Gedächtnisprotokoll eines Interviews mit Pater Schöndorf S. J. am 22. 1. 2004 19:45 Uhr


Frau Seidl im Gespräch mit Pater Schöndorf

Ursprünglich sollte das Interview um 19:00 Uhr beginnen. Also war ich bereits um 18:30 da, aber da waren nur eine Studentin und ein Student da, die gerade anfingen die Bar aufzuräumen. Später kamen noch zwei und wir kamen ins Gespräch. Dabei meinte eine der Studentinnen, die Pater Schöndorf wohl aus einer Prüfung kannte, dass man zwar im Gespräch mit ihm frei seine Meinung sagen kann, aber in der Prüfung will Pater Schöndorf ausschließlich das hören, was in seinem Skript steht. Sie kann also nur empfehlen das Skript peinlich genau zu studieren. Um 19:00 Uhr erschien dann Pater Schöndorf, wie immer pünktlich mit Anzug und Krawatte. Die Luft in der Studentenkneipe Analogie war bereits rauchgeschwängert und Pater Schöndorf machte mir gegenüber eine Bemerkung wie ungesund doch heute manche leben. Worauf ich ihm antwortete, dass man immer erst dann merkt, was die Gesundheit wert ist, wenn man sie verloren hat. Meine E-Mail bezüglich der Fragen, die ich zu dem Interview stellen wollte, hatte er bereits gelesen. Etwas später kam dann auch Frau Seidl, die das Interview leitete.

Frau Seidl ist Angestellte einer kirchlichen Organisation, einer deutsch-französischen Koordinierungsstelle. Sie kannte Pater Schöndorf schon seit 15. Jahren. Sie ist Französin, lebt aber mit Ihrer Familie (ein Sohn) in Deutschland.

Eine dreiviertel Stunde später hatten sich immerhin etwa 10 Personen, Studenten und Gaststudenten in der Analogie eingefunden. Die Teilnehmerzahl war vielleicht deshalb so gering, weil nur mündlich in einigen Vorlesungen auf das Interview hingewiesen wurde. Ursprünglich sollte es schon vor Weihnachten stattfinden. Ende Januar bereiten sich auch schon viele auf Ihre Prüfungen vor. Um 19:45 begann das Interview.

Pater Schöndorf: Geboren am 6. Mai 1944 in einem Dorf in der Oberpfalz. Vater war im Staatsdienst, wurde später nach Fürstenfeldbruck versetzt, ein Ort, den viele vom Autokennzeichen her kennen „FFB - Fahrer fährt blöd“, meinte Pater Schöndorf verschmitzt. Pater Schöndorf hat noch zwei Geschwister, eigentlich sogar drei, aber eines der Geschwister ist schon bald nach der Geburt gestorben. Seine Schwester wurde 1950 geboren. Sein Bruder ist bereits pensioniert. Seine Schwester ist Lehrerin, sein Bruder war im Staatsdienst beschäftigt.

In München besuchte Pater Schöndorf ein humanistisches Gymnasium (Wilhelm-Gymnasium). Es ist das älteste Gymnasium Münchens, eingerichtet von dem damaligen Kurfürst. Beeindruckt von den Jesuiten, insbesondere von den jungen Jesuiten, schließt er sich schon mit etwa 16 Jahren kirchlichen Kreisen an und tritt unmittelbar nach dem Abitur in den Jesuitenorden ein (mit 19 Jahren). Verhalten in der Schule: Er nimmt passiv an kleineren Streichen gegen Lehrer teil, ist insgesamt aber ein braver, strebsamer Schüler. Sportlich und so wurmt ihn noch heute, dass er einmal einen Staffellauf versiebt hat. Er hatte die Stabübergabe vorher nicht trainiert und so ging der Staffellauf trotz aller Anstrengung für diese Mannschaft verloren.

Beim Eintritt in den Jesuitenorden mussten die Eltern ihre Zustimmung geben. Für diejenigen, die ihn damals kannten, war es wohl keine Überraschung, dass er in den Orden eintrat, meinte Pater Schöndorf auf die Frage wie seine Eltern und Geschwister auf seinen Entschluss reagiert haben, aber genau kann er sich daran nicht mehr erinnern. Im Unterschied zu heute musste Pater Schöndorf keinen psychologischen Test machen. Der psychologische Test dient nach Meinung von Pater Schöndorf u. a. dazu herauszufinden, ob der Betreffende sich in eine Gemeinschaft einfügen kann oder ob er ein Spinner ist. Er selbst hat schon solche religiösen Spinner erlebt, die sich vom Ordensleben völlig falsche Vorstellungen machen. Man will damit vor allem erreichen, dass man sicher sein kann, dass von den Leuten, die man auswählt ein hoher Prozentsatz bleibt und nicht wie früher Zwei Drittel den Orden schon während des Noviziats wieder verlassen. Was es immer schon gab, waren die so genannten Examina insgesamt vier Gespräche, die Jesuiten mit dem Novizen führen und in denen man versucht herauszufinden, was das für ein Mensch ist, der da in den Orden eintreten will. Pater Schöndorf erinnert sich an eines dieser eigenartigen Gespräche, wo ihn ein Pater mit einer tiefen, bedächtigen Stimme fragte: „Haben Sie schon mal jemand umgebracht?“

Pater Schöndorfs Noviziat begann in einem Dorf in der Provinz weit ab von jeglichen Vergnügungsstätten, um keinen Versuchungen zu erliegen. Später war er dann im Jesuitenkolleg in Pullach (1965 bis 1968). Im Jesuiten-Kolleg in Pullach lernte er u. a. auch einige spanische Brüder kennen und lernte so neben Philosophie und Theologie auch spanisch. Pater Schöndorf war dann zum Studium an verschiedenen weiteren Orten. Zum Theologie-Studium war er zwei Jahre in Lyon. Nicht immer konnte er sich die Orte aussuchen, aber in Lyon war er auf eigenen Wunsch. Die dortige Fakultät wurde später nach Paris verlegt.

1972 Priesterweihe - noch vor Abschluss des Theologiestudiums! Ursprünglich waren es wohl vier Kandidaten für die Priesterweihe, von denen dann zwei abgesprungen sind. Da man in den Jahren zuvor immer sechs bis sieben Kandidaten für die Priesterweihe hatte, meinte man eine gesonderte Feier für zwei Kandidaten wäre eine Negativ-Werbung für die Kirche und so fand die Priesterweihe dann nicht in München, sondern in Nürnberg im Rahmen einer anderen Feierlichkeit statt.

Pater Schöndorf war dann nach Abschluss seines Theologie- und Philosophiestudiums Studentenpfarrer, eine Zeit, die er jedem Priester wegen der Erfahrungen, die man hier gewinnt nur empfehlen kann.

Promoviert hat Pater Schöndorf über Schopenhauer. Seine Meinung: Man sollte nicht nur behaupten, alles was der Andere sagt ist ein Schmarrn, sondern sollte es sich zumindest anhören. Man muss ja nicht einer Meinung sein, aber gerade bei Schopenhauer findet man auch zahlreiche wertvolle Gedanken. Schopenhauer war Vorläufer von Nietzsche, der heute zwar überall zitiert wird, aber bei weitem nicht das geleistet hat, was Schopenhauer für die Philosophie geleistet hat.

Die Vorlesungstätigkeit von Pater Schöndorf in München war immer wieder unterbrochen durch Gastvorlesungen in Südamerika. 1980 und 1982 war er in Argentinien. Aber einmal auch in Kolumbien. Eventuell ist er demnächst in Panama. Dies entscheidet sich jedoch erst im Laufe des Jahres. Seinen Urlaub hat er auch oft in Spanien verbracht.

Irgendwann soll auch ein Buch von ihm erscheinen, dessen Text auch schon weitgehend fertig gestellt ist. Das auf der Internetseite der Hochschule erwähnte Buch „Ignatius von Loyola und die Pädagogik der Jesuiten. Ein Modell für Schule und Persönlichkeitsbildung, Donauwörth: Auer (Febr.) 2000, ca. 248 S.“ in dem Pater Schöndorf als einer der Herausgeber genannt wird, stammt, lt. Pater Schöndorf, im wesentlichen von Pater Funiok.

Das Interview mit Frau Seidl war damit beendet und ich kam nun mit meinen Fragen zum Zug.

Ich begann mit seiner Zeit in Spanien:

Spreter von Kreudenstein: Sie waren u. a. längere Zeit in Spanien, einem Land, das sich nie mit dem Protestantismus oder der Aufklärung auseinandersetzen musste. Ist dadurch auch die dortige Kirche fundamentalistischer (weniger bibelkritisch) orientiert?

Pater Schöndorf meinte dazu, dass es in Spanien den Bürgerkrieg gegeben hat, der noch heute wie ein Trauma auf dem Land lastet. Dieser Bürgerkrieg beruhte auch auf einem ideologischen Konflikt, der durchaus mit der Aufklärung vergleichbar war.

Spreter von Kreudenstein: Ein Grund dafür, dass wir uns bemühen am Leben zu bleiben, ist die Angst vor dem Tod. Wir könnten als Art wohl nicht existieren, wenn diese Angst vor dem Tod generell fehlen würde. Haben Sie Angst vor dem Tod? Welchen Sinn hat Ihrer Meinung nach die Angst vor dem Tod?

Pater Schöndorf gab zu Angst vor dem Tod zu haben, wenn ihm jemand das Messer an die Kehle setzen würde. Allerdings leben wir nicht nur wegen unserer Angst vor dem Tod, sondern doch auch aus Freude am Leben. Den Sinn der Angst vor dem Tod sieht Pater Schöndorf darin, dass die Menschen sorgsam mit ihrem Leben umgehen sollen, sich nicht verletzen sollen.

Spreter von Kreudenstein: Nach christlicher Überzeugung ist der Geist im irdischen Dasein an den Körper gebunden und damit in seiner Freiheit / Erkenntnisfähigkeit eingeschränkt siehe 1. Korinther 13:11-12 . . . Denn jetzt sehen wir wie mit Hilfe eines metallenen Spiegels in verschwommenen Umrissen, dann aber wird es von Angesicht zu Angesicht sein. . . Welchen Sinn hat das Leben, das nach dieser Anschauung ja wohl eher eine Art Gefangenschaft der Seele im Körper bedeutet?

Pater Schöndorf: Diese Vorstellung von der im Körper gefangenen Seele entstand in einer Zeit als das Leben noch hart und entbehrungsreich war. Heute leben wir dagegen in einer prosperierenden Wirtschaft, in der kaum noch jemand hungert oder unter unterdrückt ist, zumindest hier in der Bundesrepublik. Ich möchte dem einen Satz von Ignatius von Loyola entgegenstellen, der hier an der Hochschule unter seiner Büste steht und übersetzt etwa lautet: Nicht durch das Größte beschlossen zu sein und doch im Kleinsten enthalten zu sein.

Spreter von Kreudenstein: Die Lehrsätze der katholischen Kirche sind sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner, der eine Ordensgemeinschaft verbindet. Diese Lehrsätze sind jedoch auch teilweise umstritten, wenn man an die Priesterehe denkt, ich erinnere nur an die Schwiegermutter des Petrus (Matthäus 8:14-15; Markus 1:30-31, Lukas 4:38-39), oder die Ausgrenzung der Frauen aus dem Priesteramt nur weil Jesus nur männliche Apostel berufen hat, andererseits aber auch Frauen zu seiner Gefolgschaft gehörten und ihn mit ihrer Habe unterstützt haben (Lukas 8:1-3). Mit der Verweigerung des Priesteramtes für Frauen wird doch die Hälfte der Menschheit ohne nähere Begründung für inkompetent erklärt. Müsste da nicht die katholische Kirche ihren Dogmatismus aufgeben?

Pater Schöndorf: Wenn Sie von dem ausgehen, was Jesus gesagt hat, können Sie auch das Papsttum in Frage stellen, denn Jesus nennt Petrus an einer Stelle Satan. Er ist der einzige Apostel von dem er sagt: Satan weiche von mir (Mt 16,23 Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: „Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist . . .“) Aber er sagt auch: Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen (Mt 16,18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.) Zur Prieterehe: Es gibt die Priesterehe in der Ostkirche. Vielleicht wird es sie auch irgendwann hier geben. Das sind Traditionen, die auch ihren Sinn haben. Zum Priesteramt: Wer wegen eines Amtes in einen Orden eintritt, hat eine falsche Einstellung. Man tritt in einen Orden ein, um zu dienen. In ein Amt wird man gegebenenfalls berufen. Dies geschieht in traditionell bewährter Weise. Die Stellung der Frau sehe ich dadurch nicht gemindert. Die erste Frau im Himmel ist doch nach katholischer Auffassung Maria.

Spreter von Kreudenstein: Im Laufe eines Lebens lernt man ständig dazu, insbesondere als Hochschullehrer, damit ändern sich aber auch eigene Meinungen / Überzeugungen. Welche Überzeugungen haben Sie im Laufe Ihres Lebens über Bord geworfen?

Pater Schöndorf: Da wüsste ich jetzt keine zu nennen.

Spreter von Kreudenstein: Was hat Sie bewegt in eine Ordensgemeinschaft einzutreten? War es eine Glaubenserfahrung oder waren es gefühlsmäßige, in der Jugend gewachsene Bindungen an den christlichen Glauben oder waren es logische Begründungen?

Pater Schöndorf: Es waren sowohl gefühlsmäßige Bindungen als auch logische Begründungen. Eine Glaubenserfahrung war es nicht. Glaubenserfahrungen sind ja sehr selten.

Hier wurden die Zuhörer langsam ungeduldig, bedankten sich für das Interview und setzten sich abseits von Pater Schöndorf an einen der Tische. Eine der Studentinnen verabschiedete sich. Zwei der Studentinnen setzen sich mit an den Tisch von Pater Schöndorf. Und so konnte ich meine letzte Frage erst stellen, als das Stühlerücken langsam abebbte.

Spreter von Kreudenstein: Gebete haben ihre Entstehungsgeschichte in der Geisterbeschwörung. Welchen Sinn haben Ihrer Meinung nach Gebete, insbesondere Bittgebete an einen allwissenden Gott?

Pater Schöndorf: Sie haben natürlich recht, dass man bei Gebeten nicht erwarten darf, dass sie in jedem Fall erfüllt werden. Man kann damit keine Macht über Gott ausüben. Nein - Gebete sind da, um sich seine eigene Hilflosigkeit einzugestehen und sich Gott mit seinen Sorgen und Nöten anzuvertrauen.


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