Totenfeier für Reinhard Hornung (1911-1975)

Das Schicksal schreitet,

geboren im Schoße der Unendlichkeit.

Es klopft nicht lang an unseren Toren

es kommt und bricht und baut erneut.

Es fragt dich nicht nach Menschenleid,

es schreitet ehern wie die Zeit.

Doch wenn die Schicksalswogen schlagen zu dir des Leides hartes Los, so liegt's an dir, wie du's willst tragen: ob schwach und klein, ob stark und groß. Es fragt dich nicht, ob du es tragen willst nur, wie du dein Geschick erfüllst.

Lieber Freund ich wähle diese persönliche Anrede, weil es mir - und gewiß nicht nur mir - noch immer nicht faßbar ist, daß wir alle mit Dir nicht mehr in gewohnter Weise sprechen, plaudern und scherzen können. Dein Tod hat dem allen ein Ende gesetzt - Du schweigst für immer, und wir müssen damit leben lernen, daß Du nur noch in der Erinnerung bei uns bist.

Das manchmal schon Gedachte, Befürchtete und dennoch Undenkbare - es ist Wirklichkeit geworden: Wir alle - Deine Anneliese, Dein Rüdiger und Deine Ulrike, Deine Anverwandten und Freunde, nicht zuletzt auch Deine Mitarbeiter in der Landeszentralbank Hamburg - wir, die wir hier beisammen sind und viele andere mehr noch, die in dieser Stunde nur mit ihrem Denken und Fühlen dabei sein können, wir alle haben Abschied zu nehmen von Dir und Deinem Wirken. Wo wir auch hinhören, wen wir auch fragen mögen - uns selbst und andere: alle preisen und schätzen Dich als einen Menschen, dessen Treue und Zuverlässigkeit, dessen Gradlinigkeit und Selbstbescheidung uns immer von neuem beeindruckt und - was so viel mehr ist! - uns durch unser eigenes Leben mit getragen hat. Wenn es darum ginge, Dir in Worten eine besondere Auszeichnung zuteil werden zu lassen - ich wüßte kein treffenderes als dieses, das dem großen Moltke zugeschrieben wird: Viel leisten, wenig hervortreten -mehr sein als scheinen. Daß ich dieses Wort Dir erst in dieser Stunde sagen kann, in dieser Stunde, da Du es selbst nicht mehr zu hören vermagst - das bedrückt mich sehr. Ich kann nur wünschen und hoffen, daß ich, daß wir Dich zumindest hin und wieder haben spüren lassen können, wie ernst es uns mit Freundschaft, Vertrauen und Dankbarkeit war einem Menschen gegenüber, der so wenig in den Vor

dergrund trat und ohne dessen unermüdliches Wirken in Beruf, Familie und Freundeskreis unser Leben so viel ärmer gewesen wäre. Dafür Dir in dieser Stunde Dank zu sagen ist ein Mindestes - uns von dieser Deiner Wesensart weiterhin beflügeln zu lassen, sei uns Pflicht und Geschenk zugleich.

Nur wenige Monate noch, und Du wärst beruflich in den Ruhestand getreten - in einen Status, den Du Dir in Redlichkeit und Zuverlässigkeit über 40 Jahre hinaus wohl erworben hattest. Dein berufliches Wirken verband sich in Dir stets mit einer Hingabe, die über das formale Maß hinaus dem Betriebsganzen zu dienen und dem Kollegenkreis ein freundlicher Helfer zu sein verstand. Daß Dir hierfür Dank und Anerkennung zuteil wurde, durfte Dich und Deine Familie vollauf befriedigen.

Dennoch hätten sich unser beider Wege wohl nicht berührt, wenn Deine Neigungen allein im Beruflichen sich erschöpft hätten. Den weltanschaulichen Lebensfragen mit Ernst und Gründlichkeit nachzugehen, das lag Dir ebenso wie mir und unserem weiteren Freundeskreis. Den Künsten zu huldigen wie auch die Musik selbst zu pflegen, das rundete Dein Streben nach Fülle und Erfüllung des Lebens sinnvoll ab. Und als Du dann nach den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren in unserem Kreise Deine Frau kennen lerntest und wir Euch die Hochzeit richteten, da waren es neben Eurer Liebe wiederum die gleichen Grundlagen, die Euch das Leben meistern ließen. Eine tiefe Freude war es für uns, Eure Freunde, an Euren Sorgen und Mühen, aber auch an Eurem Glück und Eurer Zufriedenheit teilnehmen zu dürfen. Ihr beide, liebe Ulrike und lieber Rüdiger, habt damit ein Elternhaus Euer eigen nennen können, wie es in seiner Geborgenheit und in seiner Freiheit nur jedem Kinde, jedem jungen Menschen zu wünschen ist. Als es Euren Eltern dann gelang, in Volksdorf ein schönes Familienheim zu schaffen, da war wahrlich ein Grund gelegt für ein Zusammenleben, in dem schon früh sich innerer Reichtum entfalten konnte und zur Freude aller sich auch entfaltete.

Über 40 Jahre sind es her, lieber Reinhard, daß wir uns begegneten. Seither sind wir in Freundschaft und durch gemeinsame kulturelle Arbeit verbunden durchs Leben gegangen. Fast 30 Jahre hast Du mit Deiner Frau und mit Euren beiden Kindern Dein Leben in schöner Gemeinsamkeit führen und erfüllen können. Nun hat der Tod Dir und uns ein Ende dieses Weges gesetzt - ein viel zu frühes Ende, wenn man alle Wünsche und Hoffnungen herbeiruft, die Dich, Deine Lieben und Deine Freunde für die Zukunft noch erfüllten. Uns bleibt nun nichts, als Dich dankbaren Herzens bei uns zu behalten und Trost zu suchen in dem Wort:

Das Leben ist die Fülle nicht die Zeit.

Fritz Hermann


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