Begräbnis

Ein Mensch, der, wie gelebt zu haben,

Man wünscht, gelebt hat, wird begraben.

Und zwar bei zwanzig Grad, im Jänner:

Der Frost steigt in die Knie der Männer.

Der Pfarrer sagt, ein schlichter Greis,

Was er seit gestern flüchtig weiß.

Die Männer wissens lange schon

Auch stehts in jedem Lexikon.

Ein alter Freund, ein beinah blinder,

Liest mühsam ab aus dem Zylinder

Samt den Verdiensten, den erworbnen,

Die nähern Daten des Verstorbnen.

Die Liebe höret nimmer auf:

Ein dritter gibt den Lebenslauf.

Ein völlig unbekannter Mann

Spricht lang, obwohl er es nicht kann.

Ihm folgt ein weitrer Wortewürger

Aus Tupfing, für den Ehrenbürger.

Ein Dichter, ohne Gnade, spricht

Ein lang nicht endendes Gedicht.

Noch länger spricht ein Mann, der klagt,

Vorredner hättens schon gesagt.

Und viele stehn noch da mit Kränzen,

Bereit, rhetorisch hier zu glänzen.

Sein Leben lang geliebt, wird fast

Der Mensch im Grabe jetzt gehaßt.

Eugen Roth


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