Totenfeier für Fritz Hermann (1907-1987)


Meine Abschiedsworte stehen unter der Aussage von Thornton Wilder:

"Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten.

Und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe -

das einzig Bleibende, der einzige Sinn!"

Wir haben uns im engsten Familien- und Freundeskreis hier zusammengefunden, um in einer stillen Stunde des Gedenkens Abschied zu nehmen. Vor einigen Wochen noch saßen wir nach seinem 80. Geburtstag beieinander. Wir plauderten, wir hielten ein wenig Rückschau, wir fragten nach diesem oder jenem Weggefährten, scherzende Worte, die auch da noch von seinem Humor zeugten, wechselten her und hin - wir alle fühlten aber auch sehr, was er selber mit aller Deutlichkeit mehrfach zum Ausdruck gebracht hatte: dass die Natur, das Schicksal seinem Leiden und damit seinem Leben endlich ein Ende setzen möge! Es war sein Wunsch und Wille! Nun kam der Tod als Freund!

Mag das Rätsel seiner Forderung uns gefangen nehmen, mag das Schicksal uns oft unversöhnlich erscheinen - doch: nichts Grauenvolles ist an ihm tiefer Friede umgibt diesen Abschied, eine der Stationen unseres Seins. Sterben ist das Gesetz der Natur - wie das Leben! Tod ist ein Teil des Lebens, der große Wandler und Wanderer!

So sagte unser toter Freund einst selber: "Es lässt sich nicht hinwegdisputieren und auch nicht hinwegglauben: Der Tod ist und bleibt ein immerwährender Bestandteil des Lebens und mit ihm zu leben ein Stück unseres geistigen Seins."

Dein Tod ist es, der uns in dieser Stunde hier an diesem Orte vereint. In seltener Weise verbinden sich in dieser Stunde, in diesen Tagen, Wochen und Monaten in uns Betroffenheit und Schmerz mit dem wissenden Gefühl der Erleichterung, dass nun Deinem Leiden ein Ende gesetzt worden ist - aber auch mit dem klaren Bewusstsein, dass Du Deinen Lebenswillen der höheren Macht des Todes als ureigenen Entschluss überantworten wolltest. Wir haben oft miteinander darüber gesprochen - vom Freund zum Freunde -, nicht hilflos einstmals dem Tode gegenüberzustehen, sondern ihm klaren

Sinnes bewusst ins Auge zu blicken, so wie es Margarete Dierks mit ihren Worten über "Freund Hein" ausdrückte, als sie niederschrieb:

"Stelle dich, dass ich dich weiß! Gönne den Rundblick bejahenden Abschieds, der wohltut am Ende, Freund Hein."

Doch sie schrieb auch an anderer Stelle:

"Das Leben hin, wie ist der Weg mühsam zu dir."

Wir können nur ahnen, wie es einem Menschen, einem bewussten Geist- und Seelenwesen zumute sein muss, dem eigenen Schicksal gegenüber hilflos zu stehen: Den eigenen Lebensweg nicht mehr selbst bestimmen zu können nicht in der Richtung und nicht mit seinem Ende -, zumal eine Umkehr ausgeschlossen schien. Was wissen wir schon von den Gedanken und Gefühlen, wer weiß um das Ausmaß der Leiden und Schmerzen eines Menschen, der sein Leben lang wie Du geistig gearbeitet hat - der sein Leben lang mit einem selten hohen Maß an Aktivität, mit Kreativitätswillen und Gestaltungskraft, mit Ideenreichtum und mit einem starken emotionalen Engagement, im Ernsten wie im Heiteren, gewirkt hat - und auf einmal - im wahrsten Sinne des Wortes wie vom Schlag getroffen - dem Geschehen des Lebens nur noch nahezu tatenlos zusehen konnte! Was wissen wir schon?

Du hast Dein Leben in den Dienst der Menschen gestellt - dem Menschen in seiner Not, aber auch in seiner Beglückung - getreu dem Worte von Kriemhild Klie-Riedel:

"Warum ich lebe?

Weil ein Mensch ich bin,

geworfen in die Zufallsspanne Zeit,

um einzig sie zu füll'n mit Menschlichkeit.

Und das bedeutet, dass Du unter zwei wesentlichen Aspekten Deinen Dienst am Menschen gesehen hast und gewertet wissen wolltest:

Da war die Gemeinschaft von Menschen, der Du Dich verschrieben hattest zu allen Zeiten in musischen und in Verbindung damit in beruflichen Bereichen: Du warst Lehrer und Erzieher aus Berufung! 36 Jahre Schulleben in Hamburg, davon 20 Jahre als Rektor einer großen Schule, zeugen von Deinem Wirken. Aufgrund Deines universellen Wissens, Deiner Qualifikationen im Rahmen der Menschenführung - sowohl für die Schüler wie auch für die Mitarbeiter Deiner Schule - und schließlich aufgrund Deiner unkonventionellen Persönlichkeitsstruktur hast Du das Hamburger Schulwesen in den 60er und 70er Jahren entscheidend mit geprägt.

Und da war - und ich muss sagen: ist nach wie vor aufgrund Deiner Aktivitäten -die Gemeinschaft von Menschen, die weltanschaulichen, humanistischen Lebensfragen und deren Beantwortung nachgingen. Mit einer selten umfassenden Breite und Gründlichkeit hast Du philosophische und religiöse Erkenntnisse nicht nur im Raume stehen, sondern sie zu Taten werden lassen: ob als Gründer und langjähriger Vorsitzender der Eekboom-Gesellschaft, ob als Sprecher im weiten Raume freigeistiger Organisationen, ob als langjähriger Präsident des Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit (DvfG), ob als Beiratsmitglied der Humanistischen Union oder als Mitbegründer und Referent der Freien Akademie - um nur die wesentlichen Funktionen aufzuzählen -: immer war es Deine Sprache, vor allem Deine Feiersprache, die in ihrer Mannigfaltigkeit und Eigentümlichkeit von ungewöhnlicher Gestaltungskraft zeugte und die auch zu wesentlichen Ergebnissen geführt hat: die Herausgabe von Büchern und Schriften mit Inhalten für den Gesamtraum freigeistig-humanistisch orientierter Menschen und Verbände, die inhaltliche und redaktionelle Gestaltung der Schriftenreihe "homo humanus", die unendlich mühsamen Verhandlungen und Vorbereitungen zur regelmäßigen Aufnahme von Vorträgen für eine Sendereihe des NDR! Was alles ließe sich hier noch anfügen?

Dein Lebensmotto lässt sich wohl am besten mit dem Tagore-Vers wiedergeben, wie er viele Jahre auf Deinem Schreibtisch in der Rupertistraße gestanden hat:

" Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben ist Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht wurde Freude!"

Wer das Glück und die Freude haben durfte, mit dem Pädagogen, mit dem freireligiösen Sprecher, mit dem humanistischen Philosophen Fritz Hermann, mit Dir, mein Freund, im abwägend-klärenden Gespräch zu arbeiten, wer das Erlebnis haben durfte, Deine Freundschaft im Sachlichen wie im Persönlichen zu erfahren: immer wurde es sehr deutlich, wie sehr Du dem Menschen und der Gemeinschaft von Menschen mit einem Höchstmaß an Toleranz zugetan warst! Dein Bestreben galt der Hilfe für den Menschen, "über das nur Materielle hinaus" - so Deine Worte - sein Leben aus einem humanistischen Geiste zu gestalten und somit zu erfüllen. Dabei begegneten wir uns auf der Ebene von Albert Schweitzers Gedanken über "Kultur und Ethik".

Aufgrund Deiner Verdienste, Deiner Leistungen um die Förderung einer freigeistigen Kultur hat Dich die Eekboom-Gesellschaft 1983 zu ihrem Ehrenvorsitzenden gewählt und Dich damit zum "Alt-Gesellen" dieser um die Werte der Gemeinsamkeit und der Freundschaft wohl wissenden Gruppe von Menschen berufen. In dieser Feierstunde des Abschiednehmens kann nicht alles gesagt werden, was Herz und Geist erfüllt! Darum ist es auch mehr eine Zwiesprache mit Dir, eine Zwiesprache, die ein jeder, der Dich kannte, in dieser Stunde, in diesen Tagen und Wochen mit Dir aus seiner Sicht führen möge! Wir wollen uns von den Plätzen erheben, um unserem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Fritz Hermann - wir grüßen Dich ein letztes Mal mit Worten, die Du selber einst niedergeschrieben hast und die uns unendlich viel bedeutet haben und uns immer viel bedeuten werden.

"Wir Menschen . . .

Wir trauern keiner ehemals heilen Welt nach - es hat sie praktisch nie gegeben. Wir erwarten auch kein "Goldenes Zeitalter" - weder in einem erträumten Diesseits noch in einem imaginären Jenseits. Wir hoffen aber auf einen Menschen, der tapfer genug ist, sein eigenes Leben und das Leben auf unser aller gemeinsamen Erde sinnvoll und harmonisch zu gestalten. Wir glauben daran, dass dieser Mensch die Kraft haben wird, durch ein hohes Maß an Selbstbescheidung und Verantwortungsfreude selbst glücklich zu werden und andere glücklich zu machen. Wir wissen, dass nur das eigene Tun hier und jetzt diesem Ziel den Weg bereiten wird."

Fritz Bode


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