Abschied von Sigrid M. (1919-1987)
Leben und Sterben sind ein Kreis, davon man nicht Anfang noch Ende weiß

Geburt und Tod verwoben in Eins, endloser Wandel ewigen Seins

UNSRE JAHRZEHNTE sind Rauch.

Schnell entweicht er dem Erdraumfeld der Geburt.

Während der Herzschlag zählt jeden der leicht wölkenden Kreise aus, stehn wir schon an der Furt hinüber wieder, hinaus.

"Mit inniger Liebe nehmen wir Abschied" -

So haben Sie es geschrieben, liebe Kinder und Kindeskinder, liebe Angehörige und Geschwister der Entschlafenen, und nun ist sie da, die unvergeßliche Stunde, die uns zusammenführt: die Feier des letzten Abschieds von der Mutter, der Großmutter, der Schwester, - Persönlichkeits-Mitte weit verzweigter Familie und herzlich verbundenen Freundeskreises.

Ein tief gelebtes Frauenleben, Schicksal bestehend, Liebe ausstrahlend, hat sich erfüllt. Wie sollten nicht Leid und Leere des Nie-mehr und Nie-wieder empfunden werden - Trauer, die der Entschlafenen gebührt, Dankenwollen, das sie nicht mehr erreicht? Dieser Schmerz will durchlitten sein, bis die Stärkung und Naheseins-Gewißheit vom lebendigen Gewesensein einer Mutter gewonnen wird.

Ein jeder Mensch, so hingebend er auch für andere lebt, so innig er die Sorgen der Nächsten und Nahen zu eigenen macht, sie mitträgt, mitbewältigt, ein jeder Mensch ist doch eine eigene Welt, und diese ganz eigene Welt erlischt mit ihm. Die einem solchen Eigenwelt-Menschen, einer solchen Frau wie es Sigrid M. war, begegnen, spüren diese Eigenwelt wohl, die einmalige

Persönlichkeit, es ist ein Werden und Gewordensein aus Herkunft, aus Erfahrung und Schicksal, aus Erzogenwerden und Selbsterziehung, aus Weltoffenheit und Tiefenblick, aus Daseinszuversicht und williger Einordnung in die Grundgesetze des Lebens, denen zu vertrauen sie dem Leben der Kinder mitgab und noch dem Leben auch der kleinen Enkel. Welch wunderbare Leistung ist das durch Jahrzehnte hin, wie sie in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts durchlebt werden mußten!

Sigrid M. gehörte der Generation an, deren Weg durch schwere Zeitgeschichte mitbestimmt wurde, Frauen, deren Lebensmut und Dennoch-Wille den Fortgang des Daseins in Kindern sicherte.

Sigrid M. wurde geboren in Herford als dritte und jüngste Tochter. Das Leid in der Kindheit: Trennung der Eltern und dadurch unglückselig bedingt das Heranwachsen fern von der leiblichen Mutter, vertieften früh das Empfindungsleben des jungen Mädchens, und bald auch trug die Sorge für den in zweiter Ehe des Vaters geborenen kleinen Bruder zur Entwicklung der Liebesfähigkeit gegenüber hilfsbedürftigem Leben bei. Dann starb der Vater des vierzehnjährigen Mädchens, es hatte die Schule noch nicht beendet. Doch nun konnte die junge Sigrid zur leiblichen Mutter zurückkehren und in Berlin mit ihr leben, in engsten Verhältnissen zwar, doch von ihr bestärkt in der erwählten Berufsausbildung zur Kindergärtnerin im Pestalozzi-Fröbel-Haus. Diese Jahre haben in ihrer Erinnerung stets zu den glücklichsten gehört; all ihre Begabungen zur Gestaltung im Praktischen, zur Sorge für Kinder, zur Pflege von Spiel und Lied, hier konnten sie sich entfalten, und Sigrid gewann Mut zu den Fähigkeiten der eigenen Phantasie und zu anderer mitbegeisternder Lebensfreude.

Nach einjähriger Verlobungszeit heiratete sie, kaum zwanzigjährig, den Mann ihrer jungen Liebe; der noch im selben Jahr der Eheschließung zum Militär eingezogen wurde, da der Krieg 1939 begann. Auf Wunsch ihres Mannes zog Sigrid nach Gablonz im Sudetenland, wo öfteres Wiedersehen mit ihrem Mann möglich war und wo sie bald nacheinander ihre ersten beiden Kinder zur Welt brachte, 1942 ein drittes; sie trug das vierte, als im März 1945 die Flucht notwendig wurde. Trotz aller Gefahren erreichte sie mit den Kindern Niedersachsen, fand Aufnahme bei Verwandten und gebar ihr viertes Kind, während der kleine Ort von den Amerikanern gestürmt wurde. Der Vater der Kinder konnte erst nach Jahren zu seiner Familie zurückkehren. Fünf Kinder waren es, als das neue Heim in Hilden bezogen wurde, doch schon nach neun Jahren erkrankte der Vater schwer, und wieder war große Sorgelast zu tragen, die sich nach seinem Tode noch mehrte, bis die Ausbildungswege der Kinder abgeschlossen waren. Nach all dem schweren, doch liebevoll und freudig erfüllten Familienwerk begann nun für Sigrid M. eine Zeit ungewohnter Freiheit, die sie zu eigenem Wachstum in die Tiefe und in die Weite nutzte nach dem ihr eigenen Lebensrhythmus; demgemäß sie die letzte kurze Lebensstrecke, unabhängig im eigenen Heim lebend, doch auch im innigen Kontakt mit den Kindern und ersten Enkeln ihre Tage gestaltete. Geduldig, zuversichtlich und tapfer bestand sie die ersten Krankheitsschübe des ermüdeten Herzens, bis sie einer neuen Attacke im Frühjahrsmonat April erlag. Die Veränderung, die diese allerletzte Phase einleitete, war die Verwandlung der Lebensbefindlichkeit in zeitlose Heiterkeit, in der wechselnde Bilder der Vergangenheit wie Gegenwart erlebt wurden, schon eine Enthobenheit der Erdenschwere in dem Sinne, wie Nietzsche es empfand, - . . Heiterkeit, güldene, komm, / Du des Todes / Heimlichster, süßester Vorgenuß . . . " ' Denn keinerlei Todesfurcht war in diesem im Ganzheitlichen lebenden Menschen, eher die Erwartung, wie Hermann Hesse sie in seinem Gedicht "Stufen" ausgesprochen hat: ". . . Es wird vielleicht auch noch die Todestunde uns neuen Räumen jung entgegensenden, . . . ". Diese Gestimmtheit nahe dem Ende entsprach dem vertrauend und zukunftsoffen gelebten Leben dieser Mutter, deren Mütterlichkeit tief gründete in einer religiösen Weltanschauung, die den einzelnen geborgen weiß im Ganzen des steten Wandels von Werden, Vergehen, Neuwerden.

Schon früh hatte Sigrid M. zusammen mit ihrem Mann die Kirche verlassen, zu eng war ihrem religiösen Fühlen die kirchliche Lehre. Für sie galt, was Schiller in die zwei Zeilen gefaßt hat: "Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. Und warum keine? Aus Religion!'

Sigrid M. wollte aber auch niemanden zu ihrer Religiosität bekehren. Frei ließ sie jeden seines Weges gehen, in freiheitlich mitmenschlichem Denken hat sie ihre Kinder erzogen und ins Leben gestellt. Doch fand sie im Gemeinschaftsleben verwandt gestimmter Menschen ihre Freude und Aufgaben der Mitgestaltung.

Allem Lebendigen gehörte ihre Zuneigung und Fürsorge, innigst auch Pflanze und Tier, an deren Gedeihen sie sich immer freute und die eigenen Kräfte im Betrachten der Natur stärkte. In der phantasiereichen Gestaltung der Jahresund Lebensfeiern vermochte sie diese Freude anderen mitzuteilen und ihnen durch Dichtung und Musik tieferes Sinnverständnis zu erschließen. So hatte sie Teil an dem Unvergänglichen, in dem alles Vergängliche gründet.

Das auch ist ihr Vermächtnis an ihre geliebten Kinder und Enkel, an die Verwandten und uns Freunde: im Vergänglichen das Unvergängliche wahrzunehmen. Dem liegt das wunderbare Erinnerungsvermögen des Menschen zu Grunde. Darin liegt auch die lebendige Kraft, die die Schwelle des Todes überwächst, so daß wir das bleibende Gemeinsame spüren, am stärksten, wenn sich der Dank für alle Liebe, alle Lebensleistung hinzugesellt. Dann behalten die Toten Heimrecht unter den Lebenden, und Sinn und Bekenntnis ihres Lebens wirken fort: ihr Tod bewirkt, daß wir an die Begrenztheit des eigenen Lebens denken und inniger das Leben fühlen, freudiger in dem Geist der Worte von Friedrich Schüler:

"Die Zeit ist eine blühende Flur, ein großes Lebendiges ist die Natur, und alles ist Frucht, und alles ist Samen!'

Margarete Dierks


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