente ohne kirchenrechtliche Zulassung. 2. Pfarrer Glas habe den Pfarradministrator Liedtke, Sauerlach, nicht um Erlaubnis gefragt. Dazu muss gesagt werden: 1. Die Zwangspensionierung war Unrecht. Da die Zwangspensionierung Unrecht war, waren auch die nachfolgenden Trauungen und Taufen zu Unrecht untersagt. Pfarrer Glas hat zu Recht die Sakramente gespendet. 2. Die Christen glauben, dass die Priesterweihe unauslöschlich ist - und nicht ausgeknipst wird mit der Pensionierung. Das Ordinariat dokumentiert mit seiner Argumentation sogar, dass es nichts von der Sakramentalität des Weihepriestertums hält. 3. Die Christen glauben, dass ein gespendetes Sakrament nicht durch eine Dienstvorschrift unwirksam wird. Daraus ergibt sich: Die Bestrafung eines Priesters wegen "Sakramentenspendung ohne Zulassung" macht die Kirche unglaubwürdig und lächerlich. Ich fordere Kardinal Wetter auf, die Strafandrohung öffentlich zurückzunehmen. Mit dem dritten Schritt am 21.9.92 droht Kardinal Wetter dem Pfarrer Glas mit der Amtsenthebung (Aufhebung der Weihe- und Leitungsgewalt). Seine Begründung: Es liege eine sogenannte "intime Lebensgemeinschaft" mit der Pfarrhausfrau, also ein Zölibatsverstoß, vor. Und er fordert: Diese "intime" Lebensgemeinschaft sei innerhalb einer Woche aufzuheben. Zur Amtsenthebung wegen angeblichen Zölibatsverstoßes möchte ich kommentieren: 1. Der Zölibat ist eine innerbetriebliche Regelung der katholischen Amtskirche. 2. In der Person Pfarrer Glas und Pfarr-Hausfrau interpretiert Kardinal Wetter willkürlich etwas Anrüchiges hinein, nämlich eine "eheähnliche, intime Lebensgemeinschaft". 3. Durch dialektische Verdrehung wird aus einer Hausgemeinschaft ein "intimes, eheähnliches Verhältnis". 4. Die bestehende Hausgemeinschaft ist dem Ordinariat seit 18 Jahren schriftlich bekannt. 5. Pfarrer Glas ist nicht verheiratet - und so kann er eine ihm nachgesagte "intime Lebensgemeinschaft" auch nicht aufgeben. Schlussfolgerung: Die Amtsenthebung von Pfarrer Glas wegen Zölibatsverstoßes ist unzutreffend und nichtig und muss aufgehoben werden! Im vierten Schritt droht der Kardinal am 21.9.92 mit der Exkommunikation, mit der Begründung: 1. Pfarrer Glas habe die kirchliche Verkündigung verkürzt und verfälscht. 2.Pfarrer Glas habe wesentliche Glaubenswahrheiten in Frage gestellt. 3. Pfarrer Glas vertrete dem Glauben und der Lehre der Kirche widersprechende Ansichten. Zu dieser Exkommunikationsdrohung möchte ich anmerken: 1. Die kirchliche Verkündigung erfolgt von der Kanzel, und diese Verkündigung war von Glas weder verkürzt noch verfälscht worden. 2. Bücher und Fachzeitschriften sind keine Verkündigung, sondern Diskussionsbeiträge.- Unerwünschte Diskussionsbeiträge aber bekämpft das Ordinariat durch Exkommunikation. Das Ordinariat will sogar die Verbreitung der Schriften von Glas verhindern - praktisch hinten herum den Index wieder einführen! 3. Pfarrer Glas hat sich bei seinen Diskussionsbeiträgen unter anderem auf pastoraltheologische Seminarunterlagen bezogen, die vom Ordinariat genehmigt sind. 4. Die Glaubensfragen - von Willibald Glas gestellt - sind auch unsere Fragen. Sie sollten vom Kardinal mit uns öffentlich diskutiert werden (z.B. auf einer Podiumsdiskussion). 5. Kardinal Wetter versteht unter "Glaubenswahrheiten" die kirchliche Glaubensrichtlinie. Pfarrer Glas hingegen versteht unter Wahrheit die historische, mit Fakten belegbare, beweisbare Wahrheit, während Glaube für ihn die innere Gewissheit ist. - Der Kardinal und der Pfarrer reden aneinander vorbei. Fazit: Die Exkommunikationsdrohung ist unhaltbar. Ich fordere Kardinal Wetter auf,diese öffentlich zurückzunehmen. Mit freundlichen Grüßen Hans Denkscherz, Dipl. Psych. Bisheriger Lektor in St. Michael-Arget Der Kardinal hat darauf mit keinem Wort reagiert. Das geschwisterliche Miteinander in der Kirche war immer schon mit absoluter Amtsgewalt ersetzt worden. Christentum und Gewalt sind eben untrennbar verbunden.
Zwangsräumung aus dem Pfarrhaus Zum weiteren Beweis dieser These ließ Kardinal Wetter meine Zwangsräumung aus dem Pfarrhaus einleiten. Per Einschreiben ließ er mir am 23.10.92 wissen: "Nachdem Sie nicht mehr Pfarrvikar in Arget sind, und auch den priesterlichen Dienst wegen der in den Dekreten des Erzbischofs vom 21.9.1992 und 8.10.1992 rechtmäßig festgestellten Gründe nicht mehr ausüben dürfen, muss die Wohnung im Pfarrhof Arget, die Ihnen zunächst für den Ruhestand zugestanden wurde, von Ihnen geräumt werden. Im Falle der Weigerung müssten wir ab 1. Dezember 1992 den Klageweg beschreiten." Was immer ein Kardinal in seinen Dekreten "feststellt", ist also immer richtig und selbstverständlich auch immer "rechtmäßig". Das kann nicht anders sein, denn ein Kardinal personifiziert das Recht und die Amtsgewalt. Er ist das Gesetz, die Rechtsprechung und die ausführende Gewalt in einer Person. Obwohl ich vor dem Kardinal vollkommen machtlos bin, schrieb ich ihm trotzdem: Betreff: Zwangsräumung ab 1. Dezember 92 Sehr geehrter Herr Kardinal! In Anlage übersende ich Ihnen ein ärztliches Attest, das meinen Krankenstand bescheinigt. Aus diesem Grund ist es mir unmöglich, bis zum 1.Dezember 92 das Pfarrhaus in Arget zu räumen. Ich bitte Sie daher, die angedrohte Zwangsräumung zurückzustellen. Es besteht keine Notwendigkeit, das Pfarrhaus Hals über Kopf zu verlassen. Ich selber bin seinerzeit ein halbes Jahr tagtäglich von München nach Arget gefahren, bis es dann endlich so weit war, dass ich einziehen konnte. Sie behaupten, durch mein "Verhalten" hätte ich diese Strafen selber mutwillig heraufbeschworen. Dagegen muss ich in aller Form Einspruch erheben. Was den angeblichen Verstoß gegen das Zölibatsgesetz angeht, so habe ich lediglich eine Reihe von berechtigten Fragen gestellt, die Sie mir aber bis heute nicht beantwortet haben. Was das gemeinsame Leben mit meiner Pfarrhausfrau angeht, so sah ich mich verpflichtet, mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass der Intimbereich eines jeden Menschen absolut unantastbar und heilig ist. Nur um dies zu betonen, habe ich mich geweigert, Ihnen darüber Auskunft zu geben. Sie aber haben mir daraus gleich einen Strick gedreht. Mit allem Nachdruck muss ich Ihnen sagen: Ich habe kein Unrecht begangen. Die Suspendierung vom Priesteramt, die angeblich von selbst eintretende Exkommunikation und die bevorstehende Zwangsräumung sind unbegründet und stellen ein schweres Unrecht dar. In der Pfarrversammlung vom 26.10.92 in Arget, bei der ich nicht anwesend sein durfte, stellte Weihbischof Siebler rein rhetorisch die Frage: "Wie kann Pfarrer Glas die heilige Eucharistie feiern, wenn er nicht an Jesus, den Sohn Gottes, glaubt?"
Ich hatte keine Gelegenheit zur Erwiderung, deshalb antworte ich jetzt: Auch ich feierte das Gedächtnis Jesu wie überall in der Welt, in den Zeichen von Brot und Wein. Sie sind mir zum Zeichen des Heiles geworden. Schon bei Lukas ist das Kind in der Krippe von aller Anfang an nichts anderes als ein "Zeichen". Ein Sakrament! Dieses Zeichen war den Hirten gegeben. Auch für den Greisen Simeon war Jesus bereits ein Zeichen, ein ganz besonderes Zeichen! Ein Zeichen, "dem widersprochen wird" (Lk 2, 34). Darüber hinaus hat sich Jesus selbst wiederholt zu einem Zeichen gemacht. Er tat dies, indem er sich als den guten Hirten, als den wahren Weinstock, als die Tür, als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnet hatte. Ganz besonders aber sah sich Jesus selbst verwirklicht in den heiligen Zeichen von Brot und Wein. In diesen Zeichen von Brot und Wein habe ich das Gedächtnis Jesu gefeiert. Ich tat es nicht anders, als Sie das tun. Mir diesbezüglich Ungläubigkeit vorzuwerfen, ist aus der Luft gegriffen und stellt ein himmelschreiendes Unrecht dar. Das wäre meine Antwort gewesen auf die Frage Ihres abgesandten Weihbischofs. Trotz Ihrer schönen Worte über das "geschwisterliche Miteinander in der Kirche" und trotz Ihrer Einsicht, dass es in der Kirche auch Meinungsverschiedenheiten gibt und dass es nur darauf ankommt, wie wir damit umgehen, wurde ich von der Pfarrversammlung ausgesperrt! Damit steht ein für allemal fest: Sie lassen sich treiben vom Geist der Inquisition, der nur verurteilen und vernichten will. Den Geist Jesu aber haben Sie schändlich verraten. Jesus hätte mich nicht verurteilt! In seinem Namen fordere ich die Aufhebung aller von Ihnen verhängten Strafmaßnahmen. Hochachtungsvoll W.Glas, Pfarrer" Die Amtsgewalt ist wie eine Mauer. Früher war sie wie ein Fallbeil, oder wie ein Galgen. Auch heute hat es ein Bischof nicht nötig, seine Entscheidungen vor dem Betroffenen zu rechtfertigen. Diese sind richtig, weil er so und nicht anders entschieden hat. Jeder Bischof kann in seiner Diözese schalten und walten wie er will. Ihm ist nach der Schrift "alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden" (Mt 28,18). Auch die Mitglieder des Argeter Pfarrgemeinderates mussten diese Erfahrung machen. Sie wandten sich am 22.10.92 in einem eigenen Brief an den Kardinal. Daraus folgende Zitate: "Sehr geehrter Herr Kardinal! Sie haben angeordnet, dass unser Pfarrer Willibald Glas bis zum 1.12.92 das Pfarrhaus in Arget zu räumen hat. Hätte sich Pfarrer Glas von Frau Starzner getrennt, wäre er ein ganz gemeiner Schuft gewesen. Nachdem Sie jetzt mit der Suspendierung und der in Ihren Augen von selbst eingetretenen Exkommunikation unseres Pfarrers Ihr Ziel erreicht haben dürften, könnten Sie Herrn Pfarrer Glas und Frau Starzner wenigstens genügend Zeit geben, um sich in aller Ruhe ein neues Heim suchen zu können. Wie wir alle wissen, ist ja ohnehin nicht mit einer Neubesetzung der Pfarrei Arget zu rechnen. Umso dringender stellt sich die Frage: Warum muss Pfarrer Glas bis zum 1. Dezember 92 ausziehen? - Anscheinend wollen Sie ihn aus der Gemeinde vertreiben, um Ihre eigene Ruhe und Ordnung endlich wieder herzustellen! Von der so oft erwähnten und geforderten "Gechwisterlichkeit" und mit dem erhofften "Miteinander in der Kirche" ist wieder einmal absolut nichts zu sehen, ganz zu schweigen von Menschlichkeit! Der Pfarrgemeinderat von Arget bittet Sie daher dringend, den Auszugstermin unseres Pfarrers Willibald Glas entsprechend zu verlängern, damit eine Unterkunft gefunden werden kann, die den beiden, Pfarrer Glas und Frau Starzner, wirklich entspricht. Mit freundlichen Grüßen. Dann folgten die Unterschriften des Pfarrgemeinderates. Auf die Bitte des gesamten Pfarrgemeinderates ist der Kardinal mit keinem Wort eingegangen. Wenigsten für den Bereich seiner Erzdiözese bewahrheitete sich das Wort: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel auf Erden" (Mt 28,18). Es kann nicht deutlich genug gesagt werden: Christentum und Gewalt gehören untrennbar zusammen. Mit diesem schändlichen Verhalten wurde der letzte Funke von Geschwisterlichkeit in der Kirche zu Grabe getragen. Im Christentum zählte eben immer schon die Amtsgewalt und nicht die Menschlichkeit, oder gar die Liebe. Christentum und Gewalt sind untrennbar verbunden. Sie gehören zusammen, wie die beiden Seiten ein und derselben Münze.
Die Doppelmoral der Bischöfe und Kardinäle Am 13.Oktober 1993 berichtete die Süddeutsche Zeitung über den Erzbischof von Münchner und Freising. Kardinal Wetter habe sein 40jähriges Priesterjubiläum in seiner Titelkirche Santo Stefano Rotondo, in Rom, mit 700 bayerischen Pilgern gefeiert. Diesen habe der Kardinal versichert, er hätte in seiner Studienzeit gelernt, die Kirche zu lieben, ohne deren "Schattenseiten" zu übersehen. Für den Kardinal ist die unmenschliche und brutale Amtsgewalt in der Kirche nur eine "Schattenseite". Man müsste die Kirche nur von der anderen Seite sehen und sie würde im schönsten Glanz erstrahlen. Wie schön, wenn es so wäre! Die Wirklichkeit ist anders. Was der Kardinal als "Schattenseite" bezeichnet, ist in Wirklichkeit ein ernstes "Krebsgeschwür", das den gesamten Organismus seiner geliebten Amtskirche langsam aber sicher zerfrisst. Es vergeht kaum ein Tag, an dem dieses tödliche Siechtum seiner Kirche nicht sichtbar wird. Am 5.Oktober 1993 heißt es beispielsweise in der SZ: "Ein klassischer Fall von Doppelmoral. Katholischer Dorfpfarrer missbraucht zwölfjähriges Mädchen. Mehrfach hat der mittlerweile 65jährige Kirchenmann Minderjährige sexuell belästigt; er "liebte" außerdem einen ganzen Schwarm reiferer Damen. Wegen Kindsmissbrauchs wurde der Geistliche jetzt zu vier Jahren Haft verurteilt. Man kann ihm nur wünschen, dass er die Therapie bekommt, die er offenbar dringend braucht. Aber auch bei den Vorgesetzten im bischöflichen Ordinariat müssen personelle Konsequenzen gezogen werden. Ihr Verhalten ist in mehrfacher Hinsicht skandalös. Jahrelang deckten sie die kriminellen Handlungen ihres Pfarrers. Trotz massiver Proteste der Gläubigen wurden Nachforschungen, wenn überhaupt, nur halbherzig betrieben. Die Angelegenheit wurde vertuscht und damit zu einem klassischen Fall von Doppelmoral. Noch zu Beginn dieses Jahres hatte der zuständige Generalvikar Eugen Kleindienst einer Kindergartenleiterin, die ohne Trauschein mit einem Mann zusammenlebte, die Kündigung ins Haus geschickt. Doch in den eigenen Reihen gelten offenbar andere Gesetze. Priestermangel und eiserner Corpsgeist machen's möglich, ohne Moralansprüche dann zu opfern, wenn die eigene Kaste betroffen ist. Sicher: dass die Kirche eine Gemeinschaft auch von Sündern ist, bestreitet sie selbst nicht. Doch ein Schuldeingeständnis gab es nicht. Im Gegenteil: Bischof Viktor Josef Dammertz bescheinigte dem Generalvikar öffentlich, pflichtgemäß richtig gehandelt zu haben. Kleindienst wurde nicht zur Rechenschaft gezogen, sondern zum Finanzdirektor gemacht. Schwerer noch als der Vorwurf, mit zweierlei Maß zu messen, wiegt eine andere Erkenntnis: Die Augsburger Kirchenoberen stellen sich auf die Seite des Täters, das Opfer spielte keine Rolle. Kleindienst sprach vor Gericht von den schutzwürdigen Interessen der Eltern, deretwegen er auf eigene Nachforschungen verzichtet habe. Wer aber schützte die Interessen des Mädchens? Die Wahrheit wollte der Vorgesetzte gar nicht wissen und nahm damit zumindest die Möglichkeit weiterer sexueller Übergriffe in Kauf. Er missachtete die Fürsorgepflicht gegenüber den Kindern der Gemeinden in grober Weise. Dem Pfarrer wurde bedenkenlos eine neue Gemeinde anvertraut. Doppelmoral - das erklärt nur teilweise die Vorgänge in Augsburg. Sie offenbaren vor allem eine erschreckende Hilflosigkeit vor dem Phänomen Sexualität. Das hat in erster Linie mit Personen zu tun, aber eben auch mit Strukturen: Wie sollen Vorgesetzte eine sichere Urteilsfähigkeit in einem Bereich menschlicher Erfahrung mitbringen, für den sie bewusst auf jeden Erfahrungszuwachs verzichtet haben? Das kann eine Erklärung sein, eine Entschuldigung ist es nicht." Für Kardinal Wetter ist das alles aber nur eine "Schattenseite. In Wirklichkeit sitzt der Krebs bereits im Mark. Er will es nur nicht wahrhaben. Kurze Zeit vorher berichteten die Zeitungen von Hunderten von Fällen, in die Geistliche in Amerika verwickelt waren. Sogar der Papst musste diese Vorgänge bei seinem letzten Besuch in den Staaten zur Kenntnis nehmen. Er ließ für die Opfer beten. Für mich waren das Sterbegebete am Totenbett der Kirche. Für den Münchner Kardinal aber handelte es sich nur um "Schattenseiten", die man eben in Kauf zu nehmen hat. Ich könnte hier mehrere dicke Leitzordner mit Zuschriften anführen, die den traurigen und ausweglosen Zustand der Kirche dokumentieren würden. Ich beschränke mich hier auf zwei Leserbriefe: Liebe - Ein Geschenk Gottes Zu: "Der Kardinal zum Rebellenpfarrer: Frau weg oder Amt weg!" (AZ 24.9.) Ich wünschte, dass Herr Wetter einmal im Leben tiefe Zuneigung und Liebe zum anderen Geschlecht erfahren könnte. Es sind Geschenke Gottes an uns Menschen. Leider sitzt er in seinem sterilen, von der Umwelt abgeschotteten Ordinariat und bekommt vom Leben draußen wenig mit. Es kommt daher der Verdacht auf, dass die Kirche nur aus alten Männern besteht, die nicht mehr fähig sind zu lernen, geschweige zu lieben. Es ist schade um die vielen junen Männer der Kirche, die sich aus Angst und Verzweiflung nicht wie Herr Glas an die Öffentlichkeit wagen, um offen über diese Probleme zu reden. Karl Wild, 8045 Ismaning" (AZ 8.10.1992). Für Kardinal Wetter sind Angst und Verzweiflung zahlloser Priester nur "Schattenseiten", die nicht ernst zu nehmen wären. Im gleichen Kasten dieser AZ-Ausgabe ist noch zu lesen: Wie ein Konfirmand Zu Kardinal Wetter und dem Rebellenpfarrer von Arget. Kardinal Wetters konfirmandenhafte Reaktion auf die gotteslästerlichen Enthüllungen des Rebellenpfarrers von Arget sind typisch für einen Mann mit Marienfimmel. Der Kardinal ist es, der die Kirche zum Gespött macht, nicht der Pfarrer. Der Kardinal ist reif für die Amtsenthebung, nicht der Pfarrer" (Paul J. Muenzer, München 2.) Als meine "gotteslästerlichen Enthüllungen" werden unter anderem die Feststellungen gewertet: "Das Zölibat ist Ausdruck einer unnatürlichen Leibfeindlichkeit und unübersehbares Zeichen einer tiefverwurzelten Verachtung der Frau" (AZ 8.10.92). Für Kardinal Wetter aber sind das nur die "Schattenseiten" einer Kirche, die man mit diesen unmenschlichen und jesusfeindlichen Gesetzen trotzdem lieben sollte. Diese innere Einstellung des Kardinals ist nicht mehr nur kindlich, fromm und naiv, sondern unverantwortlich und sträflich. Nicht nur ein kühler "Schatten", sonder ein tödliches Krebsgeschwür müsste von Papst und Bischöfen in einer gemeinsamen Anstrengung operativ entfernt werden. Wer dächte da nicht an den Fall des Eamonn Casey, Bischof von Kerry, im katholischen Irland! Er hatte fast zwanzig Jahre eine heimliche Geliebte. Sie hieß Annie Murphy. Dazu bekam der Bischof aber auch bald einen leiblichen Sohn, den er aber aus Angst und Verzweiflung nicht einmal sehen, geschweige denn anerkennen wollte. Diese ergreifende Geschichte erzählt die Geliebte des Bischofs in ihrem Buch: "Annie und der Bischof - Die wahre Geschichte meiner heimlichen Liebe zum Bischof von Irland". Dieses Buch ist erschienen im Goldmann Verlag. Statt der unnötigen Enzyklika "Splendor Veritatis" sollten sich Papst und Bischöfe endlich mit den tatsächlichen Problemen in der Kirche beschäftigen, anstatt selber unaufhörlich neue Probleme zu erzeugen. Für Kardinal Wetter sind die wuchernden Krebsgeschwüre nur "Schattenseiten" einer in sich intakten Kirche. Die Inhaber der kirchlichen Amtsgewalt stellen sich blind. Sie wollen die Wirklichkeit nicht sehen. Es wäre höchste Zeit, dass sie die Augen aufmachten, um zu sehen, was ist. Ein Buch, wie zum Beispiel, das von Peter de Rosa: "Der Vatikan - von Gott verlassen? " erschienen bei Droemer Knaur, müsste von den Bischöfen eine amtliche Stellungnahme bekommen. Die Bischöfe schweigen lieber und tun so, als wäre nichts geschehen. In der gleichen Weise wird von ihnen auch das mehrbändige Werk von Karlheinz Deschner: "Kriminalgeschichte des Christentums" verschwiegen. Nicht einmal eine kleine Dokumentation über das Schicksal von verheirateten Priestern, wie die von Alfons Kraus, erschienen bei Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, lässt sie zu Wort kommen. Es ist, als wären die Inhaber der kirchlichen Amtsgewalt bereits alle verstorben. Nobert Greinacher und Inge Jens haben nach den "Freiheitsrechten für Christen" gefragt. Sie haben sich die Mühe gemacht und aufgezeigt: "Warum die Kirche ein Grundgesetz braucht." Es gab keine Diskussion darüber. Mit der Amtsgewalt der Bischöfe wurde alles unterdrückt. Das Christentum ist mit seiner Einstellung: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden" (Mt 28.18) in's Gerede gekommen. Die bischöflichen Machthaber haben ein dickes Fell. Jedes noch so wichtige Argument behandeln sie, wie Staub an ihren Füßen. So ist auch das "Protokoll einer Verurteilung" von Eugen Drewermann, erschienen im Köselverlag, von den Bischöfen unter den Teppich gekehrt worden. Christentum und Gewalt sind eben zwei unzertrennliche Zwillinge. Sie halten zusammen durch dick und dünn.
Briefwechsel mit Kardinal Wetter ab dem 6. 12. 2006
Erzbischöfliches Ordinariat München - Kirchenrecht - Rochusstr. 5-7, 80333
München
06.12. 2006
Sehr geehrter Herr Glas, Dazu meine Antwort nach 4 Tagen
Herrn Kardinal Sauerlach, den 11. Dezember 2006
Dazu habe ich aus dem Erzb. Ordinariat keine Antwort erhalten, deshalb bin ich nach drei Monaten wieder auf dieses Schreiben -- auf das im Auftrag von Kardinal Wetters verfasste Schreiben von Dr.jur. can. Lorenz Wolf eingegantgen. Herrn
Kardinal Sauerlach, den 3. Mai 2007
Sehr geehrter Herr Kardinal,
Mit freundlichen Grüßen Da ich fast ein ganzes Jahr vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, schrieb ich dem Kardinal noch ausführlicher jetzt per Einschreiben:
Herrn Kardinal Sauerlach, den 9. November 2007
Betr. Schreiben vom 6. 12. 2006
Es gibt bis heute keine Antwort auf meine beiden Briefe
Wie bayerische Pfarrer von ihren Haushälterinnen verwöhnt werden Am meisten aber frisst das Krebsgeschwür der Scheinheiligkeit am Lebensnerv der Kirche. Dazu ein letztes Beispiel: In Bild München, vom 2. November 1992, Seite 6. Dort heißt es: "Wie bayerische Pfarrer von ihren Haushälterinnen verwöhnt werden" Ich zitiere in Auszügen: "Lesen Sie hier, wie sechs Haushälterinnen ihre Geistlichen verwöhnen: Es muss nicht immer Kaviar sein. Anni Huber (56) ist i Ort genauso bekannt wie der Pfarrer. Kein Wunder, schließlich kocht die "Pfarrers Anni" schon seit 28 Jahren treu für den Monsignore von Unterwössen, den Geistlichen Rat, Franz Niegel (66)." Nach Adam Riese kam seine Haushälterin also mit 28 Jahren zum Pfarrer in's Haus. Es wäre interessant zu wissen, wie lange sich die Beiden vorher schon gekannt hatten, wo und bei welcher Gelegenheit sie sich kennengelernt hatten. Der Monsignore: "Die Anni kann nicht nur hervorragend kochen, noch wichtiger ist, dass sie so gut mit Menschen umgehen kann." Weil Reisen bildet, fährt der Pfarrer mit seiner Haushälterin und den jugendlichen des Orts regelmäßig in die weite Welt hinaus. Nur Skifahren und Schlittschuhlaufen muss er allein. "Das mag die Anni nicht, aber sie strickt mir immer die Socken für die Skistiefel." Gemeinsame Lieblings-Abendbeschäftigung: Hitchcock-Krimis im Fernsehen. Anni Huber: Alleine würde ich mich fürchten." Trotz aller Gemeinsamkeit: Die beiden sind immer noch "per Sie". Das Farbfoto, Größe DIN A 5, zeigt beide in einem behaglichen Wohnzimmer. Mein Kurskollege, Franz Niegel, sitzt in einem Ohrensessel und blättert in einem Buch. Daneben, ebenfalls in einem Ohrensessel, sitzt Fräulein Huber mit einem Strickzeug in den Händen. Auf dem Tisch stehen zwei Tassen, dahinter auf einer kostbaren Kommode steht eine Lampe und eine Uhr. Beide ergeben ein Bild es Friedens und der Beschaulichkeit. Warum auch nicht! Nur das "per Sie" macht mich stutzig. Und nicht nur mich. Dann ist weiter zu lesen: Vom Kochen versteht er viel Münchens Gaststätten-Seelsorger Pfarrer Karl Büchl (69) weiß alles über den guten Ton beim Essen, war schließlich mal Hotelfachmann und Pächter des Schelling-Salon. Heute ist er hin und wieder er, der seiner Haushälterin Meta Hohner (55) serviert - stilgerecht natürlich. Nimmt sie mit, wenn ein neues Hotel öffnet. Lässt daheim einfach kochen: "Die Liebe des großen Könners liegt im einfachen Gericht." Z.B. Kalbsrahmgulasch mit Spätzle, Fruchtsalat. Vorher immer Suppe. Lernte die Haushälterin schon als Kaplan im Pfarrhaus seines "Chefs" kennen, nahm sie mit in die eigene Pfarrei, St. Andreas. "Siezen" sich auch noch nach 20 Jahren, obwohl die Haushälterin mit in seiner Wohnung wohnt. Jeden Montag Abend geht's gemeinsam zum Sport (Schwimmen, Volleyball), sonst sind wir, so der Pfarrer "zwei Egos zu zweit" . Büchl: "Der Unterschied zu einer Ehe ist der: "Wenn ich etwas vorhabe, muss ich sie nur davon informieren - mehr aber nicht." Auf dem dazugehörenden Foto ist Pfarrer Büchl zu sehen, wie er gerade seiner Haushälterin, Frau Meta Hohner, ein Getränk serviert. Man sieht ihnen an, dass Liebe im Haus ist. Weiter in Bild München: Morgens gibt es ein Müsli Pfarrer Alexander Siebenhäerrl von St. Magdalena in Ottobrunn ist schon 73, aber noch immer im Amt. Holt sich die Kraft aus gesundem Essen, das ihm Dorothea Ebner (54) zubereitet: Um 9.30 Uhr muss ihm "Dori" ein Müsli servieren, um 10.30 Uhr presst sie eine Grapfruit aus, dazu Rote Beete, um 11.30 Uhr immer warmes Mittagessen - außer Freitag nur Fleisch, z.B. Hackbraten mit Kartoffelsalat, dazu ein Pils oder Gesundheitstee. "Dann ist eine Stunde Mittagsschlaf - die Dori auch." Seit 15 Jahren arbeitet sie für Siebenhäerrl. "BIs 21 Uhr darf sie über den Fernseher verfügen, ab 21 Uhr ich." Das dazugehörende Foto zeigt ein Hochwürden mit schwarzer Krawatte. Daneben ist Frau Ebner in einem weißen Kleid zusehen. Sie hält gerade eine Grapfruit in der Hand. Ein elegantes Paar. Rezepte der heiligen Hildegard Dass ihm das Essen nicht immer so gut runterrutscht, nimmt Pfarrer Martin Bummele (54) aus St. Anton in Augsburg gerne in Kauf. "Die Emmi kocht halt sehr gesund, fast überall ist Dinkel dabei - Gemüseauflauf mit Dinkel, Dinkelnueln, Dinkelbier. Nach den Rezepten der heiligen Hildegard von Bingen. Das soll gesund sein für den Magen, glaube ich." Für ihn ist etwas anderes viel wichtiger: "Ich bin Betriebsseelsorger, viel unterwegs. Da schätze ich es, abends in eine bewohnte Wohnung zu kommen - ein "Heimkomm-Gefühl". Emmi Degenhart (47): "Ich bin häuslich und sorge gern für jemanden. Und ich interessiere mich für die Kirche." Auch das kommt dem Pfarrer zugute: "Emmi war früher Gemeindereferentin, kennt sich aus. Sie guckt manchmal über meine Predigt, korrigiert oder bestätigt mich." Gemeinsames Hobby: Tagesthemen und Krimis gucken. Sie duzen sich." Auf dem Bild sind zwei glückliche Menschen zu sehen, die für einander da sind und wirklich zusammen gehören. Diese Lebensgemeinschaften von Pfarrern mit ihren Haushälterinnen sind alles andere, nur kein glaubwürdiger Hinweis auf ein Leben nach dem Tod. Die Zeichenhaftigkeit für das Himmlische kommt in diesen gepflegten und gut bürgerlichen Haushaltungen nirgends zum Ausdruck. Die im 'Bild München' geschilderten Pfarrer könnten ebenso gut mit ihren Haushälterinnen verheiratet sein. Das jedenfalls ist der Eindruck, den die Fotos in besagter Zeitung vermitteln. Um die Worte von Kardinal Wetter zu gebrauchen, wurden nichts anderes als "eheähnliche" Beziehungen vorgestellt. Das ist mehr als nur eine Schattenseite der Kirche. Hier steht die Glaubwürdigkeit eines ganzen Berufstandes auf dem Spiel. Genauer gesagt: Die Glaubwürdigkeit priesterlicher Ehelosigkeit ist längst unwiederbringlich dahin. Was bleibt ist der Verdacht grenzenloser Scheinheiligkeit. Für Kardinal Wetter aber ist dieser Zustand wiederum nur eine "Schattenseite" an der Kirche, die er in den 40 Jahren seines Priesterlebens zu "lieben" gelernt hat. Ich selber denke darüber anders. Nicht einmal der Anschein von Scheinheiligkeit wäre für mich zu ertragen. Ich werde immer wieder gefragt, was Kardinal Wetter bewogen haben könnte, mich vom Priesteramt zu suspendieren und sogar die Exkommunikation gegen mich auszusprechen? Inzwischen wurden mir von gut informierten Kreisen innerhalb der Kirche eine Antwort gegeben, die ich nicht länger für mich behalten will. Mir wurde berichtet: Kardinal Wetter war nur auf Drängen von Josef Ratzinger gegen mich vorgegangen. Ich hatte ihn in meinem Buch "Der Pfarrer von Arget" nämlich hart angegriffen. In der Auseinandersetzung wegen der Peterspfennig-Kollekte von 1980 hatte ich ihm den Spiegel vorgehalten und geschrieben: "Er lügt wie gedruckt." Das hatte mir Kardinal Ratzinger angeblich nicht verzeihen können, obwohl ich nur die Wahrheit gesagt hatte. Einige Sätze aus meinem Buch hatten ihm dann die lang ersehnte Handhabe gegeben, sich still und leise an mir zu rächen. Diese Erklärung ist deshalb so naheliegend, weil sich Ratzinger niemals gegen meine Behauptung, "er lügt wie gedruckt", gewehrt hatte. Wie sollte er auch? Es war die Wahrheit! Somit hatte sich auch in diesem Fall bewahrheitet, dass Christentum und Gewalt zusammengehören. Ich war der Willkür eines Kardinals zum Opfer gefallen.
Der Traum vom Ende der Amtsgewalt Früher, als ich noch an eine echte Rückkehr des Christentums zur Gewaltlosigkeit Jesu glauben konnte, hatte ich einmal eine Geschichte geschrieben, von der ich auch heute noch manchmal träume, dass sie wahr werden könnte. Hier ist sie. Im Petersdom zu Rom waren die Bischöfe der katholischen Welt zum "Dritten Vaticanum" versammelt. Ungeheuere Spannung er füllte den riesigen Petersdom. In wenigen Augenblicken sollte Jesus vom Himmel aus über den Aeterna-Satelliten die heilige Vesammlung eröffnen. Feierlich näherte sich der Heilige Vater der elektronischen Schalttafel. Mit der Betätigung eines einzigen Druckknopfes sollte die Verbindung mit dem Himmel hergestellt werden. Die Blicke der Konzilsväter waren gespannt auf den Bildschirm gerichtet. Dann drückte er den Knopf und die Verbindung mit dem Himmel war hergestellt. Zuerst erschien Maria, die Mutter Jesu, auf dem Bildschirm. Bei ihrem Anblick war der Heilige Vater wie verzaubert. Er breitete vor dem Bildschirm seine Arme aus und grüßte die Gottesmutter mit überschwenglicher Freude. "Salve Regina!" Beinahe hätte ihm dabei die Stimme versagt. Doch die übrigen Konzilsteilnehmer stimmten sofort ein: "Mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra, salve!" Die Freude war grenzenlos. Als sich der Sturm der Freude und der Begeisterung endlich gelegt hatte, kam auch Jesus ins Bild. Beide erstrahlten im himmlischen Glanz. Dann lächelte Maria den Bischöfen in unendlicher Güte zu. Schließlich sagte sie, wie seinerzeit auf der Hochzeit zu Kana: "Was er euch sagt, das tut." Nun standen in der Konzilsaula auch eine große Zahl von Papierkörbe, wie das bei großen Konferenzen üblich ist. Niemand hatte sie sonderlich beachtet. Plötzlich aber standen diese Papierkörbe im Mittelpunkt des Geschehens. Jesus zeigte nämlich auf diese Papierkörbe und sagte" Füllt diese Papierkörbe bis zum Rand." Die Konzilsväter trauten ihren Ohren kaum. Ein ungläubiges Raunen ging durch die Reihen. Jeder wollte sich beim andern vergewissern, ob er auch richtig gehört hatte. Auch der Papst hatte sich bei jedem seiner Kardinäle eigens vergewissert, dass er sich nicht getäuscht hatte. Schließlich erhob der Heilige Vater seine Stimme: "Viel geliebte Brüder im Bischofsamt!" begann er etwas bedrückt. "Mit den Jüngern Jesus dürfen auch wir bekennen: Wir haben den Herrn gesehen. Die allerseligste Jungfrau Maria, die Mutter unseres Herrn und Heilandes, die auch unsere Mutter ist, hat uns in dieser geschichtlichen Stunde ermahnt. Im gläubigen Vertrauen auf die göttliche Vorsehung wollen wir uns ihren mütterlichen Rat zu Herzen nehmen." Er machte eine Pause und merklich leiser im Ton fuhr er fort: "Es wäre nicht das erste Mal, dass die Jünger ihren Herrn und Meister nicht verstanden hätten, sondern seine göttliche Weisung missachtend, eigene Wege gegangen sind. Dieser heiligen Versammlung soll ein solches Versagen nicht nachgesagt werden können, sondern ganz im Gegenteil, soll hier und jetzt sein heiliger Wille geschehen." Auf einen Wink des Papstes brachte ihm der Sekretär den Papierkorb. Der Papst erhob seine gerade mit viel Fleiß ausgearbeitete Enzyklika, damit dieses Schreiben von allen gesehen werden konnte. "Mysterium fidei!" rief er mit gebrochener Stimme, und ließ das Dokument in den bereitgehaltenen Papierkorb gleiten. Die Bischöfe schauten ihm zu und trauten ihren Augen kaum. Dann deutete der Heilige Vater auf die Bücher, die auf dem breiten Tisch vor den Kardinälen bereitgelegt waren. Der Sekretär ließ auch diese unter den Augen der Kardinäle im Papierkorb verschwinden. Das waren die Bücher der Heiligen Schrift, die man bisher als Wort des lebendigen Gottes verehrt hatte. Dann kamen die Gesetzbücher der Kirche an die Reihe. Auch sie fanden Platz im Papierkorb. Als der Papst seine Pflicht getan hatte, waren die Bischöfe an der Reihe. Auch sie übergaben alle ihre Papiere, mit den ausgearbeiteten Reden und Anträgen, den Papierkörben. Manche wurden leichenblass, als sie sich von ihren Unterlagen trennten. Der Papst saß die ganze Zeit auf seinem heiligen Stuhl und betrachtete das merkwürdige Geschehen. Dabei tat mit Sicherheit auch der Heilige Geist in aller Stille das Seine. Als dann wieder Ruhe eingekehrt war, erhob sich der Heilige Vater und verkündete mit sicherer Stimme: "Liebe Brüder im Bischofsamt! Der Herr hat unserem Treiben ein Ende gemacht." Dann holte er tief Luft und fuhr fort: " Hiermit erkläre ich das Dritte Vaticanum für beendet." Die versammelten Bischöfe aus aller Welt nahmen diese Worte des Papstes auf, wie eine bedingungslose Kapitulationserklärung nach einem verlorenen Krieg. Dieser Eindruck lastete schwer auf ihnen. Der Schlusssegen des Papstes wurde aufgenommen, wie eine letzte Formalität über ein geschlagenes Heer. Viele nahmen ihre weißen Mitren ab, bereit das Weite zu suchen. In diesem Augenblick rief der Heilige Vater: "Freunde!" Er widerholte noch lauter: "Freunde!" Die Konzilsväter horchten auf und sahen zu ihm hinüber. Er hatte den Thron bereits verlassen. Ohne seine Mitra auf dem Kopf und ohne seinen Hirtenstab in Händen, fuhr er fort: "Seid nicht traurig. Habt keine Angst. Es hat sich bereits alles zum Besten gewendet. "Dann flehte er sie an:" Lasst nicht nach in eurem Eifer. Sorgt dafür, dass überall in der Welt die Papierkörbe gefüllt werden. Nichts darf mehr an die Amtsgewalt eines Bischof erinnern. Bedenkt doch: Die Rose verträgt keinen Frost und der Glaube keine Gewalt."
Quellenverzeichnis Otto Lentmann, Altötting: "Meine Gedanken über das sogenannte Christentum" unveröffentlichte Manuskripte. Die Liberairie, Maurice-Marice-Marihien, Paris U.Jean Giraudoux, Chartres Die Hexenprozesse: Salemer Hexen-Musee´, Massachusets, USA Der Sklavenhandel Historik v. D'Albert, Archivio d.las Indias John Milton: "The Paradies lost" Philadelphia, Kirkpatrick: Christoph Kolumbius und die Folgen, Washington G.Ruges: Kolumbus Vita, Chikago Lombroso, Pathographien, Chikago,1910 Harriet Beecher-Stowe: Sklavenhandel Goree, Senegal, Dakar Richard Newton: Biblioteca Nacional, Brasilien Migwel Diaz (San Carlos): Mus'ee Nacional A.Willette: Historie Sklavenhandel, de Jujuy, San Salvador Jose´Gervasio: Römische Kirche und Sklaverei, Pernambuco,Recife
|