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Das Spiel mit der Wahrscheinlichkeit
Die
Kritiker der Evolutionslehre gehen davon aus, dass bereits die
winzigsten Lebewesen eine erstaunliche Komplexität aufweisen und
rechnen nun mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung aus, wie häufig exakt
einer dieser Organismen durch zufällige Vertauschungen der Nukleotide
seiner Gensequenz entstanden sein könnte. Berechnet man auf die gleiche
Weise, ob ein Kristall in einer gesättigten wässrigen Lösung
entstehen kann, so kommt man zu dem Ergebnis, dass Kristalle in
wässrigen Lösungen (z. B. Salzkristalle) fast nie entstehen können,
was natürlich, wie jeder weiß, falsch ist. Man muss sich also fragen,
welche Fehler einem bei dieser Rechnung unterlaufen sind.
Ein weiterer Punkt ist, dass
Leben nicht von seiner Struktur her definiert ist, sondern von seiner
Funktion. Leben ist definiert als ein von einer Membran
eingeschlossenes biochemisches Gebilde, das einen Stoffwechsel hat und
in der Lage ist sich selbst zu reproduzieren. Diese beiden Funktionen
können in recht unterschiedlichen chemischen Netzwerken realisiert sein,
was sich ja schon an der Vielzahl unterschiedlicher Lebewesen zeigt.
Derjenige, der die Evolutionstheorie in dieser Weise kritisiert, begeht
also den Fehler, dass er die Entstehungswahrscheinlichkeit eines
Organismus berechnet ohne die Lösungsmenge zu kennen, geschweige denn
sie zu berücksichtigen. Die
Struktur eines Lebewesens ist auch nur in gewissen Bereichen in einem
bestimmten Entwicklungsstadium der Zelle konstant. Ansonsten lebt ein
Lebewesen von der Veränderung seiner Struktur.
Gehen wir dazu erst einmal der Frage nach, was man
mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung berechnen kann und was nicht.
Berechnen lässt sich die Häufigkeit, mit der bestimmte Ereignisse
unter einer Vielzahl von gleich möglichen Ereignissen auftreten. Aus
Wahrscheinlichkeitsrechnungen ergeben sich jedoch keine Aussagen
darüber, wann ein Ereignis eintrifft.
Beispiel:
Würfelt man ca 600 Mal, so ist zu erwarten, daß die
Zahl 1 etwa zwischen 50 und 150 Mal gewürfelt wird (ca 1 / 6 Mal).
Möglich ist aber auch, dass die Zahl 1 überhaupt nicht gewürfelt
wird. Nur dieser Fall ist recht unwahrscheinlich, es sei denn
der Würfel wurde präpariert oder der Wurf erfolgte in exakt
definierter Weise. In diesem Fall sind die möglichen Ereignisse nicht
mehr gleichmäßig verteilt. Es handelt sich also nicht mehr
um einen reinen Zufallsprozess, sondern hier dominieren ganz
bestimmte funktionale Abläufe, die - wie übrigens alle funktionalen
Abläufe - eine ganz bestimmte Ordnung erzeugen.

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Das Bild besteht aus aneinandergereihten
Strichfolgen, deren Länge und Richtung per Zufallszahlengenerator
bestimmt wurde. Die einzelnen Strichfolgen wurden wiederum mehrmals
aneinandergereiht. Schließlich wurde der erste Quadrant noch an der
Waagerechten und der Vertikalen gespiegelt. So generierte das Programm
dieses Bild, das den Eindruck von Ordnung vermittelt und doch ein
Zufallsprodukt ist.
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Wenn die Strichfolge aus weniger als 20 Strichen
besteht, so werden Wellenlinien generiert.
Bei Strichfolgen mit 300 oder mehr Strichen entstehen
hochkomplexe filigrane Gebilde. Je größer die Anzahl der Striche in
einer Folge ist, bei nahezu gleicher Länge der einzelnen Striche, desto
mehr konzentriert sich das Gewirr aus einzelnen Strichen aus
makroskopischer Sicht auf einen Punkt, der sich nur langsam bewegt,
denn die Richtung der Striche ist statistisch gleich verteilt. Erst
durch ein Aneinandersetzen der langen Strichfolge entsteht die Bewegung.
Grob betrachtet entstehen so Massepunkte. Vielleicht ist diese
Vorstellung ein brauchbares Modell für die Darstellung der Materie.
Siehe hierzu auch das java-Applet.
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Bevor man anfangen kann, die Wahrscheinlichkeit zu
berechnen, muss man also sehr genau untersuchen, welche Eigenschaften
die einzelnen beweglichen Teile des Systems haben, in welcher Beziehung
sie zueinander stehen und wie die Umgebung beschaffen ist, denn
chemische Prozesse werden ganz wesentlich von Randbedingungen
beeinflusst.
Um zu klären, ob die Entstehung der Lebewesen auf
einen Evolutionsprozess zurückzuführen ist, muss man das gesamte
chemische Umfeld betrachten. U. a. muss folgendes berücksichtigt
werden:
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Die Bindungspräferenzen von Molekülen,
die im wesentlichen den Ablauf von chemischen Reaktionen
bestimmen. Sie hängen
ihrerseits ab von der Systemumgebung (z. B. Temperatur, Druck,
Konzentration, Art der Moleküle, Katalysatoren, Inhibitoren u. s. w.).
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Die Lösungsvielfalt! Es gibt doch nicht nur
einen lebenden Organismus, sondern nach Schätzungen mehrere
hunderttausend Arten. Berücksichtigt man noch, dass ein Organismus
auch nach einer genetischen Veränderung in den meisten Fällen noch
funktionsfähig bleibt, so ergibt sich eine gigantische
Lösungsvielfalt. Selbst innerhalb einer Art weisen zwischen 5 und 15
% der Gene kleine Unterschiede auf, die es uns ermöglichen jedes
Lebewesen als Individuum zu erkennen. Innerhalb der menschlichen
Art unterscheiden sich die Gene zweier Menschen um ca 0,1%. Dies
ist eines der Ergebnisse des Human Genom Projekts. Viele der in
Lebewesen produzierten Enzyme unterscheiden sich von Art zu Art
(siehe
Die Evolutionsgeschichte des Enzyms CytochromC). Beim Menschen sind etwa 6,7 %
der Gene leicht unterschiedlich. Für den Menschen ergibt sich daraus
eine Lösungsvielfalt von 10 hoch 2017 (Eine 1 mit 2017 Nullen)
(Quelle: "Evolution" Spektrum akademischer Verlag). Wer meint,
dass diese Zahl zu hoch gegriffen ist, der betrachte einmal die
Zahl unterschiedlicher menschlicher Gesichter, die
Kombinationsmöglichkeiten bei den Blutgruppen, bei der
Augenfarbe, bei der Haarfarbe, bei der Hautfarbe, bei
der Körpergröße u. s. w.
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Die
Fehlertoleranz von Lebewesen! Bakterien, aber auch Insekten können
auch an für sie giftige Umgebungen (z. B. Insektizide) adaptiert
werden. D. h. der ganze Stoffwechsel passt sich der giftigen
Umgebung an. Auch beim Menschen gibt es Gewöhnungseffekte bei
bestimmte Arzneien.
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In mehrzelligen Organismen sind oft nur
zwischen 2% und 8% des genetischen Materials aktiviert ist (je
nach Funktion der Zelle).
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Nicht
alle Gene eines Organismus sind für diesen überlebenswichtig. Wie
viele Gene ein bakterieller Organismus mindestens benötigt, wird
derzeit im Rahmen des "Minimal Genom Project" untersucht. Die
Forschergruppe um Craig Venter experimentiert derzeit mit dem
Bakterium mycoplama genitalium, das u. a. auch im menschlichen
Genitalbereich lebt. Es hat nur 517 Gene (der Mensch hat rund 30000
Gene). Die Forscher schätzen, dass dieses Bakterium zum Überleben
nur so zwischen 265 und 350 Gene benötigt. Derzeit versucht man dies
herauszufinden, indem man einzelne Gene entfernt. (Natur & Kosmos
März 2003)
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Vergleichende Untersuchungen an Biopolymeren haben ergeben, dass
sehr viele verschiedene Nukleotid- oder Aminosäuresequenzen zu
Nukleinsäure bzw. Proteinstrukturen mit etwa den selben
Eigenschaften führen. In Computerexperimenten zeigt sich, dass man
nur einen Bruchteil aller Sequenzen durchsuchen muss, um eine
vorgegebene Struktur zu finden. So kann man nachweisen, dass alle
für das irdische Leben wesentlichen Sekundärstrukturen von Sequenzen
aus 100 Nukleotiden durch maximal 20 Nukleotidsubstitutionen von
jeder Zufallssequenz aus erreichbar sind. Anstelle der insgesamt ca
1060 RNA-Sequenzen, die als
kombinatorische Vielfalt bei 100 Nukleotiden möglich sind, braucht
man "nur" höchstens 1030 Sequenzen
zu untersuchen, um eine geeignete Struktur zu finden, d. h. eine
Struktur mit einer bestimmten Funktion. (Quelle:
P. Schuster P (1994) Molekulare Evolution an der Schwelle zwischen
Chemie und Biologie. In: W. Wieser (1994; Hrsg.) Die Evolution der
Evolutionstheorie. Von Darwin zur DNA Heidelberg. Berlin; Oxford,
Spektrum akademischer Verlag, S. 62-63).
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Die riesige Oberfläche der Erde! Riesig ist die
Oberfläche der Erde vor allem im Vergleich zur Größe der
Moleküle.
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Die unterschiedlichen Bedingungen, die auf der
Erde herrschen. Heiße Vulkane, Sümpfe, riesige Wasserflächen,
Landgebiete mit den unterschiedlichsten Mineralien. Dies alles
ermöglicht unzählige chemische Reaktionen, die gleichzeitig
ablaufen können. Dabei muss man auch noch bedenken, dass chemische
Reaktionen mit enorm hohen Geschwindigkeiten ablaufen
können. Ein einzelnes Enzym-Molekül (Bio-Katalysator) kann
unter günstigen Bedingungen (ca 30 Celsius, Reaktionspartner in der Nähe)
pro Sekunde mehrere hundert Moleküle synthetisieren. In
einer menschlichen Zelle werden nach Schätzungen ca 10 Millionen
ATP-Moleküle pro Sekunde umgesetzt.
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Angenommen wir leben in einem unendlich großen Universum, das zu
einem gewissen Prozentsatz mit Materie angefüllt ist. Dann folgt aus
der Unendlichkeit dieses Universums und seiner Dynamik, dass jede molekulare
Konstellation die prinzipiell entstehen kann (z. B. die
Konstellation einer Urform der lebenden Zelle) auch irgendwo in diesem
Universum realisiert wird oder bereits realisiert ist.
Aber selbst wenn wir in einem
endlichen Universum leben, dann gibt es, was die Urform der lebenden
Zelle anbetrifft einen Wald von
Lösungen, aber man weiß bis heute nicht welche Prozessbedingungen
(Randbedingungen chemischer Reaktionen) notwendig sind, um diesen
Wald zu erreichen. Aber wenn auch nur eine der Lösungen in diesem
Wald erreicht wird, dann kommt es zur Zündung eines
Evolutionsprozesses, der sowohl zu einer allmählichen Normierung
einzelner Arten führt als auch zu einer Differenzierung infolge von
Mutation, Selektion und Isolation. Man weiß nur, dass die Erde in
ihrem Urzustand offenbar akzeptable Bedingungen dafür geboten
hat. Dies zeigen u. a. die Versuche von Stanley L. Miller und
Harold C. Urey Anfang der fünfziger Jahre (1952) durchgeführt wurden
(siehe Mechanismen der Evolution).
Ein Streitpunkt ist auch, was man als kleinste
Einheit des Lebens definiert. Ist es eine Zelle, ein sich selbst
reproduzierendes System unterschiedlicher Moleküle oder ist es ein
Makromolekül, das sich wie ein Virus innerhalb bestimmter Molekül-Systeme reproduzieren kann? Eine Bakterienzelle enthält jedenfalls wesentlich
mehr, als für den Start eines Evolutionsprozesses nötig ist, z. B.
primitive Mechanismen zur Steuerung der Bewegung und zum Erkennen der
Nahrung. Als Startbedingung für einen Evolutions-Prozeß genügt
ein modulartig erweiterbares Molekül, das sich innerhalb eines
Systems von unterschiedlichen Molekülen selbst reproduzieren kann
oder ein System unterschiedlicher Moleküle, die sich als chemisches
Netzwerk gegenseitig reproduzieren und dies innerhalb einer Membran,
die nur bestimmte Stoffwechselreaktionen zulässt (siehe das Kapitel
emergente Organisationen).
Sich selbst reproduzierende Moleküle müssen keine Riesenmoleküle
wie die menschliche DNA sein. Es kann auch eine RNA sein. Aus dem
Einzeller Tetrahymena Thermophila konnte man eine RNA isolieren, die
sich selbst reproduzieren kann (Quelle: Zeitschrift
"Spektrum" Spektrum akademischer Verlag Januar 1987). Die
Kettenlänge dieses Moleküls bestand aus ca 400 Nukleotiden. Die zahlreichen Experimente zur Evolutionstheorie
zeigen, dass unter bestimmten Bedingungen Makromoleküle mit einer
Kettenlänge von 200 und mehr Aminosäuren in der Kette entstehen.
Damit ist nicht ausgeschlossen, dass kurzfristig auch Kettenlängen von
400 Nukleotiden entstehen.
Die Entstehung des Lebens als Ergebnis eines
chemischen Evolutionsprozesses ist also durchaus nicht so
unwahrscheinlich, wie es von manchen Kritikern der Evolutionslehre
dargestellt wird.
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