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Ludwig Feuerbach Das Wesen des Christentums Anhang Teil 1: Erläuterungen, Bemerkungen, Belegstellen |
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Das Bewußtsein des unendlichen Wesens ist nichts andres als das Bewußtsein des Menschen von der Unendlichkeit seines Wesens, oder: in dem unendlichen Wesen, dem Gegenstande der Religion, ist dem Menschen nur sein eignes unendliches Wesen Gegenstand. »Gott«, sagt der hl. Thomas Aquino, »ist kein Körper. Jeder Körper ist endlich. Über jeden endlichen Körper können wir aber in der Vernunft und Einbildungskraft hinausgehen. Wenn also Gott ein Körper ist, so können unsre Vernunft und Einbildungskraft etwas über Gott denken: was sich widerspricht.« (Summa contra gentiles, lib. I. c. 20.) »Die Himmel und Engel haben endliche Kräfte, sie können also nicht die unendliche Fassungskraft unsres Geistes ausfüllen, non poterunt mentis nostrae captum implere, qui ad recipiendum immensus est.« (J. L. Vives, de Verit. Fidei Christ. lib. I. de fine hom.) »Die Seligkeit ist unser letztes, unser einziges Verlangen. Aber dieses Verlangen kann kein irdisches Gut stillen, denn alles Irdische ist unter dem menschlichen Geiste. Gott allein ist es, der des Menschen Verlangen stillen, den Menschen selig machen kann, denn der menschliche Geist erkennt durch seinen Verstand und verlangt durch seinen Willen das allgemeine (d. i. unendliche) Gut, aber nur in Gott wird das universelle Gut gefunden.« (Thomas Aq., de Princ. Regim. lib. I. c. 8.) »Der Gegenstand des menschlichen Verstandes ist das allgemeine Wahre (universale verum, d. h. das Wahre überhaupt oder das nicht auf eine bestimmte Art eingeschränkte Wahre); der Gegenstand des menschlichen Willens oder Verlangens aber das allgemeine Gut, welches nicht in irgendeinem erschaffnen (d. h. endlichen) Wesen, sondern nur in Gott sich findet. Gott allein kann also den menschlichen Willen ausfüllen.« (Ders., Summa Theol. sac., Prima Secundae, Qu. 11. 8.)
Wenn nun aber nichts Körperliches, nichts Irdisches, d. h. nichts Bestimmtes, nichts Endliches, wenn nur das unendliche Wesen der dem menschlichen Geiste entsprechende, angemessene Gegenstand ist, nur es allein den menschlichen Willen und Verstand ausfüllen kann, so ist doch offenbar in dem unendlichen Wesen dem Menschen nur die Unendlichkeit des eignen Wesens Gegenstand, das unendliche Wesen nichts andres, als ein Ausdruck, eine Erscheinung, eine Offenbarung oder Vergegenständlichung von dem eignen unbeschränkten Wesen des Menschen. »Ein sterbliches Wesen weiß nichts von einem unsterblichen Wesen« (Sallustius bei H. Grotius, de Verit. Relig. Christ. lib. I. § 24. Not. 1), d. h. das, dem unsterbliches Wesen Gegenstand ist, ist selbst unsterbliches Wesen. In dem unendlichen Wesen ist mir nur als Subjekt, als Wesen Gegenstand, was ein Prädikat, eine Eigenschaft von mir selbst ist. Das unendliche Wesen ist nichts als die personifizierte Unendlichkeit des Menschen, Gott nichts als die personifizierte, als ein Wesen vorgestellte Gottheit oder Göttlichkeit des Menschen.
»Die erkennenden Wesen unterscheiden sich darin von den
nicht erkennenden, daß diese nur ihre eigne Form haben, jene aber auch die
Form eines andren Wesens, denn die Form oder Gestalt des Erkannten ist in
dem Erkennenden. Hieraus erhellt, daß die Natur des nicht erkennenden
Wesens mehr eingeschränkt und eingeengt ist, die Natur des erkennenden
Wesens aber eine größere Ausdehnung und Weite hat. Daher der Philosoph
(Aristoteles) sagt: Die Seele ist gewissermaßen alles. Die Einschränkung
einer Form (eines Wesens) kommt aber von der Natur, der Materie her. je
mehr daher etwas immateriell ist, desto mehr nähert es sich der
Unendlichkeit.« (Thomas Aq., Summa, P. I, Qu. 14. Art. 2.) »Alles, was
eine unendliche Kraft (virtutem infinitam) hat, hat ein unendliches Wesen;
aber der Geist oder Verstand hat eine unendliche Kraft, denn er erfaßt das
Allgemeine, welches sich auf Unendliches erstrecken kann. Und dies, daß
die Verstandeskraft sich gewissermaßen auf Unendliches erstrecken kann,
kommt daher, daß sie keine materielle Kraft oder Form ist, denn die
Verstandeskraft ist keine Tätigkeit irgendeines körperlichen Organs.« (Ebend.,
Qu. 7. Art. 2.) »Nicht unser Fleisch ist nach dem Bilde Gottes, sondern
unsre Seele, welche frei ist und überallhin ungebunden schweift, welche
.an die entferntesten Orte uns versetzt, die Abwesenden sieht, in einem Nu
das Universum überschaut.« (Ambrosius, Hexaem. VI. c. 8.)
»Unumschriebenheit, Unbeschränktheit im wahren und eigentlichen Sinne
kommt nur Gott zu, aber ein Bild von ihr ist der menschliche Geist,
welcher im Augenblick Morgen und Abend, Norden und Süden, Himmel und Erde
nicht in der Tat, sondern in der Vorstellung allein durchmustert.« (Theodoret.,
Quaest. in Genes., Inter.20.) »Dürfen wir die Wahrheit unerschrocken
aussprechen, so ist in der Tat der Mensch über den Göttern selbst, oder
sie haben wenigstens gänzlich gleiche Kräfte. Wenn nämlich ein himmlischer
Gott auf die Erde herabsteigt, so verläßt er die Grenze des Himmels. Der
Mensch aber erhebt sich in den Himmel und mißt ihn aus und sieht die
Beschaffenheiten seiner Höhen und Tiefen und nimmt alles andre genau wahr,
und doch, was das Wichtigste ist, verläßt er nicht die Erde, indem er sich
in die Höhe schwingt. So sehr kann sich der Mensch ausdehnen. Daher können
wir kühnlich sagen, daß der irdische Mensch ein sterblicher Gott, der
himmlische Gott aber ein unsterblicher Mensch ist.« (Hermes Trism.,
Poemander, c. 10; 24; 25.) »Das Vermögen zu erkennen und handeln ist bei
dem Menschen nicht wie bei den übrigen Tieren beschränkt, sondern
unerschöpflich und unendlich und daher Gott ähnlich.« (Hugo Gr., a. a. O.)
Die Unendlichkeit des menschlichen Wesens, die wir zuerst nur indirekt,
durch Folgerung erkannten, haben wir in diesen Sätzen, die sich übrigens
zahllos vermehren ließen; direkt, unumwunden ausgesprochen. Die
psychologische Unendlichkeit ist der Grund der theologischen oder
metaphysischen Unendlichkeit. Die Unermeßlichkeit, die nicht auf Ort und
Zeit eingeschränkte Existenz, die Allgegenwart Gottes ist die
versinnlichte, vergegenständlichte Allgegenwart und Unermeßlichkeit der
menschlichen Vorstellungs- und Einbildungskraft. »Gott fehlt keine Vollkommenheit, welche in irgendeiner Wesensgattung gefunden wird. Unter den Vollkommenheiten der Wesen ist aber die vorzüglichste die Intelligenz, der Verstand, denn dadurch ist ein Wesen gewissermaßen alles, indem es die Vollkommenheiten aller Dinge in sich faßt: Gott ist also ein erkennendes, denkendes Wesen.« (Thomas Aq., Summa c. gent. lib. I. c. 44. 5.) »Weil die Alten jede abgesonderte Substanz Gott nannten, so folgte daraus, daß unsre Seele, d. i. der Verstand, durch den wir erkennen, göttlicher Natur sei, daher auch einige Christen unsrer Zeit, welche einen (sc. vom Menschen) abgesonderten tätigen Verstand in uns annehmen, ausdrücklich sagten, daß der tätige Verstand Gott ist. Diese Meinung konnte aber auch aus der Ähnlichkeit unsrer Seele mit Gott entspringen, denn da das Erkennen vor allem eine charakteristische Eigenschaft Gottes ist und keinem niederen Wesen zukommt außer dem Menschen wegen seiner Seele, so konnte es scheinen, daß die Seele zur göttlichen Natur gehöre.« (Ders. das., lib. II. c. 85.) »Der Weise ist mit Gott durch eine gewisse Verwandtschaft verbunden, weil er sich mit der Intelligenz beschäftigt, welche ist das Wesen Gottes selbst.« (Synesius in Petavii Theol. dog. T. I. lib. IV. c. 1 § 1.) »Der Verstand ist der Zusammenhang oder das Band zwischen uns und Gott.« (R. Moses ebend., T. IV. lib. IV. c. 13 § 8.) »Eine weit größere Einheit findet zwischen Gott und dem Menschen statt, als zwischen der Seele und dem Fleisch; denn eine größere Einheit ist zwischen geistigen Naturen, als zwischen einer geistigen und körperlichen Natur. Gott aber ist eine geistige Natur, und der Mensch ist ebenfalls eine geistige Natur.« (Hugo Victor ebend., § 14.) »Unter allen Kreaturen kann sich allein der vernünftige Geist zur Erforschung Gottes erheben, denn er nähert sich ihm am meisten durch die Ähnlichkeit seines Wesens. Je mehr sich daher der vernünftige Geist der Selbsterkenntnis befleißigt, desto tüchtiger wird er zur Erkenntnis Gottes.« (Anselmus, Monolog., c. 66.) »Der menschliche Geist ist mit nichts zu vergleichen als mit Gott selbst.« (Cicero, Quaest. Tusc.) »Gott selbst kann nicht anders gedacht werden, denn als freier und ungebundner, von aller sterblichen Zusammensetzung abgesonderter Geist.« (Ders., a. a. O.) Die Alten nannten überhaupt geradezu die Seele, den Geist, die Vernunft Gott, während die Christen direkt oder mit Worten die Nichtverschiedenheit Gottes vom menschlichen Geiste leugnen, indirekt aber oder in der Tat behaupten. Die Christen warfen daher den Heiden vor, daß sie die Vernunft vergöttert hätten; aber die Christen tun dasselbe. Der Unterschied ist nur dieser, daß die Christen mit dem Vernunft- oder Abstraktionsvermögen des Menschen zugleich das Gegenteil desselben, das Gefühlswesen, kurz, das ganze Wesen des Menschen vergötterten und dadurch - abgesehen von andren in dieser Schrift entwickelten Gründen den vom Menschen abgeschiednen Geist, welcher bei den Alten den unverkennbaren Charakter einer subjektiven, menschlichen Abstraktion hatte, zu einem, wenigstens ihrer Einbildung nach, selber fühlbaren, materiellen Wesen machten. »Das beschauliche Leben«, sagt vortrefflich Thomas Aq. (in seiner Exposit. in Cantica Cantic., Parisiis 1515, fol.8), »hat bei den Theologen (d. i. Christen) und den Philosophen (d. i. Heiden) nicht dieselbe Bedeutung. Die Philosophen setzen die Glückseligkeit, den Zweck der Beschauung in die Weisheit, die Ausübung der Denkkraft; aber die Theologen setzen ihn mehr in das Schmecken, als Denken, mehr in die Liebe und Süßigkeit, als in die Beschauung. Wenn wir daher die Sinne zur Bezeichnung dieses Unterschieds wählen wollen, so können wir sagen: das beschauliche Leben der Philosophen erquicke Augen und Ohren - denn unter allen Sinnen tragen diese am meisten zur Erkenntnis und Wissenschaft bei -, die geistliche Beschauung aber erquicke den Geschmack, den Geruch und das Gefühl.« Bemerkt muß übrigens noch werden, daß die Christen deswegen hauptsächlich auch Gott vom Geiste, von der Seele des Menschen unterscheiden, weil sie den Geist, die Seele mit dem individuellen, d. i. wirklichen, sinnlichen, leiblichen Wesen identifizieren, während die Alten die Vernunft, den Geist im Menschen selbst als ein abgesondertes Wesen, als ein Wesen für sich dachten. Wenn und wo daher die Christen leugnen, daß Gott der Geist oder die Seele des Menschen sei, so bedeutet der Geist den denkenden Menschen, die Seele den empfindenden, begehrlichen Menschen oder die mit dem Leibe verbundne, die leiblich, sinnlich bestimmte Seele. So sagt z. B. Augustin (contra Fortunatum): »Etwas andres ist Gott, etwas andres die Seele. Gott ist unverletzlich, unverderblich, undurchdringlich, unbefleckbar. Die Seele aber sündigt usw. Wenn also die Seele die Substanz Gottes ist, so irrt die Substanz Gottes, so wird die Substanz Gottes verdorben usw.« Und Thomas Aq. (S. c. Gent. lib. II. c. 25): »Gott ist ewig, die Seele aber war nicht vor ihrem Leibe. Gott ist unveränderlich, aber in der Seele Veränderung. Gott ist reine Tätigkeit, aber in der Seele ist Fähigkeit (Leiden) und Tätigkeit, also kann die Seele nicht etwas von der göttlichen Substanz sein.« Aber was ist diese Seele anders als der Mensch? Die Seele selbst ist ebenso unverderblich, undurchdringlich, unbefleckbar als Gott, denn sie ist nach den Christen selbst unteilbar, einfach, immateriell, unverwüstlich, unsterblich; kurz, alles, was sie der Seele in der Moral absprechen, das sprechen sie ihr in der Metaphysik zu. Die metaphysischen Bestimmungen, die Wesensbestimmungen der Gottheit und Seele sind dieselben. Dies zeigt sich besonders in der Unsterblichkeitslehre, wo sie, sei es nun ausdrücklich oder geistlich, die Bestimmungen der Gottheit der Seele zueignen. So sagt z. B. Grotius (de Verit. Rel. chr. lib. I. c.23): »Die Natur der Seele hängt von nichts ab; es gibt keinen Gegensatz der Seele«, d. h., sie ist das absolute, das unendliche Wesen; denn auch Gott, »die allgemeine Ursache, die universale Natur«, hat nichts zu ihrem Gegensatz, wie es ausdrücklich z. B. bei Thomas Aq. in seinem Kommentar zuin Dionysius heißt.
Um daher die Existenz Gottes, d. h. eines von der Seele
unterschiednen Wesens zu beweisen, leugnen die Christen die Existenz der
Seele als eines vom Leibe, vom Materiellen unterschiedenen Wesens,
identifizieren sie die Seele mit dem leibhaften Menschen; um aber die
Existenz der Unsterblichkeit zu beweisen, leugnen sie die Verschiedenheit
der Seele von der Gottheit, machen sie die Seele zu einem vom Leibe
unterschiednen und unabhängigen, göttlichen Wesen, gestehen sie also ein,
daß die Seele Gottes die Seele des Menschen ist, denn die Seele der
Theologie ist einzig die unsterbliche Seele. »Wegen des ewigen Lebens
allein sind wir eigentlich Christen.« Augustin (De Civ. Dei lib. VI. c.
9). »Man sagt nicht, der Mensch oder das Tier ist die Weiße, weil die Weiße nicht für sich einzeln existiert, sondern durch das existierende Subjekt vereinzelt oder individualisiert wird. Ebenso sagt man nicht, daß Sokrates oder der Mensch die Menschheit ist, aber die göttliche Wesenheit ist für sich einzeln existierend und in sich selbst individualisiert. (Divina essentia est per se singulariter existens et in se ipsa individuata.) Die göttliche Wesenheit wird daher zum Prädikat Gottes gemacht, so daß man sagt: Gott ist seine Wesenheit, d. h., wie es richtig der Kommentator Francisc. Ferrariensis zu dieser Stelle erklärt: Gott ist die Gottheit.« (Thomas Aq., S. c. Gent. lib. I. c. 21.) »Das abstrakte Sein kann nur eines sein, gleichwie die Weiße, wenn sie abstrakt existierte, nur eine wäre. Aber Gott ist selbst das abstrakte Sein (Deus est ipsum esse abstractum, d. h. das Sein als Sein, der Begriff des Seins, der aber als ein Seiendes zugleich gedacht wird), da er sein Sein ist. Es kann daher nur ein Gott sein.« (Ders. a. a. O., c. 42.) »Bei den aus Form und Materie zusammengesetzten Wesen unterscheiden sich notwendig die Natur oder Wesenheit und das Subjekt oder Individuum (suppositum), weil die Wesenheit oder Natur nur das in sich faßt, was in die Definition der Spezies oder Gattung fällt. So begreift die Menschheit das in sich, was in die Definition des Menschen fällt, denn dieser Mensch ist Mensch, und das bedeutet eben die Menschheit, das nämlich, wodurch der Mensch ist Mensch. Aber die individuelle Materie mit allen individualisierenden Akzidenzen geht nicht in die Definition der Gattung ein, denn in die Definition des Menschen kommt nicht dieses Fleisch und diese Knochen, die Weiße oder Schwärze oder sonst etwas dergleichen; diese Akzidenzen werden ausgeschlossen aus der Menschheit und nur eingeschlossen in dem, was Mensch (d. h. menschliches Individuum) ist, daher der Mensch etwas in sich hat, was die Menschheit nicht hat, und folglich ist der Mensch und die Menschheit nicht ganz dasselbe. Da aber, wo keine Zusammensetzung ist aus Form und Materie (d. h. aus Geist und Fleisch, Gattung und Individuum), wo die Individualisierung nicht durch die individuelle Materie, d. h. durch diese Materie geschieht, sondern die Formen durch und für sich selbst individualisiert sind, da sind notwendig die Formen selbst die bestehenden Subjekte oder Individuen, so daß in ihnen kein Unterschied ist zwischen Individuum und Wesen oder Gattung (non differt suppositum et natura). Da nun aber Gott nicht zusammengesetzt ist aus Materie und Form, so ist notwendig Gott seine Gottheit (d. h. die Gottheit), sein Leben (d. h. das Leben) und alle sonstigen Prädikate.« (Ders., Summ. Sacrae Theol., P. I. Qu. 3. Art. 3.) D. h. eben: Gott ist ein bloßes Prädikat, das aber als Subjekt, ein bloßer Gattungsbegriff, der aber als Einzelwesen vorgestellt, und darum, obgleich ein nur abstraktes Wesen, als wirkliches, existierendes Wesen gedacht wird. »Je weniger bestimmt daher, je allgemeiner und unbedingter ein Name ist, desto mehr eignet er sich für Gott. Unter allen Namen ist darum der geeignetste für Gott der Name: >Ich bin, der ich bin<, z. Mose 3, 14, der Name des Seins schlechtweg, denn er ist der universellste.« (Ders., Qu. 13. Art. 11.) » Je spezieller die Namen sind, desto mehr bestimmen sie eine der Kreatur zukommende Weise.« (Ders., Qu.33, Art. 1. Siehe hierüber auch Petavius, de Trinit. lib. V. c. 6 § 10.) »Wenn wir die Namen der Erzeugung und des Sohnes von den erschaffnen Dingen auf Gott übertragen, so sondern wir im Geiste alles Grobe (Materielle) und Vergängliche davon ab, wie z. B. die Teilung der Substanz, die Zeitordnung; nur dies eine behalten wir: die Gemeinschaft oder Mitteilung des Wesens und der Natur. Ebenso, wenn wir Gott das Wort nennen, so lassen wir weg, was in dem Begriffe dieses Wortes liegt, inwiefern es den Kreaturen zukommt, wie z. B. das Unselbständige und Flüchtige.« (Isidorus Pelusiota bei Petavius, de Trinit. lib. VII. c. 14 § 6.) Das heißt: der Sohn, wie er in Gott ist, der göttliche Sohn ist nichts andres als der Sohn in abstracto, der Begriff des Sohns; das Wort, wie es in Gott ist, das göttliche Wort ist nicht dieses oder jenes vom Menschen ausgesprochne, in der Luft verhallende, nicht ein deutsches oder griechisches, römisches oder hebräisches Wort, sondern das Wort an sich, das Wort überhaupt, der Gattungsbegriff des Wortes, welchem natürlich alle Bestimmungen der Gottheit: Un- und Übersinnlichkeit, Ewigkeit, Unwandelbarkeit, Einfachheit, zukommen. Ganz entsprechend dem Grundbegriff oder Grundwesen der Gottheit ist es daher, daß in der Trinität die inneren Eigenschaften der Gottheit als Personen, als Wesen individualisiert werden. Gott ist nichts andres als ein Inbegriff, eine Menge von Adjektiven, die als Substantive, von Prädikaten, von Abstraktionen, die als Subjekte, als Wesen vorgestellt werden. Mit demselben Rechte, mit dem der Geist, die Weisheit, die Vorsehung, die Güte, die Macht, kurz, allgemeine, vom Menschen und der Natur abgezogne Begriffe in Gott zu Wesen gemacht werden, mit demselben Rechte werden die abgezognen Eigenschaften der Vaterschaft, der Sohnschaft zu Personen verdichtet.
»Die heilige Schrift schreibt Gott Hände, Augen, Herz und andere Organe zu, um damit eine gewisse Wirksamkeit oder Tätigkeit Gottes auszudrücken, so aber, daß, obgleich alles Plumpe, Unvollkommne und Körperliche abgezogen wird, dennoch die eigentliche, wirkliche Tätigkeit dieser Organe ihm zugeschrieben wird. Denn Gott hört und sieht und will und denkt wirklich, ob er gleich die Körperteile nicht hat und gebraucht, denen diese Begriffe oder Tätigkeiten entsprechen. Ebenso sagt die Schrift, daß der Sohn aus der Gebärmutter vom Vater erzeugt sei, denn obgleich in Gott keine Gebärmutter, überhaupt nichts Körperliches ist, so ist doch in ihm wahre Erzeugung, wahre Geburt, die eben mit dem Worte Gebärmutter angezeigt wird.« Petavius (Ebend., lib. V. c. 7 § 4). In der Erkenntnis, daß Gott nichts andres ist als der als Gattungsbegriff personifizierte oder individualisierte Gattungsbegriff, haben wir den Schlüssel zu allen Geheimnissen der Theologie, die Erklärung aller ihrer Unerklärlichkeiten und Unbegreiflichkeiten, die Auflösung aller der verwirrenden Widersprüche und Schwierigkeiten, über die sich sonst die Theologen und Philosophen vergeblich den Kopf zerbrochen haben. Wir erkennen daraus, woher es kommt, daß man von Gott nur »en general und überhaupt reden kann«, bei allen speziellen Fragen aber, bei allen Fragen nach der Art und Weise die Antwort in der Theologie verneinend ausfällt, daher nämlich, daß bei dem Gattungsbegriff, wie übrigens schon früher bei dem Schöpfungsakt gezeigt wurde, alle speziellen und individuellen Bestimmungen wegfallen, Bestimmungen, die aber gleichwohl der Glaube oder die Theologie in Gott als an sich, nur nicht für unsre Erkenntnis vorhanden annimmt, weil sie diesen Gattungsbegriff als ein wirkliches, gegenständliches Wesen vorstellt.
Wir erkennen daraus, welches der wahre Sinn der Unendlichkeit, der Ursächlichkeit, der Erhabenheit, der Vollkommenheit, der ebensowohl positiven als negativen Natur Gottes ist. Gott ist in demselben Sinne das Wesen, von dem alles ebensowohl bejaht als verneint werden kann, in demselben Sinne alles und nichts, in welchem z. B. die Farbe alle Farben und keine, nämlich besondere und einzelne Farbe ist; in demselben Sinne unendlich, in welchem es die Gattung ist, welche nicht auf diesen Ort, diese Zeit, dieses Individuum, diese Art eingeschränkt ist, denn »die Allgemeinheiten, die Gattungen (Universalia) sind überall und immer« (Thomas Aq., Summ. Theol. P. I., Qu. 46. Art. 2); in demselben Sinne über den Menschen, in welchem die Farbe über den Farben ist, denn »die Menschheit ist über den Menschen« (ders. im Vorwort seiner Exposit. in Dionysii A. divina Nomina); in demselben Sinne das höchste. Wesen und als dieses der Grund und die Ursache aller Wesen, in welchem es überhaupt die Gattung ist, wenn sie im Unterschiede von den Individuen als ein selbständiges Wesen vorgestellt wird; in demselben Sinne das vollkommene Wesen, in welchem es den Individuen gegenüber die Gattung ist, denn die Farbe ist alle Farben, während die wirkliche, individuelle Farbe immer nur eine mit Ausschluß aller andren ist, die Gattung daher der Inbegriff aller Vollkommenheiten, welche an die Individuen verteilt sind. »Gott ist das für sich bestehende Sein selbst (ipsum esse per se subsistens). Darum begreift er alle Vollkommenheiten des Seins in sich, denn es ist offenbar, daß, wenn etwas Warmes nicht alle Vollkommenheit der Wärme in sich hat, dies nur darin seinen Grund hat, daß die Wärme nicht auf vollständige Weise partizipiert (d. i. verwirklicht wird), daß aber, wenn die Wärme für sich selbst existierte, ihr auch nichts von der Vollkommenheit der Wärme fehlen könnte.« (Thomas Aq. a. a. O., Qu.4. Art. 2.) Wir erkennen hieraus, wie töricht es ist, wenn man sich Gott in einem Individuum dargestellt oder verwirklicht vorstellt, so töricht, als wenn man sich die Farbe, ein von den einzelnen und besondern Farben abgezognes Gedankenwesen, in einer Farbe verwirklicht vorstellen wollte; wie richtig, wie notwendig dagegen es ist, wenn man in der Auflösung und Zurückführung des göttlichen Wesens auf die wirklichen Wesen, von welchen es abstrahiert ist, dasselbe sich in der Allheit der Individuen verwirklicht denkt, denn Gott wird ja ausdrücklich als das Wesen vorgestellt und bestimmt, welches alle Vollkommenheiten, alle Tugenden, die in den wirklichen Wesen zerstreut und verteilt sind, vereint besitzt. »Obgleich Gott«, sagt z. B. Thomas Aq. in seinem Kommentar zu Dionysius A. (cap. 11), »in sich selbst unteilbar bleibt, so werden doch seine Gaben, d. h. seine Vollkommenheiten und Kräfte von den Kreaturen zerteilt und teilweise je nach ihrer verschiedenen Empfänglichkeit aufgenommen.« Gott ist kein physiologisches oder kosmisches, sondern ein psychologisches Wesen. Wer keinen Gott in die Natur schon hineinlegt, der bringt auch keinen aus ihr heraus. Die Beweise von der Existenz Gottes aus der Natur sind nur Beweise von der Unwissenheit und Arroganz des Menschen, mit welcher er die Schranken seines Kopfes zu Schranken der Natur macht. Nimmt man auch Zwecke in der Natur an - der Zweck der Natur liegt nicht außer und über der Natur, sowenig als der Zweck des Auges, das Sehen, außer und über dem Wesen, dem Bau, dem Organismus des Auges liegt, und führt daher auf kein Wesen außer und über der Natur. Der Zweck ist in der Natur nicht unterschieden und unabhängig vom Mittel, von der Beschaffenheit des Organs; die Natur hört nur durch das Ohr, sieht nur durch das Auge, denkt nur durch das Hirn, aber ein Gott hört ohne Ohren, sieht ohne Augen und denkt ohne Hirn. Woher ist der Zweck? ruft der Theist, indem er den Zweck von den Mitteln in Gedanken absondert und für sich selbst denkt, aber ich frage: woher sind denn die Mittel? wie kann aus einem Wesen, das ohne Kopf denkt, ein Wesen entspringen, das nur in und mit dem Kopf denkt? wozu braucht denn ein immaterielles, ohne Mittel wirkendes, allmächtiges Wesen materielle Mittel? Der Schluß von der Natur auf einen Gott, d. h. ein von der Natur unterschiedenes, übernatürliches, geistiges Wesen als Ursache derselben ist daher nur da am Orte und gerechtfertigt, wo der Mensch glaubt, daß man auch ohne Augen sehen und ohne Ohren hören kann, wo das Band zwischen der Ursache und Wirkung, dem Mittel und Zweck, dem Organ und der Funktion einzig das allmächtige, göttliche Wesen ist. »Die natürlichen Dinge«, sagt z. B. Calvin, »sind nichts andres als Werkzeuge, die Gott beständig nur so viel wirken läßt, als er will, und nach Gefallen dreht und wendet, je nachdem er dieses oder jenes durch sie machen will. Kein Geschöpf hat eine so bewundernswürdige und auffallende Kraft wie die Sonne. Sie beleuchtet den ganzen Erdball mit ihrem Glanze, sie erhält und erquickt alle Tiere mit ihrer Wärme, sie befruchtet die Erde mit ihren Strahlen . . . Und doch ließ der Herr, damit man ihn allein als den wahren Urheber priese, eher als er die Sonne schuf, das Licht hervorkommen und die Erde mit Kräutern und Früchten aller Art sich erfüllen. 1. Mose 1, 3. 11. Kein Frommer wird also die Sonne zur hauptsächlichen oder notwendigen Ursache von Dingen machen, die schon vor Erschaffung der Sonne existierten, sondern nur zu einem Werkzeug, dessen sich Gott bedient, weil er will, denn er könnte ebensogut auch ohne die Sonne durch sich selbst dasselbe bewirken. (Instit. Chr. Relig. lib. I. c. 16 sect. 2.) Allerdings wäre kein Gott, wenn keine Natur wäre, aber die Natur ist nur die Bedingung, die Menschheit die Ursache der Gottheit. Die Natur gibt nur den Stoff zur Gottheit, aber die Seele haucht ihr der Mensch ein. So stammt nur die Macht aus der Natur, aber die Allmacht aus dem Menschen. Die Existenz Gottes gründet sich wohl auf die Natur, aber das Wesen Gottes nur auf den Menschen. »Zwei Bilder«, sagt Hugo im Prolog seines Kommentars zum Dionysius A., »wurden dem Menschen vorgesetzt, um in ihnen das Unsichtbare schauen zu können, das Bild der Natur und das der Gnade. Jenes war die Gestalt dieser Welt, dieses die Menschheit des Wortes. Die Natur konnte wohl demonstrieren, aber erleuchten konnte sie nicht; die Menschheit des Erlösers aber erleuchtete erst, ehe sie demonstrierte. Durch die Bilder der Natur wurde der Schöpfer nur angedeutet, in den Bildern aber der Gnade wurde Gott als gegenwärtig gezeigt; jene wirkte er nur, um uns die Einsicht, daß er ist, in diesen aber wirkte er, um uns die Erkenntnis zu geben, daß er gegenwärtig ist.« Die Natur, fügen wir diesen Worten Hugos bei, gibt nur Brot und Wein, aber den religiösen oder theologischen Inhalt legt der Glaube, das Gemüt, die Phantasie hinein. Der Natur eine theologische oder theistische Bedeutung unterlegen, heißt dem Brote die Bedeutung des Fleisches, dem Weine die Bedeutung des Blutes geben. Die Natur zum Werk und Ausdruck eines Gottes machen, heißt ihr die Substanz nehmen und nur die Akzidenzen lassen. »Aus dem Sinnlichen«, sagt Thomas Aq., »kann
nicht das göttliche Wesen als solches erkannt werden, denn die sinnlichen
Geschöpfe sind Wirkungen Gottes, die nicht die Kraft der Ursache auf eine
ihr entsprechende (adäquate) Weise darstellen. Weil jedoch die
Wirkungen von der Ursache abhängen, so können wir durch sie erkennen, ob
Gott ist, und was ihm insofern zukommt, als er die erste Ursache aller
Dinge ist.« (Summa, P. I., Qu. 12. Art. 12.) Aber die bloße
Ursächlichkeit, sei sie auch die erste und allgemeinste, macht noch keine
Gottheit. Die Ursache ist ein physischer Begriff, wenngleich allerdings
die Ursache, wie sie die Grundlage (die Prämisse) der Gottheit bildet,
schon ein durchaus abgezogener und hyperphysischer Begriff ist, denn er
ist nichts andres als der personifizierte Gattungsbegriff der Ursache.
»Die natürliche Erkenntnis (d. h. die nur auf die Natur sich stützende)
kann nicht zu Gott kommen, inwiefern er Gegenstand der Seligkeit ist.« (Ders.
ebend., Sec. P. sec. Partis Qu. 4. 7.) Aber erst der Gott, welcher
Gegenstand der Seligkeit, ist der religiöse, der eigentliche, der dem
Begriffe oder Namen der Gottheit entsprechende Gott. »In der Natur«,
sagt derselbe, »finden sich nur Spuren, aber kein Bild der Gottheit. Die
Spur zeigt nur an, daß jemand vorübergegangen ist, aber nicht, wie er
beschaffen ist. Das Bild Gottes findet sich nur in der vernünftigen
Kreatur, im Menschen.« (Ebend., Pars I. Qu. 45. Art. 7.) Der Glaube
an einen übernatürlichen Ursprung der Natur stützt sich daher nur auf den
Glauben an die Übernatürlichkeit des Menschen. Die Erklärung und Ableitung
der Natur von einem von der Natur unterschiedenen Wesen hat zur
Voraussetzung die Unerklärlichkeit und Unableitbarkeit des sich von der
Natur unterscheidenden menschlichen Wesens aus der Natur. Gott ist
Schöpfer der Natur, weil der Mensch (nämlich auf dem Standpunkt der
Religion und Theologie) kein Geschöpf der Natur ist. Der Mensch ist (scil.
seiner Vorstellung nach) nicht aus der Natur; aber gleichwohl hat der
Mensch das Bewußtsein, daß er, wenigstens von vornherein, nicht ewig, daß
er entsprungen, entstanden ist. Also woher ist er? Aus Gott, d. h. aus
einem Wesen seines Wesens, seinesgleichen, das sich aber dadurch von ihm
unterscheidet, daß es nicht entstanden ist. Gott ist nur indirekt, nur
mittelbar, nur deswegen Schöpfer der Natur, weil er der Schöpfer oder
richtiger Vater des Menschen ist, weil er nicht Schöpfer des Menschen sein
könnte, wenn er nicht auch Schöpfer der Natur wäre, in welche sich nun
einmal der Mensch trotz seines supranaturalistischen Wesens verflochten
sieht. Die Natur ist also nur darum von Gott, weil der Mensch aus Gott
ist, und aus Gott, göttlichen Ursprungs ist der Mensch, weil er ein
göttliches Wesen ist, welches er aber - abgesehen davon, daß er überhaupt
in Gott sein Wesen als Gattung, in sich als Individuum, in Gott als
unbeschränkt, als unleiblich, in sich als beschränkt, als leiblich denkt -
als ein anderes nur deswegen vorstellt, weil das Bewußtsein seines
Entstandenseins mit dem Bewußtsein oder der Vorstellung seines Gottseins
im Widerspruch steht. Das Gottesbewußtsein, das Bewußtsein: ich bin
Gottesgeschöpf, Gotteskind, ist daher das höchste Selbstbewußtsein des
Menschen. »Wenn dich«, sagt Epiktet, »der Kaiser an Kindesstatt annähme,
so würde man nicht deinen Hochmut ertragen können. Warum willst du also
nicht stolz sein, wenn du weißt, daß du Gottes Sohn bist?« (Arrian., Epikt.
lib. I. c. 3.) »Dein erster und letzter Gedanke sei du selbst, dein einziger Gedanke dein Heil.« De inter. Domo. (Pseudo-Bernhard.) »Wenn du dich aufmerksam betrachtest, so ist es zu verwundern, wenn du je an etwas andres denkst.« Bernardus (Tract. de XII grad. hum. et sup.). »Bist denn du selbst nicht das Köstlichste für dich?« Boethius (De Consol. Philos. lib. II. Prosa IV). »Ob die Sonne größer ist als die Erde, oder nur einen Fuß in die Breite mißt, ob der Mond mit fremdem oder eignem Lichte strahlt? Das zu wissen, bringt keinen Nutzen, nicht zu wissen, keinen Schaden. Euer Wohl ist in Gefahr: das Heil nämlich eurer Seelen.« Arnobius (Adv. gentes lib. Il. c. 61). »Ich frage also: was ist der Gegenstand der Wissenschaft? Die Ursachen der natürlichen Dinge? Welche Seligkeit habe ich davon zu erwarten, wenn ich den Ursprung des Nils oder die Faseleien der Physiker über den Himmel kenne?« Lactantius (Inst. div. lib. III. c. 8). »Auch wiß- und neugierig (curiosi) sollen wir nicht sein. Manche halten es für etwas Großes, wenn sie, ohne sich doch darum zu bekümmern, was Gott ist, diese gesamte Körpermasse, welche Welt genannt wird, aufs sorgfältigste erforschen. Die Seele unterdrücke diese eitle Wißbegierde, die den Menschen meistens zu dem Glauben verleitet, daß nur Körperliches existiere.« Augustinus (De Mor. Eccl. cath. lib. I. c. 21). »Das auferstehende und ohne Ende lebende Fleisch ist ein bei weitem wissenswürdigerer Gegenstand, als alles, was nur immer die Ärzte durch Forschung in demselben (im menschlichen Körper) kennenlernten.« (Ders., de anima et ejus orig. lib. IV. c. 10.) »Laß natürliche Kunst fahren. Ist genug, daß du weißt, daß Feuer heiß, Wasser kalt und feucht ist. Wisse, wie du deinen Acker, Viehe, Haus und Kind üben sollst, das ist dir genug in natürlicher Kunst. Darnach denke, wie du nur allein Christum erlernest, der wird dir zeigen dich selbst, wer du bist, was dein Vermögen ist. Also wirst du Gott und dich selbst erlernen, welches kein natürlicher Meister noch natürliche Kunst je erfahren hat.« Luther (T. XIII, p. 264). Aus diesen Belegstellen, die sich übrigens bis ins Unzählige vervielfältigen ließen, erhellt zur Genüge, daß das wahre, religiöse Christentum kein Prinzip, kein Motiv zu wissenschaftlicher und materieller Kultur in sich hat. Das praktische Ziel und Objekt des Christen ist einzig der Himmel, d. h. das realisierte Seelenheil. Das theoretische Ziel und Objekt des Christen aber ist einzig Gott, als das mit dem Seelenheil identische Wesen. Wer aber Gott weiß, weiß alles. Ja, so unendlich mehr Gott ist als die Welt, so unendlich mehr ist auch die Theologie als die Erkenntnis der Welt. Die Theologie macht selig, denn ihr Objekt ist nichts andres als die personifizierte Seligkeit. »Unglücklich ist, wer alles kennt, aber dich nicht kennt, glücklich aber, der dich kennt, wenn er auch sonst nichts weiß.« Augustin (Confess. lib. V. c. 4). Wer möchte, wer könnte also das selige göttliche Wesen mit den unseligen nichtigen Dingen dieser Welt vertauschen? Wohl offenbart sich Gott in der Natur, aber nur nach seinen allgemeinsten, unbestimmtesten Eigenschaften; - sich selbst, sein wahres, sein persönliches Wesen offenbart er nur in der Religion, im Christentum. Die Erkenntnis Gottes aus der Natur ist Heidentum, die Erkenntnis Gottes aus sich selbst, aus Christus, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte, ist Christentum. Welches Interesse sollte daher für den Christen die Beschäftigung mit den materiellen, natürlichen Dingen haben? Die Beschäftigung mit der Natur, die Kultur überhaupt setzt voraus oder bewirkt wenigstens unfehlbar einen heidnischen, d. i. weltlichen, antitheologischen, antisupranaturalistischen Sinn und Glauben. Die Kultur der modernen christlichen Völker ist daher sowenig aus dem Christentum abzuleiten, daß sie vielmehr nur aus der Negation des Christentums, die freilich zunächst nur eine praktische war, begriffen werden kann. Wohl ist überhaupt zu unterscheiden zwischen dem, was die Christen als Christen, und dem, was sie als Heiden, als natürliche Menschen, zwischen dem also, was sie in Übereinstimmung, und dem, was sie im Widerspruch mit ihrem Glauben gesagt und getan haben. Wie »frivol« sind daher die modernen Christen, wenn
sie mit den Künsten und Wissenschaften der modernen Völker als
Erzeugnissen des Christentums prahlen! Wie achtbar sind auch in dieser
Beziehung den modernen Renommisten gegenüber die ältern Christen! Diese
wußten von keinem andern Christentum, als von dem Christentum, welches in
dem christlichen Glauben enthalten ist, rechneten also nicht die Schätze
und Reichtümer dieser Welt, nicht Künste und Wissenschaften zum
Christentum. In allen diesen Stücken räumten sie vielmehr den alten
Heiden, den Griechen und Römern den Vorzug vor den Christen ein. »Warum
verwunderst du dich darüber nicht auch, Erasme, daß von Anbeginn der Welt
her unter den Heiden allezeit höhere, teurere Leute, größer, höher
Verstand, viel trefflicher Fleiß, Übung aller Künste gewest, denn unter
Christen oder Gottes Volk? Wie auch Christus selbst sagt, daß die Kinder
dieser Welt klüger sind, denn die Kinder des Lichts; welches ein wichtig
groß Wort ist. Ja, welchen unter den Christen (daß ich der Griechen,
Demosthenis und anderer geschweige) könnten wir mit Verstand oder Fleiß
allein Ciceroni vergleichen?« Luther (T. XIX, p. 37). Wodurch zeichnen wir
uns also vor ihnen aus? Durch Geist, Gelehrsamkeit, sittliche Bildung?
Keineswegs, sondern allein durch die wahre Erkenntnis, Anrufung und
Verehrung Gottes.« (Melanchthonis et alior. Declam. T. III. de vera
invocat. Dei.) »Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab.« Evangel. Joh. 3, 16. »Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? welcher auch seines eignen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben.« Römer 8, 31. 32. »Preiset Gott seine Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist.« Ebend. 5, B. »Was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet hat und sich selbst für mich dargegeben.« Galater 2, 20. Siehe auch Epistel an Titum 3, 4. Hebräer 2, 11. »Den Christen beweist das Dasein einer Vorsehung diese ganze Welt, vor allem aber das göttlichste und wegen der ausgezeichneten Liebe zu den Menschen unglaublichste Werk der Vorsehung, die Menschwerdung Gottes, welche unsretwegen geschehen ist.« (Gregorii Nysseni Phil. lib. III. de provid. c. 1512. B. Rhenanus Jo. Cono. interp.) »Seht! Brüder, wie sehr sich Gott der Menschen wegen erniedrigte. Daher verachte sich nicht der Mensch, um dessen willen ja nur Gott dieser Schmach sich unterzog.« Augustinus (Serm. ad pop. S. 371. c. 3). »O Mensch, dessen wegen Gott Mensch wurde, du mußt dich für etwas Großes halten.« (Serm. 380. c. 2.) »Wie kann der an sich verzweifeln, für den der Sohn Gottes sich so erniedrigen wollte?« (Ders., de Agone Chr. c. 11.) »Wer kann den Menschen hassen, dessen Natur und Bild in der Menschheit Gottes angeschaut wird? Wahrlich, wer den Menschen haßt, haßt Gott.« (Manuale c. 26. Pseudo-Augustin.) »Was erhebt unsern Geist so sehr und befreit ihn so von der Verzweiflung an der Unsterblichkeit, als der Gedanke, daß uns Gott so hoch geschätzt hat, daß der Sohn Gottes in Gemeinschaft mit uns trat und unsre Übel durch seinen Tod auf sich lud.« (Petrus Lomb., lib. III, dist. 20. c. 1.) »Das Hauptwerk der göttlichen Vorsehung ist die Menschwerdung. Weder der Himmel noch die Erde, noch das Meer, noch die Luft, noch die Sonne, noch der Mond, noch die Sterne beweisen eine solche unermeßliche Güte Gottes gegen uns als die Menschwerdung des eingebornen Sohnes Gottes. Gott sorgt also nicht bloß für uns, er sorgt selbst mit Liebe für uns.« Theodoret. (De Provident. Orat. X. Opp. Parisiis 1642, T. IV. p. 442). »Nur dadurch, daß der Mensch die Würde seines Wesens verkennt, kann er an Dinge, die unter Gott sind, sich hängen (d. h. also, Gott ist allein der des Menschen würdige, der Würde des Menschen entsprechende Gegenstand). Um daher dem Menschen seine Würde, daß nämlich in Gott allein die vollkommene Seligkeit des Menschen besteht, auf die angemessenste Weise zu zeigen, hat Gott unmittelbar die menschliche Natur angenommen.« Thomas Aq. (Summa c. Gent. lib. IV. c. 54.) »Gott uns Menschen nicht entgegen ist. Denn so Gott uns Menschen entgegen und feind wäre, so hätte er wahrlich die arme, elende, menschliche Natur nicht an sich genommen.« »Wie hoch unser Herr Gott uns geehret hat, daß er seinen Sohn hat Mensch werden lassen! Wie hätte er sich näher zu uns tun können.« Luther (T. XVI, p. 533, 574).
Weil und wie Gott leidet, so und darum muß auch der Mensch hinwiederum leiden. Die christliche Religion ist die Religion des Leidens.
»Wir
natürlich folgen in den Theatern den Fußstapfen des Erlösers nach. Ein
solches Beispiel gab uns ja Christus, von dem wir lesen, daß er geweint,
aber nicht lesen, daß er gelacht hat.« Salvianus (a. a. O., lib. VI. §
181). »Die Christen müssen Druck leiden in dieser Welt und trauern,
denn ihrer ist das ewige Leben.« Origenes (Explan. in Ep. Pauli ad Rom.
lib. II. c. z. interp. Hieronymo). »Niemand kann das ewige,
unverderbliche und unsterbliche Leben verlangen, ohne daß ihn dieses
zeitliche, verderbliche und sterbliche Leben verdrießt. Was wünschen wir
also, als nicht so zu sein, wie wir sind? Und warum seufzen wir, als weil
es uns verdrießt, daß wir so sind?« Augustinus (Serm. ad. pop. S. 351 c.
3). »Wenn etwas besser und dem Heile des Menschen zuträglicher wäre,
als das Leiden, so würde es sicherlich Christus durch Wort und Tat gezeigt
haben. Wir müssen durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen.«
(Thomas a Kempis, de imit. lib. II. c. 12.) Wenn übrigens die
christliche Religion als die Religion des Leidens bezeichnet wird, so gilt
dies natürlich nur von dem Christentum der alten verirrten Christen. Schon
der Protestantismus negierte das Leiden Christi als ein Moralprinzip. Der
Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus in dieser Beziehung
besteht eben darin, daß dieser aus Selbstgefühl sich nur ans Verdienst,
jener aus Mitgefühl auch ans Leiden Christi, als Gebot und Exempel des
Lebens hielt. »Vor Zeiten im Papsttum hat man des Herrn Leiden also
predigt, daß man allein angezeigt hat, wie man seinem Exempel nachfolgen
soll. Darnach hat man die Zeit zugebracht mit dem Leiden und Schmerzen
Mariä, und mit dem Mitleiden, daß man Christum und seine Mutter hoch
beklaget hat und allein darauf gesehen, wie man's kläglich machte und die
Leute zum Mitleiden und Weinen bewegte, und wer solches wohl gekonnt, den
hat man für den besten Passionsprediger gehalten. Aber wir predigen des
Herrn Leiden also, wie uns die heilige Schrift lehret . . . Christus hat
gelitten Gott zu Lob und Ehre . . . mir aber und dir und uns allen hat er
gelitten zur Erlösung und Seligkeit . . . Causa et Finis, Ursach' und Ende
des Leidens Christi heißt: für uns gelitten. Diese Ehre soll man keinem
andern Leiden geben.« Luther (T. XVI, p. 182). > Lämmlein! ich wein nur
vor Freuden übers Leiden; das war deine, aber dein Verdienst ist meine!« -
»Ich weiß von keinen Freuden, als nur aus deinem Leiden.« - »Es bleibt mir
ewiglich im Sinn, daß dich's dein Blut gekostet, daß ich erlöset bin.« -
»O mein Immanuel! wie süß ist's meiner Seel', wenn du mich läßt genießen
dein teures Blutvergießen.« »Sünder werden herzensfroh, daß sie einen
Heiland haben .... ihnen ist es wunderschön, Jesum an dem Kreuz zu sehn.«
(Gesangb. d. evangel. Brüdergemeinde.) Nicht zu verwundern ist es daher,
wenn die heutigen Christen nichts mehr vom Leiden Christi wissen wollen.
Die haben ja erst herausgebracht, was das wahre Christentum ist - sie
stützen sich ja allein auf das göttliche Wort der heiligen Schrift. Und
die Bibel hat, wie männiglich bekannt, die köstliche Eigenschaft, daß man
alles in ihr findet, was man nur immer finden will. Was einst, das steht
natürlich jetzt nicht mehr drin. Das Prinzip der Stabilität ist längst
auch aus der Bibel verschwunden; so veränderlich die menschliche Meinung,
so veränderlich ist die göttliche Offenbarung. Tempora mutantur. Davon
weiß auch die hl. Schrift ein Lied zu singen. Aber das ist eben der Vorzug
der christlichen Religion, daß man ihr das Herz aus dem Leibe reißen und
doch noch ein guter Christ sein kann. Nur darf nicht der Name angetastet
werden. In diesem Punkte sind auch die heutigen Christen noch sehr
empfindlich; ja der Name ist es, worin noch allein die modernen Christen
mit den alten übereinstimmen. Wie einst der bloße Name Christi Wunder
wirkte, so auch jetzt noch; aber freilich Wunder anderer, ja
entgegengesetzter Art. Einst trieb nämlich der Name Christi den
Antichristen, jetzt treibt er umgekehrt den Christen aus dem Menschen aus.
»Wir bekennen, daß nur ein Gott ist, daß er aber nicht so einer ist, als wäre er einsam.« Concil. Chalced. (Carranza Summa 1559, p. 139). »Wenn einer behauptet, daß die Worte: >Lasset uns Menschen machen( nicht der Vater zum Sohne, sondern zu sich selbst allein gesprochen habe, so sei er verflucht.« Concil. Syrmi. (Ebend., p.68). »Aus den Worten: >Lasset uns Menschen machen( erhellt, daß Gott mit einem ihm Nächsten hierüber sich unterhielt. Es muß also jemand ihm beigewohnt haben, mit dem er bei der Schöpfung der Welt sich besprach.« Athanasius (Contra Gentes Orat. Opp. Parisiis 1627, T. I. p. 54). »Ein Einsamer kann nicht die Worte: >Lasset uns machen< sagen.« Petrus Lomb. (Lib. I. dist. z. c. 3). Auch die Protestanten erklären noch diese Stelle so. »Lasset uns machen ist ein Wort eines bedachten Rats . . . Und aus den Worten erzwinget sich's abermal, daß in der Gottheit mehr denn eine Person sein müsse . . . Denn das Wörtlein (uns) zeiget an, daß der, der da redet, nicht alleine sei, wiewohl die Jüden den Text verspotten, damit, daß also eine Weise sei zu reden, auch wo nicht mehr denn eine Person sei.« Luther (T. I, p. 19). Aber nicht nur Beratschlagungen und Gespräche, sondern auch Verabredungen, ja Verträge finden, gerade wie in der menschlichen Gesellschaft, zwischen den Hauptpersonen der Trinität statt. »Es bleibt nichts andres übrig, als (in betreff nämlich der Erlösung des Menschen) auf ein gewisses Übereinkommen, also gleichsam auf einen gewissen Vertrag zwischen dem Vater und dem Sohn zu schließen.« Buddeus (Comp. Inst. Th. dog. lib. IV. c. I. § 4. Not. 2). Da aber das wesentliche Band der göttlichen Personen die Liebe ist, so ist die Trinität das himmlische Vorbild des innigsten, des ehelichen Liebesbundes. »Bitten wir nun den Sohn Gottes, daß er durch seinen heiligen Geist, welcher ist der Zusammenhang und das Band der gegenseitigen Liebe zwischen dem ewigen Vater und Sohn, die Herzen der Braut und des Bräutigams zusammenbinde.« Orat. de conjugio. (Declam. Melanchth. T. III, p. 453.)
Die Unterschiede im göttlichen Wesen der Dreieinigkeit sind natürliche, physikalische Unterschiede. »Dem Vater allein ist es eigen, nicht daß er nicht geboren ist, sondern daß er einen Sohn gezeugt hat, und dem Sohne allein ist es eigen, nicht daß er nicht gezeugt hat, sondern daß er vom Wesen des Vaters geboren ist . . . Wir sind Söhne Gottes, aber so ist es nicht dieser Sohn. Dieser nämlich ist wahrer und eigentlicher Sohn durch seinen Ursprung, nicht durch Adoption, der Wahrheit, nicht dem Namen nach, von Geburt, nicht durch Schöpfung.« Petrus Lomb. (Lib. I. dist. 26. c. z. u. 4). »Der Vater ist das Prinzip des Sohns und Zeuger; und der Vater ist Vater und keines Sohn, und der Sohn ist Sohn und nicht Bruder.« Athanasius (Contra Arianos Orat. II., Ed. cit. T. I, p. 320). »Wie ein leiblicher Sohn Fleisch und Blut und sein Wesen vom Vater hat: also hat auch der Sohn Gottes, vom Vater geboren, sein göttlich Wesen und Natur vom Vater von Ewigkeit.« Luther (T. IX, p.408. Siehe auch Melanchthon, Loci praecip. Theol., Witeb. 1595, p. 30 und Augustin, Epist. 170. § 6, Ed. Antw. 1700). Daß auch in der Bibel der Sohn Gottes einen wirklichen Sohn bedeutet, das geht unzweideutig aus der Stelle hervor: »also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab.« Soll die Liebe Gottes, die uns diese Stelle vorhält, eine Wahrheit sein, so muß auch der Sohn eine und zwar, deutsch gesagt, physikalische Wahrheit sein. Darauf liegt der Akzent, daß er seinen Sohn für uns dahingab - darin nur der Beweis von der Größe seiner Liebe. Richtig trifft daher den Sinn der Bibel das Gesangbuch der evangelischen Brüdergemeinde, wenn es darin »von dem Vater unsers Herrn Jesu Christi, der auch unser Vater ist«, also heißt:
In betreff der
Trinität noch diese Bemerkung. Die ältern Theologen sagten, daß die
wesentlichen Attribute Gottes als Gottes schon aus dem Lichte der
natürlichen Vernunft erhellten. Warum anders aber kann die Vernunft aus
sich selbst das göttliche Wesen erkennen, als weil das göttliche Wesen
nichts andres ist als das eigne objektive Wesen der Intelligenz? Von der
Trinität aber sagten sie, daß sie nur aus der Offenbarung erkennbar sei.
Warum nicht aus der Vernunft? Weil sie der Vernunft widerspricht, d. h.
weil sie kein Vernunftbedürfnis, sondern ein sinnliches, gemütliches
Bedürfnis ausdrückt. Übrigens heißt: Etwas stammt aus der Offenbarung,
überhaupt nur soviel als: Etwas ist uns nur auf dem Wege der Tradition
zugekommen. Die Dogmen der Religion sind entsprungen zu gewissen Zeiten,
aus bestimmten Bedürfnissen, unter bestimmten Verhältnissen und
Vorstellungen; deswegen den Menschen einer spätern Zeit, in der diese
Verhältnisse, Bedürfnisse, Vorstellungen verschwunden, etwas
Unverständliches, Unbegreifliches, nur Überliefertes, d. h. Geoffenbartes.
Der Gegensatz von Offenbarung und Vernunft reduziert sich nur auf den
Gegensatz von Geschichte und Vernunft, nur darauf, daß die Menschheit zu
einer gewissen Zeit nicht mehr kann, was sie zu einer andern Zeit recht
gut vermochte, gleichwie auch der Mensch als Individuum nicht gleichgültig
zu jeder Zeit, sondern nur in den Momenten besondrer Aufforderung von
außen und Aufregung von innen sein Vermögen entfaltet. So entstehen die
Werke des Genies immer nur unter ganz besondern, nur einmal so
zusammentreffenden innern und äußern Bedingungen; sie sind
Die Schöpfung aus Nichts drückt die Ungöttlichkeit, Wesenlosigkeit, d. i. die Nichtigkeit der Welt aus. Das Nichts, aus dem die Welt geschaffen, ist ihr eignes Nichts.
Hier haben wir wieder ein Beispiel, wie die christliche Sophistik ein Produkt des christlichen Glaubens ist, insbesondre des Glaubens an die Bibel als das Wort Gottes. Gott kümmert sich nicht um die Ochsen; Gott kümmert sich um alles, also auch um die Ochsen. Das sind Widersprüche; aber das Wort Gottes darf sich nicht widersprechen. Wie kommt nun der Glaube aus diesem Widerspruch heraus? Nur dadurch, daß er zwischen die Position und Negation.des Subjekts ein Prädikat einschiebt, welches selbst zugleich eine Position und Negation, d. h. selbst ein Widerspruch, eine theologische Illusion, ein Sophisma, eine Lüge ist. So hier das Prädikat: allgemein. Eine allgemeine Vorsehung ist eine illusorische, in Wahrheit keine. Nur die spezielle Vorsehung ist Vorsehung - Vorsehung im Sinne der Religion. »Der fleischliche Sinn«, sagt ganz richtig Calvin, »bleibt nur bei einer allgemeinen Vorsehung stehen und glaubt, daß die im Anfang der Schöpfung den Dingen von Gott eingepflanzte Kraft zu ihrer Erhaltung hinreiche. Aber der religiöse Sinn, der Glaube dringt tiefer ein und erkennt, daß Gott nicht mit einer allgemeinen, sondern speziellen Vorsehung für alles, was er erschaffen, bis zum kleinsten Sperling herab sorgt, daß kein Regentropfen ohne Gottes ausdrücklichen Willen fällt, kein Wind entsteht oder sich erhebt ohne seinen speziellen Befehl.« (Instit. Christ. Rel. lib. I. c. 16. Sect. 1. 5. 7.)
»Gott, der da
verheißet, redet nicht mit Eseln und Ochsen, wie Paulus saget: Sorget Gott
für die Ochsen? sondern mit der verstände gen Kreatur, erschaffen nach
seinem Ebenbilde, auf daß sie mit ihm ewig leben soll.« Luther (Th. I I,
S. 156)7. Erst im Menschen ist Gott bei sich; erst im Menschen beginnt die
Religion, beginnt die Vorsehung; denn diese ist nicht etwas von jener
Unterschiednes, sondern vielmehr die Religion ist selbst die Vorsehung des
Menschen. Wer die Religion, d. h. den Glauben an sich verliert, den
Glauben an den Menschen, den Glauben an die unendliche Bedeutung seines
Wesens, an die Notwendigkeit seiner Existenz, der verliert die Vorsehung.
Nur der ist verlassen, der sich selbst verläßt; nur der verloren, der
verzweifelt; nur der ohne Gott, der ohne Glauben, d. i. ohne Mut ist.
Worein setzt denn die Religion die wahren Beweise der Vorsehung? in die
Erscheinungen der Natur, die und wie sie uns außer der Religion in der
Astronomie, in der Physik, in der Naturgeschichte Gegenstand sind? Nein!
in die Erscheinungen, welche nur Gegenstand der Religion, Gegenstand des
Glaubens sind, welche nur den Glauben der Religion an sich, d. h. an die
Wahrheit und Realität des Menschen ausdrücken in die religiösen
Begebenheiten, Mittel und Institute, die Gott ausschließlich zum Heile des
Menschen geordnet, kurz, in die Wunder; denn , auch die kirchlichen
Gnadenmittel, die Sakramente gehören in die Klasse der Wunder der
Vorsehung. > Obgleich die Betrachtung der ganzen Natur uns an Gott
erinnert, so sollen wir doch zuerst unsern Sinn und Blick auf alle die
Zeugnisse richten, in denen sich Gott der Kirche offenbarte, als auf die
Ausführung aus ` Ägypten, auf die am Sinai ertönende Stimme, auf den die
Toten erweckenden und den erweckten Christus usw. Beständig mögen daher
die Geister diese Zeugnisse in Erwägung ziehen und, durch sie bestärkt,
den Artikel von der Schöpfung bedenken und dann erst die der Natur
eingedrückten Spuren Gottes betrachten.« Melanchthon (Loci de creat., p.
62, Witeberg 1595). »Mögen andere die Schöpfung bewundern: ich bewundre
mehr die Erlösung. Wunderbar ist es, daß unser Fleisch und Gebein von Gott
gebildet ist, aber noch wunderbarer ist es, daß Gott selbst Fleisch von
unserm Fleisch und Bein von unserm Bein werden wollte.« J. Gerhard. (Medit.
sacrae, Med. 15). »Die Heiden kennen Gott nicht weiter, denn daß er ein
Schöpfer ist.« Luther (T. II, p. 327). Daß die Vorsehung zu ihrem
wesentlichen Zweck und Gegenstand nur den Menschen hat, das geht am
deutlichsten daraus hervor, daß dem religiösen Glauben alle Dinge und
Wesen um des Menschen willen erschaffen sind. »Wir Herren sind nicht
allein der Vögel, sondern aller lebendigen Kreaturen und alle Dinge uns zu
Dienst gegeben und nur unsertwillen geschaffen sind.« Luther (T. IX,
p.281). Sind aber die Dinge um des Menschen willen erschaffen, so werden
sie auch nur um des Menschen willen erhalten. Und sind die Dinge bloße
Mittel für den Menschen, so stehen sie nicht unter dem Schutze eines
Gesetzes, sie sind dem Menschen gegenüber rechtlos. Diese Rechtlosigkeit
der Dinge offenbart das Wunder.
Die Negation der Vorsehung ist die Negation Gottes. »Wer die Vorsehung aufhebt, hebt das ganze Wesen Gottes auf und sagt eigentlich nichts andres, als daß kein Gott ist . . . Wenn Gott sich nicht um Menschliches kümmert, sei es nun mit oder ohne Wissen, so gibt es keine Ursache zur Religion, denn es ist kein Heil zu hoffen.« Joa. Trithemius (Tract. de provid. Dei). »Wenn ein Gott ist, so ist er ja als Gott vorsehend, denn die Gottheit kann ihm nur zugeschrieben werden, wenn er das Vergangene behält, das Gegenwärtige weiß und das Zukünftige voraussieht. Wenn er (Epikur) also die Vorsehung aufhob, so leugnete er auch, daß ein Gott ist. Wenn er aber die Existenz Gottes zugab, so hat er auch zugleich die Vorsehung zugegeben. Eines kann nicht ohne das andre sein und gedacht werden.« Lactantius (bei Petavius, Theolog. Dog. T. I. lib. VIII. c. 1. § 4). »Aristoteles gerät fast auf die Meinung, daß, ob er gleich Gott nicht ausdrücklich einen Narren nennt, er ihn doch für einen solchen halte, der von unsern Sachen nichts wisse, nichts von unsern Vorhaben erkenne, verstehe, sehe, nichts betrachte als sich selbst . . . Aber was geht uns ein solcher Gott oder Herr an? was vor Nutzen haben wir davon?« Luther (in Walchs Philos. Lexikon, Art. Vorsehung). Die Vorsehung ist daher der unwidersprechlichste, augenfälligste Beweis, daß es sich in der Religion, im Wesen Gottes selbst um gar nichts andres handelt, als um den Menschen, daß das Geheimnis der Theologie die Anthropologie, der Inhalt, der Gehalt des unendlichen Wesens das > endliche« Wesen ist. Gott sieht den Menschen, heißt: der Mensch sieht sich nur selbst in Gott. Gott sorgt für den Menschen, heißt: die Sorge des Menschen für sich selbst ist sein höchstes Wesen. Die Wirklichkeit Gottes wird abhängig gemacht von der Tätigkeit Gottes: ein nicht tätiger Gott ist kein wirklicher Gott. Aber keine Tätigkeit ohne Gegenstand: erst der Gegenstand macht die Tätigkeit aus einem bloßen Vermögen zu wirklicher Tätigkeit. Dieser Gegenstand ist der Mensch. Wäre nicht der Mensch, so hätte Gott keine Ursache zur Tätigkeit. Also ist der Mensch das Bewegungsprinzip, die Seele Gottes. Ein Gott, der nicht den Menschen sieht und hört, nicht den Menschen in sich hat, ist ein blinder und tauber, d. h. müßiger, leerer, inhaltsloser Gott. Also ist die Fülle des göttlichen Wesens die Fülle des menschlichen - also die Gottheit Gottes die Menschheit. Ich für mich - das ist das trostlose Geheimnis des Epikureismus, des Stoizismus, des Pantheismus; Gott für mich - dies ist das trostreiche Geheimnis der Religion, des Christianismus. Ist der Mensch um Gottes, oder Gott um des Menschen willen? Allerdings ist der Mensch in der Religion um Gottes willen, aber nur weil Gott um des Menschen willen ist. Ich für Gott, weil Gott für mich.
Celsus
fordert die Christen auf, dem Kaiser nicht den Kriegsdienst zu verweigern.
Darauf erwidert Origenes, daß die Christen durch ihre Gebete die Teufel,
die Friedensstörer und Urheber der Kriege, zu Boden werfen und daher den
Königen mehr nützen, als die, welche für den Staat mit den Waffen kämpfen.
(Adv. Celsum. S. Gelenio interpr. lib. VIII.) »In England wurde die
Geistlichkeit, weil das Gebet der Kirche mehr vermöge als die Waffen,
durch Eduard den Bekenner von der Dänensteuer freigesprochen.« Eichhorn
(Allg. Ges& der Cultur u. Literat. des neuern Europas, 1796, 1. B., S.
397). Die menschliche Not ist die Notwendigkeit des göttlichen Willens.
Der Mensch ist im Gebete das Aktive, das Bestimmende, Gott das Passive,
das Bestimmte. Gott tut den Willen des Menschen. »Gott tut den Willen
derer, die ihn fürchten, und er gibet seinen Willen in unsern Willen . . .
Nun saget aber der Text hier klar genug, daß Lot an keinem andern Orte in
derselben ganzen Grenze stehen sollte, ohne alleine auf dem Berge. Aber
solchen seinen Willen ändert Gott, dieweil ihn Lot fürchtet und betet.«
»Und haben wir solcher Zeugnisse in der Schrift mehr, die da beweisen, daß
sich Gott lenken läßt und seinen Willen unserm Willen unterwirft.«
»Also war dies die geordnete Gewalt Gottes, daß die Sonne ihren Umgang und
gewöhnlichen Lauf behielte: da aber Josua in seiner Not zu dem Herrn rief
und der Sonnen gebot, sie sollte innehalten und stille stehen, stund sie
stille auf Josuä Wort. Was nun dieses für ein groß Wunderwerk sei, darum
frage die Astronomos.« Luther (T. II, p.226). »Herr, ich stecke hie und da
in großer Not und Fahr Leibes und der Seelen, darf derhalben deiner Hülfe
und Trostes. Item: ich muß das und jenes haben; darum bitte ich, du
wollest mir's geben.« »Wer so bettelt und unverschämt anhält, der tut
recht und unser Herr Gott hat's gern, denn er ist nicht so eckel als wir
Menschen.« Ders. (T. XVI, p. 150).
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