Geschichten von Till Eulenspiegel

(Nach dem Volksbuch von 1515 und nach Johann Fischart.)


Wie Eulenspiegel in einen Bienenstock kroch und zwei bei Nacht kamen und den Bienenstock wollten stehlen, und wie er machte, daß sich die zwei rauften und den Bienenstock fallen ließen,

Zu einer Zeit begab rs sich, dass Eulenspiegel mit seiner Mutter in ein Dorf auf die Kirchweih ging. Und Eulenspiegel betrank sich dermaßen, dass er trunken ward und ging und suchte ein Plätzchen, wo er fröhlich schlafen könnte und ihm auch niemand nichts täte.

Also fand er da hinten in dem Hof eine Bienenscheuer stehen und dabei lagen viele Bienenstöcke, die leer waren. Also kroch er in einen leeren Stock, der zunächst bei den Bienenstöcken lag, und meinte, er wollte ein wenig schlafen, und schlief von Mittag an, bis es schier Mitternacht ward. Und seine Mutter meinte er wäre wieder heim nach Hause gegangen, da sie ihn nirgends sehen konnte.

In derselben Nacht kamen nun zwei Diebe und wollten einen Bienenstock stehlen und sprachen da zusammen: "Ich habe allwege gehört, welcher der schwerste Bienenstock, ist auch der beste." Also huben sie die Körbe und Stöcke auf, einen nach dem anderen, und da sie zu dem Stock kamen, darin Eulenspiegel lag, und der der schwerste war, da sprachen sie:" das ist der beste Stock" und nahmen ihn auf den Nacken und trugen ihn von dannen.

Indem erwachte Eulenspiegel und hörte ihre Anschläge. Und es war ganz finster, daß einer den anderen kaum sehen konnte. Also griff Eulenspiegel aus dem Stock und griff den vordersten bei dem Haar und rupfte ihn tüchtig. Der ward da zornig auf den hintersten und meinte, der hätte ihn also bei dem Haar gezogen und begann auf ihn zu fluchen. Der hinterste sprach: "Träumst du oder gehst du im Schlaf? Wie sollt ich dich bei dem Haar rupfen? Ich kann doch kaum den Bienestock mit meinen Händen halten."

Eulenspiegel lachte und dachte: Das Spiel wird sich machen und wartete, bis sie abermals eine Ackerlänge gegangen waren. Da rupfte er den hintersten auch tüchtig am Haar, daß er sich krümmte. Der ward da noch zorniger und sprach: "Ich geh' und trage, daß mir der Nacken kracht, und du sprichst: Ich zieh' dich bei dem Haar, und du ziehst mich bei dem Haar, daß bei mir die Schwarte kracht." Der vorderste sprach: "Das lügst du in deinen Hals hinein. Wie sollte sollte ich dich bei dem Haare ziehen? Ich kann doch kaum den Weg vor mir sehen, auch weiß ich das fürwahr, daß Du mich bei dem Haar ziehst."

Und also gingen sie zankend mit dem Stock weiter und keiften untereinander.

Nicht lange danach, als sie im größten Zanken waren, zog Eulenspiegel den vordersten noch einmal, daß ihm der Kopf an den Bienestock krachte. da ward der so zornig, daß er den Bienenstock fallen ließ und dem hintersten im Finstern mit den Fäusten nach dem Kopfe schlug. der hinterste verließ da den Bienenstock auch und fiel dem vorderen in das Haar, so daß sie übereinander purzelten und einer den anderen verlor und nicht wußte , wo der andere war. So verloren sie sich also im Finstern und ließen den Bienenstock liegen.

Also lugte Eulenspiegel ganz aus dem Stock hervor. Und da er sah, daß es noch finster war, schlüpfte er wieder zurück und bleib darin liegen, bis es heller Tag ward.

 

Wie Eulenspiegel zu Magdeburg von der Ratslaube fliegen wollte.

Eulenspiegel kam gen Magdeburg und trieb viele Possen, und sein Name ward davon erst recht bekannt, so daß man von Eulenspiegel zu sagen wußte. Da ward er gebeten von den besten Bürgern der Stadt, daß er etwas Abenteuerliches treiben sollte. Da sagte er, das wollte er tun und wollte auf das Rathaus gehen und von der Dachlaube fliegen.

Da ward ein Geschrei in der ganzen Stadt, daß sich jung und alt auf dem Markte sammelte und sehen wollte, wie er flöge. Also stand Eulenspiegel auf der Laube vor dem Rathaus und bewegte die Arme und gebarte sich geradezu, als ob er fliegen wollte. Die Leute standen und sperrten Augen und Mäuler auf und meinten nichts anders, als daß er fliegen würde. Da fing Eulenspiegel an zu lachen und sprach: "Ich meinte es wäre kein Tor oder Narr weiter in der Welt als ich, doch seh' ich wohl, daß hier schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn ihr mir allzusammen gesagt hättet, daß ihr fliegen wolltet, ich hätt' es nicht geglaubt und ihr glaubtet mir als einem Toren. Wie sollt' ich fliegen können? Ich bin doch weder Gans noch Vogel, habe auch keinen Fittich, und ohne Fittich und Federn kann niemand fliegen. Nun sehet ihr offenbar, daß es erlogen war."

Und er lief von der Laube und ließ das Volk stehe, einen Teil fluchend, einen Teil lachend. Und sie sagten: Das ist ein Schalksnarr, und doch hat er die Wahrheit gesagt."

 

Wie Eulenspiegel einem Perd ließ goldene Eisen aufschlagen, die der König von Dänemark bezahlen mußte.

Ein solcher Hofmann war Eulenspiegel, daß seine Trefflichkeit vor manchen Fürsten und Herren kam uns man wohl von ihm zu reden wußte. das mochten die Herren und Fürsten wohl leiden und gaben ihm Kleider, Pferde, Geld und Kost. Und also kam er zu dem König von Dänemark, und der hatte ihn sehr lieb und bat ihn, daß er etwas Abenteuerliches anstelle, er wollte ihm sein Pferd lassen beschlagen mit dem allerbesten Hufbeschlag. Eulenspiegel fragte den König, ob er seinen Worten auch glauben sollte. Der König sprach : "Ja! Denn er täte nach seinen Worten, und was er ihm verhieße, wollte er ihm auch halten."

Da ritt Eulenspiegel mit seinem Pferde zum Goldschmied und ließ sein Pferd mit goldenen Hufeisen und silbernen Nägeln beschlagen und gin zum König und sprach, den Hufbeschlag möchte er ihm wohl bezahlen. Der König sprach: "Ja," und fragte ihn, wieviel der Hufbeschlag kosten sollte, und gab dem Schreiber den befehl, Eulenspiegel den Hufbeschlag zu bezahlen. Der Schreiber meinte, daß es ein einfacher Hufschmied wäre, aber Eulenspiegel brachte ihn zum Goldschmied, und der Goldschmied wollte haben hundert dänische Mark.

Der Schreiber wollte das nicht bezahlen und ging hin  und sagte das dem König. Der König ließ Eulenspiegel holen und sagte da zu ihm: "Eulenspiegel, was für einen teuren Hufbeschlag hast du machen lassen? Wenn ich alle meine Pferde sollte also beschlagen lassen, so müßte ich bald Land und Leute verkaufen. das war meine Meinung nicht, daß man das Pferd ließe mit Gold beschlagen."

Eulenspiegel sprach: "Gnädiger König, Ihr sagtet, es sollte der beste Hufbeschlag sein, und ich sollte euren Worten genungtun. Da dünkte mich, es gäbe keinen besseren Hufbeschlag als von Silber und von Gold."

Der König sprach: "Du bist mein allerliebstes Hofgesinde, du tust, wie ich dich heiße."  Und fing an zu lachen und bezahlte die hundert Mark zum Schmied. da gin Eulenspiegel und ließ die goldenen Hufeisen abbrechen und ließ sein Pferd mit Eisen beschlagen und blieb bei dem König bis an dessen Ende.

 

Wie Eulenspiegel sich zu Braunschweig verdingte zu einem Brotbäcker als Bäckersknecht und wie er Eulen und Meerkatzen buk.

Als Eulenspiegel nach Braunschweig  kam zu der Bäckerherberge, da wohnte ein Bäcker nahe bei, der rief ihn in sein Haus und fragte ihn, was er für ein Geselle wäre. Er sprach:  "Ich bin ein Bäckerknecht." Der Brotbäcker sprach: "Ich habe eben keinen Knecht, willst du mir dienen?" Eulenspiegel sagte ja.

Als er nun zwei Tage bei ihm gewesen war, Da hieß ihn der Bäcker auf den Abend backen, denn er könnte ihm nicht helfen bis an den Morgen.

Eulenspiegel sprach: ""Ja, was soll ich aber backen?"

 Der Bäcker war ein Schelm und sprach im Spott: "Du bist ein Bäckerknecht und fragst erst, was du backen sollst? Was pflegt man zu backen? Eulen oder Meerkatzen!" Und damit ging er schlafen.

Da ging Eulenspiegel in die Backstube und machte den Teig zu eitel Eulen und Meerkatzen, die ganze Backstube voll, und buk die.

Der Meister stand des Morgens auf und wollte ihm helfen. Und da er in die Backstube kam, so fand er weder Wecken noch Semmeln, sondern nur eitel Eulen und Meerkatzen. Da ward der Meister zornig und sprach: "Daß du das Fieber kriegst! Was hast Du da gebacken?"

Eulenspiegel sprach: "Was ihr mich geheißen habt, Eulen und Meerkatzen."

Der Bäcker sprach: "Was soll ich nun mit der Narretei tun? Solch Brot ist mir zu nichts nutz, ich kann das nicht zu Gelde machen," und ergriff Eulenspiegel beim Kragen und sprach: "Bezahl' mir meinen Teig!"

Eulenspiegel sprach: "JA, wenn ich euch den Teig bezahle, soll dann die Ware mein sein, die davon gebacken ist?"

Der Meister sprach: "Was frage ich nach solcher Ware ? Eulen und Meerkatzen sind mir in meinem Laden zu nichts nutze."

Also bezahlte Eulenspiegel dem Bäcker seinen Teig und nahm die gebackenen Eulen und Meerkatzen in einen Korb und trug sie aus dem hause in die Herberge >>Zum wilden Mann<<. Und Eulenspiegel dachte bei sich selber: Du hast oftmals gehört, man könnte nicht so seltsame Dinge gen Braunschweig zu Markte bringen, daß man nicht Geld daraus löste. Und es war an der Zeit, daß an dem anderen tage St. Niklasabend war. da stellte sich Eulenspiegel mit seiner Ware vor   die Kirche und verkaufte die Eulen und Meerkatzen alle und löste viel mehr Geld daraus, als er dem Bäcker für den teig gegeben hatte.

Das ward dem Bäcker kundgetan. Den verdroß es, und er lief vor die St. Niklaskirche und wollte den Preis für das Holz und den Lohn für das Backen der Dinge fordern. Da war Eulenspiegel schon hinweg mit dem Geld und der Bäcker hatte das Nachsehen.

 

 

Wie Eulenspiegel alle Kranken in einem Spital auf einmal ohne Arznei gesund machte.

Eines Tages kam Eulenspiegel gen Nürnberg und schlug große Briefe an die Kirchtüren und an das Rathaus und gab sich für einen guten Arzt für alle Krankheiten aus. Nun war eine große Zahl kranker menschen in dem neuen Spital daselbst, deren der Spitalmeister gern einen Teil ledig gewesen wäre. Also ging er hin zu Eulenspiegel, dem Arzt, und fragte ihn, ob er wirklich den Kranken helfen könnte; es solle ihm wohl gelohnt werden.

Eulenspiegel sprach er wollt' ihm seiner Kranken viele gesund machen, wenn er zweihundert Gulden anlegen und ihm zusagen wollte. Da sagte der Spitalmeister das Geld zu, wenn er seinen Kranken helfe. Also verpflichtete sich Eulenspiegel, so er die Kranken nicht auf die Beine brächte, sollt' er ihm nicht einen Pfennig geben. Das gefiel dem Spitalmeister wohl und er gab ihm 20 Gulden darauf.

Also ging Eulenspiegel in das Spital und nahm zwei Knechte mit sich und fragte die Kranken, jeden insbesondere, was ihm gebreche, und zuletzt, wenn er von ihm ging beschwor er ihn und sparch: "Was ich dir sage, das sollst du heimlich halten und niemand kundtun." Das sagten denn die Kranken Eulenspiegel auf Treu und Glauben zu. Danach sagte er jedem insbesondere: "Soll ich nun euch Kranke gesundmachen und auf die Füße bringen, das kann nicht anders geschehen, als indem ich einen von euch zu Pulver verbrenne und gebe es den anderen zu trinken! Darum, welcher von euch er schwächste ist und nicht gehen kann, den will ich von euch zu Pulver verbrennen, auf dasß ich den anderen helfen möge. Ich werde also mit dem Spitalmeister kommen und vor die Tür des Spitals treten und mit lauter Stimme  rufen: Wer nicht krank ist, der komme alsbald heraus! Das verschlafe du nicht, denn der letzte muß die zeche bezahlen."

Da nahm sich ein jeglicher wohl in acht, und da Eulenspiegel mit dem Spitalmeister kam, eilten sie sich mit kranken und lahmen Beinen, daß sie herauskamen und keiner wollte der letzte sein. Sobal Eulenspiegel rief, huben sie sich alle von dannen, darunter etliche, die in zehn Jahren nicht vom Bett gekommen waren. Da nun das Spital ganz leer ward und alle Kranken heraus waren, begehrte er seinen Lohn von dem Spitalmeister und sagte, er müsse eilends an ein ander Ende. Da gab der ihm das Geld zu großem Dank, womit Eulenspiegel hinwegritt.

Aber nach dreien Tagen kamen die Kranken alle wieder und beklagten sich ihrer Krankheit. Da fragte der Spitalmeister: "Wie geht das zu? Ich habe ihnen doch den großen Arzt geschickt, der ihnen doch so gut geholfen hat, daß sie alle auf ihren Füßen davongegangen sind." Da offenbarten die Kranken Eulenspiegels List, und der Spitalmeister merkte wohl den Betrug. Doch war Eulenspiegel hinweg, und man konnte ihm nichts anhaben.

 

Wie Eulenspiegel zu Bamberg um Geld aß

Mit Listen verdiente Eulenspiegel einstmals Geld zu Bamberg, als er von Nürnberg kam und sehr hungrig war.

Und er kam da in einer Wirtin Haus, die hieß Frau Königin. Die war denn eine fröhliche Wirtin und hieß ihn willkommen, denn sie sah an seinen Kleidern, dass es ein seltsamer Gast war. Als man nun des Morgens essen wollte, da fragte ihn die Wirtin, wie er es halten wollte, ob er an der Wirtstafel sitzen oder ob er nur diese oder jene Speise essen wollte. Eulenspiegel antwortete, er wäre ein armer Gesell, und bat sie , daß sie ihm um Gottes willen etwas wolle zu essen geben. Die Wirtin sprach: "Freund , in den Fleischbänken oder in den Brotbänken gibt man mir nichts umsonst, ich muss Geld dafür geben. Darum muss ich für das Essen auch Geld haben." 

Eulenspiegel sprach: "Ach Frau, es paßt mir auch wohl für Geld zu essen; für was oder wieviel soll ich hier essen und trinken?"

Die Frau sprach: "An der Herren Tisch für 24 Pfennig, und an der nächsten Tafel daneben für achtzehn Pfennig, und mit meinem Gesinde für 12 Pfennig."

Darauf antwortete Eulenspiegel: "Frau, das meiste Geld, das dient mir am allerbesten," und setzte sich an der Herren Tafel und aß sich gleich satt.

Als er nun voll war und wohl gegessen und getrunken hatte, sprach er zu der Wirtin, daß sie ihn zur Reise abfertigen sollte, denn er müsste wandern, da er nicht viel Zehrung hätte. "Lieber Gast sparch die Frau, "gebt mir für das Mahl vierundzwanzig Pfennig und geht, wohin ihr wollt; Gott geleite Euch."

"Nein sprach Eulenspiegel, "Ihr sollt mir vierundzwanzig Pfennig geben, wie Ihr gesagt habt, denn ihr spracht, an der Herren Tafel äße man für vierundzwanzig Pfennig. Das habe ich also verstanden, daß ich damit sollte Geld verdienen, denn es ward mir schwer genug. Ich aß, daß mir der Schweiß ausbrach, und ob es Leib und Leben gegolten hätte. Ich hätte nicht mehr essen können. Darum gebt mir meinen sauer verdienten Lohn.

"Freund", sprach die Wirtin, "Das ist wahr, Ihr habt wohl für drei Mann gegessen; daß ich Euch das aber noch dazu lohnen soll, das reimt sich ganz und gar nicht. Doch ist es nur um diese Mahlzeit zu tun, so mögt Ihr damit hingehen; ich gebe Euch aber nicht noch Geld dazu, das wäre verloren, begehre jedoch auch kein Geld von Euch. Kommt mir nicht wieder, denn sollte ich meine Gäste das Jahr über also speisen und nicht mehr Geld erheben als von Euch, ich müßte auf die Weise von haus und Hof lasen." Da schied Eulenspiegel von dannen und verdiente nicht viel Dank.

 

Wie Eulenspiegel einem Schuhmacher diente

Es war einmal ein Schuhmacher, der schlenderte viel lieber auf dem Markt umher, als daß er arbeitete, und hieß Eulenspiegel zuschneiden. Eulenspiegel fragte, welches Fasson er haben wollte. Der Schuhmacher sagte. Der Schuhmacher sagte: "Schneide zu groß und klein, wie der Schweinehirt aus dem Dorfe treibt." Eulenspiegel sagte: "Ja."

Der Schuhmacher ging aus , und Eulenspiegel schnitt zu und machte von dem Leder Schweine, Ochsen, Kälber, Schafe, Ziegen, Böcke und allerlei Vieh. Der Meister kam des Abends heim und wollte sehen, was sein Knecht zugeschnitten hatte. Da fand er diese Tiere von dem Leder geschnitten. Er ward böse und sprach zu Eulenspiegel: "Was hast du daraus gemacht, wie hast du mir das Leder also unnütz zerschnitten?"

Eulenspiegel sagte:" Lieber Meister, ich habe das so gemacht, wie ihrs gern habt." Der Meister sprach: "Das lügst du; ich wollte das nicht haben, daß du das solltest verderben, das habe ich dich nicht geheißen." Eulenspiegel sagte: "Meister, wozu ist der Zorn nötig? Ihr sagtet zu mir ich solle vom Leder zuschneiden groß und klein, wie der Schweinehirt aus dem Tore triebe. Das habe ich getan. Das ist offenbar."

Der Meister sprach: "So meinte ich das nicht. Ich meinte das also, daß es sollten kleine und große Schuhe sein, und die solltest du nähen, einen nach dem anderen." Eulenspiegel sprach: "Hättet ihr mich das also geheißen, so hätte ich das gern getan und tue das noch gern."

Nun, Eulenspiegel und sein Meister vertrugen sich miteinander und dieser vergab ihm das Zerschneiden, denn Eulenspiegel gelobte ihm, daß er's ihm machen wollte, so wie er es haben wollte und wie er's ihn hieße.

da schnitt der Schuhmacher Sohlleder zu und legte das Eulenspiegel vor und sagte: "Sieh', nähe die kleinen mit den großen, einen hinter den anderen," Eulenspiegel sagte ja und fing an zu nähen. Und sein Meister zögerte mit dem Ausgehen und wollte Eulenspiegel beobachten, wie er das machen würde. Also tat Eulenspiegel auch nach des Meisters Geheiß. Er nahm einen kleinen Schuh und einen großen und steckte den kleinen durch den großen und nähte die zusammen. und als der Meister fortschlendern wollte, da ward ihm bange, und er ging hin und sah, daß der einen Schuh durch den anderen nähte. Da sprach er: " Du bist mein rechter Knecht, du tust alles, wie ich's dich heiße." Eulenspiegel sagte: "Wer tut, was man ihn heißt, der wird nicht geschlagen, sonst geht es ihm umgekehrt." Der Meister sagte: "Ja, mein lieber Knecht, das ist so, meine Worte waren also, aber meine Meinung war nicht also. Ich meinte, du solltest ein paar kleine Schuhe machen und danach ein paar große Schuhe, oder die großen zuerst und die kleinen danach. Du tus nach den Worten, nicht nach der Meinung." Und er ward zornig und nahm ihm das zugeschnittene Leder und sagte: Nun passe auf! Sieh', da hast du andres Leder, schneide die Schuhe über einen Leisten." und er achtete nicht weiter darauf, denn er mußte notwendig ausgehen.

Der Meister ging seinem Gewerbe nach und war beinahe eine Stunde aus. Da dachte er auf einmal daran, daß er seinen Knecht hatte geheißen, die Schuhe über einen Leisten. Er ließ all sein Gewerbe stehen und lief eilig nach Hause. Da hatte Eulenspiegel inzwischen gesessen und hatte das Leder genommen und schnitt das alles über den kleinen Leisten. Als nun der Meister kam, da sah er, daß Eulenspiegel die Schuhe hatte geschnitten über den kleinen Leisten. da sprach er zu ihm: " Wie gehört der große Schuh zu dem kleinen Leisten?" Eulenspiegel sagte: "ja, Ihr wolltet das doch haben. Ich will das hernach schon noch machen und schneide den großen Schuh nun noch nach." Der Meister sprach: "Besser könnte ich einen kleinen Schuh schneiden aus einem größeren als einen großen aus dem kleinen; du nimmst immer nur einen Leisten, und der andere ist zu nichts gemacht." Eulenspiegel sagte: "Wahrhaftig Meister, Ihr Hießet mich, daß ich die Schuh' sollte zerschneiden über einen Leisten." Der Meister sagte: "Ich hieß dich wohl so lange, bis ich mit dir müßte an den galgen laufen!" und sprach weiter, er sollte ihm das Leder bezahlen, das er ihm verderbt hätte, damit er sich anderes Leder kaufen könnte. Eulenspiegel sagte: "Der Gerber kann das Leder wohl mehr machen," und stand auf und ging zu der Tür und kehrte sich im Hause um und sprach: "Komm ich in dies Haus nicht wieder, so bin ich doch hier gewesen." Und ging hinweg.

 

Wie Eulenspiegel sich bei einem Schneider verdingte

Eulenspiegel kam einstmals nach Berlin, da verdingte er sich als Schneiderknecht. Als er nun auf der Werkstatt saß, da sagte er Meister: "Knecht, willst du nähen, so nähe wohl und nähe, daß man es nicht sieht. "Eulenspiegel sagte ja und nahm die Nadel und das Gewand mit und kroch unter eine Bütte und steppte eine Naht über ein Knie und begann so darüber zu nähen. Der Schneider stand und sah das an und sprach zu ihm: "Was willst du tun? Das ist seltsam Nähwerk." Eulenspiegel sprach: "Meister, Ihr sagtet, ich sollte nähen, daß man's nicht sähe; so sieht es niemand." Der Schneider sprach: "Nein, mein lieber Knecht, hör' auf und nähe nicht mehr also, sondern beginn' zu nähen, daß man es sehen kann."

Das währte einen Tag oder drei, da arbeiteten sie einmal bis in die Nacht. Der Schneider ward müde und wollte zu Bett gehen. Da lag ein grauer Bauernrock, halb genäht, den warf er Eulenspiegel zu und sagte: "Sieh', mach' den Wolf  (Hier soviel wie grobes Tuch oder der daraus gefertigte Rock) vollends fertig und geh' danach auch zu Bett." Eulenspiegel sagte: "Ja, geht nur, ich will es schon recht machen." Der Meister ging zurück und dachte an nichts Böses. Eulenspiegel nahm den grauen Rock und schnitt ihn auf und machte daraus einen Kopf wie ein Wolf, dazu den Leib und die Beine, und sperrte das mit Stecken auseinander, daß es einem Wolfe gleichsah, und ging auch zu Bett.

Des Morgens stand der Meister auf und weckte Eulenspiegel auch und fand diesen Wolf in der Stube stehen. Der Schneider verwunderte sich, doch sah er wohl, was da gemacht war. Indem kam Eulenspiegel dazu. Da sprach der Schneider: "Was zum Teufel hast du daraus gemacht?" Er sprach "Einen Wolf, wie Ihr mich geheißen habt." Der Schneider sagte: "Solchen Wolf meinte ich nicht, nur den grauen Bauernrock, den nannte ich einen Wolf." Eulenspiegel sagte: "Lieber Meister, das wußte ich nicht. Hätte ich aber gewußt, daß Eure Meinung so gewesen wäre, ich hätte lieber den Rock gemacht als den Wolf." Nun, der Schneider gab sich damit zufrieden, war es doch einmal geschehen.

Nun fügte es sich nach etwa vier Tagen, daß der Meister eines Abends müde war und gern zeitig geschlagen hätte; doch wollte es ihn bedünken, daß es noch zu früh wäre, daß auch der Knecht zu Bett gehen sollte. Da lag da ein Rock, der war gemacht bis auf die Ärmel. Der Schneider nahm den Rock und die losen Ärmel und warf die Eulenspiegel zu und sagte: "Wirf die Ärmel an den Rock und geh' danach zu Bett." Eulenspiegel sagte ja. Der Meister ging zu Bett, und Eulenspiegel hängte den Rock an den Haken und zündete zwei Lichter an, zu jeder Seite des Rockes ein Licht, und nahm einen Ärmel und warf den daran und ging auf die andre Seite und warf den andern auch daran. Und wenn zwei Lichter waren ausgebrannt, so zündete er zwei andre an und warf die Ärmel an den Rock die Nacht hindurch bis an den Morgen. Da stand sein Meister auf und kam in die Stube, und Eulenspiegel kehrte sich an den Meister nicht und warf also mit den Ärmeln vor sich hin. Der Schneider stand und sah das an und sprach: "Was Teufel machst du nun für Gaukelspiel?" Eulenspiegel sprach ganz ernst: "Das ist für mich kein Gaukelspiel. Ich habe diese ganze Nacht gestanden und habe diese dummen Ärmel an diesen Rock geworfen, und sie wollen daran nicht kleben. Es wäre wohl besser gewesen, daß Ihr mich hättet heißen schlafen gehen, als daß Ihr mich sie hießet anwerfen und doch wußtet, daß es verlorene Arbeit war." Der Schneider sprach: "Ist das nun meine Schuld? Wußte ich, daß du das also verstehen wolltest? Ich meinte das nicht also, ich meinte, du solltest die Ärmel an den Rock nähen." Da sagte Eulenspiegel: "Das vergelt' Euch der Teufel! Pflegt Ihr ein Ding anders zu sagen also Ihr es meint, wie soll man das zusammenreimen? Hätte ich Eure Meinung so gewußt, ich wollte die Ärmel wohl gut haben angenäht und hätte auch ein paar Stunden geschlafen. Nun mögt Ihr den Tag sitzen und nähen, und ich will gehen und mich auch niederlegen und schlagen." Der Meister sagte: "Nein, nicht also, ich will dich nicht als einen Schläfer aushalten." Und sie gerieten so miteinander in Zank, daß der Schneider von Eulenspiegel verlangte, er sollte ihm die Lichter bezahlen, die er ihm darüber verbrannt hätte. Da raffte Eulenspiegel sein bißchen Habe zusammen und wanderte davon.

 

Wie Eulenspiegel die Schneider im ganzen Sachsenlande zusammenrief, um sie eine Kunst zu lehren, die ihnen und ihren Kindern gut tun sollte

Eulenspiegel schrieb aus ein Consilium und eine Versammlung der Schneider in den wendischen Städten und in dem Lande Sachsen und ebenso in dem Lande Holstein, Pommern, Stettin und Mecklenburg, auch zu Lübeck, zu Hamburg, zu Stralsund, zu Wismar und versicherte sie in dem Briefe großer Gunst; sie sollten zu ihm kommen, er wäre in der Stadt Rostock, er wollte sie eine Kunst lehren, die ihnen und ihren Kindern gut tun sollte für ewige Zeiten, solange die Welt stände.

Die Schneider in den Städten und Flecken und auf den Dörfern schrieben einander zu, was ihre Meinung darüber wäre. Sie schrieben alle, daß sie wollten in die Stadt kommen zur bestimmten Zeit, und sie wären alle da versammelt und alle verlangten zu erfahren, was das sein möchte, was Eulenspiegel ihnen sagen sollte oder was für eine Kunst er sie lehren wollte, nachdem er sie so dringend zusammengeschrieben hätte. Und sie kamen zusammen zur bestimmten Zeit zu Rostock, alle nach ihrem Bescheide, so daß sich viel Leute verwunderten, was die Schneider da tun wollten.

Als nun Eulenspiegel hörte, daß die Schneider ihm gefolgt wären, da ließ er sie wohl zusammenkommen, bis sie alle beieinander waren. Da sprachen die Schneider Eulenspiegel an, sie bäten ihn, daß er sie wollte fördern und die Kunst offenbaren und vermelden, sie wollten ihm auch ein Geschenk geben.
So kamen alle zusammen, und Eulenspiegel stieg in ein Haus und sah zu dem Fenster heraus und sprach: "Ehrbare Männer des Handwerks der Schneider! Ihr sollt merken und verstehen, wenn ihr habt eine Schere, Elle und Faden und einen Fingerhut, dazu eine Nadel, so habt ihr Zeug genug zu eurem Handwerk. Das zu bekommen, dazu braucht ihr keine Kunst, sondern es fügt sich das von selber, wenn ihr euer Handwerk treiben wollt. Aber diese Kunst habt ihr von mir, drum gedenket mein dabei; wenn ihr die Nadel eingefädelt habt, so vergesset das nicht, daß ihr an das andre Ende einen Knoten macht - oder ihr stecht manchen Stick umsonst -, dann hat der Faden keine Ursache, daß er aus der Nadel entwischt."
Ein Schneider sah den andern an, und sie sprachen zu einander: "Diese Kunst wußten wir alle wohl vorher und all das, was er uns gesagt hat," und fragten ihn, ob er noch etwas weiteres zu sagen hätte, denn der Fantasei wollten sie nicht zehn oder zwölf Meilen nachgezogen sein und darum Boten zueinander geschickt haben; diese Kunst hätten die Schneider wohl lange schon gewußt, vor mehr als tausend Jahren. Darauf antwortete ihnen Eulenspiegel und sprach: "Was vor tausend Jahren geschehen ist, da ist niemand, der dessen sich erinnern könnte." Auch sagte er, wenn es ihnen nicht zu Willen oder Dank wäre, so möchten sie das denn nehmen zu Unwillen und keinen Dank dazu haben, und männiglich könnte wieder gehen, wo er hergekommen wäre.

Da wurden die Schneider zornig auf ihn, da sie weit hergekommen waren und hätten sich gern an ihn herangemacht, aber sie konnten ihm nicht beikommen. Also gingen die Schneider wieder voneinander; ein Teil war zornig und fluchte und war ganz unwillig, daß sie also den weiten Weg umsonst gegangen und hätten sich nicht mehr als müde Beine geholt. Diejenigen aber, die in Rostock selbst zu Hause waren, die lachten und spotteten der andern, daß sie sich so hatten äffen lassen und sprachen, das wäre ihre eigne Schuld, daß sie dem Landtoren und Narren hätten geglaubt und ihm gefolgt wären, denn sie hätten lange wohl gewußt, was Eulenspiegel für ein loser  Vogel wäre.

 

Wie Eulenspiegel ein Brillenmacher wurde und in allen Landen keine Arbeit bekommen konnte

Zornig und zwieträchtig waren die Kurfürsten untereinander, so daß es keinen römischen Kaiser oder König gab. Da begab es sich, daß der Graf von Supplenburg (Soll wohl Lützelburg heißen. Dann wäre Herzog Karl gemeint, der 1347 die Würde des römischen Kaisers erlangte..) von allen Kurfürsten zum römischen König erkoren ward. Es waren aber einige da, die sich mit Gewalt in das Reich drängen zu können vermeinten. Da mußte dieser neu erkorene König sich sechs Monate vor Frankfurt legen und warten, wer ihn da hinweg schlüge. Als er nun so großes Volk zu Roß und zu Fuß beieinander hatte, bedachte Eulenspiegel, daß er da etwas schaffen könnte: Dahin kommen viel fremde Herren, die lassen mich nicht unbegabt; komme ich dann nur in ihren Dienst, so stehe ich mich wohl. Und er machte sich dahin auf den Weg. Da zogen die Herren aus allen Landen. Da begab sich's in der Wetterau bei Friedberg, daß der Bischof von Trier ( Erzbischof Balduin von Trier † 1354 ) mit seinem Volk Eulenspiegel auf dem Wege gen Frankfurt fand.
Da er nun seltsam gekleidet war, fragte ihn der Bischof, was er für ein Gesell wäre. Eulenspiegel antwortete: "Gnädiger Herr, ich bin ein Brillenmacher und komme aus Brabant. Da ist aber nichts zu tun, drum wollte ich nach Arbeit wandern, aber hier ist gar nichts mit unserm Handwerk." Der Bischof sprach: "Ich meinte, dein Handwerk sollte von Tag zu Tag besser werden, weil doch die Leute von Tag zu Tag gebrechlicher werden und an Gesicht abnehmen, weshalb man viele Brillen braucht." Eulenspiegel antwortete dem Bischof: "Ja, gnädiger Herr, Euer Gnaden sprechen wahr, aber eins, das verdirbt unser Handwerk." Der Bischof sprach: "Was ist das?" Eulenspiegel sprach: "Wenn ich das dürfte sagen, ohne daß Euer Gnaden darüber zürnen wollten!" - "Nein," sprach der Bischof, "wir sind das wohl gewöhnt von dir und deinesgleichen; sag's nur frei." - "Gnädiger Herr, das verdirbt das Brillenmacherhandwerk, so daß zu besorgen, es möchte noch ganz zugrunde gehen, daß Ihr und andre große Herren, Papst, Kardinäle, Bischöfe, Könige, Fürsten, Räte, Regierer, Richter in Stadt und Land (Gott erbarm's!) nun zurzeit durch die Finger sehet, was recht ist und das nicht selten um Geld und Gaben. Aber vor alten Zeiten findet man geschrieben, daß die Herren und Fürsten, so viel ihrer sind, in den Rechten pflegten zu lesen und zu studieren, auf daß niemandem Unrecht geschehe, und dazu hatten sie viele Brillen nötig,  und da stand's um unser Handwerk gut. Auch studierten die Pfaffen zu der Zeit mehr, als sie nun tun, also gingen die Brillen ab. Doch jetzt sind sie so gelehrt geworden von den Büchern, die sie kaufen, daß sie ihre Sache auswendig wissen und darum ihre Bücher oft in vier Wochen nicht mehr als einmal auftun. Deshalb ist unser Handwerk verdorben, und ich laufe aus einem Land in das andre und kann nirgends Arbeit bekommen; das Übel ist so weit gekommen, daß dies sogar die Bauern auf dem Lande pflegen und durch die Finger sehen." Der Bischof verstand den Text ohne Glosse und sprach zu Eulenspiegel: "Folge uns nach gen Frankfurt, wir wollen dir unser Wappen und Kleid geben." ( Als Zeichen, daß Eulenspiegel hinfort zum Gesinde des Bischofs gehöre.) Eulenspiegel tat also und blieb so lange bei dem Herrn, bis der Graf zum Kaiser bestätigt wurde, dann zog er mit dem Kaiser wieder nach Sachsen.

 

Wie Eulenspiegel einen Wirt zu Eisleben mit einem Wolf erschreckte.

In Eisleben wohnte ein Wirt, der war spöttisch und prahlmütig und bildete sich ein, daß er ein wunder wie großer Wirt sei. Da kam Eulenspiegel in diese Herberge und es war in Wintertagen, da großer Schnee lag. Da kamen drei Kaufleute aus Sachsen, die wollten gen Nürnberg und kamen bei finsterer Nacht in die Herberge. Und der Wirt war gar behende mit dem Mund und hieß die drei Kaufleute willkommen mit eiligen Worten und sprach, woher zum Teufel sie kämen, daß sie so lange gewesen und so spät in die Herberge gekommen. Die Kaufleute sprachen: "Herr Wirt, Ihr dürft mit uns nicht so schelten, uns ist unterwegs ein Abenteuer widerfahren, uns hat ein Wolf viel Leid getan, daß wir uns mit ihm schlagen mußten und das hielt uns so lange auf." Da der Wirt das hörte, da war er ganz spöttisch auf sie und sprach, das wäre eine Schande, daß sie sich ließen von einem Wolfe beißen und hindern. Und wenn er allein in dem Felde wäre und ihm zwei Wölfe im Moor begegneten, die wollte er schlagen und verjagen, davor sollte ihm nicht grauen. Und ihrer wären drei gewesen und hätten sich von einem Wolfe schrecken lassen!
Das währte den ganzen Abend, daß der Wirt diese Kaufleute so hänselte; und Eulenspiegel saß dabei und hörte das Gespött. Als sie nun zu Bett gingen, da wurden die Kaufleute und Eulenspiegel in eine Kammer gelegt. Da sprachen die Kaufleute untereinander, wie sie das nun machen könnten, daß sie dem Wirt sein Gespött heimzahlten. Da sprach Eulenspiegel; "Liebe Freunde, ich merke wohl, daß der Wirt ein arger Prahler ist. Wollt ihr mich hören? Ich will ihn bezahlen, daß er euch nimmermehr von dem Wolfe sagen soll." Den Kaufleuten gefiel das wohl und sie gelobten ihm Geld zu geben. Da sprach Eulenspiegel, sie sollten hin reiten ihrem Kaufmannsgute nach und wenn sie auf der Rückseite wieder zur Herberge kämen, so wollte er auch da sein und dann wollten sie ihn bezahlen.
Das geschah. Die Kaufleute waren reisefertig und bezahlten ihre Zehrung, auch die für Eulenspiegel und ritten aus der Herberge. Und der Wirt rief den Kaufleuten zum Spott nach: "Ihr Kaufleute, seht zu, daß euch kein Wolf auf der Wiese bekomme!" Die Kaufleute sprachen: "Herr Wirt, des habt Dank, daß Ihr uns warnt. Geschieht's, daß uns die Wölfe aufessen, so kommen wir nicht wieder; und fressen Euch die Wölfe, so finden wir Euch nicht wieder hier." Und damit ritten sie hinweg.

Da ritt Eulenspiegel nach dem Harz und stellte den Wölfen nach und Gott gab ihm das Glück, daß er einen fing. Den tötete er und ließ den Wolf  hart frieren. Gegen die Zeit, wo die Kaufleute wieder gen Eisleben wollten in die Herberge kommen, da nahm Eulenspiegel den toten Wolf heimlich in einen Sack und ritt wieder gen Eisleben und fand die drei Kaufleute da, wie sie verabredet hatten. Und er hatte den Wolf gebracht, ohne daß jemand davon wußte. Des Abends während des Nachtessens, da spottete der Wirt noch mit den Kaufleuten über den Wolf und prahlte groß, wie er die zwei Wölfe wollte in Stücke schlagen. Und das währte den ganzen Abend, bis sie zu Bett gehen wollten. Und Eulenspiegel schwieg so lange still, bis er zu den Kaufleuten in die Kammer kam.
Da sprach Eulenspiegel zu den Kaufleuten: "Gute Freunde, seid still und wachet; was ich will, das wollt ihr auch; laßt mir ein Licht brennen." Als nun der Wirt mit all seinem Gesinde zu Bett war, schlich Eulenspiegel leise von der Kammer und nahm den toten Wolf, der hart gefroren war und trug ihn zu dem Feuer und stützte ihn von unten mit Stöcken, daß er aufrecht stand und sperrte ihm das Maul weit auf und steckte ihm zwei Kinderschuhe in das Maul und ging wieder zu den Kaufleuten in die Kammer und rief: "Herr Wirt!" Der Wirt hörte das, denn er war noch nicht eingeschlafen und rief wieder, was sie wollten, ob sie wieder ein Wolf beißen wollte. Da riefen sie: "Ach, lieber Herr Wirt, sendet uns die Magd oder den Knecht, daß er uns zu trinken bringe, wir können vor Durst nirgends bleiben." So riefen die Kaufleute. Der Wirt ward zornig und sprach: "Das ist der Sachsen Art, die saufen Tag und Nacht," und rief die Magd, daß sie ihnen Trinken in die Kammer brächte.

Die Magd stand auf und ging zum Feuer und wollte ein Licht anzünden, da sah sie auf und sah dem Wolf gerade ins Maul. Sie erschrak und ließ das Licht fallen und lief in den Hof und meinte nicht anders, als der Wolf hätte die Kinder schon aufgefressen. Eulenspiegel und die Kaufleute riefen immer weiter um Trinken. Der Wirt meinte, die Magd wäre eingeschlafen und rief den Knecht. Der Knecht stand auf und  wollte auch ein Licht anzünden. Da sah er den Wolf auch da stehen und meinte, daß er die Magd hätte gar gefressen und ließ das Licht fallen und lief in den Keller.

Eulenspiegel und die Kaufleute hörten diese Dinge und Eulenspiegel sagte: "Seid guter Dinge; das Spiel will jetzt gut werden." Eulenspiegel und die Kaufleute riefen jetzt zum dritten mal, wo der Knecht und die Magd wären, daß sie ihnen kein Trinken brächten; der Wirt sollte doch selber kommen und ein Licht bringen, sie könnten nicht aus der Kammer kommen. Der Wirt meinte nicht anders, als der Knecht wäre auch eingeschlafen und stand auf und ward zornig und sprach: "Hat der Teufel die Sachsen geschaffen mit ihrem Saufen?" und zündete ein Licht am Feuer an. Und als er den Wolf oben an dem Herde stehen sah mit den Schuhen im Maul, da fing er an zu schreien und rief: "Mordio! Rettet, liebe Freunde!" und lief zu den Kaufleuten, die in der Kammer waren und sprach: "Liebe Freunde, kommt mir zu Hilfe, ein grausig Tier steht bei dem Feuer und hat mit die Kinder, die Magd mitsamt dem Knecht aufgefressen!"
Die Kaufleute waren bald bereit und Eulenspiegel auch, und so gingen sie mit dem Wirte zu dem Feuer, der Knecht kam aus dem Keller, die Magd kam aus dem Hofe, die Frau brachte die Kinder aus der Kammer, dieweil sie alle noch lebten. Und Eulenspiegel ging herzu und stieß den Wolf mit dem Fuß um: der lag da und rechte keinen Fuß. Eulenspiegel sagte: "Das ist ein toter Wolf. Macht Ihr daraus so ein Geschrei? Was seid Ihr für ein Hasenfuß! Beißt Euch schon ein toter Wolf in Eurem Haus und jagt Euch und all Euer Gesinde in die Winkel? Und ist nicht lange her, da wolltet Ihr zwei Wölfe, die lebendig wären, in dem Felde schlagen! Aber Ihr habt nur in Worten, was mancher im Sinn."
Der Wirt hörte und merkte, daß er genarrt war und ging in die Kammer zu Bett und schämte sich seiner großen Worte und daß in ein toter Wolf mit allem Gesinde genarrt hätte. Die Kaufleute lachten und bezahlten, was sie und Eulenspiegel verzehrt hatten und ritten von dannen. Seit der Zeit sprach der Wirt nicht soviel mehr von seiner Mannhaftigkeit.

 

Wie Eulenspiegel zu Quedlinburg Hühner kaufte

Nach dem Volksbuch von Till Eulenspiegel in Reime gebracht von Johann Fischart (um 1570)

Gleich wie gewonnen, so zerronnen,
das unrecht Gut verschmelzt die Sonnen.
Nach des Sprichworts gemeinem Brauch
geschah dem Eulenspiegel auch:
Weil er das Geld, das er gewann
von Juden, hat so fein vertan
in kurzer Zeit, daß er gar nit
konnt' wissen, wie er's hatt' verschütt'.
So mußt' er jetzund sehen zu,
wie er es mach' und wie ihm tu,
daß er auch wieder Geld bekäm',
daß er der Welt würd' angenehm.
Da er nun war auf eine Zeit
zu Quedlinburg, welch's ist beschreit1)
vom Fürstlichen Kloster, arinnen
sonst nichts al s Gräfin'n wohnen können.
Daselbst er auf den Markt da ging,
ob ihm das Glück doch etwas bring'.
Wie er sich lang' drauf täte spitzen,
sieht er dort eine Bäurin sitzen,
die einen Korb voll Hühner hätt'
mit einem Hahnen, der war fett.
Die fragt der Eulenspiegel gleich,
was wohl das Par doch gelt' vielleicht.
Sie antwort't: "Ich geb' Euch das Paar
für gut zween Steffans-Groschen2) zwar."
"Ei," sagt der Eulenspiegel bald,
"Ihr gebt es näher3), wie ich halt'."
"Nein", sprach sie, "näher geb' ich's nicht!"
Der Eulenspiegel, abgericht',
nahm mit dem Korb gleich drauf die Hühner;
die Frau, die folgt ihm wie ein Diener.
Und wie er zu dem Burgtor kam,
da ruft sie: "Wie heißt Euer Nam'?
Hört Kaufmann, wo wollt Ihr hingehn?
Wie soll ich dieses doch verstehn?
Willst du mir nicht die Hühner zahlen?
Das sollt' mir wahrlich nicht gefallen,."
"Ei ja", sprach er, "weißt du nicht, Weib,
daß ich der Abtissin hier schreib'?"
"Danach frag ich nichts," sprach sie dann,
"bezahl' die Hühner, willst sie han,
ich hab' bei deiner Abtissin
gar nichts zu tun, mit meinen Wissen.
Mein Vater lehrte mich einmal,
daß ich von dem nichts kaufen soll
oder zu Borg dem etwas leihen,
vor dem man sich muß allzeit neigen,
drum zahlt mir nur die Hühner schlecht,
ich hab' sonst hier vielleicht kein Recht."
"Wie tut Ihr so, mein' liebe Frau?
Ihr seht doch, daß ich Euch wohl trau'.
Es wär' nicht gut, daß Kaufleut' all
so übel trauten in dem Fall,
gleich wie Ihr karge Frauen tut,
liegt doch nicht dran so großes Gut.
Sonst müßten wir Stallbrüder4)wohl
gar elend sein und nimmer voll.
Nun, daß ihr seht, daß ich nicht lüg',
und daß ich euch nicht gern betrüg',
so nehmt den Hahnen hin zum Pfand,
so gibt es keinen Mißverstand,
bis ich den Korb bring' und das Geld,
welch's sich nur in dem Kloster hält.
Ich werd' den Hahnen von den Hennen
nicht lassen, das könnt Ihr erkennen."
Die gut' Frau ihm die Hühner borgt,
sie meint, sie wär' sehr wohl versorgt,
weil's zu Pfand ihren Hahnen hätt';
sie ward zwar grob da überred't.
Denn sie ward schändlich da betrogen,
der Eulenspiegel hat gelogen
und die gut' Frau lassen warten
und hat gespielet seine Karten
und gesehen, wo er sie verschlemmt,
die Hühner, die er hatt' entfremd't.
Es g'schah der guten Frauen auch,
wie es noch täglich ist im Brauch:
Der sich am besten will versehen,
dem ist zuerst der Poß geschehen.

1) Bekannt ("beschrien"=viel genannt, berufen).
2) Alte Münze des Bistums Halberstadt
3) Billiger
4)Kameraden, Kumpane

 

Wie sich Eulenspiegel bei einem Bauern verdingte

Eulenspiegel hatte sich bei einem Bauern verdingt. Einstmals wollte der Bauer mit seinem KnechtEulenspiegel in den Wald fahren, um einen Karren voll Holz zu holen. Der Knecht saß auf dem Pferd, und der Meister saß hinter dem Pferd auf den Wagenbäumen. Da sah der Meister einen Hasen vor sich über den Weg laufen und sprach:"Knecht kehr' wieder um, es bedeutet Unglück, wenn ein Hase einem über den Weg läuft; wir wollen heute etwas andres tun." Er fuhr wieder heim, und des anderen Tags fuhren sie wieder hinaus.

Als sie nahe an den Wald kamen, da sprach Eulenspiegel: "Meister, es ist da vorne ein Wolf über den Weg gelaufen." Der Meister sprach: "Fahr' hin, es bedeutet eitel Glück, wenn ein Wolf über den Weg läuft." Sie fuhren hin und spannten das Pferd aus auf der Weide und ließen den Karren stehen und gingen in den Wald und fällten Holz. Alsdann schickte der Meister nach dem Pferd und Karren, dass sie auflüden und heimführen.

Als der gute Knecht vor den Wald kommt, sieht er, dass das Pferd niedergeworfen ist und der Wolf mit dem Kopf in ihm steckt und frißt. Eulenspiegel war heimlich froh, lief hin und rief dem Meister und spraxh: "Kommt, Meister, das Glück steckt in dem Pferde." Der Meister sprach: "Was sagst du?" Eulenspiegel sprach: "Geht bald, oder ihr versäumt das Glück  Da ging der Bauer hinzu und sah den Wolf im Pferde stecken und fressen. Da sorach der Knecht: "Meister hättet ihr uns dem Hasen lassen nachfahren, der hätte Euch das Pferd nicht gefressen, " und sprach weiter: "Meister, Ihr seid abergläubisch, ich will Urlaub haben."

 

Wie Eulenspiegel den Wirt mit dem Klang vom Gelde bezahlte.

Lange Zeit war Eulenspiegel in Köln in einer und der selben Herberge. Da begab es sich eines Tages, das die Kost so spät aufs Feuer gebracht wurde, daß es hoch Mittag war, ehe angerichtet wurde. Das verdroß Eulenspiegel sehr, daß er so lange fasten sollte. Das sah der Wirt wohl an ihm, daß ihn das verdroßund sprach zu ihm, wer nicht warten könnte, bis die Kost angerichtet würde. der möchte essen, was er hätte. Eulenspiegel ging an ein Ende des Tisches und aß eine trockene Semmel auf und setzte sich auf den Herd und begoß den Braten so lange, bis er gar genug war und es zwölf schlug.

Der Tisch ward gedeckt, die Kost ward aufgetragen, der Wirt ging mit den Gästen sitzen und Eulenspiegel blieb in der Küche. Der Wirt sprach: "Wie, willst du nicht zu Tisch sitzen?" "Nein,"  sprach er, "ich mag nicht essen, ich bin von dem Geruch des Bratens satt geworden." Der Wirt schwieg und aß mit den Gästen, und nach der Essenszeit bezahlten diese ihre Zeche, der eine wanderte, der andre blieb und Eulenspiegel saß bei dem Feuer. Da kam der Wirt mit dem Zahlbrett und war zornig und sprach zu Eulenspiegel er solle zwei kölnische Weißpfennige für das mahl drauflegen. Eulenspiegel sprach: "Herr Wirt, seid Ihr ein solcher Mann, daß Ihr Geld nehmt von einem, der da Eure Kost nicht ißt?" Der Wirt sprach barsch, er sollte das Geld geben; hätte er auch nicht gegessen, so wäre er doch von dem Geruch satt geworden; er hätte dagesesen bei dem Braten, das wäre so viel, als hätte er an der Tafel gesessen und hätte davon gegessen, das wollte er ihm für ein Mahl anrechnen.

Eulenspiegel zog hervor einen kölnischen Weißpfennig und warf den auf die Bank und sprach: "Herr Wirt, hört Ihr wohl diesen Klang?" Der Wirt sprach: "Diesen Klang höre ich wohl." .Eulenspiegel war eilig bei dem Pfennig und warf ihn wieder in den Säckel und sagte: "Sp viel, wie Euch der Klang hilft von dem Pfennig, so viel hilft mir der Geruch von dem Braten in meinem Bauch." Der Wirt ward unwirsch, denn er wollte den Weißpfennig haben, und Eulenspiegel wollte ihn nicht geben und berief sich auf das Gericht. Der Wirt gab es auf mit ihm zu rechten, und ließ ihn im Guten fahren. Und Eulenspiegel zog von dannen, so daß ihn der Wirt mit der Zehrung ehrte.

 

Wie Eulenspiegel begraben wurde.

Bei Eulenspiegel Begräbnis in Mölln ging es wunderlich zu. Denn als sie alle auf dem Kirchhof um den Totenbaum standen, in dem Eulenspiegel lag, und ihn auf die beiden Seile legten, und ihn ins Grab senken wollten, da riß das Seil am Fußende entzwei, und der Baum schoß in das Grab, so daß Eulenspiegel im Sarg auf die Füße zu stehen kam. Da sprachen alle, die dabeistanden: "Laßt ihn nur stehen, denn er ist wunderlich gewesen in seinem Leben, wunderlich will er auch sein in seinem Tod." Also warfen sie das Grab zu und lie0en ihn also stehen und setzen ihm einen Stein oben auf das Grab und hieben auf die eine Hälfte eine Eule und einen Spiegel, den die Eule in den Klauen hatte, und schrieben oben auf den Stein:

Disen stein sol nieman erhaben,

hie stat Ulenspiegel begraben

Anno domini MCCCL Iar.

Anmerkung: Der Totenbaum auch Stock genannt, ist ein ausgehöhlter Baumstamm, an den die Leiche festgebunden wurde, der also als Sag diente.


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