|
Der theologische Anspruch der Bibel, das unfehlbare Wort Gottes zu
sein, bezieht sich nur auf den Orginaltext - so wie ihn der
angeblich göttlich
inspirierte Schreiber niederschrieb. Diese ursprünglichen Texte, oder auch Autographen,
existieren nicht mehr. Wir haben nur noch Abschriften von ihnen, bzw.
Abschriften von Abschriften, tlw. auch nur Fragmente dieser Abschriften.
Vergleicht man diese miteinander, so stellt man Abweichungen fest, so genannte Varianten
(lat.: Verschiedenheiten) oder auch Lesarten.
Die wissenschaftliche Disziplin, die nun versucht herauszufinden, welche
dieser Lesarten dem Urtext am nächsten ist, heißt Textkritik. Sie
darf nicht mit der Bibelkritik verwechselt werden.
Die Bibelkritik stellt die Autorität der Bibel in Frage, während die
Textkritik nur nach dem Urtext fragt, ohne ihn zu bewerten.
a) Notwendigkeit
Die erwähnten Varianten beziehen sich in ihrer Großzahl auf einzelne
Buchstaben (z.B. Rechtschreibfehler), Wortstellungen und andere geringfügige
Dinge. Die wichtigen Lehren der Bibel sind sowieso mehrfach an verschiedenen
Stellen belegt, so werden sie nie durch das Vorhandensein irgendeiner Lesart in
Frage gestellt.
Wie aber konnten diese Abweichungen in der Textüberlieferung entstehen?
Der größte Teil der Varianten läßt sich durch die Eigentümlichkeiten
der Ursprachen erklären.
Die griechische Sprache wurde wie auch Hebräisch und Aramäisch in einem
Zug, ohne Abstände zwischen Wörtern und Sätzen, geschrieben. Außerdem konnte
ein Wort ohne Trennstrich auf zwei Zeilen verteilt werden. Ein Beispiel:
|
Amos 6,12 |
"Rennen Pferde denn auf Felsen , oder pflügt man darauf mit
Rindern?" |
Teilt man die Buchstabenkette anders, so ergibt sich in der Übersetzung:
|
Amos 6,12 |
"Rennen Pferde denn auf Felsen, oder pflügt man mit dem Rind das
Meer?" |
Ein Beispiel aus dem Englischen: Godisnowhere (God is now
here / God is nowhere)- Otherwisemenwoulddoit (Other wise men would do it /
Otherwise men would do it)
Ein Beispiel aus dem Deutschen ist der folgende
Graf-Bobby-Witz:
Graf Bobby sitzt in seiner Küche vor einem riesigen
Berg geschnittener Semmeln. Baron Mucki kommt herein und fragt: "Ja, Bobby,
was machst denn da?"
"Ich will mir a Mehlspeis kochen; und da steht im
Kochbuch: Man schneide drei Tage alte Semmeln. No, und ich schneid' erst seit
zwei Tagen."
Da Hebräisch vokallos geschrieben wurde, konnten je nach zugefügten Vokalen
unterschiedliche Wörter entstehen: so lesen wir in 1.Mose 47,31
"Bett" und in Hebr 11,21 "Stab". Beide Wörter haben in
Hebräisch dieselben Konsonanten, aber andere Vokale.
| Hörfehler
Werden
die Kinder in der Schule gefragt, welchen Rang ihr Vater in der Bundeswehr
hatte. Sagt der eine:
"Mein Vater war Major."
Ein anderer:
"Meiner war sogar General."
Fritzel meint:
"Mein Vater war Ritterkönig von Nazareth."
Darauf der Lehrer:
"Aber Fritzel, das ist doch kein Rang in der Bundeswehr! Frage deinen
Vater doch noch mal!"
Am nächsten Tag meldet sich Fritz ganz aufgeregt:
"Herr Lehrer, ich habe mich geirrt. Mein Vater war nicht Ritterkönig von
Nazareth, sondern Tripperkönig im Lazarett." |
Aber auch der Mensch war Quelle verschiedener Lesarten. In Zeiten, da alle
Texte von Hand geschrieben wurden, traten natürlich schnell Schreib-
und Lesefehler auf. Zu dieser Rubrik rechnen wir auch Hörfehler,
die beim Diktat von Bibeltexten entstanden.
- Manchmal wurden ähnlich aussehende Buchstaben verwechselt: z.B. (He) mit
(Hêth).
- Oder das Auge des Schreibers irrte sich beim Lesen in der Zeile, so werden
in manchen Handschriften ganze Zeilen einfach wiederholt, oder nachweislich
deshalb ausgelassen.
- Zu den Hörfehlern (beim Diktat!) können im NT Varianten gerechnet
werden, die ein "wir" durch ein "ihr" ersetzen. Die
Aussprache dieser zwei Wörter war in späterer Zeit weitgehend identisch. Bei
dem Beinamen Iskariot für den Jesus-Jünger Judas wird von manchen Religionswissenschaftlern
(Pinchas Lapide "Ist die Bibel richtig übersetzt") vermutet, dass es sich um
einen Schreibfehler nach Diktat gehandelt haben könnte. Das Wort Iskariot (der
Rote) klingt ähnlich wie das Wort Sicarius (Dolchmann). Mehr dazu unter
Jesus Teil 1.
b) Methodik
Die Vielzahl der komplizierten Regeln in der Textkritik können hier nicht
ausführlich angesprochen und erklärt werden. Grob gesprochen gliedern sie sich
in zwei Bereiche (man spricht von äußerer und innerer Evidenz):
- Der Textforscher versucht, die Varianten anhand ihrer Überlieferung
zu beurteilen. Welche Handschriften unterstützen die Lesart? Wie
alt sind sie? Wie zuverlässig sind diese Handschriften an anderen,
gesicherten Stellen? Mit anderen Worten: In diesem Arbeitsabschnitt wird die
Häufigkeit einer Lesart festgestellt und gleichzeitig mit der Güte der
Textzeugen betrachtet. (Die häufigste Lesart, wenn nur in
"unzuverlässigen" Texten überliefert, muß noch lange nicht die
"ursprüngliche" Lesart sein!)
- Ist die Variantenfrage nach Untersuchung der äußeren Merkmale noch nicht
eindeutig geklärt, so wird der betreffende Text seinem Aufbau und Inhalt
nach geprüft. Nicht mehr im Vergleich mit anderen Handschriften, sondern innerhalb
des betreffenden Textes versucht man, die bessere Lesart zu
ermitteln. Hierzu gehört, daß sich der Forscher ständig fragt: Wenn der
vorliegende Text eine Variante ist, wie konnte sie entstehen? Dazu
untersucht er die verschiedenen Fehlerquellen und vergleicht diese
Möglichkeiten mit dem vorliegenden Text (z.B.: kann es sich um eine andere
Worttrennung handeln? Könnte ein Lese- oder Schreibfehler vorliegen?)
Ein Beispiel aus Lukas 10,1
Lukas 10,1
Danach suchte der Herr (Jesus) zweiundsiebzig andere
aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er
selbst gehen wollte.
Anmerkung der Einheitsübersetzung: Statt «zweiundsiebzig» haben zahlreiche
alte Textzeugen «siebzig».
Die Zahl 70 erinnert
an die siebzig Ältesten, die Moses und Aaron am Berg Sinai begleiteten (2. Mose
(Exodus) 24,9), aber auch an den Ort Elim (2. Mose (Exodus) 15,27) mit seinen 12
Quellen (wie 12 Stämme Israels) und siebzig Palmen (die siebzig Ältesten).
Quelle: www.theo-notizen.de
|