16.6.1988

In herzlichem Gedenken an meinen Vater


Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Das erkannten schon die großen Philosophen der Antike. Und manchmal endet es so, wie es begann. Von Staub bist Du genommen und zu Staub wirst Du wieder werden, sagt der unbekannte Verfasser des Buches Genesis und er erzählt uns jene Legende von der Schöpfung des Menschen. Kaum geschaffen wird der Mensch jedoch vertrieben aus jenem Reich, wo es weder Gut noch Böse gibt, in ein Reich der Erkenntnis von Gut und Böse. Und wenn wir die Welt um uns betrachten, so liegt vielleicht gerade hierin jenes Körnchen Wahrheit, das man in jeder Legende finden kann. Wir entwickeln uns gesetzmäßig aus einem Knäuel Erbsubstanz und kaum haben wir das Licht der Welt erblickt, so bewegen wir uns allmählich vom gesetzmäßigen Sollen zum Wollen. Aber dazu müssen wir erst einmal wissen, was wir wollen. Erst das erworbene Wissen weist den Weg zu jenen gedanklichen Höhenflügen, zu denen sich der Mensch aufschwingt.

In einer anderen Legende wird das menschliche Leben mit dem Spaziergang eines Wesens verglichen, das sich am Morgen auf vier Beinen bewegt, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen. Mit dem Spaziergang eines Wesens also, das sich gemäß dem Lauf der Sonne bewegt, jener Sonne, von der schon die alten Ägypter glaubten, dass ihr Licht der Quell' des Lebens ist. So ist denn auch das Licht das Symbol der Erkenntnis. Während der Zusammenklang der Instrumente, den wir als Musik empfinden, für das Symbol der Harmonie steht, jener Harmonie und jener Kraft, die aus gegensätzlichem entstehen kann, wenn es nicht auseinanderstrebt. Zum Streiten gehören immer zwei. das war einer seiner philosophischen Aussprüche, wenn wir uns als Kinder gestritten hatten und er uns kurzerhand beide für ein paar Minuten vor die Tür setzte. Und so brachte er uns zur Erkenntnis wie belanglos und banal die meisten Ziele sind, um deretwillen wir einen Streit beginnen, einen Streit, der meist mehr der Selbstbestätigung dient als jener Harmonie, jenem Gleichklang der Materie, der ein kleines Knäuel Erbsubstanz - mit Wärme und Nahrung versorgt - wachsen ließ. Wir haben uns von der Sonne die Kraft geliehen, mit der wir die Welt verändern. Und je mehr wir die Welt verändern, desto mehr wird uns bewußt, dass wir uns wie Traumtänzer in den riesigen, unbezwingbaren Weiten des Universums bewegen. Wir erkennen jene wundervolle Komplexität, die uns umgibt, vom Kristall bis zum lebenden Organismus und bis zu jener technischen Welt, die ihm so viel bedeutet hat.

Schon in seiner Kindheit begeisterten ihn Dampfmaschinen. Maschinen - da bewegt sich etwas aus eigenem Antrieb. Da ist es dem Menschen doch tatsächlich gelungen, es in einem Punkt der Natur gleich zu tun und, was die Geschwindigkeit anbelangt, sie sogar zu überflügeln. Stolz erzählte er uns, dass sein Vater eines der ersten Automobile in Bozen besessen hat, jenem Ort, in dessen Nähe er seine Kindheit verbrachte. Einerseits waren da beklemmende Zwänge von Sittenstrenge und Etikette, andererseits war es eine glanzvolle Welt - jenes Hotel am Mendelpass, das der Familie gehörte.

Die Wirren des ersten Weltkriegs setzten die Signale für eine neue Zukunft. Für ihn begann nun ein finsteres Kapitel strenger Erziehung als Zögling im Kloster Schäftlarn. Sein logisch geschulter Geist akzeptierte nicht die Widersprüche jener Glaubenswelt. Trotz harter Strafen vertrat er seine eigene Meinung, was auch seine Lehrer beeindruckt hat. Noch nach Jahrzehnten erinnerte sich der damalige Präfekt und spätere Abt Sigisbert an ihn. Als ich ihm vorgestellt wurde, meinte er: "Ihren Vater habe ich ja auch einmal unter meinen Fittichen gehabt. Ich hoffe er hat mir das nicht übel genommen."

Aber alles geht vorüber und so ging auch jene Zeit im Kloster vorbei. Seine Welt war die Welt der Technik. Im Polytechnikum in Midweida studierte er Maschinenbau. Eine Zeit, in der er mit sehr wenig Geld auskommen musste. Eine Glanzleistung war seine Abschlussprüfung. Er hatte vorher noch ein Nickerchen gemacht und war etwas verspätet zur Prüfung erschienen. Die Abwicklung eines Hosenrohrs war zu zeichnen. Für ihn kein Problem. Er rechnete blitzschnell und im Zeichnen hatte er künstlerische Fähigkeiten. Noch vor allen anderen lieferte er eine fehlerlose Prüfungsarbeit ab.

Es folgte eine Voluntärzeit bei der Werft Rambeck am Starnberger See. In dieser Zeit lernte er auch jene kühnen Männer in ihren fliegenden Kisten kennen. U.a. auch den berühmten Piloten Udet, der ihm einmal die Welt aus der Vogelperspektive zeigte.

Aber das Leben bietet nicht nur Höhenflüge. In der Zeit vor 1933 musste auch er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchs Leben schlagen. Aber das Karussell des Lebens dreht sich weiter. Er hatte ja einen der Leitsätze seiner Großmutter übernommen, die ihm einmal gesagt hatte: Emil, man kann in jedem Beruf gutes Geld verdienen. Es gibt Persönlichkeiten, die es mit den ausgefallensten Tätigkeiten zu etwas gebracht haben. Aber man muss sich voll dafür engagieren können. Man muss selbst dahinter stehen, dann hat man auch Erfolg. Und dieses Motto, sinngemäß zitiert, führte ihn zum Erfolg.

Er konstruierte alles, vom Automotor bis zur Feldhaubitze, einem Gerät zur Herstellung von Uhrfedern bis zu verschiedenen Messgeräten. Mit seinem erfinderischen Geist meisterte er die Probleme, die das Leben nun mal stellt. Er bekam in verschiedenen Firmen verantwortungsvolle Positionen. Er kam zu einem bescheidenen Wohlstand. Es war eine bewegte Zeit. Als geschickter Verhandlungspartner konnte er immer wieder seine Ziele verwirklichen. Seine Dienstreisen führten ihn kreuz und quer durch ganz Deutschland.

Verantwortung übernahm er jetzt auch im privaten Bereich für seine Familie. Andere zu selbständigen Menschen zu erziehen, war nun auch eines seiner Ziele. Das eigene Wissen weitergeben, damit die Ideen, für die man sich eingesetzt hat, weiterleben, war ein anderes Ziel. Das Material für ein Buch für Konstruktionskniffe hatte er schon gesammelt. Aber die Bomben des zweiten Weltkriegs ließen so manche seiner Pläne wie Seifenblasen zerplatzen.

Aber auf Blitz und Donner und so manche Hungersnot folgt Sonnenschein. In Jugoslawien fand er eine neue Existenz als Genosse Direktor einer Kugellagerfabrik in Rakowitza bei Belgrad. Wir wohnten damals im Stadtteil Koschutniak von Belgrad. Doch, obwohl er die Sprache perfekt beherrschte und trotz guter persönlicher Kontakte und herzlicher verwandtschaftlicher Beziehungen, sah er hier für sich und seine Familie keine reellen Zukunftschancen, und so kehrte er in sein Elternhaus zurück. Aber auch hier lief nicht alles wie geplant und so hatte er eine Durststrecke zu überwinden.

Erst Mitte der fünfziger Jahre hatte er wieder Tritt gefasst. Der Traum vom eigenen Heim erfüllte sich. Eine Erfindung zur Kältetechnik ließ ihn beruflich trotz seines fortgeschrittenen Alters aufsteigen. Er war wieder viel auf Dienstreisen, häufig in der Schweiz, in Heidenheim, in Karlsruhe, in Berlin und einmal sogar in Frankreich.

Aber die Lebensmelodie klingt mal in Dur und mal in Moll. Ein Schicksalsschlag, der Tod meiner Mutter,  war noch zu ertragen, bis das Leben endlich in ruhigeren Bahnen verlief. Er fand ein Jahr nach dem Tod seiner Frau eine neue Lebensgefährtin, die ihn die letzten Jahre seines Berufslebens begleitete und auch darüber hinaus. Ren-tier nannte er sich nun und frönte seiner Leidenschaft - einer neuen Erfindung zur Kältetechnik. Aber die letzten Werke großer Meister bleiben unvollendet. Die Natur setzt hier den Schlussakkord. Und so löst sich alles in Wohlgefallen auf. Was bleibt ist die Erinnerung.

Dietrich Spreter von Kreudenstein


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