Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Die Zauberdoktorin im Fiebertraum,    Als erfolgloser Beichtvater,    Jesus nur ein Mensch?,    Der unermüdliche Ordensgründer,    Die Bewerbung für eine Stadtpfarrei


Die Zauberdoktorin im Fiebertraum

Die Teilnahme an Einkehrtagen und Exerzitien war für alle Priester der Erzdiözese Pretoria verpflichtend.

So machte auch ich mich an einem Dienstag morgen auf den Weg nach Lynnwood zum Kloster der Redemptoristen.

Ich war noch nicht lange gefahren, da wurde mir plötzlich sehr heiß. Es bildeten sich Schweißtropfen und rannen mir über das Gesicht. Ein Gefühl der Übelkeit überkam mich. Vor meinen Augen begann es zu flimmern. Die Kleidung klebte mir am Leib. Ich stieg auf die Bremse und hielt den Wagen an. Plötzlich war mir klar, das alles hatte nichts mehr mit dem Klima zu tun. Es war Fieber.

Auch die Tage vorher waren es bereits Fieberanfälle und nicht das Klima, nur ahnte ich es nicht. An jenem Morgen glaubte ich noch, ich hätte mich in der Nacht etwas erkältet. Ich nahm eine kalte Dusche und hoffte, die Sache wäre erledigt. Nach einer Weile ließ das Fieber wieder nach. Mein Entschluß stand fest. Anstatt in das Kloster der Redemptoristen fuhr ich in das Ärztehaus der Stadt. Dort stellte sich heraus, daß die Fieberanfälle durch den Biß einer giftigen Zecke verursacht worden waren. Noch am gleichen Tag wurde ich in das Privatkrankenhaus der irländischen Schwestern aufgenommen. Es lag in einem der vornehmsten Stadtteile von Pretoria. Ich hatte ein Einzelzimmer mit Klimaanlage, vor allem aber die bestmöglichste Pflege rund um die Uhr. Nach drei Wochen war alles vorbei. In dieser Zeit dachte ich oft an die Eingeborenen, die es im Krankheitsfall bedeutend schlechter hatten.

Viele von ihnen hatten eine unüberwindliche Abneigung vor weißen Ärzten. Sie wollten in kein Krankenhaus, obwohl für sie der Aufenthalt kostenlos war. So lagen sie in ihren armseligen Hütten auf dem blanken Boden. Eine Decke oder ein Leintuch schützte sie vor den aufdringlichen Fliegen. Für sie gab es kein erfrischendes Bad, keine neuen Bettücher, wenn die alten durchgeschwitzt waren. Es gab keine gezielte Behandlung. Ihre einzige Hoffnung setzten sie auf die zweifelhafte Kunst des Zauberdoktors.

Sein Auftreten war gebieterisch und furchterregend. Auf dem Kopf trug er zwei mächtige Hörner. Das war kein bloßer Kopfschmuck, wie der Gamsbart an den Hüften der Trachtler, sondern Ausdruck seiner Zauberkraft. Wer solche Hörner trägt, ist stärker als alles Übel in der Welt. Die Federn am Kopf und am Oberarm erheben den Zauberer hoch über alle gewöhnlichen Menschen. Aus einer höheren Warte sieht er Dinge und Zusammenhänge, die anderen verborgen sind.

An seinem Gürtel baumelten Hühnerzehen und Hasenläufe, daneben allerhand Krallen und Zähne von Raubtieren. Dazwischen hingen kleine Säckchen aus Gedärm oder Blase. Sie waren angefüllt mit Pulver, das von bestimmten Krautern und von Innereien zauberkräftiger Tiere stammte. Auch hatte er noch einen reichen Vorrat von kleinen Knochen, die er aus der hohlen Hand, wie zu einem Würfelspiel, auf die Erde warf. Das Pulver kam in die Glut. Es erzeugte nicht selten üble Düfte, während der Zauberer mit seinen Beschwörungen beschäftigt war.

So wurde nach und nach immer klarer, von wo das Übel seinen Anfang nahm. Manchmal war es nur ein unliebsamer Nachbar, der dafür verantwortlich gemacht wurde. Wenn das für die Betroffenen feststand, wurden Mittel und Wege ersonnen, diesen ahnungslosen Menschen zu beseitigen. Es geschah immer heimlich und auf möglichst unerklärliche Weise. Plötzlich wurde ein Toter entdeckt und niemand wußte, wie er um das Leben kam. In unseren Augen ein klarer Fall von Ritualmord. Für den Zauberdoktor war es ein unumgängliches Opfer zur Beseitigung von Krankheit und Not.

Über solche Vorfälle wurde viel gemunkelt. Wenn es aber darauf ankam eine verbindliche Aussage zu machen, wußte keiner etwas zu berichten. Die Angst hatte sie das Schweigen gelehrt.

Im Vergleich zu diesen Armen der Ärmsten fühlte ich mich trotz meines Fiebers wie im Himmel. Gerne hätte ich gewußt, wie es der Mrs. Mchlanga ging. Diese Frau war nämlich eine Zauberdoktorin, die einzige, die sich damals in dieser Gegend zum Christentum bekehrt hatte. Feierlich und mit viel Aufsehen hatte sie damals ihre Zauberausrüstung verbrannt. Es war für uns alle ein großer Tag.

In der Osternacht hatte ich sie zusammen mit einer Reihe von anderen Eingeborenen getauft. Nicht lange danach wurde sie einstimmig zur Vorsitzenden des Sankt-Anna-Vereins der eingeborenen Frauen gewählt. Sie fehlte bei keinem Gottesdienst. Bei jeder Gelegenheit führte sie das große Wort.

Plötzlich sah und hörte man nichts mehr von ihr. Sie war wie vom Erdboden verschwunden. Alle wunderten sich. Es kam keine Nachricht und es gab kein Lebenszeichen von ihr. So verging fast ein volles Jahr. Dann hieß es plötzlich: „Mrs. Mchlanga ist wieder da. Sie ist wieder Doktor der Zauberei, wie eh und je."

Ich besuchte sie in ihrer neuen Praxis. Sie war wieder ganz die Alte. Kaum zu glauben, daß ich sie jemals getauft hatte. Unvorstellbar, daß sie die Uniform der Sankt-Anna-Frauen getragen hatte. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit trug sie nun wieder alle Kennzeichen ihres Standes, von den Federn bis zum Fell.

Mrs. Mchlanga hatte nichts gegen das Christentum. Sie versicherte mir, sie würde weiterhin an Jesus glauben. In ihrer Praxis könnte sie ihn gut gebrauchen. Ich versuchte ihr begreiflich zu machen, daß Jesus und die Zauberei nicht zusammenpaßten. Ich sprach auch vom schlechten Beispiel und vom Ärgernis, das sie geben würde. Mrs. Mchlanga war diesbezüglich aber ganz anderer Meinung und wollte von meinen Vorwürfen nichts wissen. Ich sprach von Abfall und Verrat bis hin zur ewigen Verdammnis. Es war nichts zu machen. Mrs. Mchlanga blieb bei ihrer Zauberei.

In der kommenden Osternacht wurde wieder das Taufgelübde erneuert. Feierlich fragte ich die versammelte Gemeinde: „Widersagt ihr dem Satan und allen Verlockungen des Bösen?"-„Wir widersagen!", kam es wie aus einem Munde. Dabei rief jemand den Namen der Zauberin: „Mrs. Mchlanga!" Es war totenstill. Alle warteten, was ich zu sagen hätte. Für einen Augenblick war ich sprachlos. Es war mir aber klar, daß ich etwas sagen mußte und zwar sofort. Es sollte richtig sein und obendrein noch eindrucksvoll, eine unvergeßliche Lehre für alle Anwesenden.

Ich sagte: „Ihr alle tragt brennende Kerzen in den Händen. Es ist das Licht Christi. Auch Mrs. Mchlanga hatte dieses Licht in ihren Händen. Ihr Licht ist erloschen." Dann blies ich vor aller Augen die Kerze aus. „Mrs. Mchlanga ist wieder in die Finsternis zurückgekehrt. Ihr Glaube ist tot", rief ich der Menge zu und brach die Kerze entzwei. „Sie ist lebendig tot", wiederholte ich. „Wir müssen sie begraben." Es ging eine Aufregung durch die Reihen.

Ich ließ einen Spaten holen und im Schein der Kerzen etwas Erde ausheben. Dann wiederholte ich eindrucksvoll: „Mrs. Mchlanga ist tot für Christus. Sie ist auch tot für uns. Wir müssen sie begraben." Ich bückte mich und legte die gebrochene Kerze in das kleine Grab. Dann wurde das Grab zugemacht. Alle schauten ergriffen zu.

Im Krankenhaus mußte ich oft an sie denken. Ich machte mir Sorgen und überlegte, ob es wohl richtig war, was ich damals im heiligen Eifer getan hatte. Mrs. Mchlanga war keine Mörderin, sondern eine kluge und geschäftstüchtige Frau. Sie war unabhängig, selbständig und großzügig, eine gute Frau. Ihr einziges Unglück war ihr Beruf. Diesen konnte sie unmöglich aufgeben, denn Beruf und sie waren eins.

Dann hörte ich, daß sie nicht mehr da war. Niemand wußte, wo sie war. Bald wurde auch ihr Name nicht mehr erwähnt. Es war, als wäre nichts gewesen. Ich aber konnte Mrs. Mchlanga nicht vergessen. Irgendwie war ich ihr nicht gerecht geworden. Sie hätte eine andere Behandlung verdient. Dann kamen mir die Worte Jesu in den Sinn: „Und wenn dich deine Hand zum Bösen verleitet, hau sie ab. Es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen. Und wenn dein Fuß dich zum Bösen verleitet, hau ihn ab. Und wenn dein Auge dich zum Bösen verleitet, reiß es aus. Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu gelangen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo die Qual nicht endet und das Feuer nicht erlischt" (Mk 9,43).

Ich redete mir ein, Mrs. Mchlanga war ein solches Glied, das allen zum Ärgernis geworden war. Ich mußte sie aus der Gemeinde ausschließen. Es blieb mir überhaupt keine andere Wahl. Mein Vorgehen war durchaus gerechtfertigt und gut. Ja, es war ganz und gar im Sinne Jesus. So dachte ich, aber nicht lange.

„Nein! Um Himmels Willen Nein!", dachte ich dann wieder. Mein Verhalten war alles andere, nur nicht im Sinne Jesu. Jesus verlangt nicht, daß einer dem anderen etwas abhauen oder ausreißen soll. Er will schon gar nicht, daß einer den anderen für tot erklärt, wie ich es mit Mrs. Mchlanga getan hatte. Wenn es schon bei jemandem etwas zum Abhauen oder zum Ausreißen geben sollte, dann muß es der Betreffende selber tun. Auf keinen Fall darf ein Außenstehender eigenmächtig in das Leben eines anderen eingreifen. Selbst den Splitter aus dem Auge meines Bruders darf ich nur herausziehen, wenn dieser es will. Erzwingen kann ich es nicht.

Wie oft gehen wir doch als Pfarrer über Leichen, einem Prinzip zuliebe. Wir tun dies gehorsamst, wie das Gesetz es befiehlt. Dabei ist keines der Gesetze vom Himmel gefallen. Sie sind alle ausnahmslos Menschenwerk. Sie sind und bleiben Menschenwerk, selbst wenn wir sie als „göttliche" oder „ewige" Gesetze bezeichnen. Das Größte und Heiligste, was Gesetze je zu schützen hatten, war die Heiligkeit des Sabbats. Selbst in dieser Sache sagt Jesus: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat" (Mk 2,27).

Anders gesagt: Alles ist für den Menschen da. Es gibt nichts, das nicht für den Menschen da wäre. Statt Mrs. Mchlanga in Abwesenheit zu verurteilen und in den seelischen Tod zu schicken, hätte ich lernen sollen, sie zu verstehen. Meine Gesetzesmentalität hatte mich daran gehindert. Es ist nicht selten kurzsichtig und billig, sich auf Gesetze zu berufen. In Glaubenssachen ist es absolut verhängnisvoll.

„Wie war das eigentlich mit der Frau am Jakobsbrunnen?" fragte ich die Schwester, als sie mir Tee brachte. Sie schaute mich fragend an, denn sie wußte nicht, auf was ich hinaus wollte. „Was ist schlimmer", sagte ich, „mit einem anderen Mann zusammen zu leben oder Zauberdoktor zu sein?" Sie wußte immer noch nicht, was sie sagen sollte. Ich fuhr fort: „Die Frau am Jakobsbrunnen hatte bereits fünf Männer gehabt. Der Mann, mit dem sie damals gerade lebte, war auch nicht ihr Mann. Nach unseren Vorstellungen lebte sie ziemlich wild darauf los." Die Schwester nickte und wollte gehen. „Eine Frau aus meiner Pfarrei ist Zauberdoktorin." Da horchte sie auf und war gespannt, was ich zu sagen hätte. „Würde Jesus auch mit dieser Zauberin reden, wie er mit jener Frau am Jakobsbrunnen geredet hat?" „Selbstverständlich", war ihre Antwort. „Würde Jesus von der Zauberin verlangen, ihren Beruf aufzugeben?" „Das glaube ich nicht", meinte die Schwester. „Nun, ich habe es von ihr verlangt, ohne Wenn und Aber", gestand ich der Schwester. „Und die Zauberin?" fragte die Schwester. „War sie Ihnen gefügig?" „Keineswegs! Die Zauberin hätte mich am liebsten ausgelacht", war meine Antwort. „Was wollen Sie tun?" fragte die Schwester. „Nichts!" sagte ich. „Ich habe schon alles getan." Was ich in diesem Falle getan hätte, wollte die Schwester wissen. Dann sagte ich ihr, was ich in jener Osternacht getan hatte und fügte hinzu: „Meine lieben Mitbrüder und der Erzbischof fanden es ganz in der Ordnung. Nun hätte ich gerne gewußt, was Jesus dazu zu sagen hätte." Die Schwester schmunzelte: „Vielleicht wäre er einige Zeit bei ihr geblieben und hätte ihr bei ihrer Zauberei zugeschaut." Dann ging sie.

So unangenehm diese Krankheit auch war, sie hatte auch ihr Gutes. Ich brauchte wenigstens keine Beichte zu hören.

 

Als erfolgloser Beichtvater

Am peinlichsten berührte mich die Beichte eines ganz bestimmten Mitbruders. Ich muß mir versagen, ihn näher vorzustellen. Die Welt ist klein geworden und die größte Entfernung allein ist längst kein hinreichender Schutz mehr für die Aufrechterhaltung eines Beichtgeheimnisses. Jedenfalls kam jener Mitbruder an jedem Einkehrtag zu mir. Ich wußte es längst auswendig, was er beichten würde. Er sagte: „Segne mich, Father, denn ich habe gesündigt. Meine letzte Beichte war vor vier Wochen. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden. Ich habe mich achtmal selbst befriedigt. Im Zustand der schweren Sünde habe ich das heilige Meßopfer gefeiert. Ich bitte um eine heilsame Buße und Lossprechung. Mein Jesus, Barmherzigkeit." Dann war ich an der Reihe mit einem kurzen Zuspruch.

Ganz gleich, was ich auch sagte, es war immer vergebens. Wenn ich in aller Vorsicht die vermeintliche Schwere seiner Sünden in Frage zu stellen versuchte, nickte er zustimmend. Wenn ich ihn bat, seine Aufmerksamkeit auf wichtigere Dinge zu lenken, versprach er dies gewissenhaft zu tun. Bei der nächsten Gelegenheit aber beichtete er ganz genau und wortwörtlich das Gleiche. Für ihn gäbe es nur eine Sünde: Die Selbstbefriedigung.

Selbstbefriedigung machte ihn unrein. Es war schwere Sünde. Das war seine Überzeugung und daran ließ er nicht rütteln. Ebenso stand für ihn fest, daß kein Unreiner in das Himmelreich eingehen wird. Die ewige Verdammung war für ihn nur noch eine Frage der Zeit. Manchmal war ich versucht, ihn auszulachen. Ich hätte es auch getan, wenn ich sicher gewesen wäre, daß es ihm helfen würde. So blieb mir nichts anderes übrig, als seine persönliche Überzeugung zu respektieren und ihn in seiner scheinbar so elenden Lage ernst zu nehmen.

Anfänglich versuchte ich seinen Glauben an dem Erbarmen Gottes wieder aufzubauen. Es war offensichtlich, daß er für sich selber kein Erbarmen mehr erwarten und erhoffen konnte. Er war am Ende. Man sah es ihm an. Die Geschichten aus dem Alten Testament waren dafür wie geschaffen. Für ihn waren diese Erzählungen mehr als fromme Geschichten. Sie waren Geschichte im eigentlichen Sinn.

Was lag nun näher, als an den Mord des Kain an seinem Bruder Abel zu verweisen. Diese Tat war ohne Zweifel ein furchtbares Verbrechen. Nicht zu vergleichen mit der vermeintlichen Sünde der Onanie. Trotzdem hatte Gott sogar diesen Mörder noch in Schutz genommen. Er drohte jedem siebenfache Rache an, der sich an Kain vergreifen würde. Der Mörder Kain hatte vor Gott Erbarmen gefunden. Auch er würde Erbarmen finden.

„Ich bin nicht Kain", sagte er. Dann fuhr er fort: „Kain hat einmal einen Mord begangen, ich aber sündige immer." Am liebsten hätte ich ihm geantwortet: „Steig mir doch auf den Hut!" Statt dessen aber sagte ich: „Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." „Amen", sagte er zufrieden und verlangte die Buße. „Studieren Sie nach und nach die Geschichten vom ägyptischen Josef, von der tapferen Judith und von der keuschen Susanna. Bringen Sie das Schicksal dieser Leute mit Ihrem eigenen Leben in Verbindung", fügte ich noch hinzu. Dann ging er und ich atmete auf.

Jener Mitbruder war sicherlich sehr enttäuscht über meine unerwartete Abwesenheit in Lynwood. Ich war gespannt, ob er zum Beichten zu mir in das Krankenhaus kommen würde, oder ob er vielleicht doch jemand anderen bitten würde, seine Beichte zu hören. Er verschonte mich mit seiner Beichte. Ich rechnete ihm das hoch an.

Solche Überlegungen waren oftmals durch heftige Fieberanfälle durchkreuzt. Plötzlich stieg eine ungeheuere Hitze in mir auf und verwandelte mich in einen lebendigen Ofen. Schweißtropfen bildeten sich auf der Stirn und im Gesicht. Der Schlafanzug klebte am Leib und bald darauf waren auch die Leintücher naß. Vor meinen Augen begannen die Gegenstände im Zimmer zu verschwimmen. Ein Gefühl unvorstellbarer Gleichgültigkeit nahm mich in seinen Besitz. Mir war alles recht, komme, was wolle.

In einem dieser Zustände sah ich Mrs. Mchlanga und mich selber. Wir waren beide im Dienst, jeder auf seine Weise. Die Zauberin widmete sich ihren Kunden, einem nach dem anderen in ihrem Haus. Ich saß im Eck in der überfüllten Buschfeldkirche in Dennilton und hörte die Beichte der Eingeborenen. Dies geschah, während die Gemeinde ihre Lieder sangen. In gewohnter Weise kamen sie einzeln nach vorne und knieten vor mir nieder. Dann machten sie das Kreuzzeichen und begannen: „Ndade, segne mich, denn ich habe gesündigt." Nachdem ich dieser Bitte nachgekommen war, bekannten sie ihre Sünden. „Ich habe geflucht. Ich habe die täglichen Gebete ausgelassen. Ich bin am Sonntag nicht in die Kirche gekommen. Ich habe den Eltern und den Alten nicht gehorcht. Ich habe gestritten. Ich habe jemanden böse Namen gegeben. Ich habe andere geschlagen. Ich habe Unkeusches getan. Ich habe es gerne getan. Ich habe gestohlen. Ich habe gelogen." Kurz und gut, sie beichteten alle, wie sie es gelernt hatten. Sie benützten den Beichtspiegel aus ihrem Eingeborenen-Gebetbuch, dem „Dithapelo za ba Kriste." Sie machten alles richtig, und doch stimmte etwas nicht. Ich fühlte es ganz genau. Dieses Gefühl verstärkte sich und wurde zur Gewißheit in mir, je länger ich ihre Beichten zu hören hatte in jenem Fiebertraum.

Alarmiert, wie ich nun einmal war, ließ ich mir nichts entgehen. So bemerkte ich, wie die Beichtenden verschämt und reumütig ihre Köpfe senkten, wenn sie ihre Sünden heruntersagten. Nur beim sechsten Gebot war es anders. Sie hoben ihre Häupter und schauten mir voll in das Gesicht. Dann sagten sie: „Ich habe Unkeusches getan." Daraufhin zogen sie ihre Köpfe wieder ein und bekannten ihre übrigen Sünden.

Das war es! Diese Eingeborenen beichteten alle ihre Sünden. Nur die Sünde der Unkeuschheit beichteten sie nicht. Das berichteten sie nur. Mir war, als wären sie stolz auf ihre Sünden der Unkeuschheit. Ich, als ihr Priester, sollte das wissen, ob es mir nun passen würde oder nicht. Plötzlich war mir, als wüßte die ganze Gemeinde, daß ich ihre Gedanken erraten hatte. Alle erhoben sich und standen wie ein Mann vor mir. Und alle dachten an ihre Sünden im sechsten Gebot. Für sie war das kein Geheimnis. Dann erhoben sie ihre Stimmen und fingen feierlich an zu singen: „Wir haben Unkeusches getan, Halleluja, Halleluja!" Sie wiederholten es immer wieder, stampften dabei mit den Füßen auf den Boden und klatschten mit den Händen dazu. Wie gebannt saß ich auf meinem Stuhl in der Ecke und hörte zu. Es klang sehr feierlich, wie ein Gebet. Sie sangen aus tiefstem Herzen zu unserem gemeinsamen Gott. Nach und nach wuchs ihr Gesang und wurde zum Orkan. Seine Gewalt ließ die Kirche erbeben. Dann hob sich das Dach empor und flog davon. Die Mauern neigten sich nach außen. Sie konnten dem Gesang nicht Stand halten. Dann sah ich Menschen, nichts als Menschen, so weit das Auge reichte. Sie alle sangen: „Wir haben Unkeusches getan, Halleluja, Halleluja!"

Nach einer Zeit vernahm ich wieder die vertrauten Stimmen der Krankenschwestern. Der Traum war vorbei. Sie brachten frische Leintücher, einen anderen Schlafanzug und eine große Kanne Tee.

Am liebsten hätte ich diesen Fiebertraum vergessen. „Das ist alles nicht der Rede wert", dachte ich mir. Trotzdem mußte ich oft an diesen Traum denken. Dann überlegte ich mir, was er bedeuten könnte. Vielleicht ein Stück gesunder Abwehr gegen alle Leibfeindlichkeiten unseres Glaubens? Menschliche Geschlechtlichkeit ist dankbar zu bejahen und nicht bußfertig zu bereuen. Die Eingeborenen hatten mir das unmißverständlich klar gemacht. Seither schätzte ich diese Erkenntnis, als eine jener Wahrheiten, die nicht im Katechismus stehen.

 

Jesus nur ein Mensch?

Immer, wenn es mir wieder besser ging, durfte ich das Bett verlassen. Ich ging auf die breite und großzügig angelegte Terrasse des Krankenhauses. Vor mir lag Pretoria, eine herrliche Stadt. Gegenüber erhob sich das Regierungsgebäude aus der englischen Kolonialzeit. Davor lagen die riesigen Gartenanlagen mit ihrer Blumenpracht. Aus einem Meer von Jakarandabäumen zeigten sich da und dort Hochhäuser, als Vorboten einer neuen Zeit. Dazwischen eingebettet lag die Stadthalle mit ihrer unverkennbaren Kuppel. In der Ferne war deutlich ISKOR zu erkennen, mit ihren seltsamen Kühltürmen und den riesigen Werkshallen des weltbekannten Stahlwerkes. Dahinter sah man die Sonne untergehen, ein Anblick, an dem sich niemand sattsehen konnte. Dabei lernte ich auch meinen Zimmernachbarn kennen.

Er war sehr gesprächig, aber nicht aufdringlich, dazu einfühlend und von einer inneren Weite, die mich verblüffte. Ein Jude. Sein Vater hatte bis zur Kristallnacht ein Kaufhaus in Berlin. Er zeigte mir ein Foto. Das Geschäft war völlig ausgeplündert und die gesamte Einrichtung kurz und klein geschlagen. Ein Bild des Entsetzens! Dann drehte er das Bild um und reichte es mir wieder. Ich las: „Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen. Gepriesen sei sein heiliger Name!"

Ich hatte alles Mögliche erwartet, nur das nicht. Tief betroffen über diese Worte, sagte ich ihm, daß ich ein Deutscher wäre, ein Angehöriger jenes Volkes, das so viel Unheil über die Welt gebracht hatte. Ich mußte es ihm sagen, selbst auf die Gefahr hin, daß er mich von jener Stunde an gemieden hätte. Er aber nahm dies zur Kenntnis ohne Haß oder Abneigung. Vor dem sprichwörtlichen „Äug' um Äug', Zahn um Zahn", war nichts zu spüren. Mir war, als hätte uns dieses Wissen enger verbunden. „Ich hoffe, wir sehen und bald wieder", sagte er. Dann folgte er dem Ruf einer Krankenschwester und kehrte in sein Zimmer zurück.

Von jener Stunde an besuchten wir uns gegenseitig, so oft es ging. Wir sprachen über viele Dinge. Am liebsten aber unterhielten wir uns über den Glauben. Dabei prägte er einige Sätze, die ich nie mehr vergessen konnte.

„Die Christen werden sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß auch Jesus nur ein Mensch war." Er setzte bedächtig hinzu: „Nur wenn sie Jesus wieder Mensch sein lassen, wird das Christentum überleben können. An der Gottheit Christi wird das Christentum untergehen."

Ich war tief betroffen und dachte mir: „Was kann man von einem Juden schon anderes erwarten!" Dann fragte ich ihn, wie er das meinte. „Jesus von Nazaret wurde von seinen Anhängern als Sohn Gottes verkündet. Warum auch nicht?" sagte er verständnisvoll. „Viele große Persönlichkeiten der Geschichte wurden mit dem Titel ,Sohn Gottes' geehrt. Vielleicht ist Jesus der Letzte, dem dieser Titel zuteil wurde."

Die Schwester brachte das Abendessen und wünschte guten Appetit. Ich rührte aber nichts an. Mir war der Appetit vergangen. In Gedanken fragte ich mich: „Jesus auch nur ein Mensch, wie jeder andere?" Die Schwester fragte: „Was ist los mit Ihnen?" Ich antwortete: „Ich habe keinen Hunger, Schwester." Sie sah mich prüfend an. „Wirklich Schwester, ich bringe nichts hinunter. Sie dürfen das Tablett wieder mitnehmen." Sie warf mir einen kritischen Blick zu, griff nach dem Tablett mit meinem Abendessen und trug es wieder in die Küche zurück. Ich lag im Bett und ließ mir die letzten Gespräche durch den Kopf gehen.

„Seltsam", dachte ich. „Ein durch und durch gläubiger Jude macht sich Gedanken über die Zukunft des christlichen Glaubens in der Welt." Was mich besonders faszinierte, war die Selbstverständlichkeit, mit der er alle Weltreligionen zusammen als Offenbarung Gottes für die Menschheit betrachtete. Als gläubiger Jude war er offen für alle übrigen Religionen in der Welt. Für ihn gehörten alle Religionen in der Welt zusammen wie die verschiedenen Wohnungen in diesem Haus. Bei allen ging er ein und aus. Er war beliebt bei den Erleuchteten in der Wohnung Buddhas. Ebenso verstand er sich mit den Söhnen Allahs. Auch ich schätzte ihn als katholischer Missionar und denke gerne an ihn zurück.

Später, als die abendliche Besuchszeit längst vorbei war und die Ruhe der Nacht im Krankenhaus eingekehrt war, ging ich wieder auf die Terrasse vor meinem Krankenzimmer. Der Mond tauchte Häuser und Hügel in mattes Licht. Das Kreuz des Südens stand klar am Himmel. Ich lehnte an der Terrassenbrüstung und gab mich den anstürmenden Gedanken hin.

„Wir Christen müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß auch Jesus nur ein Mensch war." Die Vögel würden es längst von den Dächern pfeifen, wenn die Theologen wirklich frei wären, das zu sagen. Jede Einrichtung hat schließlich ihre Aufsichtsbehörde, wie der menschliche Organismus einen Selbsterhaltungstrieb oder wie ein Staatsgebilde seine Sicherheitskräfte.

Sie wachen darüber, daß alles schön brav beim Alten bleibt. In der Kirche ist es das Lehramt. Es ist dies die eigentliche Aufsichtsbehörde der Theologen. Und wehe, wenn jemand von dieser Behörde beanstandet wird. Er muß sofort seinen „Irrtum" eingestehen oder in das Gras beißen. Kompromisse gibt es nicht. Unter solchen Umständen setzen sich neue Erkenntnisse nur sehr schwer durch, meistens erst nach hunderten von Jahren. Das gilt auch für die Kirchen.

„Wenn Jesus ein Mensch gewesen wäre", sagte ich mir, „dann wäre er auch nicht von den Toten auferstanden." Das ganze Glaubensbekenntnis müßte auf einen einzigen Satz zusammengestrichen werden: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen. Amen." Unsere heilige, katholische Kirche, ja das ganze Christentum, wäre reines Menschenwerk. Mich fröstelte bei diesem Gedanken.

Dabei ist dieser Gedanke keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Er ist durchaus naheliegend. Wir sträuben uns nur vor diesem Gedanken, aus Angst vor den schier unvorstellbaren Konsequenzen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie schnell die tollsten Gerüchte entstehen können. Je bekannter ein Mensch ist, desto eher kann er einem Gerücht zum Opfer fallen. Das geht in Windeseile. Jeder, der davon hört, trägt sofort seinen Teil dazu bei. Es ist wie mit einem Feuer, das ganz von selber erlöschen würde, wenn es nicht ständig mit dem Öl des persönlichen Fürwahrhaltens vergrößert würde. Warum sollte das im Falle Jesu anders gewesen sein? Die Berichte über die leibhaftige Auferstehung Jesu vom Tode tragen jedenfalls typische Merkmale von Gerüchten an sich.

Was hatten die Gespräche auf der Terrasse des Krankenhauses nicht alles ins Rollen gebracht! Mit Macht suchte ich mich dagegen zu wehren. Ich sagte mir: „Die heiligen Evangelien sind nicht irgendein Bericht, sondern göttliche Offenbarung und Grundlage unseres Glaubens. Obendrein sind die Apostel und viele andere dafür in den Tod gegangen. Wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden wäre, dann wäre gewiß kein Mensch für ihn gestorben."

Ich klammerte mich an diesen Gedanken wie ein Ertrinkender. Zugleich wehrte ich mich gegen jeden anderen Gedanken. Dann aber kamen mir neue Bedenken: „Wenn ich von vornherein keinen anderen Gedanken mehr aufkommen lassen will, bin ich engstirnig, eingefahren, unzugänglich und verschlossen." Gerade das wollte ich mir selber nicht nachsagen müssen. So fragte ich mich: „Habe ich vielleicht Angst vor diesen unangenehmen Gedanken?" Ich wandte und drehte mich, wie ein Wurm an der Angel. Dann aber blieb mir keine andere Wahl, ich mußte es mir eingestehen. Ich hatte Angst! Angst vor diesen unguten Gedanken. Es war, als postierten sie sich wie ein feindliches Heer. Schritt für Schritt kamen sie näher. Ich fühlte mich diesen Gedanken wehrlos und erbarmungslos preisgegeben.

„Den Verkündern der Auferstehung ging es letzten Endes nur um die Errichtung der eigenen Macht." Ich ließ diesen Gedanken auf mich wirken. Dann war ich wenigstens für einen Augenblick vom Gegenteil überzeugt und sagte mir: „Das ist eine böswillige Unterstellung." Dann aber formte sich bereits der nächste feindliche Gedanke in mir: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!"

Wahrhaftig, entsetzliche Früchte, die das Christentum gerne verharmlosen möchte. Da ist die in der Geschichte des Christentums immer wieder aufflackernde Judenverfolgung. Eine andere böse Frucht sind die Hexenverfolgungen, denen dreißig Millionen Menschen jeden Alters und Geschlechtes in einem grausamen Tod zum Opfer fielen. Eine andere schlimme Frucht sind die Religionskriege, während derer man sich zur Ehre Gottes gegenseitig die Köpfe einschlug. Vielleicht muß auch die Entstehung des gottlosen Kommunismus als eine Frucht des Christentums gesehen werden. Gewiß aber gehört die Entstehung des Kirchenstaates und die damit verbundenen Kämpfe der Päpste über Jahrhunderte hinweg zu jenen Früchten, an denen die Qualität des Baumes erkannt werden kann. Das waren wahrhaftig kirchenfeindliche Gedanken, die mich, den katholischen Priester und Missionar, stark bedrängten. Nicht genug damit!

„Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen" (Mk 13, 30). Diese Worte handeln vom Kommen Jesu. Wir müssen uns fragen: „Wo ist er denn geblieben?" Die Gläubigen der ersten Stunde verkauften alles, was sie hatten. Sie waren felsenfest davon überzeugt, daß Jesus zu ihrer Lebzeit kommen würde. Den Verheirateten wurde geraten, so zu leben, als wären sie nicht verheiratet. Die Unverheirateten wurden ermahnt, besser ledig zu bleiben. Das Gerede von der bevorstehenden Wiederkunft Jesu war doch ein glatter Reinfall.

Das Christentum ist ein Reinfall auf der ganzen Linie. In jeder heiligen Messe beten wir: „Dieses Opfer bringe der ganzen Welt Friede und Heil." Seit fast zweitausend Jahren wird dieses Opfer gefeiert, aber von Frieden keine Spur. Ich fühlte mich geschlagen und besiegt. Eine tiefe Traurigkeit überkam mich. Ich wollte glauben, daß Jesus der Sohn Gottes ist, daß er von den Toten auferstanden wäre, und konnte es nicht. „Herr, hilf meinem Unglauben!" (Mk 9,24), stammelte ich in die Nacht hinein.

In Cullinan bereiteten mir die Schwarzen einen herzlichen Empfang. Sie waren dankbar, daß ich auch im Krankenhaus an sie gedacht hatte. So konnte die tägliche Kinderspeisung ohne Unterbrechung auch während meiner Abwesenheit durchgeführt werden.

 

Der unermüdliche Ordensgründer

Das war der Spitzname für einen kanadischen Oblatenpater. Er hatte nichts anderes im Sinn, als unter der Negerjugend eine religiöse Ordensgemeinschaft zu gründen. Seine Versuche gingen aber jedesmal schief.

Meistens verließen ihn die jungen Leute, wenn sie in ihrer schulischen Laufbahn die mittlere Reife erreicht hatten, spätestens nach dem Abitur. Bei den Mädchen war eine erkennbare Schwangerschaft ein zusätzlicher Grund zum Ausscheiden.

Der Pater hatte es nicht leicht. Von seinen Vorgesetzten wurden ihm laufend die bittersten Vorwürfe gemacht. Der Aufsichtspflicht würde er nicht genügend nachkommen. Die Verfehlungen der Jugendlichen würden viel zu milde geahndet. Er müßte endlich etwas mehr Härte zeigen. Obendrein wäre es grundverkehrt, jeden jungen Menschen wahllos in sein Haus aufzunehmen. Eine sorgfältige Auswahl wäre unerläßlich. Im Grunde würde er sich nur schamlos ausnützen lassen. Die jungen Leute hätten das schönste Leben auf seine Kosten. Statt Gehorsam, Armut und Keuschheit gäbe es das glatte Gegenteil. So ging es meistens einige Zeit. Dann wurde gewöhnlich die Schließung seines Hauses angeordnet. Für jenen Oblatenpater war dies jedesmal ein harter Schlag. Er ließ sich aber nicht entmutigen, sondern suchte jedesmal wieder eine neue Bleibe.

Einmal aber schien es ganz aus zu sein. In seiner Not kam er zu mir. Die Außenstationen im Nordosten der Erzdiözese waren seine letzte Hoffnung. Ich war ihm gut gesonnen. Obendrein war ich voll Bewunderung für ihn. Die vielen vergeblichen Versuche und enttäuschenden Rückschläge hätten mich längst mürbe gemacht und zum Aufgeben gezwungen. Seinen Umgang mit der Jugend fand ich vorbildlich und nachahmenswert. Die Buben und Mädchen erlebten in diesem Geistlichen einen echten Schimmer von der grenzenlosen Güte Gottes. Das war entscheidend und unendlich viel mehr, als alle Kritik seiner Vorgesetzten zusammen. Auch fand ich, daß das Geld an diesen jungen Leuten nicht hinausgeschmissen, sondern bestens angelegt war.

Ich konnte es ihnen nicht verübeln, daß aus ihnen keine Ordensleute wurden. Es war auch verständlich, daß sie mit dem himmlischen Bräutigam nicht ganz zufrieden waren. Sie sehnten sich im Laufe der Zeit nach einem Partner mit Fleisch und Blut. Der Oblatenpater ließ sie gehen mit derselben Freundlichkeit, mit der er sie vor Jahren aufgenommen hatte. Auch das war vorbildlich und nicht überall so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Diesem Pater zeigte ich mit Freude meine Außenstationen. Dann kamen wir überein, daß die Mädchen nach Dennilton kommen würden und die Buben in die Nähe von Groblersdal. Der Pater war überglücklich. Er hatte wieder einen Platz für seine Zöglinge gefunden. Ein neuer Anfang konnte wieder gemacht werden. Die Enttäuschung über die verordnete Schließung seiner derzeitigen Anstalt war überwunden. Damit hatte auch ich wieder eine neue Aufgabe. Mein Leben in Cullinan wurde dadurch noch etwas abwechslungsreicher.

An den beiden Orten begannen wir unverzüglich mit einer unermüdlichen Bautätigkeit. Wie unkompliziert das ging! Ohne Behörden, ohne Stempel und Unterschriften. Wir genehmigten unsere Pläne höchst persönlich. Trotzdem hatten auch wir unsere Schwierigkeiten. Diese wurden alle überwunden. Zu Beginn des neuen Schuljahres konnte jener Oblatenpater seine Anstalten zum xten Mal neu eröffnen. Seine Ordensorberen waren platt und der gute Pater fast außer sich vor Freude und Dankbarkeit.

Ein Freundeskreis in Kanada unterstützte ihn mit dem nötigen Geld. Mit diesen Leuten hielt er ständigen Kontakt. Die geringste Kleinigkeit wurde ausführlich berichtet. Er tat dies im Schein einer Petroleumlampe in den ruhigen Stunden der Nacht. Seine Wohltäter ließen ihn deshalb auch niemals im Stich.

Mir erschien dieser Mann höchst interessant. Ich wollte von ihm wissen, warum er mit solch unglaublicher Entschiedenheit die Negerjugend für das Leben im Kloster gewinnen wollte. Er meinte, die Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit würden einen Menschen mit Sicherheit zum Gipfel der Vollkommenheit führen. Dort käme es zur innigsten Vereinigung mit Gott. Das war seine tiefste Überzeugung. Ich erfuhr auch das: Wer Jesus ganz und ungeteilt nachfolgen wollte, der könnte das nur im selbstlosen Opfer seines Lebens. In den drei Gelübden würde ganz von selbst die notwendige Sühne für die Sünden der ganzen Menschheit geleistet. Es gäbe nichts Höheres, als dieses Opferleben für Gott. Auch könnte keiner der Menschheit besser dienen, als mit diesem freiwilligen Leben nach den heiligen Gelübden. Wo diese drei Gelübde verwirklicht würden, da wäre Jesus in ganz besonderer Weise gegenwärtig in der Welt. Das Ordensleben würde somit zu einer Verlängerung des Lebens Jesu auf Erden. Was könnte es noch Größeres geben?, fragte er mich immer wieder.

Es fiel mir schwer, seinen Gedanken zu folgen. Ich wollte wissen, ob es wirklich Gott wäre, der zu einem solchen Opferleben ruft. „Ich sehe nur Menschen, wie Sie, damit beschäftigt, andere dafür zu gewinnen", sagte ich.

„Und was lassen Sie sich nicht alles einfallen! Kein Opfer ist Ihnen zu groß". Er winkte ab, als ich dies sagte. „Was immer Sie tun", fuhr ich fort, „es ist doch immer Ihre eigene Idee, Ihr ureigenstes Werk. Gott selber sehe ich nirgends am Werk. Ich sehe nur Sie." Er sah mich verwundert an. „Ja, nur Sie kann ich sehen. Von Gott keine Spur." Nach einer Weile setzte ich hinzu: „Gott ruft nicht. Es ist ihm völlig einerlei, ob wir nach Gelübden leben oder nicht. Wenn Gott überhaupt etwas will, dann doch nur, daß wir unser eigenes Leben so gut wie möglich selber gestalten. Wir sagen immer: ,Gott! Gott! nichts als Gott' und meinen uns selber. Das ist doch die Wahrheit." Er machte ein betroffenes Gesicht. Dann sagte er: „Auch die Bischöfe in Rom machen sich ihre Gedanken über den Ordensstand." Dann setzte er hinzu: „Was Sie da sagen, würden sie mit Sicherheit nicht akzeptieren." Er lachte dabei. „Sicherlich nicht!", sagte ich. „Es muß ja alles in das Konzept passen. Und was nicht hineinpaßt, darf auch nicht erwogen werden."

Der Oblatenpater erwiderte nichts. Er ließ das Gesagte auf sich wirken. Nach einer Weile wollte er wissen, was ich unter diesem Konzept verstehen würde.

„Daß Jesus schon seit aller Ewigkeit her als wesensgleicher Sohn Gottes gelebt hätte, daß er am dritten Tag von den Toten auferstanden wäre, und daß er am Jüngsten Tag kommen würde, zu richten die Lebenden und die Toten. Das ist das Konzept, in das alles passen muß", war meine Antwort.

„Das ist doch auch Ihr Konzept?" fragte er mich. Ich lachte und überließ ihm die Antwort selber. „Es gibt auch in Rom so manche Gedanken, die nicht in das alte Konzept passen. „Ich war gespannt." Viele meinen, die Reform des Ordenslebens bestünde nur in der Rückkehr zum Altbekannten, zu den Zuständen des Anfangs.

Rückkehr heißt auch zurück zu den unbekannten Seiten des Ursprünglichen. Der Anfang ist Jesus. Und Jesus ist unerschöpflich." Für mich war das unverständlich. Der Pater sah es mir an. Dann sagte er: „Unser Pater General hat uns ermahnt, das Alte ganz neu zu sehen. Ja, das Alte mit neuen Augen anschauen! Das ist es, was er von uns erwartet. Er selber kann noch nicht sagen, was dabei herauskommt. Wir sollten uns nicht abschrecken lassen, sondern es immer wieder versuchen!" Das hatte ich nicht erwartet. „Das Alte mit neuen Augen sehen", wiederholte ich für mich. „Versuchen Sie es", sagte er beim Abschied. „Vielleicht fällt Ihnen was ein." Ich winkte ihm noch einmal zu und fuhr weg.

 

Die Bewerbung für eine Stadtpfarrei

Die Stadtpfarrei MARIA REGINA war frei geworden. Eine Pfarrei der Weißen. Angehörige anderer Rassen hatten in dieser priviligierten Pfarrei nichts verloren. Die weißen Kapläne von Pretoria richteten nun ihre Bewerbungen an den Erzbischof. Sie waren nicht wenig überrascht, als ich ihnen eröffnete, daß auch ich mich um diese Pfarrei beworben hatte.

Ich wäre doch für die Schwarzen eigens ins Land gekommen und hätte bei den Weißen nichts verloren. Rassentrennung war für sie selbstverständlich. Für mich dagegen war es ein unerträgliches Ärgernis. Deshalb setzte ich alles daran, dieses Unrecht wenigstens in der katholischen Kirche zu überwinden. Mir ging es wahrhaftig nicht um diese wohlhabende Stadtpfarrei. Mir ging es um viel mehr! Ich wollte die Weichen richtigstellen für die Seelsorge in diesem Land der APARTHEID.

Ich gehörte nun bereits über zwölf Jahre zum Klerus dieser Erzdiözese. An dieser Tatsache führte kein Weg vorbei. Der Erzbischof konnte mir diese Pfarrei nicht versagen. Er mußte sie mir geben, ob er nun wollte oder nicht. Die weißen im Land geborenen „Mitbrüder" betrachteten mich als feindlichen Eindringling in ihre rechtmäßigen Gefilde. Sie machten kein Hehl daraus und ließen es mir spüren, wo sie nur konnten. Ebenso freimütig forderte ich: „Wer Stadtpfarrer werden will, soll zuerst einige Jahre bei den Schwarzen gelebt und gearbeitet haben. Erst dann hat er ein Recht, sich für eine Stadtpfarrei zu bewerben."

Drei Tage vor Weihnachten erhielt ich die Ernennung zum Stadtpfarrer von Maria Regina. Das war im Jahre 1966. Von dieser Zeit an gehörte ich als ehemaliger KAFFERPRIESTER zu diesem erlauchten Kreis.

 


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