Totenfeier für Hans S.

(1944-1977, er nahm sich das Leben)


Daß wir erschraken, da du starbst,

nein, daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach,

das Bis dahin abreißend vom Seither:

das geht uns an; das einzuordnen wird die Arbeit sein,

die wir mit allem tun.

Rainer Maria Rilke

Liebe Trauernde!

Wenn bei den alten Griechen über einen Menschen ein Schicksal hereinbrach, das er zwar annahm, mit dem er aber nicht fertig wurde, sondern in ihm zugrunde ging, weil er in der entscheidenden Situation für den Außenstehenden nicht sachgerecht und rational reagierte, dann mäkelte und kritisierte der Grieche nicht an dem angeblichen Fehlverhalten herum, sondern er stellte dieses Geschehen tief hinein in den religiösen Raum und sagte: "Ein Gott hat ihm den Sinn verwirrt' So wurde Fehlverhalten und oft damit verbundene Schuld gnädig in eine Dimension gehoben, die überpersönlichen Charakter hatte. Der Mensch war begriffen als tragischer Wirkort überpersönlicher kosmischer Mächte.

Seit Jahrhunderten haben wir im abendländischen Raum verlernt, die tragische Dimension menschlichen Daseins so tief zu sehen, wie sie wirklich ist. Wir taumeln ihr ununterbrochen davon und decken sie zu mit konstruierten jenseitigen Hoffnungen. Das Leben aber und ganz konkret unzählige Einzelschicksale zeigen, daß menschliches Dasein auf tief geheimer Tragik aufruht, daß der Mensch oft nicht Herr seiner Entschlüsse ist, daß das Geschehen über ihn hinwegbraust und ihn mitreißt.

Tragisches Verhängnis und Schuldigwerden gehören unlösbar zum In-derWelt-Sein, beim Einzelmenschen sowohl wie bei den Völkern.

Das wußte der Grieche. Und wer der Welt und dem Leben nicht ausweicht, wird auch ihren tragischen Möglichkeiten in dieser oder jener Form nicht ausweichen und er wird sich klar darüber sein, daß er jeden Moment hineingerissen werden kann und verstrickt in das tragische Spiel aus dem Untergrund.

Wie ungeheuer verletzlich und von innen her in seiner Existenz gefährdet der Mensch ist, das wird uns im Augenblick vor dem Sarg unseres lieben Hans bewußt. Und diese Erschütterung geht uns durch und durch. Ich will nicht trösten, weil, wie ich meine, jeder Trost das Geschehen verkleinerte. Wir wollen das Geschehen in seiner ganzen Schwere annehmen, wollen es ungeschmälert in uns hineinnehmen und damit unserem lieben Toten da drinnen eine neue, erweiterte und vertiefte Heimstatt in uns geben, die er verdient hat. Denn je tiefer er in der Tragik steht, desto mehr wert ist er es, geliebt zu werden.

Er hat nun Ruhe, er ist des Leidens und der Verzweiflung enthoben. Er ist in den alten Frieden zurückgekehrt. "Die heilige Natur, die er lebend geliebt und die den Sterbenden empfing, die vergißt der Menschen wirres Tun" (Hölderlin).

Das ist die eine Seite dieses tragischen Tuns. Die andere Seite aber sind die Überlebenden, seine liebe Frau mit den drei kleinen Kindern, die Eltern, die Geschwister.

Die ganzen Widersprüche des Lebens brechen hier auf und zeigen ihr unversöhnlichstes Antlitz, Widersprüche, in denen das ganze schauervolle Geheimnis des Lebens verborgen liegt.

Wir bejahen um der Würde des Menschen willen das Recht auf den selbstgewählten Tod unter gegebenen Umständen. Wir nehmen dieses Recht nicht leicht. Und ein letzter, tiefster Respekt vor so einem Entschluß verbietet es uns, hier kleinlich zu richten. Außerdem wissen wir doch nie, was in solch einem Menschen vor sich gegangen ist, die ganze unentschiedene Zeit davor. Genau so ernst aber wie das Recht zum Freitod nehmen wir die Verpflichtungen für Frau und Kind und die gesamte Familie. Man hat doch in eigener Entscheidung menschliche Schicksale an sich gebunden, denen gegenüber man in Verantwortung steht. Eine Feststellung ist das, wie das erstere auch, und keine Anklage, höchstens Klage darüber, wie widerspruchsvoll in sich selber und deshalb blind und zerbrechlich oft der Mensch ist.

"Daß wir erschraken, da du starbst, nein, daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach ... das geht uns an; das einzuordnen wird die Arbeit sein!'

Sehr verehrte, liebe Frau Elisabeth,

"das einzuordnen wird die Arbeit sein'.

Der Schmerz um den Tod Ihres geliebten Mannes will geleistet sein und um Ihrer eigenen und der Kinder Zukunft willen nicht verdrängt. Angenommen, verarbeitet, bejaht muß er werden. Dieser Schmerz ist ja die letzte Arbeit mit Ihrem Mann und an Ihrem Mann als Gestalt in Ihnen selber. Wenn die Sinnlosigkeit beinahe über einem zusammenschlägt, ist das leichter gesagt als getan. Aber vergessen Sie dieses nicht: Es gibt ein hoffnungsloses jammern dem Schicksal gegenüber, welches erniedrigt und verunstaltet und das zum Verräter an dem großen Geschäft des Abschiednehmens wird. Es gibt aber auch ein Trauern, das in sich die Kraft zum Annehmen des Schicksals trägt, das einen erhöht und reift und einsenkt in wesentliche Tiefen des eigenen Selbst. Und in diese Tiefe umverwandelt lebt auch der Verstorbene als geheimer Helfer weiter.

Diese Kraft zur verwandelnden Trauer, in der ein echtes Getröstetsein aufbricht, wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.

Kurz war der Lebensweg des Verstorbenen, war er doch gerade erst am Beginn seiner vollen Entfaltung. Bäuerlicher Herkunft, war er naturverbunden: er liebte Blumen, Pferde, Wald. Fast selber noch Kind, war er von Jugend auf kinderliebend, so wie er den eigenen Kindern ein lieber Vater war. In allem war er sehr gewissenhaft, in seinem Beruf besonders, und da von einem ausgesprochenen Leistungswillen beseelt, ja, nachträglich gesehen, sage ich vielleicht sogar richtiger "getrieben". Er stellte nämlich so große Anforderungen an sich selbst, daß er in dieser Form sie gar nicht erfüllen konnte. Aber er kritisierte und maß sich mit seinem Maßstab. So kam es, daß seine sonst frohen und aktiven Kräfte in hemmende Komplexe sich umwandelten, an denen er litt und sich zermürbte. Dabei verkannte er in tragischer Weise die Wirklichkeit, nämlich daß er beliebt und von seinem Chef hoch geachtet war.

So ist hier ein junges, gutes Leben zu Ende gegangen, das sich redlich um Erfüllung gemüht hat; zu Ende gegangen zu früh für ihn selber, für seine liebe Frau und seine Kinder, für uns alle.

Alles Fragen nach dem "Warum7' und "Wozu?" ist unfruchtbar und ohne Sinn. Es kann sich nur noch darum handeln, durchzustehen und zu tragen, einfach zu tragen. Und vielleicht erwächst aus dem Tragen ein ganz neues Gefühl der Tragfähigkeit und eines neuen Lebens überhaupt. So wie beim Tode seiner geliebten Diotima Friedrich Hölderlin es schmerz-beglückt erfährt

"Ich hatt es nie so ganz erfahren, jenes alte feste

Schicksalswort, daß eine neue Seligkeit dem Herzen aufgeht, wenn es aushält und die Mitternacht des Grams durchduldet, und daß, wie Nachtigallgesang im Dunkeln, göttlich erst in tiefem Leid das Lebenslied der Welt uns tönt!'

So nehmen wir Abschied von Dir - Wir danken Dir für Dein gutes und tapfer gelebtes Leben.

Thomas Leutkart


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