| Abschied von einem
Kinde
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Vor wenigen Wochen erst, Ihr Lieben, Mutter und Vater dieses Kindes, konnten wir bei Euch zu Hause Eurem Jüngstgeborenen die Kerze anzünden und ihn auf seinem eben begonnenen Lebensweg begrüßen. Nun stehen wir heute zusammen an diesem Schrein aus hellem Holz, in dem sein ältestes Schwesterchen, Eure Erstgeborene, ruht, jäh aus fröhlichem Leben gerissen. Wir können noch gar nicht fassen, was geschehen ist, und müssen es doch hinnehmen, Ihr, Mutter und Vater, Ihr, die beiden kleinen Schwestern, die Fürsorge und Liebe der älteren nun vermissen, und wir alle, die kleinen und die großen Verwandten und Freunde, die wir nie mehr dies zarte und zärtliche Kind erleben werden. Aber - ist es denn so? Die lebendige Erinnerung an die strahlende Freudigkeit und Liebe dieses kaum sechsjährigen Mädchens erlischt ja nicht. Immer doch wird es zu den wunderbaren Geschenken gehören, die unser Leben empfing, dies Kind gekannt, erlebt zu haben. Unwandelbar bleibt dies. Während die Lebensentwicklung Kinder verändert, sie heranwachsen zu Jugendlichen, dann zu "Großen" werden, in denen manchmal die Eltern ihr eigenes Kind kaum noch erkennen, bleibt dieses Töchterchens Gestalt und Wesen unverändert dem inneren Blick und erfühlbar dem Fühlen, unverlierbar unserer Liebe, der Mutterliebe zumeist, die dem entschlafenen Kinde zuspricht: Ich habe dich geboren und liebe Dich. Im Tode unverloren bleibst Du für mich. Muß ich mich gleich versenken in meinen Harm, so wiegt Dich mein Gedenken wie einst mein Arm. Bist Du auch meinen Blicken entschwunden ganz, Du bleibst mir unverwandelt in tiefer'm Glanz, so daß ein Licht ich sehe in meiner Dunkelheit und einen Sinn verstehe in meinem Leid. Im Tode unverloren bleibst Du für mich. Ich habe Dich geboren und liebe Dich Aus solch bleibender Liebe heraus konnte schon die Mutter sagen, als wir zusammen bei der still ruhenden kleinen Gestalt standen: "Man sollte nicht klagen, man sollte dankbar sein, daß man ein solches Kind sechs Jahre lang haben durfte." So ist sein Fortgehen auch, als bliebe ein Fenster offen, durch das der Blick auf ein Bleibendes, Unvergängliches hinausgeht. Ein tiefster Schmerz ist erlitten, und im Blick auf das Bleibende erwächst die Kraft, noch mehr Güte walten zu lassen und noch größere Liebe zu schenken - weil Leben so kurz sein kann. So kurz -, und kann doch in einem sechsjährigen Kinde schon eine Reife erreichen, für die sich das Wort: in sich vollendet einstellt. Dies Mädchenkind war erschlossen allem Schönen, den Blumen, den Tieren, den Liedern, es war fürsorglich allem Schwächeren zugewandt und hilfsbereit auch, wenn Erwachsene Hilfe bei allerlei Verrichtungen brauchten. Es war auch traurig mit den Traurigen: mit der Katze, der man die Jungen genommen, mit dem Hund, der die Pfote sich verletzt hatte, und sie suchte Kleinere zu trösten, wenn sie weinten. Wir wissen, daß sie selbst auch manchen Schmerz und Kummer empfunden hat, diese Ereignisse, die die innere Welt mehr und mehr ausbilden. Und oft stand in den klaren Augen sinnendes Fragen oder entzücktes Staunen, Erlebnisse spiegelnd, für die ein Kind keine Worte hat und die von Anfang zu den Tiefenerfahrungen des Menschen gehören. Es fehlte nichts in diesem sechsjährigen Leben - in sich vollendet war es. Und sagen wir, daß jedes reife Leben, das erlischt, eine Leuchtspur der Liebe hinterläßt, so nicht anders dies kindjunge Leben. Sie glänzt auf im Gedenken, in der Sehnsucht, aber auch in dem Wissen, daß niemand und nichts das Schöne und Heile dieses Kindes mehr verletzen kann; entzogen bleibt es aller Beschwernis, die weiter wachsendes Leben erfahren muß. Der Tod traf es so jäh wie der Schnitt der Sense die strahlenden Blumen -wir aber dürfen seine ernste Stimme mit den Worten des Dichters in den Klängen des Liedes hören.. . "Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen " Margrete Dierks |